© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

Angekommen

— Von
Die Raslans aus Syrien sind seit zwei Jahren in Deutschland. Die Kinder sind in Sicherheit, Berlin ist ihr Zuhause geworden. Doch der Alltag der Familie ist schwer.

1 — Über die Balkanroute nach Berlin

Seit 2016 hat sich im Leben der Raslans vieles verändert, der vielfach preisgekrönte Fotograf und Autor Ashley Gilbertson trifft sie regelmäßig und dokumentiert ihre Fortschritte und Rückschläge.

Im vergangenen Jahr begann er, die Geschichte der Familie Raslan aus Syrien zu erzählen. Er war ihr auf der Balkanroute begegnet. Im Auftrag von Unicef beobachtet er seit 2015 den Integrationsprozess verschiedener Flüchtlingsfamilien in Deutschland und Österreich. Er begleitete Amira und Khaled, die Zwillinge Jannat und Amr und den kleinen Karam in Serbien, besuchte sie kurz nach der Ankunft in Berlin und ein halbes Jahr später noch einmal.

Hier sind zwei neue Kapitel über das schwierige Ankommen in Deutschland.

2 — Berlin, September 2016

"Die Stimmung ist anders geworden", sagt Amira. Sie schmiegt sich eng an ihren Mann Khaled, der sie voll Mitgefühl ansieht. "Früher waren wir neu hier, die Menschen haben uns willkommen geheißen und waren aufgeschlossen. Jetzt nicht mehr."

Für die Feier sind zwei Tische zusammengerückt und mit Rosenblüten bestreut worden, Blüten an der Wand formen die Buchstaben K und A, von der nackten Glühbirne hängen Luftballons. Vielleicht ein Dutzend Gäste sind gekommen, auch Amiras Eltern und einige ihrer Geschwister. Es gibt nicht genügend Sitzplätze, deshalb teilen sich zwei Brüder einen Stuhl und die Kinder sitzen auf dem Schoß der Eltern.

Amiras Eltern und Geschwister sind ein Jahr länger in Berlin als sie und Khaled. Ihr Vater, Anwar Raslan, in Syrien einst General in Präsident Baschar al-Assads Armee, setzte sich schon in einer frühen Phase des Kriegs ab und bekam in Deutschland Asyl, noch vor der großen Flüchtlingsbewegung 2015.

Heute feiern Amira und Khaled ihren zehnten Hochzeitstag. Aus einem kleinen Lautsprecher an einem Smartphone spielt syrische Musik, es wird gesungen und getanzt, auf dem Tisch stehen arabische und deutsche Speisen.

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

Vor ein paar Monaten ist der Familie eine Wohnung in einem Übergangswohnheim in Marienfelde zugewiesen worden. Der Gebäudekomplex im Süden Berlins ist seit seiner Eröffnung 1953 – damals für DDR-Flüchtlinge – in Benutzung. Die Raslans haben jetzt eine Küche und ein eigenes Bad, eines der größten Probleme ist damit gelöst: In der alten Unterkunft durfte nicht gekocht werden.

Nach dem Abendessen werden Geschenke überreicht und das Paar hält eine Dankesrede. Khaled zieht seine Frau an sich und küsst sie sanft auf den Kopf. An diesem Abend hält sich die gute Laune, auch wenn es manch schmerzhafte Erinnerung gibt, weil die Familie einem mörderischen Krieg entkommen ist.

"Das Eheleben hat mich sehr verändert, das ist ja ganz normal", sagt Amira. "Aber am meisten verändert hat uns der Krieg. Meine Augen sind immer traurig – das sagen mir alle. Früher war mein Gesicht weiß, aber seit den Kämpfen ist meine Haut gelblich geworden."

Es werden Geschichten erzählt von Syrien vor dem Krieg. Amiras ältester Bruder singt und ihr Vater Anwar versucht immer wieder, seine Kinder und Enkel zum Lachen zu bringen.

