Stadt, Land, Vorurteil

— Von , , , , , , und
In vielen Staaten des Westens wächst ein Graben zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Auch in Deutschland? Wir haben die größten Bevölkerungsumfragen für Sie ausgewertet.

Read the English version of this article here

Seit Donald Trumps Wahlsieg fragen sich viele, ob auch unsere Gesellschaft von unsichtbaren Gräben durchzogen ist. Ob sich auch in unserem Land Erfolgreiche und Abgehängte zunehmend feindselig gegenüberstehen. 

Diese Frage betrifft auch den Gegensatz zwischen Stadt und Land. Viele Städte und ihr Umland sind zu begehrten Lebensräumen geworden, während manche ländliche Regionen buchstäblich den Anschluss verloren haben. Breitbandanschluss oder auch nur intakte Straßen und Brücken rechnen sich in manchen Gebieten kaum noch. Führen diese Unterschiede auch zu einer mentalen Entkoppelung?

Weitere Informationen über das Projekt #D17

Kann auch bei uns eine Situation wie in den USA entstehen, wo manche abfällig von flyover states sprechen, wenn sie den ländlichen Raum meinen? Wo andersherum manchem die Städte als Moloch ohne Moral und Gesetz erscheinen? Um diese Frage zu beantworten, haben wir Daten aus zwei der größten und umfassendsten Bevölkerungsumfragen ausgewertet. 

Längst nicht alle Großstädte prosperieren, ebenso wenig, wie alle ländlichen Räume abgehängt sind. Und siehe oben: Die meisten Deutschen leben nicht in einer Metropole oder auf einem Dorf, sondern in Klein- oder Mittelstädten. Behalten wir das im Hinterkopf, während wir uns nun einige populäre Vorurteile über Städter und Nicht-Städter anschauen. Manche stimmen, andere nicht.

Wie ist es zum Beispiel hiermit: Es gibt mehr soziale Nähe, man trifft sich häufiger – so lautet eine der populärsten Vorstellungen vom Leben auf dem Land. Was glauben Sie? Stimmt das?

Wenn es falsch ist, dass Menschen auf dem Land sich häufiger mit Freunden treffen, stimmt dann vielleicht auch ein weiteres Vorurteil nicht? Dass nämlich die Religion auf dem Land viel mehr praktiziert wird?

Und wie ist es mit der Vorstellung, dass viele Menschen in den Großstädten weltläufiger sind und schon längere Zeit im Ausland verbracht haben?

Kirchgang, Auslandserfahrung, Freizeitgewohnheiten – interessant, diese Unterschiede zu sehen, doch so etwas führt nicht zu einem tiefen gesellschaftlichen Graben. Wer vor einem Auseinanderklaffen von Stadt und Land warnt, der meint meist etwas anderes. Der glaubt, dass in den Großstädten ganz andere gesellschaftliche Ideale herrschen als auf dem Land: kosmopolitischer, linker. Ist das so?

Bremerhaven © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Die Gleichstellung von Mann und Frau wäre so ein Thema, an dem man den Unterschied sehen müsste. Doch fragt man die Menschen, ob sie es für richtig halten, dass eine Mutter berufstätig ist, dann zeigt sich seit Jahrzehnten relative Einigkeit zwischen Dörfern und Metropolen.

Aber wie sieht es in der Praxis aus? Etwas anders. Überall in Deutschland sind mehr Männer als Frauen in Vollzeit berufstätig, auf dem Land sind unter den Vollzeitbeschäftigten prozentual noch mehr Männer als in der Stadt. 

Fragt man nun, wer mehr Zeit mit den Kindern verbringt, zeigt sich: Egal ob in der Stadt oder auf dem Land, überall übernehmen die Frauen den Löwenanteil der Betreuungsarbeit. Auch in der Stadt. Frauen in den Städten sind zwar etwas häufiger berufstätig, dennoch leisten sie im Durchschnitt fast drei Viertel der Arbeit mit den Kindern.  

Das zweite große Thema, das in der Vorstellung der meisten die Städte von den ländlichen Räumen trennt, ist der Umgang mit Islam, Integration und Zuwanderung. Je ländlicher, so denken viele, desto intoleranter. Oder anders formuliert: Je größer die Stadt, desto weniger Sorgen um Integration. 

Tönisvorst (Nordrhein-Westfalen) © Carolin Weinkopf für ZEIT ONLINE

Spielen wir wieder unser Vorurteilsquiz. Je kleiner die Gemeinde, desto weniger Nichtdeutsche kennen die Menschen persönlich. Stimmt das?

Von vielen Städten dagegen gibt es die Vorstellung, dort seien auch durch Zuwanderung Gegenden entstanden, die als No-Go-Areas gelten. Orte, durch die man sich nachts nicht recht traut. Gibt es in den Städten tatsächlich mehr solche Gegenden als auf dem Land?   

Wie offen Menschen gegenüber Deutschen mit Migrationshintergrund eingestellt sind, zeigt sich auch daran, wie viel Teilhabe sie ihnen zubilligen – auch bei politischen Ämtern. Wie einverstanden wären Menschen in Stadt und Land mit einem muslimischen Bürgermeister? 

