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Höher, schneller, Katar

— Von und

Ein reicher Wüstenstaat will mit Sport auf die Weltkarte. Im Streben nach Medaillen muss Katar erkennen: Spieler, Trainer und Fans kann es kaufen, aber keinen Respekt.

Die Fußball-WM 2022 in Katar gilt als Inbegriff der Fifa-Machenschaften: ausgebeutete Arbeiter, Korruption, verhaftete Journalisten – und dann wird noch im Winter gespielt. Viele hoffen, dass die WM dem Land wieder weggenommen wird. Dabei ist dieses Turnier nur ein Teil der einzigartigen katarischen Sportoffensive. Nie zuvor hat ein Land in so kurzer Zeit so viel Geld in Sport investiert. Warum tut es das?

1 — Der Plan
übersicht
  1. 1 — Der Plan
  2. 2 — Die Fußball-WM
  3. 3 — Die Arbeiter
  4. 4 — Im Stadion
  5. 5 — Epilog

Der Stolz Katars ist 23 Jahre alt und würde auch in amerikanischen Hip-Hop-Videos eine gute Figur machen. Federnder Gang, lässiger Händedruck, dazu eine Baseballkappe, auf die Mutaz Essa Barshims Name gestickt ist und der Spruch: "Schwerkraft? Welche Schwerkraft?"

Barshim ist Hochspringer, bei den Olympischen Spielen in London hat er Bronze gewonnen. Sein Vorname bedeutet Stolz, und wenn die Dinge normal laufen, wird er in einem Jahr das erste Olympiagold Katars gewinnen. Im September sprang Barshim 2,43 Meter, so hoch wie seit mehr als 20 Jahren niemand mehr. Zum Weltrekord sind es noch zwei Zentimeter. Noch. "Es gibt keine Grenzen," sagt Barshim. 

Das gilt nicht nur für ihn. 

Der Hochspringer ist der Prototyp der katarischen Sportoffensive. Das kleine, reiche Land möchte die Welt in Trainingshosen erobern. Doha soll eine der Sporthauptstädte des Planeten werden. Ein Vorhaben zwischen Ehrgeiz und Größenwahn und Teil der Qatar National Vision 2030, die festlegt, wie es mit Katar weitergehen soll, wenn die Quelle des Wohlstands, das Erdgas, einmal versiegt sein wird. Mit Bildung, Kultur, Hightech und Sport. Eine Großmacht werden.

Fußbälle statt Panzer, das klingt nett. Doch Katar sprengt alle Dimensionen. Von der im Westen verhassten Fußball-WM 2022 bis zu möglichen Olympischen Spielen zwei Jahre später, von gekauften Sportlern bis zu gekauften Fans: In seinem beispiellosen Streben nach Medaillen und Anerkennung krempelt der Wüstenstaat die Sportwelt um. Katar kostet das Milliarden. Skepsis und Missgunst der traditionellen Sportnationen gibt es gratis dazu. 

Video: Hochspringer-Hoffnung über die Sportoffensive seines Landes Abspielen
Mutaz Essa Barshim könnte bald Katars erster Olympiasieger werden. Im Interview spricht der Hochspringer über die Sportoffensive seines Landes.

Das in Beton gegossene Symbol des sportiven Welteroberungsplans ist eine gigantische Sportlandschaft im Westen Dohas. Aspire-Zone nennen die Kataris das Gelände, vom englischen Verb to aspire, aufstreben. Der Komplex ist der Traum eines jeden Athleten. Seit fünf Jahren kommt der verwöhnte FC Bayern hierher ins Wintertrainingslager, seit fünf Jahren staunt er über die 15 Fußballfelder, das Stadion mit 50.000 Plätzen, die 14 Kilometer lange Laufstrecke, die Schwimmhalle, über zwei der teuersten Hotels der Stadt und das Einkaufszentrum, in dem es aussieht wie in Venedig, samt Kanälen und Gondolieri. Hingucker der Anlage ist die größte Multifunktionssporthalle der Welt, mit 13 Feldern für Handball, Basketball, Turnen, Tischtennis, Fechten, einer Leichtathletikanlage und einem Fußballplatz in Originalgröße. 2,5 Quadratkilometer, die wirken, als hätte ein Sportverrückter bei Simcity die Bank geknackt. 

Gerade ist die Halle so gut wie leer. Ganz hinten üben zwei Jungen an Tischtennisplatten. Abdulaziz und Nawaf, beide 14 Jahre alt. Ihre Freunde haben sich verspätet. Die beiden gehören zu den 219 Schülern, die im Internat der Aspire-Academy leben. 3.000 Jungen im Alter von elf Jahren schauen sich die Scouts der Kaderschmiede jedes Jahr in den katarischen Schulen an, etwa 30 von ihnen sind gut genug, um später von Experten aus aller Welt trainiert zu werden. Um Abdulaziz und Nawaf kümmern sich zwei kroatische Trainer. Die Jungs hätten Talent, sagt einer von ihnen, sie seien Arabischer Meister und Golfmeister. Die Olympiasieger von morgen also? Der Trainer schnauft: Sehr schwierig werde das, sehr schwierig.

Es geht um die nächste Generation. Mutaz Essa Barhsim, Olympiabronze im Hochsprung

Kann man Erfolg kaufen? Nein, sagt der Hochspringer Barshim, das gehe nicht. 

Katar versucht es mit einer goldenen Brechstange. Was das Land vorhat, ist etwa so, als strebte Braunschweig plötzlich nach Olympiaruhm und müsste nebenbei eine Fußballmannschaft aufstellen, die sich bei einer WM nicht blamiert. In Katar leben mehr als zwei Millionen Menschen, aber nur 250.000 Kataris, die für ihr Land starten dürfen. Der Talentpool ist klein und Sport ist kein Mittel zum sozialen Aufstieg mehr, weil es den Kataris auch so ganz gut geht. Geld macht träge. 

Drei von vier Einheimischen sind übergewichtig oder fettleibig. 17 Prozent haben Diabetes, fast doppelt so viele wie in Deutschland. Selbst kurze Strecken fahren die Kataris gern mit ihrem Geländewagen. Fürs zu Fuß gehen ist es zu heiß. Alltagstätigkeiten übernehmen Hausmädchen, Nannys und Köche aus Asien oder Afrika. 