Ein Gast erzählt eine Geschichte, in der ein Esel vorkommt, für den er den arabischen Slang-Ausdruck dschahesch verwendet – ein wilder Esel also. Die Geschichte ist an sich schon ganz lustig, es gibt einige Lacher. Amiras Vater Anwar wartet auf eine Pause, bevor er erklärt: Bei formellen Gelegenheiten oder während wichtiger Regierungstreffen wäre wohl ein anderes Wort, nämlich das für einen folgsamen, zahmen Esel angemessen. "In diesem Fall", sagt er trocken lächelnd, "würde man natürlich das Wort hmar verwenden." Der ganze Tisch bricht in Gelächter aus.

Aber immer wieder kehrt das Gespräch zurück zum Hauptproblem, das jeden Teil des heutigen Lebens der Raslans zu durchziehen scheint: Rassismus.

"Wir verstehen nicht, warum so viele Leute rausgehen und gegen Flüchtlinge demonstrieren", sagt Amira. "Das macht uns sehr traurig. Wir haben kein Problem mit diesen Menschen. Warum hassen die mich?"

"Die politische Lage hat sich geändert", meint Khaled.

"Wir wollen ein anderes Leben haben, wir wollen mehr wie die Menschen in Deutschland sein." Amira nickt beim Sprechen, den Kopf leicht gesenkt. "Jeden Tag sehen wir in den Nachrichten Probleme überall auf der Welt. Aber wir machen keine Probleme. Wir gehen einkaufen, besuchen unsere Freunde, und wir versuchen, diese Leute zu ignorieren."

Im vergangenen Jahr hatte die Familie vor allem zu kämpfen, um eine Wohnung zu bekommen und für alle genug Essen auf den Tisch zu bringen. Heute geht es darum, Teil der Gesellschaft zu werden.

"Die Deutschen wollen nur unsere Kinder, ausländische Kinder", sagt Amira leise, "weil sie selbst so alt sind und es nicht genug junge Leute gibt."

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

Das Abendessen geht zu Ende und Amiras Familie macht sich eilig auf den Weg, um die letzte Bahn zu ihrer Flüchtlingsunterkunft am anderen Ende von Berlin zu erwischen. Die Kinder Amr, Jannat und Karam versammeln sich um ein Tablet und schauen einen Film. Sie sind müde, aber zufrieden.

Während er den Tisch abräumt, schaut Khaled hinüber zu seinen Kindern, deren lächelnde Gesichter vom Bildschirm erhellt werden.

"In Syrien könnte ein Scharfschütze das Licht sehen und meine Kinder erschießen", sagt er leise. "Ich bin froh, dass sie das hier machen können."

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

Das Paar macht gemeinsam den Abwasch, danach fegen sie die Rosenblüten zusammen und machen aus dem Esszimmer wieder ein Schlafzimmer. Es ist spät, sie bringen die Kinder ins Bett.

Gebete werden gesprochen, Gutenachtlieder gesungen, und als das Licht aus ist, geht Amira leise in ihr eigenes Zimmer. Sie setzt sich an einen kleinen Schreibtisch am Ende des Bettes und schlägt ein großes Notizbuch auf. Sie blättert durch Dutzende Seiten, eng mit arabischer Schrift gefüllt, nimmt einen Kugelschreiber und beginnt zu schreiben.

Seit sie umgezogen sind, verbringt Amira einen Großteil ihrer Zeit damit, die Kinder zur Schule und zurück zu bringen, die mehr als eine Stunde entfernt in einem anderen Stadtteil von Berlin liegt. Dann kocht sie für die Familie und erledigt die Einkäufe. Khaled ist die meisten Tage bei seinem Deutschkurs, die sonstigen häuslichen Aufgaben teilt sich das Paar.

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

Aber die Nacht ist Amiras Zeit.

Jeden Abend arbeitet sie an einem Roman, von dem sie hofft, dass die Menschen ihn lesen wollen. Sie hat noch keinen Deutschkurs angefangen – sie findet keinen Termin, der sich mit der Betreuung der Kinder verbinden lässt –, also hat sie noch Zeit, zu schreiben. Es klopft an der Tür, Khaled kommt herein, er sucht einen Schlauch für seine Shisha. Amira scheucht ihn aus dem Zimmer.

