Video: Video-Still: Drogenkrieg in Mexiko

Die Zeugen von Iguala

— Von und

Vor einem halben Jahr verschwanden in Mexiko 43 Studenten. Ein bis heute ungeklärtes Verbrechen, in das die Drogenmafia, Polizisten und Politiker verwickelt sind. Jetzt greifen Bürger zu den Waffen.

Es ist kurz nach Mitternacht, als die Bürger beschließen, den Staat aus ihrem Dorf zu vertreiben. Sie versammeln sich am Ortseingang, in ihren Händen halten sie Schrotflinten, Steine, Macheten. Sie sind etwa 600: Männer, Frauen, Jugendliche. In ihrer Mitte steht ein Mann mit Megafon und ruft: "Jahrelang haben wir zugesehen, wie unsere Brüder und Schwestern ermordet werden. Es reicht!" Seine Helfer zerren Baumstämme heran. Sie wollen die Straße ins Dorf blockieren.

Keine 100 Meter entfernt heulen Sirenen und flackert Blaulicht durch die Nacht. Streifenwagen der Polizei. Uniformierte springen von den Pick-ups. Sie tragen Helme, kugelsichere Westen, Schutzschilde und Sturmgewehre. Sie reihen sich auf. Den 600 Bürgern stehen jetzt fast 500 Polizisten gegenüber.

Die Polizei beschützt die Mafia, nicht uns Bürger! Salvador Alanís

"Die Polizei beschützt die Mafia, nicht uns Bürger!", ruft der Mann durchs Megafon. Sein Name ist Salvador Alanís, er ist 36 Jahre alt. Bis vor ein paar Monaten verkaufte er selbst angebaute Tomaten in einem kleinen Laden. Jetzt wird er "Sicherheitschef" genannt. Weißes Hemd, Bürstenschnitt, frisch rasiert, Alanís legt Wert auf Ordnung. Im Ohr trägt er einen Knopf und am Gürtel ein Funkgerät. Er ist einer von etwa 50 freiwilligen Bürgerpolizisten, die in dieser Nacht die Macht im Dorf übernehmen wollen, um die Bewohner vor den Drogenkartellen zu schützen. Um die Arbeit zu tun, die in anderen Ländern der Staat übernimmt.

Video: Wie Bürgerwehren die Mafia in Guerrero zurückdrängen wollen Abspielen
VIDEO: Sie wollen nicht länger bedroht, erpresst und entführt werden. Im Bundesstaat Guerrero versuchen Bürgerwehren, die Gewalt der Drogenkartelle einzudämmen – und riskieren dafür ihr Leben. (7:14 Min)

Petaquillas heißt das Dorf im Süden Mexikos, um das Bürger und Polizei kämpfen, knapp 300 Kilometer von Mexiko-Stadt entfernt – und nur eine halbe Stunde Fahrt von der Universität von Ayotzinapa. Von dort stammen die 43 Studenten, die vor einem halben Jahr entführt wurden und deren Fall die Weltöffentlichkeit erschreckt hat. Jetzt sind auch ein paar Studenten aus Ayotzinapa gekommen, um Alanís und seinen Leuten zu helfen.

Petaquillas ist ein Dorf, in dem vor allem Bauern und Händler leben. Es verbindet die Landregionen in den Bergen, in denen Gemüse und Getreide gepflanzt werden, mit der Autobahn, die nach Mexiko-Stadt führt. Petaquillas ist der Knotenpunkt zwischen Anbau und Verkauf.

Für die mexikanischen Drogenkartelle ist Petaquillas deshalb ein wichtiger Ort. Dort, wo Mais und Bohnen wachsen, gedeihen auch Mohn und Marihuana. Über Petaquillas gelangen die Drogen in das Verkehrsnetz – und dann in die USA und in die Häfen Mexikos, von wo aus sie in die Welt verschifft werden. Seit Jahren streiten deshalb mehrere Kartelle um diese plaza, so heißt ein solcher Ort in der Sprache der Mafia.

Für Bewohner wie Alanís ist das Leben im Dorf zum Albtraum geworden. Wer wie er einen Laden hat, muss Schutzgeld zahlen. Frauen müssen fürchten, vergewaltigt zu werden, wenn sie das Haus verlassen. Und wer es wagt, im Dunkeln auf die Straße zu gehen, kann erschossen werden oder für immer verschwinden. Alle paar Wochen liegt eine Leiche im Straßengraben oder ein abgetrennter Kopf auf dem Kinderspielplatz.

Das Morden folgt keinem Muster: Manchmal nehmen Mitglieder einer Bande Rache an der Konkurrenz, manchmal handelt es sich auch um willkürliche Morde an Unschuldigen – eine Machtdemonstration der Kartelle. Ganze Bundesstaaten in Mexiko verkommen zu Kampfgebieten, und fast jeden Tag vermelden die Zeitungen eine grauenvolle Bluttat.

Neun Jahre ist es her, dass der damalige Präsident Felipe Calderón seinen "Krieg gegen die Drogen" ausrief. Mexiko sollte ein sauberes Land werden, dessen Wirtschaft unabhängig ist von kriminellen Geschäften. Das Gegenteil ist geschehen. Recht und Gesetz gelten nichts mehr in Mexiko, die Gewinne aus dem Drogenhandel sind zur größten Einnahmequelle des Landes geworden, die Gewalt hat die Nation im Griff. Mehr als 100 000 Männer, Frauen und Kinder wurden in diesen neun Jahren getötet, mehr als 25 000 Menschen sind verschwunden. Im Jahr 2013 wurden etwa 17 000 Menschen ermordet, fast doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum im Irak.