Eine katarische Frau beim Sport © Christian Spiller

Also hat der Emir seine Landsleute zum Sporttreiben animiert. Ab und zu joggt nun jemand Dohas Strandpromenade entlang. Auf Grünflächen wurden Fitnessgeräte gepflanzt, an denen Frauen in Nikabs schwitzen. Auf dem Rasen vor dem Museum of Islamic Art spielen Kinder Fußball, barfuß und im Trikot von Inter Mailand, dem FC Barcelona oder Deutschland. 

"Es geht um die nächste Generation", sagt der Hochspringer Barshim. Er liegt bäuchlings auf einer Pritsche, spielt mit seinem Smartphone und lässt sich von einem ehemaligen sowjetischen Hammerwerfer die zarten Muskeln kneten. Man sehe, dass sich etwas ändere. Die Leute seien motiviert, Sport zu treiben, das sei großartig.

Bisher musste Katar sportliche Höchstleistungen einkaufen. Es bürgerte die ein, die für Ruhm, Ehre und Petrodollars das katarische Trikot tragen wollten. Die erste olympische Medaille des Landes gewann 1992 ein 1.500-Meter-Läufer, der in Somalia geboren worden war. Die nächste sicherte sich Angel Popow, ein Gewichtheber aus Bulgarien, der sich später Said Saif Asaad nannte. Ein kenianischer Hindernisläufer bescherte Katar die einzigen beiden Goldmedaillen bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Barshim ist zwar in Katar geboren, seine Eltern stammen aber aus dem Sudan. 

Die Sportwelt ist misstrauisch geworden. Höhepunkt der Legionärskultur war die Handball-WM im Januar, bei der das katarische Team mit gebürtigen Bosniern, Franzosen, Kubanern und Spaniern Vize-Weltmeister wurde und auch die deutsche Mannschaft aus dem Turnier warf. So werden sie es auch bei der Fußball-WM 2022 machen, fürchten viele. Das Szenario: Katar kauft sich eine Weltauswahl zusammen und auf der Trainerbank sitzt Pep Guardiola, der zum Ende seiner Karriere selbst zwei Jahre in Katar spielte und half, die WM als Markenbotschafter in die Wüste zu holen. Katar hätte dann nicht nur die WM gekauft, sondern auch den WM-Titel. Danach könnte man eigentlich aufhören mit Fußball.

Seit zehn Jahren ziehen Mitarbeiter der Aspire-Academy durch Afrika, Asien und Lateinamerika. Football Dreams heißt die größte Talentsuche der Fußballgeschichte, mehr als 3,5 Millionen Kinder haben für die Abgesandten aus Katar bislang vorgespielt. Die besten Talente werden zum Außenposten der Akademie im Senegal oder gleich nach Doha gebracht. Spielpraxis sammeln die jungen Fußballer in eigens aufgekauften Teams in Europa wie dem belgischen Zweitligisten AS Eupen.

Eingebürgert werden sollen die aufwendig gescouteten Talente aber nicht, behaupten die Kataris. Sie sehen ihr Projekt als fußballerische Entwicklungshilfe. "Unsere afrikanischen Spieler könnten an der WM 2022 teilnehmen", sagt Roberto Olabe, der Fußballdirektor von Aspire, "aber nur für ihre eigene Nationalmannschaft." Football Dreams sei ein Projekt, um jungen Spielern aus ärmeren Nationen den Traum vom Profifußball zu ermöglichen. Der ehemalige Aspire-Schützling Diawandou Diane aus dem Senegal zum Beispiel sei kürzlich vom FC Barcelona gekauft worden und spiele mittlerweile dort für das B-Team – und die Nationalelf des Senegal.

Für Katar wäre es doch tolle Werbung, wenn alle über den nächsten Messi raunen würden, er sei bei Aspire in Doha ausgebildet worden, und nicht mehr an der legendären Fußballschule von Barcelona. Dafür haben sie Josep Colomer nach Katar geholt, einen ehemaligen Scout des FC Barcelona, von dem es heißt, er habe Lionel Messi entdeckt.

Die Talente aus aller Welt sind außerdem gute Sparringspartner für die gebürtigen Kataris. Sie brauchen Spielpraxis auf hohem Niveau. Erste Erfolge gibt es schon: Die U20 Katars wurden vor wenigen Monaten Asienmeister. Alle Spieler sind gebürtige Kataris, alle sind Aspire. Es ist die Generation, die 2022 die WM spielen wird.

2 — Die Fußball-WM
übersicht
  1. 1 — Der Plan
  2. 2 — Die Fußball-WM
  3. 3 — Die Arbeiter
  4. 4 — Im Stadion
  5. 5 — Epilog

Saad Ismail Khalifa al-Jassim weiß noch, wie es war, als die Kataris auf Eseln und Kamelen ritten. Damals, vor dem Gas und dem Öl, waren die Perlen der einzige Reichtum Katars. Und Al-Jassim förderte ihn, tauchte 14 Meter tief, hielt zwei Minuten die Luft an, ehe er wieder ins Boot kletterte. Er war auch Katars erster Bodybuilder.

Noch heute scheint die Drahtigkeit durch seine Dischdascha, das traditionelle katarische Gewand. In seinem Perlenladen posiert auf einem Bild der junge Al-Jassim, nur mit einem Leopardenfell bekleidet. Al-Jassim ist auch Wasserskifahrer und Fakir. Erst gestern hat es der 76-Jährige wieder getan. Auf seinem Handy zeigt er ein Video: Er liegt auf Glasscherben, ein Helfer zertrümmert mit einem Vorschlaghammer Betonplatten auf seinem Bauch. "Die Leute sagen, ich sei der sportlichste Katari", sagt Al-Jassim, "aber ich weiß nicht." 

Saad Ismail Khalifa al-Jassim in seinem Laden © DIE ZEIT

Der Perlenladen von Al-Jassim liegt an einem der wenigen Orte, an denen Katar aussieht wie früher. Der Suk Waqif, der große Basar Dohas, wurde erst vor ein paar Jahren wieder aufgebaut, aber immerhin nach den Kindheitserinnerungen des Emirs. Hier rauchen die Kataris Wasserpfeife, schauen Zauberern zu oder kaufen Falken für die Jagd, ein Hobby der Kataris. Der Emir hat Al-Jassim schon in seinem Laden besucht, natürlich. Der ehemalige Perlentaucher zeigt auch Bilder mit Richard von Weizsäcker, Königin Beatrix und Steffi Graf in einem großen Fotoalbum. Ihnen allen hat er erzählt, wie stolz er auf Katar ist. Und jetzt ist er noch stolzer auf Katar, wegen der Fußball-WM 2022. "Früher fragte in Deutschland doch jeder, wo Katar liegt", sagt er. "Jetzt wissen es alle." 