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

"Es geht um ein Mädchen, das die Zukunft vorhersagen kann", sagt sie und schaut auf das Geschriebene, "eine Geschichte, die östliche und westliche Denkweisen zusammenführt – genau das, was auch wir hier in Deutschland vorhaben. Es geht dabei nicht um Kleidung oder Alkohol, sondern darum, im Kopf und im Herzen zu verschmelzen."

Diese Verschmelzung – manche würden es Integration nennen – fällt Kindern oft wesentlich leichter: Die Schule ist der schnellste Weg, die neue Sprache und kulturelle Normen zu erlernen. Amr und Jannat hilft der Schulbesuch, in die neue Gesellschaft hineinzuwachsen.

Aber auch die Kinder stehen vor Herausforderungen. Nicht jedem Kind fällt die Anpassung gleich leicht – und Amr hat es schwer. Die Familie gewöhnt sich ein, Routinen entwickeln sich, aber Amr zeigt Anzeichen einer posttraumatischen Belastung. Jede Nacht hat er Albträume und wacht gewöhnlich davon auf, dass er das Bett einnässt. Er geht nicht gern zum Spielen aus dem Haus, hat unvorhersehbare Stimmungsschwankungen und wird den ganzen Tag über immer wieder von Erinnerungen an Syrien überfallen. Dann zieht er sich in ein Zimmer zurück, in dem er alleine sein kann.

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

Eines Morgens setzt sich Amr an den Frühstückstisch und urplötzlich wirft ihn irgendetwas aus der Bahn – unmöglich zu sagen, was der Auslöser ist. Er steht auf und geht in die Küche, versteckt sich hinter einem Vorhang und beginnt zu schluchzen. Amira folgt ihm leise, hält ganz kurz inne, dann beugt sie sich hinunter und schlüpft geschmeidig zu ihm hinter den Vorhang. Sanft legt sie ihrem Sohn die Hand unters Kinn, hebt sein Gesicht zu ihrem, küsst sachte seine Stirn und flüstert ihm beschwichtigende Worte ins Ohr.

Drüben am Tisch sitzt Khaled, sichtlich bekümmert. Er möchte helfen, sagt er, aber er weiß nicht wie.

"Eines Tages wurde ich von der Freien Syrischen Armee entführt und am folgenden Tag an die Al-Nusra-Front übergeben", erzählt er. "Amiras Vater war Offizier in der Assad-Armee gewesen und desertiert – sie wollten jede mögliche Information über Assad bekommen, also bedrohten sie mich und meine Familie. Solange ich weg war, weinte Amr unentwegt", sagt Khaled. "Er hat nicht geschlafen oder gegessen. Ich glaube, damals hat er sich verändert."

Während unseres Gesprächs kommt Karam, der Jüngste, auf allen vieren herein und miaut wie eine Katze.

"Zu Hause in Syrien mussten sie immer krabbeln", sagt Khaled. "Im Haus waren 13 oder 14 Einschusslöcher, draußen noch mal hundert. Manchmal haben sie in der Küche geschlafen, weil es da keine Fenster gab."

Später erzählt Amira: "Amr spricht die ganze Zeit von Syrien und er ist so traurig. Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll, aber ich höre immer zu. Er soll es nicht in seinem Herz oder Kopf verschließen müssen. Hier gehen wir in die Schule, wir gehen einkaufen und manchmal ins Restaurant, aber seine Stimmung bessert sich nicht."

© Ashley Gilbertson/VII für UNICEF

Die Lieblingsrestaurants und -läden der Raslans liegen in der Sonnenallee in Neukölln, die unter den Flüchtlingen als Arabische Straße bekannt ist. Auch heute gehen sie dorthin. Es ist eine lebhafte, dynamische Gegend, traditionell von Migranten bewohnt, die in letzter Zeit durch den Zuzug junger Deutscher gentrifiziert wird. Zwischen ägyptischer Shisha und syrischem Falafel finden sich dort heute Edel-Coffeeshops, wo der Espresso drei Euro kostet, und Bars, die angemessen verlottert hergerichtet sind.

