Video: Still: Einschulung Golzow

Die neuen Kinder von Golzow

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Dem ostdeutschen Filmdorf Golzow gehen die Erstklässler aus. Doch Bewohner und Bürgermeister konnten die Schule retten: mithilfe von Flüchtlingskindern.

1 — Die Einschulung
übersicht
  1. 1 — Die Einschulung
  2. 2 — Das schrumpfende Dorf
  3. 3 — Die rettende Idee
  4. 4 — Familie Sayed Ahmad
  5. 5 — Die Filmchronik
  6. 6 — Die neuen Kinder

In Kamalas Schultüte stecken Buntstifte, Haargummis, Süßigkeiten und irgendwo dazwischen ihr neues Leben. Die pinke Papptüte ist so schwer, dass das Mädchen sie kaum halten kann. Kamala gibt sich Mühe, winkt, lächelt für das Gruppenfoto in die Kameras der Eltern. Spaghettiiiiii! Ameisenbäääääär! Fahrradspeiiiiiiche!

Kamala versteht nicht, was die anderen Kinder da rufen. Sie guckt kurz irritiert ihren Bruder an, dann macht sie einfach mit. So haben sie und ihr Bruder Burhan es in den vergangenen zwei Monaten immer gehalten: lächeln und mitmachen.

Zehn Jungs und zehn Mädchen feiern an diesem warmen Spätsommertag ihre Einschulung in der Grundschule im brandenburgischen Golzow. Dem Dorf, das mit der Langzeitdokumentation Die Kinder von Golzow im Lauf der vergangenen 50 Jahre bundesweit Kino- und Fernsehzuschauern bekannt geworden ist.

Während sie auf der Treppe stehen und für ihr erstes Klassenfoto posieren, ertönt ein Martinshorn. Niemand lässt sich von dem vorbeibrausenden Feuerwehrauto stören. Nur Kamala, Burhan und Nour zucken zusammen und blicken für einen Moment verunsichert zu ihren Eltern. Für Kamala, Burhan und Nour bedeuten Sirenen Bomben und Tod.

Die drei Kinder kommen aus Syrien, ihre Familien sind vor dem Krieg nach Deutschland geflohen. Die Geschwister Kamala und Burhan kommen aus der Hafenstadt Latakia im Nordwesten Syriens, Nour stammt aus der Hauptstadt Damaskus. Sie sprechen wenige Worte Deutsch, aber "mit Händen und Füßen" werde der Unterricht schon klappen, sagt die Klassenlehrerin Marina Brauer. Seit mehr als 30 Jahren unterrichtet sie in Golzow, hat nie woanders gearbeitet und möchte auch nie woanders arbeiten. Sie versteht kein Arabisch und hat sich in den Sommerferien zum ersten Mal ausführlich mit Syrien beschäftigt. Wo liegt das genau? Und was ist da los?

Jetzt sitzen in ihrer ersten Klasse drei Flüchtlingskinder. Sie stellt sich gerne der Herausforderung. Denn egal, wie aufregend und anders das neue Schuljahr für sie werden wird, am größten ist die Erleichterung, dass sie überhaupt wieder eine Klasse bekommen hat. Fast hätte in diesem Jahr in Golzow keine Einschulung stattgefunden.

Kamala und ihr Bruder Burhan mussten vor zwei Jahren aus Syrien fliehen. Jetzt werden sie in Golzow eingeschult. © Simone Gaul
2 — Das schrumpfende Dorf
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  1. 1 — Die Einschulung
  2. 2 — Das schrumpfende Dorf
  3. 3 — Die rettende Idee
  4. 4 — Familie Sayed Ahmad
  5. 5 — Die Filmchronik
  6. 6 — Die neuen Kinder

Im März, ein halbes Jahr vor der Einschulung, kam die Nachricht, die das Dorfleben auf den Kopf stellte. Das Schulamt verweigerte der Grundschule "Kinder von Golzow" die Genehmigung, nach den Sommerferien eine neue erste Klasse einzurichten. In Brandenburg muss eine Schule mindestens 15 neue Schüler vorweisen. Golzow aber hat schon lange ein Einwohnerproblem. Das Dorf schrumpft. Jetzt, sagte die Behörde, gebe es nicht mehr genügend Kinder, die den Einschulkriterien entsprächen.

Ausgerechnet Golzow, dem Ort der Kinder von Golzow, gehen die Kinder aus. Dabei definiert sich das Dorf über dieses einmalige Filmprojekt, das 1961 mit der Einschulung einer ersten Klasse begann und erst 2007 beendet wurde.

