Video: Jugend rettet mit der Iuventa

Noch zu retten?

— Von
Sie sind Großstadtkinder aus Deutschland und nehmen vor der libyschen Küste schiffbrüchige Flüchtlinge an Bord. Irrsinn oder Heldentum? Zwei Wochen auf der "Iuventa"

Das Wasser schlägt über meinem Kopf zusammen. Ich tauche auf, schnappe nach Luft, gucke mich um. Da hinten schwimmt das Floß. Der Außenborder brummt nicht mehr, doch es treibt immer noch von mir weg. Ich schwimme hinterher.

Ein junger Typ auf dem Floß wirft mir einen Rettungsring zu. Ich klemme ihn unter den rechten Arm und paddle mit dem linken, hole das Floß langsam ein. Als ich es erreiche, beugt sich der Typ runter, streckt mir die Hand entgegen, lacht und sagt: "Komm jetzt hoch, du Idiot."

1 — Wasser

Mit ein paar Freunden haben wir übers Wochenende ein kleines Wohnfloß gemietet und schippern über die Mecklenburg-Vorpommersche Seenplatte. Mein Schwimmen war kein Notfall, bloß fröhliches Planschen.

Es sind Tage, die wir genießen, doch in meinem Hinterkopf pocht die Angst, auf dem Wasser dem Tod zu begegnen. Vor der libyschen Küste ertrinken fast täglich Flüchtlinge, dieses Jahr bereits 3.173. Und seit gestern weiß ich, dass ich genau da hin soll.

Es war auch dieses verstörende Gefühl von Gleichzeitigkeit, dass die Mitglieder des Vereins Jugend Rettet im Mai dazu brachte, mit Spendengeldern die MS Iuventa zu kaufen, das Schiff umzubauen und im Juli, bemannt mit Freiwilligen, vor die libysche Küste zu schicken. Dafür wurde Jugend Rettet vom Publikum des Z2X-Festivals ausgezeichnet. ZEIT ONLINE hatte das Festival organisiert und schickte mich los, um über die Mission der Iuventa zu berichten.

Was ist Jugend Rettet?

Der Verein Jugend Rettet wurde 2015 von jungen Erwachsenen nach dem Unglück vor Lampedusa gegründet. Ziel ist, Flüchtlinge mit einem eigenen Schiff zu retten und dabei eine Debatte über europäische Asylpolitik zu starten. Im Juli 2016 startete das Vereinsschiff "Iuventa" mit seiner ersten Rettungsmission Solidarity auf der zentralen Mittelmeerroute. In weniger als 14 Tagen wurden nach Angaben des Vereins 1.388 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Seitdem waren mehrere Missionen auf See. Der Verein finanziert sich über Spenden.

Was ist Z2X

ZEIT ONLINE hat im September 500 junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren nach Berlin eingeladen. Zwei Tage lang wurden Ideen für eine bessere Welt geplant, diskutiert und entwickelt. Am Ende kürten die Teilnehmer drei Gewinner – darunter Jugend Rettet – deren weiteren Weg ZEIT ONLINE begleiten wird.

Doch trotz dieses Preises war ich skeptisch, oder, wie ein Kollege in einer E-Mail schrieb: "Mir gehen die Brüder inzwischen ziemlich auf den Sack. Diese Heiligen, die da helfen, wo die Kameras sind." Ist es nicht außerdem Irrsinn, wenn da unten ein paar amateurhafte Kids Retter spielen, wo doch der Staat zuständig ist? 

Die "Iuventa" wurde im Mai 2016 von Jugend rettet gekauft. © Jule Müller

Zwei Tage nach der Floßtour flog ich nach Malta, ging an Bord der Iuventa und wir fuhren runter zur libyschen Küste.

2 — Angstschweiß

Die Alarmsirene schrillt durch den fensterlosen Bauch des Schiffs und reißt uns aus dem Schlaf. Die Leuchtstoffröhren an der Decke flackern, dann tauchen sie die Kojen in fahles Licht. Die Iuventa, 33 Meter lang, 60 Jahre alt, vielfach umgebaut, wankt in den Wellen. Bei so viel Seegang kämen die Flüchtlingsboote nicht von der Küste los, hieß es in der Vorbereitung. "Ist das eine Übung?", frage ich Tilman, der seine Beine aus der Koje schwingt und sich das Gesicht reibt. Er zuckt mit den Schultern.