"Hier höre ich Leute Arabisch sprechen", sagt Amira, "und ich sehe meine Freunde auf der Straße, Leute aus der alten Unterkunft in der Sporthalle, aber auch Leute aus Homs. Das liebe ich, allein dafür lohnt es sich schon, herzukommen."

Die ganze Familie sitzt vor dem syrischen Restaurant Aldimashqi, eingezwängt zwischen deutschen Hipstern und anderen Geflüchteten. Khaled füttert seine Frau ausgelassen mit einem Stückchen Schawarma. Sie lacht und Karam schreit ihn an.

"Fass sie nicht an!", ruft er, breit lächelnd. "Das ist meine Mutter, die gehört nur mir! Weißt du das immer noch nicht?"

Nach dem Essen drehen die Raslans noch eine Runde und stöbern in den Supermärkten nach ihren Lieblingsgewürzen wie Zatar und Aleppo-Pfeffer. Am Ende der Straße steigen sie hinab zur U-Bahn-Haltestelle Hermannplatz und fahren nach Hause. In der Bahn schaut Khaled zu mir und zieht eine ärgerliche, strenge Grimasse.

© Ashley Gilbertson/VII für UNICEF

"Jeden Tag, speziell in der U-Bahn, schauen uns Leute so an", sagt er. "Mit so einem Blick, wie sagt man dazu?"

"Missbilligend", sage ich.

"Genau, missbilligend", sagt Amira. "Die Leute schauen uns missbilligend an. Sie sagen mir, ich solle nach Hause gehen. Nicht mit Worten, aber mit ihren Blicken sagen sie das. Die Leute hier behaupten von sich, sie seien aufgeschlossen und offenherzig, aber ich erlebe es nicht so. Es gibt so viel Rassismus in Deutschland."

Amira ist umringt von ihren Kindern, in Kurven und an Stationen stolpern sie gegeneinander.

"Wir müssen diesen Leuten mit einem Lächeln antworten", sagt sie, "vielleicht können wir damit ihre Blicke ändern. Wir lächeln immer und bringen das auch unseren Kindern und Enkelkindern bei. Wer weiß, wie viele Jahre es dauern wird."

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3 — Berlin, September 2017

Khaled Raslan ist jetzt 34, er ist müde. Unter seinen Augen liegen tiefe dunkle Ringe, die Schultern sind gekrümmt. Ein krasser Gegensatz zu der starken, stolzen Fassade, die er normalerweise zeigt.

Er steht in einem Supermarkt im Norden Berlins und beobachtet eine junge Frau, die an der Kasse bezahlt, ihre Einkäufe nimmt und gehen will. Ein Alarm schrillt, sie erstarrt. Khaled, langer Bart, das schwarze Haar zurückfrisiert, in einem schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift SECURITY, geht auf sie zu.

"Entschuldigen Sie bitte, wir müssen ihre Tüten überprüfen", sagt er.

Die Frau schaut verärgert – die Kontrolle ist ihr lästig und vielleicht auch ein bisschen peinlich. Sie zeigt Khaled den Inhalt ihrer Tüten und darf gehen. Er bezieht wieder seinen Posten vor den Kassengängen und schaut stur geradeaus. Gelegentlich geht er auf und ab, erwidert einen Gruß, hat im Blick, wer sich am Eingang herumtreibt. Einem Fremden würden seine Augen wenig verraten, aber wer ihn kennt, kann deutlich erkennen: Er ist hundemüde.

© Ashley Gilbertson/VII für UNICEF

Khaled und seiner Familie wurde subsidiärer Schutz bis 2021 gewährt und vor sechs Monaten hat er sein Deutsch-B1-Zertifikat erhalten – damit darf er in Deutschland arbeiten. Sein Traum ist es, Physiotherapeut zu werden.

Er kennt sich gut damit aus. In Syrien und im Libanon hatte er jahrelang einen Patienten: seinen jüngsten Sohn Karam.

"Karam war anders als andere Kinder", sagt Khaled. "Er wurde mit einer Einschränkung geboren: Er konnte nicht gehen, seine Füße zeigten nach innen. Zweimal wurde er operiert, aber wir hatten nicht genug Geld für eine dauerhafte ärztliche Behandlung, also habe ich die Techniken gelernt und sie dreieinhalb Jahre lang angewandt, Massagen und Physiotherapie, bis er gehen konnte."