Auch Hassan al-Thawadi findet die WM gut. Er ist nie nach Perlen getaucht, sondern hat Jura in England studiert. Als Generalsekretär des WM-Organisationskomitees ist er der oberste WM-Beauftragte des Landes – nach dem Emir. In einer Liste der 100 mächtigsten Araber unter 40 Jahren landete Al-Thawadi kürzlich auf Platz 3. Er trägt den Vollbart gestutzt und schaut aus angriffslustigen Augen, bereit, jedes Argument gegen die WM in Katar blitzschnell zu entkräften. Doch auch er konnte nicht verhindern, dass die WM für sein Land bislang ein großes PR-Desaster ist. 

Die Fußball-WM 2022 zu bekommen, war Katars größter Coup. Und es war der Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung. Die WM ist das Brennglas, unter dem die Probleme Katars plötzlich auch im Westen gesehen werden: die Hitze, die fehlende Fußballkultur, die Größe des Landes. Wichtiger noch: Korruptionsvorwürfe, wenig Demokratie, wenig Menschenrechte, keine Pressefreiheit.

Vor wenigen Wochen bekam Katar erneut eine Rüge von Amnesty International, die Situation der Gastarbeiter habe sich kaum verbessert. Journalisten aus Großbritannien und Deutschland, die darüber berichten wollten, wurden festgesetzt. Darüber, dass die WM 2022 gekauft sei, wurden ganze Bücher geschrieben. Die ehemalige Pressechefin des Bewerbungskomitees sagte jüngst, drei afrikanische Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees hätten für jeweils 1,5 Millionen Dollar für Katar gestimmt.

Schauen Sie sich unsere Präsentation an, dann wissen Sie, warum wir die WM bekommen haben. Hassan al-Thawadi, WM-Chef

"Ich verstehe die Kritik", sagt der WM-Chef Al-Thawadi und fügt an, was er dann immer sagt: Das Turnier könne Brücken schlagen, das Verständnis zwischen Osten und Westen befördern. "Gerade das Beispiel Deutschland zeigt, welchen Effekt so eine WM haben kann." Er erinnert an 1954, an das Wunder von Bern, zu dem sich eine Nation neu erfunden habe, und an 2006, als die Deutschen endlich stolz auf sich gewesen seien.

Hassan al-Thawadi © Christian Spiller

Mittlerweile ermitteln die Schweizer Bundesanwaltschaft und sogar das FBI, ob bei der Vergabe des Turniers alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Kataris zittern, ob sie nicht am Ende doch ohne Turnier dastehen. Nach dem angekündigten Rücktritt von Fifa-Präsident Sepp Blatter ganz besonders. Der hatte zwar selbst nicht für Katar gestimmt, aber später seine Hand über die Kataris gehalten. "Wenn ich WM-Organisator in Katar wäre, würde ich jetzt nicht mehr ruhig schlafen", sagte Greg Dyke, der Vorsitzende des britischen Fußballverbandes, der im Dezember 2010 leer ausging. Aus Katar hieß es, das Land habe nichts zu verbergen und Dyke solle sich darauf konzentrieren, ein Team aufzubauen, das die WM 2022 gewinnen kann. 

Hat die WM das Image Katars verbessert oder verschlechtert? "Das kann ich nicht beurteilen", sagt Al-Thawadi. Solche Fragen mag er nicht. Und schon gar nicht welche nach Korruption, etwa nach der Rolle des ehemaligen katarischen Fifa-Vizepräsidenten Mohamed bin Hammam. Der ist ein Jugendfreund des Emirs und ein früherer Stimmenbeschaffer Sepp Blatters. Vor der WM-Vergabe soll er Katars Bewerbung bei den Fifa-Entscheidern mit ein paar Millionen auf die Sprünge geholfen haben. Al-Thawadi schnaubt. "Schauen Sie sich unsere Präsentation vor der WM-Vergabe an, dann wissen Sie, warum wir die WM bekommen haben."  

Professionell hatte sich Katar am 2. Dezember 2010 in Zürich präsentiert. Der Emir war da, seine zweite Ehefrau Scheicha Musa und auch Al-Thawadi. Sie zeigten die üblichen Hochglanzvideos, in denen sich am Computer modellierte hypermoderne Stadien abwechseln mit lachenden Kindergesichtern. Eine kompakte WM versprachen sie, Fans und Spieler müssten nicht reisen, klimatisierte, CO2-neutrale Stadien, die später abgebaut und in Entwicklungsländer gebracht werden. "Wann, denken Sie, ist es Zeit, in den Nahen Osten zu kommen?", fragte Scheicha Musa gegen Ende der Präsentation, um sich selbst zu antworten: jetzt. 

Der damalige Emir, die Scheicha Musa und Sepp Blatter an jenem 2. Dezember 2010 © Laurence Griffiths/Getty Images

Damals war auch Nasser al-Khater dabei. Er ist das zweite Gesicht der WM, neben Al-Thawadi. Er versucht täglich, Katars Image zu retten. Al-Khater ist Kommunikationschef des WM-Organisationskomitees und sitzt in seinem Büro im 34. Stock eines mutig ineinander verschraubten Wolkenkratzers im Westen Dohas. Vor 15 Jahren war hier noch Wüste, nun ist eine Skyline in den Himmel gewachsen.

Al-Khaters Familie ist eine der mächtigsten des Nahen Ostens. Sie ist eng verbandelt mit der Familie des Emirs, den Al-Thanis. Jetzt hat Nasser al-Khater sein Ghutra abgesetzt, das arabische Kopftuch. Der oberste Knopf seiner Dischdascha steht offen. Etwas mürrisch lehnt er in seinem Sessel, viel Lust hat er nicht, den nächsten westlichen Journalisten zu treffen. Immer die gleichen Fragen und die Story vom bösen Katar, das haben sie doch sowieso schon im Kopf. Hat er mit so viel Kritik gerechnet? "Kritik ja, aber keine so gehässige." Fühlt er sich unfair behandelt? "Manchmal schon." Woher kommt diese Gehässigkeit? "Weil wir etwas Neues machen. Das ist menschlich. Menschen sind immer skeptisch, wenn sie etwas Neues sehen." 

Eine Zeit lang dachten die Kataris, irgendwann werde es aufhören, sie müssten nur durchhalten und sagen, dass sie die Kritik vernommen haben. Dann aber fühlten sie sich gekränkt und warfen den Kritikern Rassismus vor. Keiner spricht es offen aus, aber die Sätze liegen in der Luft: Bei jeder WM-Vergabe der vergangenen Jahrzehnte wurde bestochen, warum sollen wir jetzt die Sündenböcke sein? Warum macht der Westen das? Weil wir Geld haben? Weil wir Araber sind? Warum wir? 

