Video: Video-Still: Kohle-Abbau in Australien

Kampf gegen die Kohlewüste

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Ein paar Aktivisten könnten ein riesiges Minenprojekt am Great Barrier Reef in Australien stoppen. Es wäre ein Hoffnungszeichen für den Planeten.
Queensland im Nordosten Australiens ist von riesigen Kohleabbaugebieten geprägt; auf Satellitenbildern sind die massiven Eingriffe in die Landschaft deutlich zu erkennen. Quelle: Google Earth
Queensland im Nordosten Australiens ist von riesigen Kohleabbaugebieten geprägt; auf Satellitenbildern sind die massiven Eingriffe in die Landschaft deutlich zu erkennen. Quelle: Google Earth

Der Friedhof der Korallen zeigt, wie verwundbar das Great Barrier Reef ist. Gräuliche Kalkskelette liegen auf dem Meeresgrund, Algen überwuchern die abgestorbenen Überreste eines der berühmtesten Korallengärten Australiens. Hier in der Manta Ray Bay tummelten sich einst Papageien-, Angler-, Napoleonfische und Schildkröten zwischen blauen, purpurroten, goldfarbenen Korallen. Jetzt aber ist dieser Teil der Bucht wie tot. Zerschmettert von einem der verheerenden Zyklone, die sich seit einigen Jahren verdächtig häufen.

Video: Umweltschäden am Great Barrier Reef Abspielen
VIDEO: Unterwasseraufnahmen am Great Barrier Reef in Australien zeigen, wie stark die Korallenriffe inzwischen über weite Strecken beschädigt sind. (0:48 Min)

"Niemand hier in der Tourismusbranche traut sich laut zu sagen, dass das Great Barrier Reef sterben könnte", sagt Tony Fontes. "Doch wenn der Mensch noch ein paar Jahre so weiter macht, bleibt nicht mehr viel übrig von der Schönheit." Der 62-jährige Tauchausbilder bangt. Seit den 1980er-Jahren, als er aus den USA zu Besuch kam, sich in die Unterwasserwelt verliebte und für immer blieb, ist die Hälfte der Korallen abgestorben. Meeresverschmutzung, Schiffsverkehr und vor allem Folgen des Klimawandels wie die schweren Stürme setzen dem Ökosystem zu.

Aber nichts macht Fontes solche Sorgen wie das monströse Industrieprojekt, das an der Küste entstehen soll. Der Hafen Abbot Point soll zum größten Kohleterminal der Welt ausgebaut werden: gespeist von einer gigantischen Mine, wie sie die südliche Hemisphäre noch nie gesehen hat.

Tauchausbilder Tony Fontes hat Angst ums Great Barrier Reef. © Claus Hecking

Bis zu 2,3 Milliarden Tonnen Steinkohle will das indische Konglomerat Adani im Laufe des Jahrhunderts aus dem Erdloch holen und verschiffen – genug, um beispielsweise den deutschen Bedarf fast vier Jahrzehnte lang zu decken. Beim Verheizen würde die Jahresproduktion dieser einen Grube mehr Kohlendioxid freisetzen als ganz Skandinavien.

Kohle gegen Koralle, der Klimakiller Nummer Eins gegen das fragile Naturwunder – zugespitzter und symbolbeladener könnte der Konflikt zwischen Energie und Umwelt nicht sein. Vieles steht auf dem Spiel, und doch macht der Kampf Klimaschützern weltweit Hoffnung. Weil er ihnen zeigt, dass sie den Lauf der Dinge sehr wohl verändern können, selbst gegen die geballte Macht von Politik und Industrie.

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Aus europäischer Sicht wirken Adanis Pläne gestrig. Ein Kohleprojekt der Superlative ausgerechnet jetzt, da die G7-Industrienationen die Abkehr von den fossilen Brennstoffen geloben, da Staaten der ganzen Welt in Paris ein globales Klimaabkommen verabschieden wollen? In Australien indes hat der Konzern einflussreiche Fürsprecher: Gina Reinhart, Australiens wichtigste Unternehmerin. Die Labour-Regierung des Bundesstaats Queensland. Und Malcom Turnbull, den konservativen Premierminister.

Wie machtlos erschienen dagegen die Widersacher: der Taucher Fontes und Gleichgesinnte aus dem Badeörtchen Airlie Beach, ein paar Naturschützer, Forscher und Aborigines. Kaum jemand gab ihnen eine Chance, als sie vor zwei Jahren zum Widerstand aufriefen. Heute sieht es so aus, als würden sie das Vorhaben verhindern. Weil sie den Konzern da treffen, wo es ihm weh tut: beim großen Geld.

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VIDEO: Kilometerlange Güterzüge beladen mit Kohle bestimmen das Bild vielerorts in Queensland: Sie sind unterwegs zu Verladehäfen an der Pazifikküste. (1:56 Min)

Das Bowen Basin, 200 Kilometer im Inland: Es pfeift, als der Güterzug aus der Kurve kommt, dann rattert es, rattert es, rattert es, fast zwei Minuten. Schier endlos reihen sich braune Waggons aneinander, alle bis zum Rand voll mit schwarzen Brocken. Zwischen ihnen sind immer wieder gelbe Lokomotiven eingehängt, eine einzelne könnte die Last nicht ziehen. 124 Waggons zählt der Zug, jeder davon fasst gut 60 Tonnen Kohle. Macht rund 7.500.000 Kilo. Solche Züge rattern alle paar Minuten durch das Outback.