Khaled zieht sein Telefon hervor und öffnet Instagram. Er blättert zurück zum allerersten Eintrag und zeigt mir ein Foto von Karam, der in die Kamera winkt und strahlt.

"Viele Fotos erzählen Geschichten aus unserem Leben, aber dieses hier birgt viele Geheimnisse, die niemand erraten würde", sagt Khaled. "Auf diesem Bild war er so glücklich, es war ein lebensverändernder Augenblick: als er endlich gehen konnte, und dann rennen. So ging das …"

Er steht auf und spielt die ersten Schritte seines Sohnes an jenem Tag nach. Langsam schleift er seine Füße über den Boden, starrt auf sie hinab, sein Mund vor Erstaunen weit geöffnet. Er bewegt sich schneller, beginnt zu lächeln und dann rennt er los und lacht.

"Er rief seiner Mutter zu: 'Schau mich an! Schau mich an! Ich bin ein Gott!'", erinnert sich Khaled. "Das ist die Vorgeschichte, und deshalb will ich Physiotherapeut werden."

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Die nötigen Qualifikationen hat Khaled, wie er sagt, aber die deutsche Regierung erkennt seinen syrischen Abschluss nicht an, deshalb muss er hier einen neuen machen. Er hatte auch eine Ausbildungsstelle in einer Physiotherapie-Praxis gefunden, aber erfuhr bald darauf, dass er vom Staat keine Unterstützung erhält in diesem privaten, spezialisierten Berufsfeld. Khaled konnte den Kurs nicht selbst bezahlen und zugleich seine Familie ernähren.

Stattdessen musste er sich nach einer anderen Beschäftigung umsehen und fand sie, wie ein großer Teil der Flüchtlinge in Deutschland, in der Security-Branche, einem teils zwielichtigen Gewerbe, das sich kaum an Regulierungen hält und wehrlose, manchmal verzweifelte Neuankömmlinge ausbeutet.

"Khaled arbeitet furchtbar gern. Er will nicht zu Hause rumhocken", erklärt seine Frau Amira, 26. "Ich sehe, wie es ihn entmutigt, so lange nach einer Arbeit zu suchen."

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Seit zwei Wochen ist er jetzt unbezahlt "auf Probe" angestellt und arbeitet mindestens 20 Stunden die Woche. Sein Chef hat vage angedeutet, nach sechs Wochen könnte er womöglich einen Vertrag bekommen. Er hat keinen Ausweis, der seine Zugehörigkeit zum Unternehmen bezeugt, und es gibt keinerlei Papiere, in denen seine Probezeit vertraglich festgehalten ist. Von außen betrachtet handelt es sich eindeutig um Ausbeutung.

"Ich habe meinen Traum aufgegeben", sagt Khaled. "Es ist wichtiger, dass die Familie versorgt wird – die Kinder stehen an oberster Stelle, sie sind wichtiger als mein Traum."

Khaled hält inne, er ist aufgewühlt. Er schaut geradeaus und seine Augen werden feucht.

"Es hat mich sehr mitgenommen, zu erfahren, dass ich die Ausbildung nicht fortsetzen kann", sagt er. "Ich habe einen Monat lang kein Deutsch gelernt und den Unterricht nicht besucht. Ich war so enttäuscht."

Als sie 2015 nach Berlin gekommen waren, hatten Khaled und Amira erzählt, wie sie einander in ihrer Ehe unterstützten: Hatte einer der beiden zu kämpfen, sprang der andere ein und übernahm die Rolle des stabilen emotionalen Mittelpunkts. In den vergangenen Monaten war es an Amira, die Familie auf diese Art zusammenzuhalten, obwohl sie es selbst nicht leicht hat.