Nasser al-Khater, Pressechef der WM © Supreme Comitee

Al-Khater dreht sich eine Zigarette. Er weiß, was in seinem Land alles schiefläuft. Er wirkt, als fände er vieles nicht gut, fast peinlich. Wenn Katar etwa Tausende Arbeitsmigranten einen Halbmarathon in Flipflops laufen lässt, um ins Guinness Buch der Rekorde zu kommen. Wenn es en gros Handballer einbürgert, um Weltmeister zu werden. Er und seine WM-Kollegen scheinen langsam zu verstehen, dass es die Welt mehr beeindrucken würde, wenn sich das Land um Menschenrechte kümmern würde, statt das nächste funkelnde WM-Stadion zu präsentieren. "Wir haben Probleme, die wir lösen müssen", sagt Al-Khater schließlich und bittet um Zeit. "Katar ist ein junges Land." 

Derweil holt sich Katar ein Sportereignis nach dem anderen. Weltmeisterschaften im Tischtennis, Squash, Gewichtheben, Schwimmen, Radfahren und Turnen. Topturniere in Golf, Tennis und der Leichtathletik sind längst Fixpunkte des internationalen Sportkalenders. Neulich spielten Juventus Turin und der SSC Neapel den italienischen Supercup in Doha aus. Bald kommt wohl die Formel 1. Und dass sich Doha für die Olympischen Spiele 2024 bewirbt, gilt als sicher. 

Viele, oft klamme Sportverbände freuen sich über die sportbegeisterten Scheichs. Katars neueste Errungenschaft: die Leichtathletik-WM 2019. Doha stach in der letzten Vergaberunde das US-amerikanische Leichtathletikstädtchen Eugene in Oregon aus. Ein paar Minuten vor der Entscheidung überzeuge Doha den internationalen Verband mit 37 Millionen Dollar. Sie nannten es Sponsoringpaket. 

Katar kauft Weltmeisterschaften, Trainer und Spieler. Bei der Handball-WM kaufte es sogar Journalisten, indem es ihnen die Reise zahlte. Katar kauft auch Fans. In den meist leeren Stadien der heimischen Fußballliga machen bezahlte Fans einen großen Teil der Zuschauer aus. 

Was kauft Katar als nächstes? Den Gegner? Die Schiedsrichter? Das sind Fragen, die für viele an den Grundfesten des Sports rütteln, an seiner Integrität. 

Der Kommunikationschef Al-Khater schaut auf die Bucht von Doha. Vor dem Panoramafenster lehnen Schwarz-Weiß-Fotografien von Johan Cruyff und Gary Lineker. Warum Europa beim Sport die Nase rümpft, an anderer Stelle aber alles kein Problem ist, versteht er nicht. "Wenn Katar seine Türen für westliche Unternehmen öffnet, die hier sehr viel Geld verdienen, gibt es diese Kritik nicht", sagt er. "Warum wird die Sache negativ gesehen, sobald es um Sport geht?" 

Die Antwort geben die Fußballfans, für die Sport vor allem ein Gefühl ist, Leidenschaft und Identität. Sie halten von Retortenteams in der zweiten belgischen Liga ebenso wenig wie von Paris St. Germain, das katarischen Investoren gehört. Womöglich ist es das, was die Kataris nicht verstehen: In Kultur, Bildung oder Technologie zu investieren, ist weniger problematisch. Sport, besonders Fußball, ist aber etwas anderes. Fußball ist für viele ein emotionales Refugium, in dem es nicht darum gehen sollte, wie dick die  Geldbörse ist. Die Diskussion über die Kommerzialisierung des Fußballs, die in Deutschland wegen Wolfsburg, Hoffenheim und dem RB Leipzig geführt wird, wirkt gegen das, was Katar tut, putzig. "Aber wer hat denn begonnen, den Fußball zu kommerzialisieren?", fragt Al-Khater. "Wir haben uns dem westlichen Modell angepasst."

Der Perlentaucher, Bodybuilder und Ladenbesitzer al-Jassim hat früher natürlich auch Fußball gespielt. An seiner Ladentür hängt ein vergilbtes Mannschaftsfoto. Er spielte jede Position, sogar im Tor stand er, als sich einmal der Torwart verletzt hatte. Damals, erzählt er, zahlte er Hemd und Schuhe selbst. Heute bekommen die Spieler viel Geld, um fremde Hemden und fremde Schuhe zu tragen. Auch in Katar. Deshalb schaut sich Al-Jassim keine Fußballspiele mehr an. Nicht mehr. 

3 — Die Arbeiter
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  1. 1 — Der Plan
  2. 2 — Die Fußball-WM
  3. 3 — Die Arbeiter
  4. 4 — Im Stadion
  5. 5 — Epilog

In einem der unzähligen Fußballstadien Dohas ehrt Hassan al-Thawadi die Sieger des Arbeitercups. Dieses Turnier hat sich sein WM-Komitee ausgedacht, für all die Arbeitsmigranten, die an der Zukunft des Landes bauen. Es gibt hübsche Trikots, eine Siegerehrung, einen Pokal, sogar Konfetti. Al-Thawadi schüttelt viele Hände, einen humpelnden Kenianer muss er stützen, er hat sich im Spiel verletzt und kann kaum Gratulationen entgegennehmen. Die Botschaft ist klar: Wir kümmern uns.

Als sich nach Arbeitercup Spieler und Zuschauer versammeln, ist Al-Thawadi schon wieder auf dem Weg nach Hause. Ein überwiegend aus Ghanaern zusammengesetztes Team hat das Finale gewonnen, aber der Jubel über den Pokal ist schnell verflogen. Den Arbeitern einer Baufirma steht eine kurze Nacht in den Betten ihres Containers bevor. Um vier Uhr morgens müssen sie aufstehen, werden zur Baustelle einer Shopping Mall gebracht, kommen gegen acht Uhr abends wieder zurück. 700 Rial bekommen sie im Monat, umgerechnet rund 170 Euro. "700 Dollar hatte man uns versprochen", sagt einer. Den größten Teil des Geldes überweisen sie an ihre Familien zu Hause – oder zahlen die oft vierstelligen illegalen Gebühren ab, die sie der Rekrutierungsagentur in Ghana schulden. Das Essen sei eintönig, Trinkpausen würden auf der Baustelle auch bei 45 Grad manchmal als "Zeitverschwendung" gestrichen.