Auf dem Hauptdeck, kaum größer als zwei Pkw, sammelt sich die Crew: fünf Frauen und neun Männer. Einige fahren zum ersten Mal mit, fürchten sich vor der See. Steuerbord hängt das Einsatzschlauchboot am Kran.

Da sind sie, die Retter, die jetzt bei rauem Wetter Flüchtlinge aus den Wellen ziehen wollen. Da steht Tilman von Berlepsch, 24, der in Berlin Politik studiert, auf Rapkonzerten mit dem Kopf nickt und gelegentlich segelt. Daneben, breitbeinig mit verspiegelter Sonnenbrille und Camouflageshorts, Chris, 25, der in Berliner Technoclubs mal die Tür gemacht hat und jetzt studiert.

Chris ist Student aus Berlin. Auf der Iuventa ist er es, der ein Gespräch mit den Geretteten beginnt.

Kathrin Schmitt, 33, stülpt schon einen Helm über ihre blonden Locken und rückt ihre Schwimmweste zurecht. Die Ergotherapeutin ist Teamleiterin auf dem Rettungsschlauchboot, kurz Rib genannt.

Sascha Gierke, 37, wurde Notfallsanitäter, nachdem vor seinen Augen ein Jugendlicher abgestochen worden war und niemand helfen konnte. Vergangenes Jahr kündigte er und begann, Flüchtlinge aus Seenot zu retten, erst vor Lesbos, dann vor Libyen. © Jule Müller

Sascha Gierke, 37, der Einsatzleiter, springt in wenigen Sätzen die Außentreppe von der Brücke aufs Deck hinunter. Die Löcher in Ohren und Nase zeugen noch von der Zeit, als er in Potsdam Häuser besetzte und Rabatz machte. Er trifft zusammen mit Kapitän Uli Troeder, 35, alle wichtigen Entscheidungen.

Sascha guckt in die Runde und sagt: "Die Notleitstelle in Rom hat um acht Uhr sieben ein Schlauchboot gemeldet. 13 Meilen vor der libyschen Küste. Es sollen ungefähr 80 Menschen an Bord sein."  

Es sind billige Schlauchboote, die nachts von der libyschen Küste in Richtung Europa starten. Die Rettung muss schnell gehen, bevor die Schläuche platzen, das Boot kentert oder die Menschen erschöpft von Bord fallen. Kaum einer von ihnen kann schwimmen.

Die Iuventa ist nicht weit von der Position des Schlauchboots entfernt. Chris und die anderen Crewmitglieder gehen auf ihre Positionen am Kran und greifen die Leinen, um das Rib rauszuschwenken. Die blaue Achterleine greife ich.

Schon beim ersten Telefonat mit dem Berliner Jugend-Rettet-Team sagte man mir, dass ich an Bord ein bisschen mit anpacken müsse. Ich fand das schwierig, eine eherne Journalismusregel lautet: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. 

Doch will ich mit dem Notizbuch in der Hand daneben stehen, wenn Menschen ertrinken? Und kann man nicht auch als Teil einer Crew seinen Standpunkt bewahren?

Mit lautem Klatschen landet das Rib auf den Wellen, es soll vorfahren und gucken, wo genau das Schlauchboot ist. Kathrin und ihre Crew klettern rein, wir reichen ihnen drei große, quadratische Beutel, vollgestopft mit grellorangen Rettungswesten.

Schiffsarzt Moritz Hain und Einsatzleiter Sascha Gierke helfen den Geretteten, in das Boot einer anderen NGO einzusteigen. © Jule Müller

Ein, zwei kurze Tage haben die Crews trainiert. Es ging nicht gut. Einmal lief der Außenborder des Ribs nur rückwärts, den des zweiten Ribs bekamen sie gar nicht an, dann überfuhren sie bei einer gestellten Rettung fast einen Ertrinkenden, ein Crewmitglied bekam einen Hitzeschlag. Heute müssen sie es besser hinkriegen, sonst sterben Menschen. 

Das Rib prescht los, Gischt spritzt in die Gesichter. Der Wind treibt die Wellen so hoch, dass sie weiße Kronen tragen. Dann verschwindet das Rib am Horizont, der das Meer vom Himmel trennt.