© Ashley Gilbertson/VII für UNICEF

Vor einem Jahr war der Rassismus eine wesentliche Sorge der Familie und beinahe jede Unterhaltung drehte sich früher oder später um verschiedene Formen von Fremdenfeindlichkeit und Ängste, denen sie begegneten. Heute wirken sie viel selbstbewusster. Vor ihrer Flüchtlingsunterkunft kommt Amira an AfD-Wahlplakaten vorbei. "Burkas?", steht über dem Foto zweier Frauen in knapper Badekleidung. "Wir steh'n auf Bikinis." Es entlockt Amira nicht einmal ein Stirnrunzeln. Im Laufe der Zeit hat sie gelernt, so etwas an sich abprallen zu lassen.

Vor einigen Monaten war das noch anders. Amira bestieg einen Bus und wurde sofort vom Fahrer beschimpft. "Raus aus meinem Bus, du Ausländerin! Wir können nicht noch mehr Araber in Deutschland brauchen."

Sie verließ den Bus und fing auf offener Straße an zu weinen. Nach ein paar Minuten riss sie sich zusammen und ging zu Fuß zu ihrem Deutschkurs. Die Polizei rief sie nicht – sie wollte keine Probleme machen –, sondern setzte ihren Tagesablauf einfach fort.

Ein anderes Mal kam Amira nach Hause und vor der Flüchtlingsunterkunft standen Demonstranten, die sie als Nazis beschreibt.

"Wir brauchen hier keine Ausländer! Das ist unser Land!", riefen sie.

Amira ging hinein, wütend, setzte sich hin und schrieb: "Wenn mein Kopftuch das Problem ist, macht euch bitte keine Sorgen. Ich bin eine Muslimin und das ist meine freie Entscheidung. Ihr müsst meine Gedanken sehen; das Kopftuch verhüllt nur mein Haar, nicht meinen Verstand. Respekt zwischen den Menschen ist wichtig. Respekt für andere Meinungen, Religionen, Kulturen."

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Amiras Hingabe für das Schreiben ist nicht weniger geworden. Sie ist einer Gruppe namens Projekt Frau beigetreten, die Asylsuchende mit Künstler- und Designerkreisen zusammenbringt. Einmal die Woche schreibt sie dort mit dem Laptop ihre Geschichten und die ihrer Freunde auf.

Eines Abends kommt Amira mit zwei ihrer Freundinnen aus der Unterkunft in einen schönen Gewölberaum unterhalb der Bahnschienen entlang der Spree; sie setzen sich und beginnen zu arbeiten. Hanna Petruschat, eine 29-jährige Berlinerin, die den Workshop leitet, kommt dazu und hilft bei Zeichensetzung und Sprachfluss.

"Die Frau ist stark", tippt Amira, sie drückt jede einzelne Taste mit dem rechten Zeigefinger nieder, "wenn sie einen starken Willen hat."

Jetzt, wo die Kinder in der Schule sind, hat Amira endlich Zeit, einen Deutschkurs zu besuchen. Sie macht rasche Fortschritte, hat aber noch Schwierigkeiten, sich schriftlich auszudrücken. "Die Wörter sind so lang", sagt sie.

Ihre größte Sorge hat sie mit vielen Flüchtlingen gemein, denen ich begegnet bin: Die Mitschüler nehmen den Unterricht nicht so ernst, wie sie es gern hätte.

"Für die ist es eine Party", sagt Amira. "Sie bringen Orangensaft und Kuchen mit und geben sich nicht genug Mühe. Ich möchte schneller vorankommen, aber die Klasse ist langsam."

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Nach dem Workshop beschließen die Freundinnen, einen Frauenabend zu machen, und gehen zum Essen in die nahe gelegene Sonnenallee. Im Yasmin Alsham, einem syrischen Restaurant, erzählen sie sich lachend Geschichten von Männern, die sie im Bus oder auf der Straße nach ihren Telefonnummern fragen. Einmal, berichtet Amira, half ihr ein Mann, ihre hohen Absätze aus einem Kanalgitter zu befreien und bot ihr dann an, ihr ein neues Paar Schuhe zu kaufen.

Der Kellner kommt mit Schawarma und bedient die drei Frauen noch vor den Kindern und ihrem männlichen Begleiter.

"Oh, ein Gentleman!", necken sie ihn und halten sich kichernd die Hand vor den Mund.