Die Sieger des Arbeitercup © Christian Spiller

"Wir wollen weg aus Katar", sagen die Migranten. Aber das geht nicht. Ihr Arbeitgeber bestimmt, wann und ob sie das Land verlassen dürfen. Er bestimmt, was sie essen, wo sie schlafen, wie viele Stunden sie arbeiten, ob und wann sie einen Arzt zu sehen bekommen. Der einzige Weg, das Land schnell zu verlassen, ist öffentlicher Protest. Vor einigen Monaten, erzählen die Männer, hätten mehrere ihrer Landsleute auf dem Betriebsgelände gegen ihre Arbeits- und Lebensbedingungen demonstriert. Sie seien verhaftet und wenig später abgeschoben worden. Ohne Lohn. "Wir sitzen fest", sagt einer.

Kafala heißt das System, in dem sie sich verfangen haben. "Kafala", sagt Farah al-Muftah, "war mal eine schöne Idee. Es ist traurig, zu sehen, wie sie pervertiert worden ist." Ihr Büro liegt hoch über Baustellen und Sportplätzen in jenem Wolkenkratzer, in dem das Organisationskomitee für die Fußball-WM 2022 untergebracht ist. Leiterin des Ausschusses für Arbeiterwohlfahrt lautet der Titel Al-Muftahs. Sie soll Katars größtes Problem angehen: Gastarbeiter auf den Baustellen der WM-Stadien vor der weit verbreitete Ausbeutung durch das Kafala-System zu schützen.

Farah al-Muftah, Leiterin des Auschusses für Arbeiterwohlfahrt © Supreme Comitee

Mit 33 Jahren und einem Jura-Abschluss der renommierten Loyola Law School in den USA gehört Al-Muftah zur ersten Generation von Karrierefrauen in ihrem Land. Hosenanzug statt Abaya, das Haar unverhüllt, das Gesicht ungeschminkt, ein Gesichtsausdruck, der eine ausgeprägte Abneigung gegen Small Talk verrät – schon ihr Auftreten signalisiert, dass sie mit vielen Gepflogenheiten ihres Heimatlandes nichts am Hut hat. Auch nicht mit der obligatorischen WM-Begeisterung. "Ich bin nicht gerade ein Fußballfan", sagt sie. Als die Vergabe der Weltmeisterschaft im Dezember 2010 bekannt gegeben wurde und Tausende in den Straßen von Doha feierten, büffelte sie ungerührt am Schreibtisch für ihre Zulassung als Anwältin. Für sie ist die Vergabe der WM weniger ein sportliches Mega-Event als die Chance, Reformen voranzutreiben. Auch die des Kafala-Systems. 

Kafala bezeichnete ursprünglich die Tradition der Beduinen, einem Fremden Nahrung, Wasser und Schutz zu gewähren – also die Verantwortung für sein Wohlergehen zu übernehmen. Heute beschreibt das Wort die fast totale Kontrolle über ausländische Arbeiter in arabischen Ländern.

Das Motiv dahinter ist dasselbe wie in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre: in Zeiten des Aufschwungs billige, rotierende Arbeitskräfte ins Land holen, die man bei nachlassender Konjunktur schnell wieder loswerden kann. Doch in Deutschland wurden aus den Gastarbeitern irgendwann Immigranten. Das soll das Kafala-System in den arabischen Ländern verhindern. Einwanderung ist nicht erwünscht – schon gar nicht in Ländern wie Katar, wo rund 250.000 Einheimische rund zwei Millionen Gastarbeitern gegenüberstehen, die ihren Traumstaat bauen, warten und sauber halten.

Im Kafala-System braucht jeder ausländische Arbeitnehmer für die Einreise einen Kafeel, einen Sponsor, der meist auch der Arbeitgeber ist. Einmal im Land, kann der Ausländer nur mit Erlaubnis des Kafeels wieder ausreisen. Will er den Job wechseln, braucht er ebenfalls das Einverständnis seines Sponsors – ein Freibrief für Missbrauch und Ausbeutung.

Der britische Guardian dokumentierte 2013 zahlreiche Todesfälle und extrem schlechte Arbeitsbedingungen auf den Baustellen in Doha. Verletzungen der Menschenrechte in Bezug auf Gastarbeiter in den Golfländern prangern Amnesty International, Human Rights Watch und internationale Gewerkschaftsverbände seit Jahren an. 12 bis 18 Stunden schuften bei über 40 Grad Hitze, Lohnentzug, verdreckte Unterkünfte, physische Gewalt durch den Kafeel, Verweigerung ärztlicher Behandlung, Rechtlosigkeit vor den Behörden. Die im Guardian beschriebenen Fälle betrafen vor allem Nepalis auf den WM-Baustellen. Ein Fußballturnier, für das Arbeiter sterben, während sie in glühender Hitze klimatisierte Stadien bauen – erst dieses befürchtete Szenario machte die Missstände zum internationalen Skandal. Katar galt von nun an als  "Todesfalle für Migranten", als "Sklavenhalter-Staat."

Al-Muftah reagiert eisig, wenn sie so etwas hört. "Sklaverei", sagt sie, "ist ein inflationär gebrauchter Begriff." Was stimmt. Wer sich aus freien Stücken und zu transparenten Konditionen auf einen Job in Katar, Kuwait oder Saudi-Arabien einlässt, begibt sich zwar in ein riskantes Arbeitsverhältnis, nicht aber in Leibeigenschaft. Unter Katars ausländischen Arbeitnehmern befinden sich Zehntausende Ingenieure, Geologen, Architekten, Professoren, Musiker, Profi-Sportler aus überwiegend westlichen Ländern, die für exzellente Gehälter ins Land geholt wurden. Als First-Class-Kafala-Arbeitnehmer kommen sie mit den Schattenseiten des Systems kaum in Berührung. Anders die Masse der Billiglohnarbeiter, der Dienstmädchen, Bauarbeiter, Müllmänner, Putzkräfte, Küchenhilfen.   

Al-Muftah zählt auf, welche Reformen ihr Ausschuss für Arbeiterwohlfahrt durchgesetzt hat: Löhne müssen nun elektronisch auf die Konten der Arbeiter überwiesen werden. Rückstände lassen sich so schneller nachweisen, "notfalls zahlen wir ausstehende Gehälter", sagt sie, "und ziehen das der Firma bei Ende des Auftrags wieder ab." Wer sich um Ausschreibungen des Organisationskomitees bewirbt, muss die Kriterien von Al-Muftahs Abteilung erfüllen. Dazu gehören eine saubere, klimatisierte Unterbringung für die Arbeiter, drei Mahlzeiten am Tag, medizinische Betreuung, ein Flugticket für den jährlichen Heimaturlaub und ein Workers' Welfare Officer für jede Unterkunft, eine Art Ombudsmann. "Sie können sich das gern selbst ansehen", sagt Al-Muftah.