Ich gehe hoch auf die Brücke, wo Sascha, der Einsatzleiter mit dem Rib im Funkkontakt steht. Sein Blick ist konzentriert, zwischen Mittel- und Zeigefinger klemmt eine erloschene Selbstgedrehte. Das Satellitentelefon piept. Die Notleitstelle in Rom ist dran: Zwei weitere Boote wurden gesichtet. Das zweite wird von einer anderen NGO versorgt, über das dritte weiß niemand genau Bescheid.

Kathrin Schmitt, 33, arbeitete mehrere Jahre als Ergotherapeutin in Neuseeland. "Dann war ich es leid, die Probleme der Menschen einer Wohlstandsgesellschaft zu lösen." Sie kochte im griechischen Idomeni für Flüchtlinge und zog später vor Lesbos Ertrinkende aus dem Wasser. © Jule Müller

Dann kommt die verrauschte Stimme der Rib-Teamleiterin Kathrin über Funk: "Unser Motor geht immer wieder aus." Sascha flucht in sich hinein, funkt dann zurück: "Okay, tut einfach euer Bestes." 

Draußen jagen die Wellen einander, taumeln, brechen, türmen sich. Die Iuventa macht volle Fahrt, kommt aber nur schmerzlich langsam vorwärts. Sascha starrt angespannt aus dem Fenster. Er weiß: Bei diesen Wellen und mit Motorproblemen kann das Rib nicht sauber neben das Flüchtlingsschlauchboot fahren. Die Crew kann dann die Schwimmwesten nicht überreichen, sie muss schmeißen. Und das sorgt für Unruhe unter den Flüchtlingen, sie fangen an, zu rangeln und zu schubsen. Bei der Rettungsaktion einer anderen NGO war vor einigen Tagen Panik ausgebrochen, sechs Menschen wurden totgetrampelt.

Dann kommt Kathrins Stimme wieder über Funk: "Wir haben keine Schwimmwesten mehr. Wir teilen jetzt die Kinderwesten aus." Sascha zögert kurz, dann drückt er den Sprechknopf des Funkgeräts: "Nein, warte noch, wir schicken das zweite Rib."

"Hier bricht langsam Panik aus!"

"Warte."

Tilman von Berlepsch, 24, kennt die Angst vor dem Ertrinken. Als 13-Jähriger segelte er auf einem See bei Kassel, als Pfeilwinde sein Segel unter Wasser drückten und sein Boot kenterte. © Jule Müller

Auf Deck setzt Tilman seinen Helm auf, legt seine Schwimmweste um, das kleine Rib wird zu Wasser gelassen. Es tanzt auf den Wellen, schlägt immer wieder gegen die Bordwand der Iuventa. Tilman klettert rein. Als er den Außenborder entgegennimmt, hebt eine massige Welle das Rib, dann sackt sie unvermittelt ab. Tilman stürzt in den Rumpf. Endlich bekommt er den Außenborder gepackt und schraubt ihn fest, schließt die Gummischläuche der Dieseltanks an, pumpt Sprit in den Motor, reißt an der Leine, verstaut die Schwimmwesten und rast los.

Die Iuventa stampft weiter Richtung Flüchtlingsboot. Plötzlich sehen wir es. Man kennt den Anblick von Fotos, wie die Menschen da sitzen, eng gesteckt auf den grauen Schläuchen, ihre Beine hängen ins Wasser, die Schwimmwesten leuchten in der Sonne. Doch die Realität, denke ich, ist so viel entsetzlicher. Auf Bildern sieht man nicht, wie unendlich weit sich das Meer erstreckt, wie erschreckend klein und verletzlich das Schlauchboot darin treibt. Man spürt nicht den Wind im Gesicht, der den Angstschweiß der Menschen herüberträgt.

Trotz allem bekommen die Crews die Situation unter Kontrolle, jeder Flüchtling hat eine Schwimmweste. Die Ribs bringen das Flüchtlingsboot längsseits an die Iuventa und jetzt erkennen wir die Gesichter: Einige lachen, ihre Augen strahlen, sie winken uns zu. Andere starren leer vor sich hin.