Noch unmittelbarer zeigt sich diese Offenheit in der eigenen Familie. Wenn es etwa darum geht, Ausländer in der Familie zu haben, sind Dorfbewohner skeptischer als Städter – heißt es zumindest. Stimmt das?

Die letzten Fragen legen nahe, dass an dem Klischee etwas dran ist: Dass Stadtbewohner toleranter sind, und dem Islam und Ausländern gegenüber generell aufgeschlossener. Doch ganz so eindeutig ist es nicht. Denn es kommt auch darauf an, wie sich die Einstellungen entwickeln. 

In der Frage eines muslimischen Bürgermeisters scheint sich die These von den schärferen Gegensätzen zwischen Stadt und Land zu bestätigen. Während im Jahr 2012 kaum Unterschiede in der Zustimmung zu messen waren, traten bei der Befragung im Jahr 2016 – also nach der Flüchtlingskrise – deutliche Kontraste hervor. 

In Städten, auch in Kleinstädten, stieg die Bereitschaft, einen muslimischen Bürgermeister zu akzeptieren. Dagegen sank sie in Gemeinden unter 5000 Einwohnern deutlich. Was den Islam angeht, könnte in jüngster Zeit eine Polarisierung auch zwischen städtischen und ländlichen Räumen stattgefunden haben. 

Etwas anders sieht es bei der Frage nach dem Türken in der Familie aus. Hier haben sich die Haltungen in die gleiche Richtung entwickelt. Ja, es gibt einen Unterschied zwischen Stadt und Land. Und gleichzeitig bewegen sich die Ansichten seit Jahrzehnten in eine ganz ähnliche Richtung – wachsende Akzeptanz zwischen 1996 und 2006, doch zu irgendeinem Zeitpunkt sank die Begeisterung für einen Türken in der Familie wieder. Unabhängig von der Gemeindegröße.

Überraschend nahe sind sich Stadt und Land auch, wenn es um die Angst vor der sogenannten Überfremdung geht. Immerhin 27 beziehungsweise 34 Prozent sagen, dass sie sich manchmal fremd im eigenen Land fühlen.

Lassen diese Daten ein Fazit zu? Vielleicht dieses: Die Ansichten in den Städten sind nicht durchweg so linksliberal, wie es manche erwarten würden, ebenso wenig ist der ländliche Raum ein Refugium der fünfziger Jahre. Manche Einstellungswandel der vergangenen Jahre teilen Stadt und Land. Es gibt wachsende Spaltungen in Deutschland, aber vermutlich eher zwischen Regionen, Religionen, Alters- und Einkommensgruppen, als zwischen Großstädtern, Kleinstädtern und Dörflern. Ein Thema für Populisten ist der Gegensatz zwischen Stadt und Land nicht. Noch nicht. 

Saarwellingen (Saarland) © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Kommen wir zum Schluss auf die vieles entscheidende Frage: Wer ist eigentlich zufriedener mit seinem Leben? Steigt die Lebenszufriedenheit, wenn die Optionen zunehmen, das Tempo höher ist und die Menschen näher sind? Oder wächst sie proportional zur Ruhe und Überschaubarkeit, die nichtgroßstädtische Orte bieten? Die Antwort ist erstaunlich. 

Die Menschen in Deutschland bezeichnen sich also etwa gleich häufig als zufrieden – egal ob sie in Dörfern, Klein-, Mittel- oder Großstädten leben. Erstaunlich, wo man doch weiß, dass Menschen auf dem Land viel besser schlafen als jene in der Stadt. Oder ist das auch bloß ein Vorurteil?

Methodik und Quellen

Es gibt verschiedene Modelle, um ländliche von städtisch geprägten Gemeinden zu unterscheiden. Dabei werden häufig auch die Nähe zu wirtschaftlichen Regionen und Pendlerverflechtungen miteinbezogen. Da es uns hier aber stark um die Lebenssituation vor Ort und die sozialen Verflechtungen am Wohnort ging, haben wir uns ausschließlich auf die Einwohnerzahl der einzelnen Gemeinden konzentriert. Hier haben wir Kategorien gebildet, die unterschiedliche Gemeindetypen unserer Meinung nach am besten abbilden. Dabei stehen die Orte mit bis zu 5.000 Einwohnern für den am stärksten ländlich ausgeprägten Raum.

Um zu verstehen, wie Menschen denken und handeln, haben wir Umfragedaten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), erhoben vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS), erhoben von GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, ausgewertet. Beide fragen seit Jahrzehnten und regelmäßig nach Einstellungen innerhalb der Bevölkerung. Wir haben die Wissenschaftler beider Institute gebeten, ihre repräsentativen Daten anhand der oben beschriebenen Einwohnerkategorien auszuwerten und uns dabei einige Auffälligkeiten zwischen Stadt und Land zu benennen.

Unsere Quellen:
Verzeichnis aller politisch selbständigen Gemeinden (mit Gemeindeverband) in Deutschland, destatis, Stand März 2015
ALLBUS 1992–2016
Sozio-ökonomisches Panel 2015