Also geht es nach Al-Wakrah, in einen Vorort von Doha, in dem eines der vielen WM-Stadien gebaut wird. Die meisten Arbeiter sind gerade auf Schicht, ein paar stemmen Gewichte im betriebseigenen Sportclub, es gibt ein Schwimmbad und einen Kiosk. Maximal vier Mann teilen sich ein blitzblank geputztes Zimmer, der junge indische Arzt berichtet durchaus glaubwürdig von regelmäßigen Untersuchungen, der indische Welfare Officer zeigt stolz Fotos von Freizeitaktivitäten, inklusive den Sieger des Wettbewerbs für akkurates Bettenmachen. 

In Amerika und Europa haben die Bewegungen für Bürger- und Arbeiterrechte Jahrzehnte gebraucht, bis sie ihre Ziele durchsetzen konnten. Farah al-Muftah, Leiterin des Auschusses für Arbeiterwohlfahrt

Immerhin werden hier die Vorgaben des katarischen Arbeitsrechtes eingehalten. Das Problem ist nur: Die Abteilung von Al-Muftah ist samt ihren Inspektoren nur für die Stadionprojekte des WM-Organisationskomitees zuständig – und damit nur für eine kleine Minderheit der Abertausenden von Arbeitern, die in Doha U-Bahntunnel ausheben, Hotels hochziehen, Straßen teeren, das Fifa-Hauptquartier bauen. Und am Kafala-System kann Al-Muftah ohnehin nicht rühren: "Das fällt in die Verantwortung des Staates."

Seit mehr als zehn Jahren wird in arabischen Ländern auf internationalen Druck hin über das Kafala-Systems debattiert, hier und da werden kleinere Reformen beschlossen. Katars Regierung erlaubt Mitarbeitern internationaler NGOs seit einiger Zeit, im Land zu recherchieren. Amnesty und Human Rights Watch können dort Arbeiter befragen, erhalten Zutritt zu den Abschiebegefängnissen, können in Doha Pressekonferenzen veranstalten. Eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinem, die in Saudi Arabien oder Kuwait aber undenkbar wäre. 

Das Kafala-System im Nahen Osten

Katar

Ausländer dürfen nur in Katar arbeiten, wenn sie einen Kafeel, einen Sponsor, meist den Arbeitgeber, haben. Der Gastarbeiter kann nur mit einer Sondergenehmigung für einen anderen Arbeitgeber arbeiten, Die Partnerschaft kann nur übertragen werden, wenn der neue und alte Arbeitgeber damit einverstanden sind. Das Recht seinen Sponsor zu wechseln, ist nicht gesetzlich verankert und liegt im Ermessen der Sponsoren.

Wurde dem Gastarbeiter kein sogenannter Freilassungsbrief oder kein Einspruchszertifikat (NOC) garantiert, darf er Katar frühestens nach zwei Jahren wieder betreten, um für einen anderen Arbeitgeber zu arbeiten.

Es wird eine Ausreiseerlaubnis benötigt.

Bahrain

2009 nahm Bahrain zwischenzeitlich die stärksten Reformen der Region vor. Gastarbeiter durften ihr Arbeitsverhältnis, ohne Einverständnis des Arbeitgebers, wechseln und wenn sie ihre Löhne nicht gezahlt bekamen oder misshandelt wurden. Arbeiter durften ihr Arbeitsverhältnis wechseln, wenn sie bestimmte Kündigungsvoraussetzungen einhalten. Den Gastarbeiten wird ein 30-tägiges Aufenthaltsrecht gewährt, um sich eine neue Arbeit zu suchen. Diese positiven Veränderungen gelten nicht für Hausangestellte. Aber: Die Regeln wurden wieder zurückgenommen: Jeder Gastarbeiter muss seit 2011 wieder mindestens ein Jahr bei seinem ursprünglichen Arbeitgeber arbeiten, bevor er ohne dessen Erlaubnis einen neuen Job suchen kann.

Es wird keine Ausreiseerlaubnis benötigt.

Vereinigte Arabische Emirate

Die Gesetze der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verlangen, dass Gastarbeiter grundsätzlich von Bürgern der VAE gesponsort werden müssen. Das gilt nicht für Hausangestellte, die auch von Besitzern anderer Staatsangehörigkeiten gesponsort werden können. Unternehmen können ihre Angestellten sponsoren, wenn Bürger der VAE Partner, Besitzer oder Anteilseigner des sponsorenden Unternehmens. Möchte ein ausländischer Arbeiter seinen Arbeitgeber wechseln, ohne mindestens zwei Jahre für den ursprünglichen Arbeitgeber gearbeitet zu haben, wird ihm ein Arbeitsverbot auferlegt. Das reicht von sechs Monaten bis zu einem Jahr.

Eine generelle Regel ist, dass ein Arbeitsverbot nur auferlegt wird, wenn ein ausländischer Arbeiter seinen Arbeitgeber wechseln möchte ohne ein Minimum von zwei Jahren für den ursprünglichen Arbeitgeber gearbeitet zu haben. Arbeitsverbote reichen von sechs Monaten bis zu einem Jahr.

Das Verbot kann aufgehoben werden, wenn der neue Arbeitgeber dem Gastarbeiter einen Job in einer höheren Position anbietet, mit gleichen oder besseren Bezügen.

Es wird keine Ausreiseerlaubnis benötigt.

Saudi-Arabien

Saudi-Arabiens System verlangt von allen Gastarbeitern einen Sponsor . Der ist für Visa und die Aufenthaltserlaubnis verantwortlich. Im April 2012 schlug das Arbeitsministerium vor, das Kafala-System durch ein System aus Einstellungs- und Arbeitsvermittlungen zu ersetzen. Später wurde dieser Vorschlag zurückgezogen

Eine wird Ausreiseerlaubnis benötigt.

Kuwait

In Artikel 3 des privaten Arbeitsrechts Kuwaits steht, dass ausländische Arbeiter eine Arbeitserlaubnis des Ministeriums für Soziales und Arbeit haben müssen. Diese bekommen sie durch das Sponsoring einer in Kuwait beheimateten Firma. Von der hängt auch die Erlaubnis der Weitergabe des Arbeiters an einen anderen Arbeitgeber ab.