Zu dritt stellen wir uns an die gut einen Meter hohe Bordwand, strecken ihnen die Hände entgegen, sie packen zu, ziehen sich hoch. Immer noch wankt das Schlauchboot in den Wellen, das billige Gummi reibt gegen die raue Stahlhülle der Iuventa. Eine Frau rutscht ab, fällt auf unser Deck, einige im Boot drängeln sich nach vorne, ein Mann kommt mit dem Bein zwischen Schlauchboot und Bordwand, einen können wir nur schwer packen, sein Arm ist gebrochen, zwei haben Schussverletzungen.

Hinter uns steht Chris und nimmt die Schwimmwesten entgegen. Dann höre ich ihn sagen: "You are safe now."

3 — Trauma

Samuel Iatta sitzt auf dem Vordeck zwischen den 130 anderen Geretteten, Gästen, wie sie auf der Iuventa sagen. Seit sie an Bord sind, wirken die meisten wie Marionetten, deren Schnüre gekappt wurden. Erschöpft liegen sie da, kümmern sich nicht um die Kruste aus Salz und Maschinenöl auf dem rauen Metalldeck, starren in jene Halbdistanz, in der sich Traumata vor Gegenwart schieben.

Der 17-jährige Samuel erzählt gerade von zu Hause, als Chris sich dazu setzt. Die meisten anderen Crewmitglieder halten Abstand, beschäftigen sich mit mehr oder minder dringlichen Aufgaben. Doch Chris setzt sich dazu.

Gerade er, denke ich.

Samuel Iatta (l.) mit Chris auf dem Vorderdeck © Jule Müller

Der Junge, der in Berlin in einem Bezirk aufwuchs, wo man Bomberjacke und Glatze trug, wo keine Türken lebten. Gerade er, der Junge, der sich in der Realschule gegen prügelnde Gangs behaupten musste, wo andere mit Drogen das schnelle Geld verdienten; der Junge, der sich für Kampfsport entschied und so sauber blieb und nach der Schule trotzdem keinen Plan hatte, weil seine Eltern in der Wendezeit beruflich strauchelten und ihm auch nicht erklären konnten, wie das Leben im Westen funktioniert; gerade er, der junge Mann, der deshalb einfach zur Bundeswehr ging, dort enttäuscht wurde und nur zufällig vom zweiten Bildungsweg erfuhr, gerade er, der sich dann traute, auf die Uni zu gehen und jetzt hofft, dadurch später genug Geld zu verdienen, weil die Gentrifizierung ihn aus seinem Viertel zu vertreiben droht; ja, gerade er, der erst seit Kurzem wählen geht, fragt: "How is life in Gambia?" 

Und Samuel antwortet, dass das Leben in Gambia, diesem schmalen Streifen in Westafrika, gut ist, dass er es liebt und dass er nie auf diese Reise gegangen wäre, hätte er gewusst, wie schlimm sie ist. Dass seine Freunde aber auch kommen würden, weil sie ihm nicht glauben werden, wie schlimm sie ist.

Trotz allem lächelt er.

Samuel, dessen Vater vor zwei Jahren starb, weswegen er als ältester Sohn die Verantwortung übernehmen musste und nach der Schule Arbeit suchte, doch keine fand, weil es keine gab; er, gerade er, der aufbrach, als Hoffnungsvoller, durch die Sahara nach Libyen, wo er mit Hunderten anderen Flüchtlingen vom Schleuser in eine fast fensterlose, stickige Halle gesperrt wurde, wo seine Haut weiß wurde, weil er sich nie waschen konnte, wo er abmagerte, wo er mit Besenstielen geprügelt wurde, wenn er nach Brot fragte; wo Freunde entführt und erschossen wurden; gerade er lächelt, obwohl aus dem Hoffnungsvollen ein Verzweifelter wurde, der betete, aufs Boot zu kommen, obwohl er fürchtete, an Bord zu sterben; ja gerade er lächelt, weil er jetzt als Geretteter an Bord auf dem Metalldeck sitzt und hofft, bald Europa zu erreichen, um zu studieren und endlich seine Familie zu versorgen. Er lächelt, guckt Chris an und sagt auf Englisch: "Thank you and may god bless you." 

Eine Stunde später holt ein größeres NGO-Schiff Samuel und die anderen ab, um sie nach Sizilien zu bringen. Chris lehnt sich über die Reling und ruft: "Samuel, see you in Berlin!"