Video: So sieht Golzow heute aus Abspielen
Fahrt durch Golzow

Auf dem Ortsschild steht: "Golzow, Ort der Kinder von Golzow". Über der Schule steht: "Hier gingen die Kinder aus dem Film Die Kinder von Golzow zur Schule." Direkt neben der Schule befindet sich das Filmmuseum Die Kinder von Golzow, das gleichzeitig Dorfmuseum ist und Bibliothek für die Schüler. Und der Bürgermeister Frank Schütz erzählt gerne eine Anekdote aus seinem Urlaub in den italienischen Alpen: "Beim Wandern fragte mich mal einer: Sie kommen aus Golzow? Aus dem Golzow? Ja, habe ich gesagt, aus dem Golzow."

Ihre Schule ist für die Golzower ein besonders sensibles Thema. Doch auch sie trifft das Problem aller bevölkerungsschwachen Landkreise im Osten. Weil es zu teuer ist, viele kleine Schulen für wenige Kinder zu finanzieren, sollen Schulen zusammengelegt werden. Mehr als 60 Standorte stehen allein im Golzower Landkreis Märkisch Oderland zur Disposition.

Die Rektorin Gaby Thomas hatte alles getan, um eine neue erste Klasse zu ermöglichen. Sie telefonierte mit dem Schulamt, sie alarmierte den Bürgermeister, vor allem hatte sie eigentlich genügend Kinder auf ihrer Liste. Doch das Schulamt strich die Liste zusammen: Sitzenbleiber zählten nicht, ein Inklusionskind mit geistiger Behinderung zählte nicht, ein Kind aus dem Nachbarort zählte nicht, ein noch nicht in Golzow angemeldetes Kind aus Bayern, das neu ins Dorf ziehen würde, zählte nicht.

Also informierte Thomas die Eltern: Vielleicht müssten die Golzower Kinder auf eine andere Schule gehen. Den meisten Golzowern ging es damit wie Familie Hartinger: die Dorfwelt brach zusammen. "Ich bin doch selbst hier zur Schule gegangen", sagt Manuela Hartinger. Ihre ältere Tochter kommt in die dritte Klasse der Golzower Schule, der kleine Bruder sollte folgen. Eine andere Schule kam für die Familie nicht infrage.

In seinen besten Tagen Ende des 19. Jahrhunderts hatte Golzow 1.500 Einwohner, durch die großen Kriege schrumpfte die Bevölkerung drastisch. In den 1970er Jahren war sie immerhin wieder auf etwa 1.300 Golzower angewachsen, es gab 15 Betriebe und ausreichend Arbeitsplätze in der Landwirtschaft. Doch mit der zunehmenden Industrialisierung verschwanden Arbeitsplätze und Einwohner. Maschinen melken die Kühe in den verbliebenen beiden Kuhställen, von acht Melkern arbeiten noch zwei. Eine große Supermarktkette hatte es nach der Wiedervereinigung mit einer Filiale im Dorf probiert, sie aber nach ein paar Jahren wieder geschlossen.

Heute hat Golzow 867 Einwohner, einen Bäcker, einen Dönerimbiss, einen Eisladen. Wer einkaufen will, muss 13 Kilometer in die Kreisstadt Seelow fahren. Immerhin: Noch immer gibt es eine Pension, einen Bahnhof und zwei Bushaltestellen.

3 — Die rettende Idee
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  1. 1 — Die Einschulung
  2. 2 — Das schrumpfende Dorf
  3. 3 — Die rettende Idee
  4. 4 — Familie Sayed Ahmad
  5. 5 — Die Filmchronik
  6. 6 — Die neuen Kinder
Video: Bürgermeister Frank Schütz zu den Flüchtlingen im Dorf Abspielen
Vorbehalte? Ängste? Der Bürgermeister Frank Schütz berichtet, wie die Golzower auf die Ankunft der syrischen Familien reagiert haben. Und erkennt, dass die Geschichte der Flüchtlinge sie oft an die eigene Familiengeschichte erinnert.

Frank Schütz will das Schrumpfen aufhalten. Er ist ehrenamtlicher Bürgermeister, Mitglied der örtlichen CDU und hat zwei Kinder im Schulalter.

"Wenn eine kleine, einzügige Dorfschule wie unsere keine erste Klasse aufmachen kann, bedeutet das den Anfang vom Ende", sagt er. Kein Ort mehr für den Nachwuchs. Kein Ort, auf den Feuerwehr und Sportvereine ihre Zukunft setzen können. Und im besonderen Fall von Golzow: keine Identität mehr.