Australiens führendes Kohlerevier ist nur zwei Autostunden vom Meer entfernt – aber eine andere Welt. Leichen überfahrener Kängurus und Dingos liegen alle paar hundert Meter auf den Highways. Krähen laben sich am Aas, es riecht nach Verwesung.

Gebirge aus Abraum türmen sich rund um hunderte Meter tiefe, bis zu 40 Kilometer lange Tagebauten. Drinnen regieren die Maschinen: Schaufelradbagger fressen sich in die Erde, Monstertrucks mit Rädern hoch wie Gabelstapler befördern schwarze Brocken hinauf zum Grubenrand. Doch wie winzig wirken sie auf Luftbildern inmitten der zerfurchten Mondlandschaften. Die neue Carmichael-Mine weiter westlich würde alles nochmal toppen: fast doppelt so groß wie Frankfurt am Main wäre sie. Ihr Ausstoß würde an die 20.000 Eisenbahnwaggons pro Woche füllen. Und bis zu acht weitere Gruben sollen ihr folgen. Aber wer braucht noch so viel Kohle?

For Sale-Schilder stehen vor vielen Bungalows in Moranbah, dem "Ground Zero der Kohleindustrie", wie Bürgermeisterin Ann Baker die Stadt im Bowen Basin nennt. Etwa 22.000 Einwohner leben in der Region; 2011 waren es doppelt so viele. Damals war Moranbah im Kohle-Rausch, liefen Gruben Tag und Nacht, die Kundschaft aus Asien verlangte Stoff. Dann brauchte China auf einmal weniger, und binnen zwei Jahren sank der Preis für australische Kohle um ein Drittel. Jede weitere Mine würde das Überangebot vermehren und den Preis drücken.

Kohle ist gut für die Menschheit.
Tony Abbott, ehem. Premierminister Australiens

Trotzdem machen sich australische Spitzenpolitiker stark für Carmichael. "Kohle ist gut für die Menschheit", sagt Tony Abbott, der bis September Premierminister war – und noch erwog, Adani Steuermilliarden bereitzustellen. Auch die Regierung von Nachfolger Turnbull propagiert den Bau. Und die sozialdemokratische Regierung des Bundesstaates Queensland behauptet, Hafenerweiterung und Minenbau würden "Tausende Jobs schaffen".

Kohle hat der Nation einigen Wohlstand beschert seit Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre überragende Rolle für Australiens Wirtschaft hat sie aber längst verloren. Nicht einmal 60.000 Menschen sind noch in der Kohleindustrie tätig: ein halbes Prozent aller Beschäftigten. Adani verspricht für Carmichael zwar 10.000 neue Jobs, vor Gericht aber musste ein Berater des Konzerns einräumen, das Projekt werde weniger als 1.500 Stellen schaffen. Trotz alldem päppelt die Politik die Kohlebranche mit Subventionen. Die Konzerne sind in der Hauptstadt Canberra bestens vernetzt: Immer wieder wechseln Volksvertreter oder Spitzenbeamte in die Industrie.

"Unsere Politik ist so infiltriert, da war klar: mit Protesten allein können wir nicht viel gegen das Projekt ausrichten", sagt Moira Williams, Aktivistin der Klimaschutzorganisation 350.org. "Wir mussten es anders machen." Die Mittdreißigerin lächelt, obgleich ihr das Geschehen hier in Hay Point missfällt. Ein Zug fährt ein in den größten Kohlehafen am Great Barrier Reef; klein erscheint er neben Bergen schwarzer Brocken. Mindestens 20 Frachter ankern vor den beiden Terminals. Der neue Hafen wäre gut anderthalb mal so groß, "aber den können wir verhindern", sagt Williams. Adani gehen die Geldgeber aus für das umgerechnet 10 Milliarden Euro teure Vorhaben.

Klimaaktivistin Moira Williams © Claus Hecking

Die Gegner haben den Konzern von den Finanzströmen abgeschnitten. Divestment nennt sich die neue Strategie der Klimaschützer: Investoren dazu bringen, Energiefirmen für fossile Projekte das Kapital zu entziehen. Die Bewegung gibt es überall. Erste Großanleger wie der französische Versicherer Axa, die Kirche Englands oder der norwegische Staatsfonds wollen peu à peu ihre Kohle-Beteiligungen abstoßen. Aber nirgends wird Divestment so konkret wie am Great Barrier Reef. Die Bewegung steht kurz davor, das klimaschädlichste Bauprojekt der Gegenwart zu kippen. Es wäre ihr bedeutendster Triumph – und vielleicht ein Präzedenzfall.