4 — Maschine

Elias Macke, Maschinist auf der Iuventa, über sein Zögern mitzumachen und seine Liebe zu Technik.


5 — Tod

Da war noch das dritte Flüchtlingsboot am Einsatztag, von dem keiner richtig Bescheid wusste. Kapitän Uli hatte mittags bei der Notleitstelle in Rom nachgehakt, die versprach, Luftaufnahmen zu schicken, es jedoch nicht tat. Eine andere NGO war mittags die Koordinaten abgefahren, ohne etwas zu finden. Die Koordinaten waren zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Stunden alt, das Boot konnte überall sein. Trotzdem sagte die Notleitstelle gegen Nachmittag auf Ulis erneute Nachfrage: "Yes, yes, everything is clear. Everybody is found."

Wir vertrauten Rom, dass alles erledigt sei, spachtelten abends unsere Käsespätzle, zufrieden, weil die Rettung gut verlaufen war. Jetzt, zwei Tage später, funkt uns eine andere NGO an und hat Neuigkeiten, ihr Kontaktmann in Libyen hat durchgegeben, dass das Boot gesichtet wurde: angespült am Strand, die Menschen darin tot.

Auch der Reporter muss anpacken. © Zohra Bensemra/Reuters

Wie musst du dir das vorstellen? Du steigst in ein Schlauchboot, fährst im Dunkeln los Richtung Norden. Es ist das erste Mal, dass du das Meer siehst, deine Freunde siehst du im Gedränge nicht. Wellen schlagen gegen das Boot, du schmeckst das Salz.

Der Schleuser hat gesagt, dass ihr nach einigen Stunden Italien erreichen werdet. Nach der Folter in Libyen ergreifst du diese Hoffnung, ohne zu merken, wie unrealistisch es klingt. Als die Sonne aufgeht, zieht eine graue Propellermaschine über euch hinweg. Land siehst du nicht. Ihr fahrt weiter.

Die Sonne brennt. Durst trocknet dir den Mund aus, klebt die Kehle zusammen, deine Haut platzt auf, ausgetrocknet vom Salzwasser, versengt von der Sonne. Ihr fahrt weiter und der Himmel färbt sich abendlich orange. Die ersten rutschen erschöpft vom Schlauch ins Wasser, retten kann sie keiner, keiner kann schwimmen.

Dann beginnt der Außenborder zu stottern, verstummt, der Diesel ist aufgebraucht. Einige schreien panisch, andere wimmern nur, weinen. Das Boot dreht sich in die Welle, beginnt zu schaukeln, der Wind drückt euch von Norden zurück Richtung Küste. Nochmal geht die Sonne auf, mehr und mehr gleiten ins Wasser, treiben mit dem Gesicht nach unten im Blau. Die übrigen sacken in sich zusammen. Dann wird es still. Du auch.

Dieser Mann hat die Telefonnummer von Angehörigen auf seine Hose geschrieben. © Jule Müller

Einige Tage später erklärt Einsatzleiter Sascha, wie das passieren konnte. Er fuhr vergangenes Jahr seine erste Mission, zermarterte sich Tag für Tag den Kopf, wie möglichst viele Menschen gerettet werden können. "Die Flüchtlinge sterben zu lassen, soll andere abschrecken, über das Mittelmeer zu kommen", sagt er. "Wenn das Aufklärungsflugzeug morgens drei Schlauchboote gesehen hat, aber nur zwei gerettet wurden und das dritte nicht zu finden war: Warum haben sie den Flieger dann nicht noch mal losgeschickt?"

Ein Rückblick: Im Herbst 2013 ertranken binnen weniger Tage 400 Flüchtlinge im Mittelmeer, worauf  die italienische Regierung die Operation Mare Nostrum startete. Italienische Marineschiffe fuhren bis vor die libysche Küste, retteten Flüchtlinge und brachten sie nach Italien. Kosten und Aufnahme übernahm Italien. Wie der Rest Europas verweigerte auch Deutschland die Hilfe, es erfreute sich der Tatsache, keine EU-Außengrenze zu haben. Italien beklagte, die neun Millionen Euro monatlichen Kosten allein aufbringen zu müssen und setzte die Operation ein Jahr später ab. Die europäische Grenzschutzagentur Frontex übernahm. Vor der libyschen Küste wurde nicht mehr systematisch gerettet, dennoch stiegen Menschen in Boote und ertranken. Andere schafften es nach Europa. Die Europäische Union will das unterbinden und setzt seit Juni 2015 darauf, die Schleuser zu bekämpfen. 