Schütz will erreichen, dass der Zug wieder stündlich in Golzow hält. Er will verhindern, dass rings um sein Dorf Armeen von Windrädern aufgestellt werden – "sonst haben wir mehr Windräder als Kinder". Und vor allem will er verhindern, dass das Land Brandenburg ausgerechnet seine Schule schließt.

Schon länger hatte im Raum gestanden, dass Golzow Flüchtlinge aufnehmen sollte – irgendwann einmal. Im April warf Schütz alle langfristigen Pläne über Bord und bot dem Landrat an, sofort zwei Familien aufzunehmen und deren Kinder in der Dorfschule einzuschulen. Die Gemeinde hatte elf leerstehende Wohnungen, zwei davon waren ohne größere Renovierungsarbeiten bezugsfertig. Auch wenn zunächst nicht alle Nachbarn begeistert waren: Innerhalb weniger Tage bekam Golzow plötzlich zehn neue Einwohner, vier Erwachsene und sechs Kinder. Drei davon kamen auf die Schulkinderliste, die dem Schulamt damit lang genug war. Die ins Stocken geratenen Einschulungsvorbereitungen nahmen doch noch ihren Lauf.

An einem lauen Sommerabend kurz vor Beginn der Sommerferien steht Schulleiterin Thomas in einem Klassenraum und versucht, den Beamer anzuschließen. Sie will ein Übersetzungsprogramm an die Wand projizieren. Es klappt nicht. Aber Thomas ist gut vorbereitet. Heute will sie mit den neuen Familien alle Fragen rund um die Einschulung klären. Da es im Landkreis keinen Arabisch-Dolmetscher gibt, springt ein Bekannter aus einem der Nachbardörfer ein, der vor vielen Jahren Hocharabisch gelernt hat. Die Golzower sind gut im Improvisieren.

Video: Die neuen Mitschüler in Golzow Abspielen
Fast hätte die Grundschule in Golzow keine erste Klasse mehr gehabt. Doch dank der Flüchtlingskinder kam der Jahrgang doch zustande. Das Video zeigt, wie Eltern und Kinder auf die Einschulung vorbereitet werden.

"Halima, wenn sich die Kinder für den Sportunterricht umziehen, ist das ein Problem? Wegen eurer Religion?" Der Übersetzer übersetzt, Halima lacht. "No, no", sagt sie auf Englisch. "No problem." Halima Taha ist 29 Jahre alt und lacht viel an diesem Abend. Sie ist offen, kommunikativ. Sie will viel wissen, aber vor allem möchte sie, dass ihre Kinder Kamala und Burhan in der Schule behandelt werden wie alle anderen Kinder auch.

"Wir wissen das ja nicht, wir wollen keine Fehler machen", sagt Thomas. Dann hat sie noch eine Frage. "Haben eure Kinder schlimme Dinge gesehen? Haben sie Traumata, von denen wir wissen müssen?" Halima und ihr Mann Fadi Sayed Ahmad schauen sich kurz an. "Vor der Flucht waren sie lebhafter. Vor allem Burhan war lange Zeit sehr still", sagt Halima. Aber es werde mit jedem Tag besser. Hier in Golzow haben sie ein gutes, ruhiges Leben.

Nur dass das Geräusch einer Feuerwehrsirene bei drei Kindern Panik auslöst, während 17 Schüler an ein schickes, rotes Feuerwehrauto denken.

4 — Familie Sayed Ahmad
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  1. 1 — Die Einschulung
  2. 2 — Das schrumpfende Dorf
  3. 3 — Die rettende Idee
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  5. 5 — Die Filmchronik
  6. 6 — Die neuen Kinder
Kamala und Burhan packen zu Hause ihre Geschenke zur Einschulung aus. © Simone Gaul

Familie Sayed Ahmad ist nach der Einschulung wieder zu Hause. Der jüngste Sohn Hamza läuft durch die Wohnung und isst Zuckerperlen, Burhan spielt mit der kleinen Katze, die seit ein paar Wochen bei ihnen wohnt, und Kamala packt schon wieder eine Schultüte aus. Die Nachbarin hat Mini-Schultüten für die Kinder gehäkelt.

"Wir haben so tolle Nachbarn", sagt Halima und lacht. Sie verschwindet in der Küche, kommt wieder mit Tellern voller Äpfel und Birnen. "Wollt ihr Kaffee?" Sie wartet keine Antwort ab und huscht schon wieder in die Küche.