Das Ministerium für Soziales und Arbeit richtete jüngst die Behörde für Arbeitsmarktfragen ein, um das Sponsoringsystem für die Arbeit im privaten Sektor abzuschaffen. Die Behörde ist für alle Arbeitsangelegenheiten auf privater Ebene verantwortlich, eingeschlossen das Anwerben ausländischer Arbeiter und die Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber.

Es wird keine Ausreiseerlaubnis benötigt.

Oman

Im Kafala-System ist es Gastarbeitern nicht erlaubt den Arbeitgeber zu wechseln, ohne dass der Sponsor damit einverstanden ist. Sollte der Gastarbeiter das doch tun, so wird er nach einer Gesetzgebung von 2003 als illegaler Einwanderer eingestuft.

War der Beschäftigungszeitraum des Arbeiters im Oman kürzer als zwei Jahre, braucht er einen sogenannten Freilassungsbrief von seinem Sponsor der beinhaltet, dass der Sponsor keine Einsprüche gegen eine Beschäftigung des Arbeiters bei einem anderen Arbeitgeber hat. Nur so verstößt er nicht gegen die Zweijahres-Beschränkung.

Es wird keine Ausreisegenehmigung benötigt.

2013 beauftragte das Emirat die internationale Anwaltskanzlei DLA Piper mit einer Studie zu Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht. In einem über 130 Seiten starken Bericht empfahl DLA Piper leicht verklausuliert, das Kafala-System abzuschaffen, völlig überforderte Ministerien auf Vordermann und die nationalen Gesetze endlich in Einklang mit internationalen Rechtsgrundsätzen zu bringen. Im Mai 2014 versprach die Regierung tatsächlich die Abschaffung des Kafala-Systems. Doch seitdem herrscht Stille im Palast des Emirs. Offenbar sind die Widerstände unter katarischen Wirtschaftsunternehmen und in der einheimischen Bevölkerung zu groß. Also unter jenen Staatsbürgern, die sich mit einem Heer von Heloten umgeben haben, dessen Arbeit und Dienste sie brauchen, dessen politische Emanzipation sie aber fürchten.

Katar kommt unterdessen in die heiße Bauphase für 2022. Mehrere Hunderttausend zusätzliche Arbeiter müssen angeheuert werden. Die Zeit wird knapper, die Versuchung größer, das Letzte aus diesen rechtlosen Billiglöhnern herauszupressen.

"In Amerika und Europa haben die Bewegungen für Bürger- und Arbeiterrechte Jahrzehnte gebraucht, bis sie ihre Ziele durchsetzen konnten", sagt Al-Muftah, "gebt uns mehr Zeit". Doch wenn Katar der Welt so triumphierend einen Blitzaufstieg zum Top-Player auf allen Gebieten vorführen kann, warum soll ausgerechnet der Schutz jener, die ihre Knochen dafür hinhalten, Jahrzehnte warten?

4 — Im Stadion
übersicht
  1. 1 — Der Plan
  2. 2 — Die Fußball-WM
  3. 3 — Die Arbeiter
  4. 4 — Im Stadion
  5. 5 — Epilog

Auf den ersten Blick sind es ganz normale Fußballfans. Sie trommeln fast das ganze Spiel, klatschen im Rhythmus und singen manchmal. Wie überall auf der Welt. Sie singen für Al-Arabi, einen der bekanntesten Fußballvereine Katars, den siebenmaligen Meister, für den schon Gabriel Batistuta und Stefan Effenberg spielten, als sie sich ihr Karriereende vergolden ließen.

Wenn es also irgendwo in Katar so etwas wie Fußballstimmung geben sollte, dann hier, im Stadion Grand Hamad. Auch wenn die vergangenen Jahre etwas schwieriger waren und nicht mehr Batistuta der Star ist, sondern Ashkan Dejagah, ein Deutschiraner, der mal für Hertha BSC und den VfL Wolfsburg aktiv war und Schlagzeilen machte, als er sich weigerte, für das deutsche U21-Team gegen Israel anzutreten. Heute trägt er ein paar Kilo zu viel und fällt vor allem dadurch auf, dass er seine Mitspieler beschimpft. 

Fans beim Spiel von Al-Arabi © Christian Spiller

Irgendwas aber ist seltsam an diesen Fans. Die 60 Männer im sonst fast menschenleeren Stadion klatschen und singen nicht wie jemand, der von Herzen klatscht und singt. Sie tragen einheitliche Westen, mit denen sie an Streikende erinnern. Alles schaut gut organisiert aus. Zwei englische Fußballtouristen erzählen, die Gruppe sei mit Kleinbussen gekommen und ins Stadion geschlendert, ohne Eintrittskarten zu zeigen. 

Im nächsten Stadion einen Tag später das gleiche Bild. Die Mannschaft von Lekhwiya wird gerade katarischer Meister, einen Spieltag vor Schluss, durch ein 3:1 gegen den Club Al-Ahli. Es gibt einen Pokal, ein kleines Feuerwerk, glitzerndes Konfetti und Spieler, die sich in die Arme fallen. Zum entscheidenden Spiel sind allerdings nur 1.800 Zuschauer gekommen, viele von ihnen wirken dressiert. Dort steht ein Grüppchen Gastarbeiter und singt die erste Halbzeit lang, schweigt dann wie auf Kommando und legt die letzten zehn Minuten wieder los. Einer anderen Gruppe hat ein Aufseher Fähnchen in die Hand gedrückt, sie werden artig geschwenkt. Der Aufpasser schreitet die Reihen ab: Wer sein Fähnchen zu lustlos hält, wird ermahnt.  

Reden wollen diese Fans mit Fremden zunächst weder bei Al-Arabi noch bei Lekhwiya. Einem Fan verbat ein Aufseher, sich in der ersten Halbzeit ein Wasser zu holen, er musste bis zur Pause warten. Doch dann spricht einer, nennen wir ihn Stephen aus Nigeria. Stephen ist seit ein paar Monaten in Katar und sucht Arbeit. Für ein Spiel bekommt er sechs Euro. Dafür wird er mit einem Bus voller Arbeiterfans zum Stadion gefahren, winkt mit Fähnchen und wird wieder in die Unterkunft zurückgebracht. Ein bisschen unangenehm sei ihm das schon, sagt er, aber immerhin sehe er ganz guten Fußball. 