Seitdem sieht man sie am Horizont entlang ziehen, Kriegsschiffe, grau und hoch wie Wohnblocks, die angeschoben kommen, nachdem die Menschen durch die NGOs von den Schlauchbooten gerettet wurden. Die Marinesoldaten fackeln die Schlauchboote ab, damit sie von den Schleusern kein zweites Mal verwendet werden können. Außerdem sollen sie Schleuser jagen, doch die bleiben an Land. Bei Rettungen helfen die Kriegsschiffe nur selten, trotz der hochsensiblen Radars, robusten Schlauchboote und Helikopter, die sie an Bord haben. Es ist nicht Teil ihres Mandats.

Deshalb war der Flieger auch nicht zurückgekommen. Die Schleuseraufklärung war erledigt, die Schlauchboote in Seenot nur Beifang. 24 Nationen beteiligen sich an dem Frontex-Einsatz. Allein Deutschland gibt dafür jährlich 36,6 Millionen Euro aus. Zum Vergleich: Eine zweiwöchige Rettungsmission der Iuventa kostet 36.000 Euro.

Oft heißt es, dass die Iuventa und andere NGO-Schiffe den Schleusern helfen, ihr dreckiges Geschäft zu erledigen. Doch den Schleusern ist es egal, ob ihr Angebot das Überleben beinhaltet, ob die Menschen gerettet werden oder nicht. Das Leid in Syrien, Afghanistan und in den Ländern Afrikas bestimmt die Nachfrage.

6 — Lockdown

Die Kalaschnikow zielt genau auf unsere Köpfe. Ein Schnellboot war auf uns zugerast, an Bord Männer in Uniformen. Es ist unser siebter Tag auf See und unweit von unserer Position, in der libyschen Küstenstadt Sirte, kämpfen Milizen gegen den "Islamischen Staat". Werden wir entführt? Als das Boot in Sicht kommt, schallt es über die Iuventa: "Lockdown! Lockdown!"

Wir haben das trainiert. Seit ein NGO-Schiff vor einigen Wochen beschossen wurde, wurde ein Raum zur Zitadelle umgebaut: Er ist von innen zu verriegeln. Wir stürmen die steile Metalltreppe runter, die heiße, ölschwangere Luft, der Lärm des 900-PS-Dieselmotors schlägt uns entgegen. Ich gucke hoch zur Tür, kann jedoch nicht sehen, was passiert, nur, dass sie noch offen steht. Kapitän Uli und Einsatzleiter Sascha fehlen noch. Irgendwas läuft schief, doch miteinander sprechen ist in dem Lärm unmöglich.

"Lockdown! Lockdown!" durch ein Schnellboot der libyschen Küstenwache © Zohra Bensemra/Reuters

Wir stehen herum und warten, Angst zeichnet die Gesichter. Lange dehnen sich die Minuten. Da ist Jule Müller, 34, die Modedesign studierte, eine kleine Onlinesinglebörse gründete und für die Vogue übers Daten schreibt.

Jonas Buja, 24, fuhr als Kind mit auf Segelfreizeiten der Kirche. Heute ist er Kirchenvorstand. Seit Kurzem hat er sein Offizierspatent und fährt auf Gastankern zur See. Während seiner ersten "Iuventa"-Mission trug er die Leichen zweier Flüchtlinge über das Deck. © Jule Müller
Clemens Nagel, 24, trägt sonst politische Shirts: mal militante Meeresschützer, mal antifaschistischer Rap. © Jule Müller

Der 24-jährige Nautiker Jonas Buja hält noch den Beutel mit den Ohrstöpseln, die er an uns verteilte. Ein Schlaks mit braunen Augen, der abends in der Schiffsküche schief Blockflöte spielt.