"Bei Damen bin ich stets ein Gentleman", antwortet der Kellner zwinkernd.

Es ist ein seltener Augenblick der Erholung in Amiras Leben.

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"Das Leben hier in Deutschland ist schnell", sagt sie am nächsten Morgen, während sie ein arabisch-europäisches Frühstück zubereitet. "Die Schule, die Kurse, die Arbeit, wir haben überhaupt keine Zeit! Weil ich eine Frau bin, koche ich außerdem noch und kümmere mich um die Kinder – sogar die haben kaum Zeit. Meinen Vater und seine Familie sehe ich kaum, vielleicht einmal alle zwei Wochen. Irgendwie ist das Leben so hektisch geworden."

Jannat und Amr, inzwischen beide achteinhalb, haben sich sichtlich verändert. Natürlich sind sie gewachsen und wirken älter, aber die bedeutendste Veränderung zeigt Amr.

Er strahlt jetzt Selbstbewusstsein aus – er ist gesprächig, geht raus zum Spielen, ohne dass seine Eltern ihn überreden müssen. In der Schule hat er Freunde gefunden und in der Unterkunft auch. Er hat keine Angst mehr vor der Polizei auf der Straße. Die emotionalen Schwierigkeiten, die er letztes Jahr noch durchlitt, scheinen weniger geworden oder vielleicht ganz verschwunden zu sein.

"Ich habe viel mit ihm gesprochen, oft während er gespielt hat", sagt Amira. "Wir haben die ganze Zeit über Syrien geredet. Er wollte immer wissen, was dort vor sich geht. Warum wir hier sind und warum wir nicht nach Hause können. Ich habe ihm gesagt, hier ist es besser, hier kann man besser lernen, und wir bekommen Geld vom Jobcenter, das hätten wir in Syrien nicht. Ich habe ihm gesagt, zu Hause herrscht Krieg."

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"Er hat nicht verstanden, wer wir sind", sagt Amira, "also habe ich ihm erklärt: Du bist ein syrischer Junge. Wir sind Syrer. Wir waren kurze Zeit im Libanon und sind dann nach Deutschland gekommen, weil dein Opa hier ist. Hier kannst du von einer besseren, von einer schönen Zukunft träumen."

Nach zwei Jahren in Deutschland sind die Kinder ins Schulsystem integriert, sie haben die spezielle Willkommensklasse für Flüchtlinge abgeschlossen und hinter sich gelassen. Die Schule hat Amr entscheidend geholfen, wieder ins Leben zu finden. Laut Unicef ist es elementar für ein Gefühl von Normalität, dass die Kinder umgehend wieder eine Schule besuchen, besonders diejenigen, die traumatische Erlebnisse hatten. Der Unterricht und das Umfeld helfen, wieder Lebensgewohnheiten zu entwickeln, und bieten einen sicheren Ort zum Lernen und Spielen – beides ist entscheidend für den Heilungsprozess.

Aber die Frage der Identität ist ein ständig präsentes Thema.

In dem Maße, wie das Deutsch der Kinder besser wird, leidet ihr Arabisch, zur Sorge der Eltern. Eines Tages spricht Amr, auf der Straße unterwegs, mit seinem Vater Arabisch und bleibt mitten im Satz stecken.

Er wechselt ins Deutsche und fragt: "Papa, was heißt Banane auf Arabisch?"

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Auch kulturelle Fragen werden jetzt in der Familie verhandelt: Eines Nachmittags kommt Karam, der Fünfjährige, von einem Freund zurück, bei dem er zum Spielen war.

"Die Mutter meines Freundes hat schönes Haar", sagt Karam seiner Mutter. "Deins ist sogar noch schöner, aber unter dem Kopftuch versteckt. Warum trägst du das Kopftuch? Jeder sollte dein Haar sehen!"

"Irgendwann", fährt Karam fort, "werde ich eine Frau ohne Kopftuch heiraten."

Amr, der dem Gespräch zuhört, schüttelt den Kopf. "Das kannst du nicht machen", sagt er. "Es ist gegen unsere Kultur."

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"Das geht dich nichts an!", schießt Karam zurück.