Dabei sieht es anfangs schlecht aus. Jahrelang hat Adani Geschäfte gemacht mit Geldhäusern wie der Deutschen Bank, der Standard Chartered oder der Commonwealth Bank of Australia. Da liegt es nahe, dass diese Institute auch für Carmichael Kredit geben. Taucher, Naturschützer und Ureinwohner erkennen schnell, dass sie nur vereint eine Chance haben.

Unsere Politik ist so infiltriert, da war klar: Mit Protesten allein können wir nicht viel gegen das Projekt ausrichten.
Moira Williams, Umweltaktivistin

Also bearbeiten 350.org und lokale Umweltorganisationen die australischen Banken gemeinsam. Sie starten ihre Kampagne in den sozialen Netzwerken, warnen vor den kolossalen Kohlefrachtern sowie Millionen Tonnen Aushubschlamm, die beim Hafenausbau anfallen sollen – und die Adani anfangs im Marineschutzpark verklappen will. Schnell finden sie Unterstützer, zumal auch die Uno-Kulturorganisation Unesco droht, das Riff auf die Rote Liste der gefährdeten Stätten des Weltnaturerbes zu setzen. Als die Protestler vor den Filialen der Commonwealth Bank demonstrieren, schließen schnell mehrere Tausend Kunden ihre Konten.

Parallel nehmen internationale Organisationen wie Greenpeace oder WWF die globalen Großbanken ins Visier, besonders die Deutsche Bank. Sie prangern auf Aktionärstreffen die alten Geschäfte mit Adani an, und am Tag der Hauptversammlung 2014 schalten sie eine riesige Anzeige in der Financial Times. Eine Schildkröte schwimmt durch Korallen und fordert: "Deutsche Bank: Finanziere nicht die Zerstörung unseres Reefs". Noch am selben Tag erklärt das Institut, nicht mehr in Abbot Point zu investieren.

Und dann sind da noch die Wangan und Jalalingou. Die Aborigines, die der Staat Australien vor Generationen enteignete, fordern ihr Land zurück. Sie wollen nicht hinnehmen, dass ihre Heiligtümer, Wasserquellen und Bäume, in denen Toten bestattet werden, in einer Kohlemine untergehen. Ihre Wortführer gehen auf Welttour: zu Goldman Sachs an der Wall Street, zu Standard Chartered nach London, zur UBS nach Zürich. Sie warnen die Banker davor, ein Projekt zu finanzieren, das auf der Enteignung von Ureinwohnern basiert. Dann spielen sie ihr Blasinstrument Digeridoo: für die Manager und später für die Kameras vor den Banktürmen. 

Adrian Burragubba, Wortführer der Aborigines im Kampf gegen die Kohle © Claus Hecking

Als eine Mitarbeiterin der kleinen Mackay Conservation Group mehrere Fehler in einem Umweltgutachten der australischen Regierung entdeckt, mobilisieren die Gegner gemeinsam Geld für die Gerichtsklage. So verzögert sich der Zeitplan, zugleich macht der stetig fallende Kohlepreis Carmichael weniger rentabel. Laut UBS wäre die Mine erst bei Erlösen von 100 bis 110 Dollar pro Tonne profitabel; am Markt bringt Kohle zurzeit keine 80 Dollar.

Die Finanzinstitute fürchten um ihre Reputation – und ihr Geld. Elf internationale Bankhäuser distanzieren sich öffentlich von Carmichael, im August und September 2015 dann auch die Commonwealth Bank und die National Bank of Australia. Zugleich springt Adani auch noch ein Großabnehmer für die Kohle ab: der Elektronikriese LG. Wer will schon als Zerstörer des Great Barrier Reef am Pranger stehen?

Wenn wir die Verbindung zu diesem Land verlieren, bleibt nichts mehr übrig von unserer Kultur.
Adrian Burragubba

Adani hält bis heute offiziell weiter am Projekt fest, Medienberichten zufolge hat der Konzern aber eine Reihe Mitarbeiter entlassen, Verträge mit Bauunternehmen aufgelöst. Die Umweltschützer starten das nächste Gerichtsverfahren, Australiens Regierung schließt neuerdings Subventionen für Carmichael aus. Alles deutet darauf hin: Das Megaprojekt ist tot.

Es dämmert am Hafen von Hay Point, Moira Williams blickt nachdenklich auf einen hunderte Meter langen Frachter, der gerade loslegt. "Wir gewinnen eine Schlacht", sagt sie, "aber der Krieg ist noch lange nicht gewonnen." So konkret und emotional die Great-Barrier-Reef-Kampagne war, so abstrakt und technokratisch ist der Kampf gegen den Klimawandel. Wie soll sie da Tausende Menschen mobilisieren? Dabei muss sich Australiens Energiepolitik grundlegend ändern. Sonst werden die Minen weiter Hunderte Millionen Tonnen Kohle fördern, die den Planeten weiter aufheizen – und so das Great Barrier Reef kaputt machen. Langsam, unspektakulär, aber jeden Tag ein bisschen mehr.

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Mitwirkende:

Autor, Videos, Fotografie: Claus Hecking

Redaktion: Alexandra Endres

Infografik: Julian Stahnke

Bildredaktion: Reinhold Hügerich

Multimedia: Fabian Mohr