Clemens Nagel, 24, lugt oben aus der Tür. Schon als Jugendlicher ging er auf Punkkonzerte, er trägt einen Iro aus Dreadlocks, an Bord sorgt er für Ordnung, und als Rib-Fahrer qualifizierte er sich, weil er Kindern auf der Havel das Segeln beibringt.

Alle wussten vom Angriff auf das andere NGO-Boot. Warum tun sie sich das an?

Wir werden hochgewunken. Entwarnung, denke ich. Doch dann steht er da an der Tür, der Typ mit der Kalaschnikow um den Hals, dem schwarzen Fünftagebart und T-Shirt, der grünen Armeehose. Er bellt Kommandos auf Arabisch, zeigt zur Brücke. Wir stolpern hintereinander die Treppe hoch, oben rennt Kathrin von Crewmitglied zu Crewmitglied: "Hast du Sascha gesehen? Hast du Sascha gesehen?"

Steuerbord schwankt ein graues Schnellboot in den Wellen, noch mehr Bewaffnete an Bord. Dann kommt es zum kurzen Wortwechsel mit ihnen und es wird klar: Es ist die libysche Küstenwache. In ihren Hoheitsgewässern hat sie das Recht, Schiffe zu kontrollieren. Es ist jedoch eigentlich Gepflogenheit auf See, dass vor dem Entern angefunkt wird. Und nicht immer gehen die Kontrollen der libyschen Küstenwache glimpflich aus.

Während die Küstenwache ablegt, kommt Sascha auf die Brücke. Er hatte an Deck gestanden, um mit den Bewaffneten zu sprechen. Als Kathrin ihn sieht, sagt sie: "Das Lockdown-Manöver hätten wir uns ja auch sparen können."

"Nein", gibt Sascha zurück. "Die Frage ist, warum ihr die Tür nicht zu gemacht habt."

"Weil wir keinen Lockdown machen, wenn noch drei Leute auf der Brücke sind. Wir machen erst zu, wenn alle da sind."

"Aber in so einer Situation muss man entscheiden, was man macht. Wenn alle unten eingeschlossen gewesen wären, dann hätten die am Ende noch auf die Tür geballert. Klar, wenn die uns hier oben haben, können sie euch zum Rauskommen zwingen, von hier draußen lässt sich besser einschätzen, was los ist."

"Aber es wäre zu spät für euch gewesen, euch einzuschließen."

"Entweder erschießen sie gleich alle oder nur drei von uns."

"Wenn das die Herangehensweise in der Zukunft ist, dann bin ich damit absolut nicht einverstanden. Ihr seid dann die Opferlämmer, die wir an Bord haben. Was ist das denn für eine Taktik? Ich werde das nicht mehr machen."

7 — Mut

Das Wetter ist schlecht, die kleinen Außenborder der Flüchtlingsboote kommen nicht gegen den auflandigen Wind und die Wellen an. Trotzdem starren wir Tag für Tag auf die libysche Küste. Tagsüber sehen wir die Silhouetten hoher Gebäude, nachts schlagen die Flammen der Ölraffinerien in den schwarzen Himmel. Manchmal springen Delfine um unseren Bug.

Oft vertreiben wir uns die Zeit an der PlayStation, mit Qigong und Lesen. Für den 14. und letzten Einsatztag verspricht die Vorhersage noch mal gutes Wetter. Die halbe Crew ist morgens um fünf wach, stiert in die Dämmerung. Hunderttausende Flüchtlinge sollen noch in Libyen auf die Überfahrt warten. Bald ist die Saison zu Ende. Dann können weniger Boote starten.

Abendessen: Jedes Crewmitglied hilft bei den täglich anfallenden Arbeiten, Dienstpläne gibt es nicht. © Jule Müller

Bevor ich an Bord ging, war ich der Meinung, es sei besser, wenn die Menschen ihr Leben gar nicht erst auf den Booten riskieren. Nach den Misshandlungsgeschichten, die Samuel aus Libyen erzählte, überlege ich, ob es schlimmer ist, auf der Überfahrt nach Europa zu sterben oder in Libyen totgeprügelt zu werden? 

Der Sturm hält an und bald ist klar, dass auch an diesem Morgen keine Boote kommen werden. Wir drehen ab Richtung Norden, für die 24-stündige Rückfahrt nach Malta.