Am Anfang hatte die Familie nur das Allernötigste: Bett, Stuhl, Tisch, Herd, Kühlschrank. Inzwischen ist die Wohnung der Familie gut ausgestattet. Die Golzower haben Möbel gespendet, eine Frau aus dem Nachbardorf bringt immer wieder Kleider vorbei, und das eine oder andere konnten sich Halima und ihr Mann Fadi von dem Taschengeld, das ihnen ausbezahlt wird, dazu kaufen.

Sobald sie Deutsch gelernt haben, wollen sie arbeiten. Fadi hilft schon im Garten der Schule. Für 1,20 Euro in der Stunde kümmert er sich um die Blumen. Mehr darf er noch nicht verdienen, da das Asylverfahren der Familie nicht abgeschlossen ist.

Fadi, Halima und ihre Kinder sind Anfang des Jahres in Deutschland angekommen, zwei Jahre waren sie auf der Flucht. Der kleine Hamza war sechs Monate alt, als sie aus Syrien aufgebrochen sind. Ihr Weg führte die Familie erst in die Türkei, wo sie ein Jahr lang lebte, dann über Zypern, Brasilien – das einzige Land, das ihnen ein Visum gab –, wieder über die Türkei, nach Griechenland, Italien und schließlich nach Deutschland. Zwei Mal sind sie mit einem Boot über das Mittelmeer gefahren. Wenn sie von ihrer Odyssee erzählen, fängt Halima an zu weinen. Sie ist abwechselnd traurig und wütend. "Es gibt keine Würde", tippt sie in den Arabisch-Deutsch-Übersetzer auf ihrem Handy. Würde. Ein abstrakter Begriff, über den man sich keine Gedanken macht, bis man sie verliert. Bis man in der Türkei dreimal mehr für eine Wohnung bezahlen muss als die Einheimischen. Bis man in Zypern im improvisierten Zeltlager schlafen muss, obwohl das Geld für ein Zimmer in einer Pension gereicht hätte. Bis man seiner eigenen Tochter im Schlepperboot wieder Windeln anziehen muss, da es keine Toilette gibt.

Fadi und Halima fühlen sich in Golzow endlich in Sicherheit. © Simone Gaul

"Wir hatten in Syrien ein gutes Leben!", sagt Halima. Ihr Mann arbeitete im Verwaltungsbüro einer Baufirma, sie kümmerte sich um die Kinder. "Wir hatten alles, uns ging es gut, ich hätte nie gedacht, dass wir einmal nach Deutschland fliehen." Kamala ging in Latakia in die erste Klasse, sie war eine gute Schülerin.

Dann kam der Krieg und aus Zukunftsträumen wurden Überlebensträume. "Alhamdulillah, meine Kinder sind nicht gestorben. Gott sei Dank", sagt Halima, wischt sich eine Träne aus dem Gesicht und verschwindet wieder in der Küche.

Am Nachmittag haben die Nachbarn der zweiten syrischen Familie für die Neuankömmlinge eine Einschulungsfeier im Schrebergarten organisiert. Zwischen Obstbäumen hängen Schultütengirlanden, darunter sitzen Merfat Sheikh Mohammed und ihr Mann Mahmoud Ahmad Hamash an einem gedeckten Biertisch, trinken mit ihren Golzower Nachbarn Filterkaffee und essen Kuchen. Auch die zweite syrische Familie hat sich im Dorf eingelebt. Ihre drei Kinder spielen auf einer Decke Lego und freuen sich, als Hamza, Burhan und Kamala dazukommen. Die Erwachsenen unterhalten sich, so gut es geht. Halima packt eine Wasserpfeife aus. "Sind das Drogen?", fragt die Nachbarin aus dem Neubau. "Ich kenn das doch von den Jugendlichen vom Skateplatz." Halima lacht. "Da ist nur Minze drin und Kirsche, no drugs!" Halima und Fadi rauchen. Die Nachbarin macht ihre Zigarette aus, zögert und geht dann doch rüber zu den beiden und zieht einmal an der Schischa. Ein Moment der Völkerverständigung in einem Schrebergarten im Oderbruch.

5 — Die Filmchronik
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  6. 6 — Die neuen Kinder

"An so einem Tag bewegen uns oft große Gedanken. Zum Schulbeginn dieser Kinder und ihrer jungen Lehrerin nur der Hinweis, dass ihre Schule in Golzow liegt, einem kleinen Dorf im Oderbruch ..."