Michael Laudrup weiß von diesen Fans. Der Däne trainiert seit Beginn dieser Saison Lekhwiya. Er war Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre einer der besten Fußballer der Welt, spielte für den FC Barcelona und Real Madrid, Trainer war er in Spanien und England. Immerhin, sagt Laudrup, habe man mit den Jubelkataris ein paar Leute im Stadion. Und fügt hinzu: "Das ist total seltsam für Sie und für mich, weil wir aus Ländern kommen, die fußballverrückt sind."

Laudrup war als Spieler ein Ästhet, elegant, stand für romantische Pässe und das schöne Spiel. Als Trainer trägt er die Haare leicht verwuschelt, das Hemd lässig über der Hose, ein wenig Weltschmerz im Gesicht. Er passt so gar nicht rein in dieses Katar, das Land aus Beton, Glas und Geländewägen. Laudrup erzählt, wie wenig Macht er als Vereinstrainer hat, weil alles der Nationalelf untergeordnet wird. Wenn ein Nationalspieler verletzt ist, entscheidet das Nationalteam, wann er wieder spielen kann. Das Land habe zwar Geld, Infrastruktur und hole viel fremdes Wissen aus der ganzen Welt ins Land, erzählt er, aber: "Katar ist kein Fußballland." Die Entwicklung einer Fußballkultur könne es nicht beschleunigen.

Michael Laudrup, Trainer von Lekhwiya SC © DIE ZEIT

Dabei ist Katar nicht völlig ohne Fußballbegeisterung. An einem Champions-League-Abend läuft am Basar Suk Waqif in den Restaurants auf großen Fernsehern Fußball, wie überall auf der Welt. Davor sitzen Kataris und fiebern mit. Die meisten aber bleiben wohl in ihren klimatisierten und komfortablen Häusern. Dort schauen sie Paris St. Germain zu, die dem Land praktisch gehören, oder dem FC Barcelona, dem Champions-League-Sieger, der für Katar Werbung macht. 

Die örtlichen Clubs aber sind den Kataris egal. Und so herrscht in den Stadien eine aseptische Atmosphäre. Niemand steht an den Ticketschaltern an, die Sitze sind vom Wüstensand eingestaubt. Die wenigen Zuschauer, die kein Geld bekommen, um da zu sein, haben die Füße auf die Rückenlehne des Vordersitzes gestellt und spielen gelangweilt mit ihren Smartphones. Ordner bewachen mit dem Rücken zum Spielfeld verwaiste Kurven. Die Retorte, man kann sie förmlich riechen. Das Geld auch. 

Die Zeit wird nicht rückwärts laufen. Michael Laudrup, dänischer Trainer von Lekhwiya SC

"Ich war früher auch ein Fußballromantiker", sagt Laudrup. "Aber das ist die Welt, in der wir leben. Fragen Sie die Fans von Manchester United, ob sie lieber mit amerikanischen Geldgebern oben mitspielen oder mit britischen Besitzern regelmäßig Vierter werden", sagt er. Laudrup weiß, dass es in Manchester vor ein paar Jahren große Aufregung gab, als der Club von Amerikanern übernommen wurde. Ein paar Fans wandten sich ab und gründeten einen neuen Verein. Die meisten aber schluckten einmal und blieben. Darauf setzen die Fußballunternehmer. Der Sport fasziniert so sehr, dass es alle Bedenken überstrahlt. Nur deshalb schaffen es Fans, auf die Fifa zu schimpfen und gleichzeitig über eine Fifa-WM zu jubeln. 

Am Ende verteidigt Laudrup Katar. "Ich verstehe die Skepsis", sagt er. "Aber ich glaube, einige Kritik ist nicht fair." Alles konzentriere sich auf Katar, dabei finde die nächste WM in Russland statt, schon in drei Jahren. In einem Land, das gerade Krieg führt. Und auf der einen Seite Katar und die WM kritisieren, aber die Europäer, die mit Katar und der WM Geschäfte machen, nicht. Laudrup sucht ein passendes Wort, ihm fällt nur das dänische ein: hykleri, Heuchelei. Wenn Katar bei den Sportverbänden vorstellig wird, die eine WM zu vergeben haben, gehören zum Ergebnis immer zwei: einer, der gibt, und einer, der nimmt. Sagt Laudrup. 

Der Däne klingt wie jemand, der gehadert hat mit dieser Erkenntnis. Dass man sich im Fußball der Zeit anpassen muss, wie im Leben. Dass es kein Zurück gibt. Er hält sein Smartphone in die Luft. "Ich kann auch hiergegen sein, weil die Leute weniger miteinander reden und stattdessen WhatsApp-Nachrichten senden", sagt er. "Aber wir können das nicht ändern. Die Zeit wird nicht rückwärts laufen." 

5 — Epilog
übersicht
  1. 1 — Der Plan
  2. 2 — Die Fußball-WM
  3. 3 — Die Arbeiter
  4. 4 — Im Stadion
  5. 5 — Epilog

In der kommenden Saison wird Xavi in Katar spielen. Der Kopf des FC Barcelona, der vielleicht besten Mannschaft aller Zeiten, wird dann in Stadien wie dem von Lekhwiya auflaufen.

Ein paar Scheichs werden in den riesigen, gut gekühlten Logen sitzen, hinter einer Glaswand und in dick gepolsterten Sesseln.

Auf der Gegentribüne werden Arbeiter, die ein paar Stunden zuvor noch an WM-Stadien bauten, für ein Taschengeld Fußballatmosphäre simulieren.

In den gleißenden Katakomben wird roter Teppich zu den Spielerkabinen führen. 

Der Rasen wird in perfektem Grün leuchten. Vor dem Haupteingang wird ein Springbrunnen plätschern. Das Stadion wird in der Wüste funkeln wie ein verirrtes Ufo.  

Und einige werden sagen, dass hier der Fußball der Zukunft gespielt wird.

Debatte

Gefährdet Katar den Kern des Sports oder ist die Kritik heuchlerisch, weil der Sport sowieso schon durchkommerzialisiert ist? Sollte Katar die Fußball-WM 2022 wieder weggenommen werden oder sollte allen klar sein, dass bei jeder WM-Vergabe in den vergangenen Jahrzehnten Schiebung im Spiel war? Und was ist mit den Arbeitern?Über diese Fragen können Sie hier diskutieren.

Team

Text: Andrea Böhm, Christian Spiller
Fotos und Video: DIE ZEIT, Christian Spiller 
Videoschnitt: Adrian Pohr
Grafik: Sascha Venohr
Redigatur: Meike Dülffer, Oliver Fritsch