Der Sonnenaufgang am nächsten Morgen ist nicht brennend rot wie sonst, sondern matt pastellfarben, bald kommt Malta in Sicht. Alle stehen an Deck und blicken auf die Küste. Je näher wir dem Hafen kommen, desto höher wachsen die Festungsmauern, durchzogen von Schießscharten, gespickt mit Zinnen und Türmen.

Sie bezeugen, dass Maltas katholische Ritterorden ewig Krieg führten gegen die muslimischen Nachbarn. Sie lassen die Insel wie ein Stein gewordenes Sinnbild der europäischen Abschottungspolitik scheinen. Was kann eine NGO wie Jugend Rettet gegen die Ängste und den Rassismus eines ganzen Kontinents tun?

Doch auf einmal zieht ein kleines Boot an uns vorbei, zwei Kerle in T-Shirts sitzen im Bug, am Außenborder eine junge Frau. Rib-Leiterin Kathrin hebt den Arm und winkt. Die drei im kleinen Boot gehören zur Seawatch, einem befreundeten NGO-Boot. Ein Stück weiter am Kai liegen weitere Rettungsschiffe, die Bourbon Argos, die Dignity I, die Phoenix.

Und, denke ich, sind die Freiwilligen nur wegen der Kameras hier?

Einsatzleiter Sascha kam vergangenes Jahr von einer ähnlichen Rettungsmission zurück nach Hause. Während eines stillen Moments in seinem Garten rollten ihm plötzlich Tränen die Wangen runter.

Nautiker Jonas trug bei seinem vorigen Einsatz auf der Iuventa zwei tote Flüchtlinge übers Deck. "Seitdem habe ich das Gefühl, dass es mir unheimlich gut tun würde, mal Rotz und Wasser zu heulen", sagt er. "Aber irgendwie kann ich das gerade nicht."

Tatsächlich traf ich niemanden an Bord, der helfen wollte, um in die Medien zu kommen. Sicher, bei einigen schwang auch Abenteuerlust mit, die meisten waren aber eher genervt, wenn ich sie interviewen wollte. Vielmehr hatten sie Angst, an Bord zu gehen. Sie fürchteten sich: vor Entführungen, vor dem Versagen im Einsatz, vor der Konfrontation mit dem Tod. So habe ich verstanden, was Mut bedeutet: Angst haben und trotzdem handeln.

Doch es geht darüber hinaus. Chris sagte: "Na, wenn in der mecklenburgischen Seenplatte einer ertrinkt, dann rette ich den doch auch." Aber auch für ihn bedeutet die Flüchtlingsrettung mehr: "Wenn wir Afrika wirtschaftlich ausbeuten, dann müssen wir uns auch um die Opfer kümmern."

Knotenkunde auf dem Vordeck © Jule Müller

So ist es vielleicht der politischste Akt überhaupt, heutzutage Flüchtlinge nach Europa zu bringen. In der Person des Flüchtlings bündeln sich alle Fragen, die seit vergangenem Jahr in Europa diskutiert werden: Wollen wir in einer offenen oder geschlossenen Gesellschaft leben? Sollten wir Verantwortung übernehmen für das globale Elend, das auch unsere Art zu wirtschaften produziert? Wollen wir unseren Reichtum teilen?

Mir fällt ein Satz ein, den Hip-Hopper Tilman unterwegs sagte: "Wenn meine Enkelkinder fragen, was ich in dieser Zeit gemacht habe, will ich sagen können: Ich war Teil dieser riesigen Gruppe von Menschen, die zwischen Lesbos, dem Balkan und dem Mittelmeer Flüchtlingen das Leben rettete."

Tilman, Kathrin, Sascha, Uli, Jonas, Jule, Clemens und die anderen an Bord sind Teil einer Bewegung. Genau wie jene, die in Deutschlands Dörfern und Städten Flüchtlingen helfen. Solche Menschen gibt es überall in Europa.


Mitwirkende

Text: Raphael Thelen

Video: Raphael Thelen, Jule Müller (Jugend rettet)

Fotos: Jule Müller (Jugend rettet), Zohra Bensemra (Reuters)

Redaktion: Frida Thurm, Anne-Kathrin Gerstlauer, Meike Dülffer (Text); Adrian Pohr (Video); Reinhold Hügerich, Michael Pfister (Foto), Paul Hofmann (Korrektur)