So beginnt der Erzählerkommentar von Winfried Junge in Wenn ich erst zur Schule geh’..., seinem ersten Film über Golzow. 1961, wenige Tage nach dem Bau der Berliner Mauer, war der damals 25-jährige Berliner Regisseur mit einem Kamerateam nach Golzow gekommen. Er filmte die Einschulung der Kinder des Dorfes; wie sie zum ersten Mal im Klassenzimmer sitzen, wie sie nach Golzower Tradition ihre Schultüten suchen, die die Zweitklässler für sie in den Büschen vor der Schule versteckt haben.

46 Jahre lang begleitete Junge die Golzower auf ihrem Lebensweg und erstellte damit eine Chronik des Dorfs. Es wurde sein Lebenswerk: Die Kinder von Golzow. "Das geht nur, wenn man Freunde wird. Und das wurden wir", sagt Junge heute.

Die Langzeitdokumentation dauert 42 Stunden. Die ersten Teile betrachten einzelne Lebensabschnitte: die Einschulung, nach einem Jahr, die Kinder mit 14 Jahren. Später schneidet Junge Einzelporträts seiner Protagonisten, vor dem jeweiligen zeitgeschichtlichen Hintergrund. Er widmet sich dem DDR-Regime, dem Mauerfall, der Zeit danach. In seinem letzten Teil Und wenn sie nicht gestorben sind zeigte er 2007 die Kinder von Golzow, die 50 Jahre alt geworden waren.

Eine Tafel im Museum zeigt ihre Lebenswege. Die meisten hat es in andere Gegenden verschlagen, manche sind verstorben, zwei der Filmkinder, Bernhard und Eckhard, leben noch im Dorf. "Da drüben, bei Eis-Alex, müssen Sie mal fragen, wenn Sie mehr über die Filmkinder erfahren wollen", sagt eine Gruppe älterer Herrschaften, die bei einem Bier vor dem türkischen Imbiss sitzen. "Dieser Imbiss war ja früher die Eisdiele, die ist auch im Film. Kennen Sie die Szene?"

Golzow ist es gewohnt, dass man sich für seine Geschichten interessiert. Die Filme wurden auf der Berlinale und etlichen anderen internationalen Festivals gezeigt, sie liefen im Kino, im DDR- und später auch im BRD-Fernsehen, sind als DVD-Box zu kaufen.

"Eigentlich wäre es schön", sagt Hartinger kurz vor der Einschulung ihres Sohnes, "wenn es wieder einen Film gäbe. Mit den neuen Kindern von Golzow."

6 — Die neuen Kinder
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  6. 6 — Die neuen Kinder

"An so einem Tag bewegen uns oft große Gedanken." Passt das Filmzitat von 1961 noch zur Einschulung in Golzow? Was liegt vor den 20 Kindern, die fröhlich-gespannt ihre Schultüten in die Kameras halten?

Kamala ist acht und möchte bald eine Klasse überspringen. Sie ging in Latakia in die erste und anschließend in der Türkei in die zweite und dritte Klasse. Aber ihre Eltern wollen, dass sie und Burhan als Erstklässler zuerst richtig Deutsch lernen.

"Golzow ist gut", sagen Halima und Fadi, "wir wollen hier nicht weg." Einzig die Ungewissheit im ausstehenden Asylverfahren ängstigt die Familie. Denn Fadi hat Ende Juli einen Brief bekommen: Weil er zuerst auf Lampedusa registriert wurde, soll er seinen Asylantrag in Italien stellen. Er fällt unter die sogenannte Dublin-Verordnung, nach der ein Flüchtling in dem Land Asyl beantragen muss, in dem er zum ersten Mal europäischen Boden betreten hat.

Bürgermeister Schütz bleibt optimistisch: "Unsere Syrer leben sich so gut ein. Wir wollen sie hier behalten. Es wäre doch Wahnsinn, sie wieder wegzuschicken." Und falls es doch zu dieser Entscheidung kommen sollte, dann sei Golzow bereit, für die Flüchtlinge zu kämpfen. "Wir sind kein Dorf, das schnell aufgibt."

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Team

Autorin und Fotografin: Simone Gaul
Videokamera: Niclas Middleton; Schnitt: Simone Gaul
Historisches Bild- und Videomaterial: Defa-Stiftung; Progress-Film
Redaktionelle Koordination: Meike Dülffer, Maria Exner, Wenke Husmann