"Er versteht die arabische Kultur nicht", sagt Amira später zu mir. "Wir können unseren Kindern unsere Kultur beibringen und sie können sich anpassen. Aber am Ende müssen sie sich entscheiden."

Der Wandel, den die Kinder durchleben, wird von ihrem Vater genau festgehalten, der ein fleißiger Instagram-Nutzer geworden ist. Khaled hat all seine Familienfotos verloren – im Gedränge von Flüchtlingen, die sich nach der Ankunft in Berlin für Asyl anmelden wollten, wurde ihm sein Telefon gestohlen. Seither benutzt er die App als Familienalbum, für den Fall, dass ihm wieder ein Telefon abhandenkommt.

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

Er sitzt mit Amira zusammen und zeigt ihr Fotos, die er gepostet hat, da kommt eine WhatsApp-Nachricht. Es ist ein Video von seinem Bruder in Syrien, der vor Amiras und Khaleds alter Wohnung in Homs steht. Zu sehen sind Trümmer. Fenster- und Türbeschläge wurden gestohlen, Waschbecken, Schränke, Steckdosen geplündert, Wände aufgerissen, um an die Kabel zu kommen. Der Boden wurde aufgebrochen, die Kacheln und die darunter liegenden Rohre entfernt.

Amira beugt sich dicht über den Bildschirm. Weitere Bilder zeigen die Fassade und die Straße vor dem Haus. Khaled kann kaum sprechen, Amira sitzt stocksteif da.

"Ich bin sehr enttäuscht", sagt Khaled. "Ich verstehe das nicht. Um zurückzugehen, bräuchten wir jetzt 30.000 Euro für die Reparatur unseres Zuhauses. Meine Wohnung, mein Viertel, die Straße, in der ich gelebt habe – alles ist zerstört. Das zu sehen, ist sehr schwer."

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

Er versucht, sachlich zu bleiben, aber der verbissene Gesichtsausdruck und die Tränen, die sich in seinen Augen sammeln, verraten seinen Schmerz. Khaled hat Angst, dass ihr Schutzstatus in drei Jahren widerrufen werden könnte und sie zurück nach Syrien abgeschoben werden, zurück in die Ruinen.

Auch wenn die Familie sich Schritt für Schritt in Deutschland integriert – sie hat nie sicheren Boden unter den Füßen.

Khaled kann sich jedoch nicht mehr mit diesen Gedanken aufhalten: Er ist vom Sprachkurs nach Hause geeilt, um Karam vom Kindergarten abzuholen, jetzt muss er zur Arbeit – Nachtschicht in einem anderen Supermarkt.

"Integration geht überhaupt nicht langsam – sie geht blitzschnell", sagt Khaled. Es ist fast das genaue Gegenteil ihrer Lage vor einem Jahr.

Amira muss auch los, sie geht mit den Kindern beim nahe gelegenen Discounter Kleider für die Schule kaufen, dann wieder nach Hause, Abendessen kochen. Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu und Jannat kommt in die zweite Klasse. Sie begeistert sich derart für Mathematik, dass sie ihren Traum, Ärztin zu werden, infrage stellt. Amr, der es wegen seiner emotionalen Probleme in der Schule zunächst etwas schwerer hatte, kommt in die reguläre erste Klasse.

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

Die Sonne geht zwischen den Wohnblöcken unter und Amira macht mit den Kindern einen Abstecher zum Spielplatz. Ein deutscher Junge mit Totenkopfmaske spielt eine Zeit lang mit ihnen, sie werfen ein Metallfrisbee hin und her. Dann klettern Amira und die Jungen auf eine Plattformschaukel und singen, hin- und herpendelnd, einen arabischen Reim:

"Immer schneller,
immer höher,
nicht aufhören."

Nachdem sie die Strophe ein paarmal gesungen haben, dichtet Karam eine neue Zeile hinzu:

"Nie aufhören bis zum Tod!"

© Ashley Gilbertson/VII für Unicef

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Text und Bilder: Ashley Gilbertson

Übersetzung aus dem Englischen: John Birke

Redaktion: Carsten Luther, Michael Pfister, Meike Dülffer

Korrektur: Cäcilia Hille