Video: Die traurige Suche nach den Vermissten von Iguala Abspielen
VIDEO: Tausende Menschen sind in Mexiko verschollen und die Behörden helfen nicht bei der Aufklärung. Bürger haben sich zusammengeschlossen und suchen jetzt selbst nach ihren Angehörigen – in versteckten Gräbern. (3:48 Min)

Was ist los in Mexiko? In diesem Land, das mit seinen jahrtausendealten Pyramiden und weißen Karibikstränden einst das Urlaubsparadies der Reichen war? In diesem Land, das als aufstrebende Volkswirtschaft gilt, als Kulturnation, als Demokratie? In diesem Land, das in manchen Regionen noch immer so sicher wirkt wie Deutschland?

Ein halbes Jahr ist vergangen, seit korrupte Polizisten in der Nacht vom 26. auf den 27. September 43 Studenten verschwinden ließen. Diese Nachricht hat die Mexikaner zutiefst verunsichert: Die Opfer waren Studenten aus Ayotzinapa, die Täter waren Staatsdiener, ein Bürgermeister gab den kriminellen Auftrag. Die Regierung hat den Fall bis heute nicht aufgeklärt, sie versucht ihn zu vertuschen. Seitdem lassen Proteste das Land erbeben: Regierungsgebäude wurden in Brand gesetzt, Lehrer streiken, täglich gibt es Massendemonstrationen.

Video: Ein Student berichtet, wie er den Angriff von Iguala überlebte Abspielen
VIDEO: José de la Cruz entkam nur knapp, als die Polizei im mexikanischen Iguala eine Studentengruppe attackierte, von denen später 43 spurlos verschwanden. Hier erzählt er seine Geschichte. (6:39 Min)

Im Bundesstaat Guerrero, dem Zentrum des Aufstands, hat die Nacht des 26. September das Leben vieler Menschen verändert. Salvador Alanís, der Sicherheitschef aus Petaquillas, hat seinen Laden aufgegeben und riskiert nun sein Leben für die Freiheit seines Dorfes. José de la Cruz, ein Überlebender des Angriffs, bei dem er innerhalb weniger Stunden seinen besten Freund und seinen Glauben in die staatlichen Institutionen verlor, hat sein Studium unterbrochen und steckt all seine Zeit und Energie darein, die Hintergründe des Verbrechens aufzuklären. Und Mario Hernández, ein Mann, dessen Bruder verschleppt wurde, sucht nach geheimen Gräbern, in denen die Leichen der 43 Studenten verscharrt sein könnten oder die Knochenreste seines Bruders.

Alle drei Männer wünschen sich Gerechtigkeit und sind wütend auf ihren Staat, der es nicht schafft, seine Bürger zu beschützen. Deshalb nehmen sie die Dinge jetzt selbst in die Hand.

1 — Der Kämpfer
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  1. 1 — Der Kämpfer
  2. 2 — Der Überlebende
  3. 3 — Der Suchende

Am Ortsausgang von Petaquillas stehen sich Bürger und Polizei in der Nacht gegenüber wie Soldaten zweier Armeen. Es ist ein Uhr am Morgen, als die Masse ruft: "Steine auf die Bullen!"

Salvador Alanís, der Sicherheitschef, mahnt durchs Megafon, friedlich zu bleiben. Doch schon fliegen Steine, rücken die Bürger auf die Uniformierten zu, werfen sich gegen die Schutzschilde der Polizisten. Die Polizisten antworten mit Schlagstöcken. Dorfbewohner gehen zu Boden, Polizisten stolpern über die Körper, Alanís brüllt: "Ruhe! Beruhigt euch!"

Er fragt die Polizisten nach ihrem Chef, ein stämmiger Mann in Uniform tritt vor. Alanís reicht ihm die Hand. Der Polizist sagt: "Sie dürfen keine Waffen haben."

"Die Waffen sind unsere einzige Chance", antwortet Alanís. "Wir werden bedroht von den Kartellen, und die Polizei schützt uns nicht."

"Aber es ist gegen das Gesetz", sagt der Polizist.

"Welches Gesetz?", fragt Alanís. "Wir verteidigen uns mit Schrotflinten, damit sie uns nicht töten."

Die beiden beginnen eine Diskussion, die fast eine Stunde dauert und mit einem Kompromiss endet: In ihrem Dorf dürfen die Bürger sich vorerst selbst verteidigen, nicht aber außerhalb. Die Polizisten ziehen ab.

Wer nichts mehr zu verlieren hat, der hat auch keine Angst. Salvador Alanís

Auf dem Dorfplatz feuern die Bürger Raketen ab und feiern bis in den Morgen. Alanís steht am Rand und schaut zu. Er zieht sein Smartphone aus der Tasche. Auf dem Display blinkt eine Nachricht. Jemand hat ihm das Foto einer vergoldeten Kalaschnikow geschickt, neben der drei geladene Magazine liegen. Darunter steht: "Hör zu, Tomatenbauer! Du hast das einzigartige Privileg, dir aussuchen zu dürfen, mit welchem Magazin wir dich erschießen sollen ..." Der Absender: ein Unbekannter, der sich Chimino Malo nennt, "das gemeine Teufelchen". Alanís zuckt mit den Schultern und lässt das Handy zurück in seine Hosentasche gleiten. Er zählt nicht mehr, wie oft am Tag sie ihm mit dem Tod drohen, zählt nicht, wie oft sie ihm schreiben, sie wollten seine Frau entführen und seine 15-jährige Tochter vergewaltigen. "Wer nichts mehr zu verlieren hat", sagt Alanís, "der hat auch keine Angst."

Mitglieder einer Bürgerwehr kontrollieren Fahrzeuge an einem Ortseingang – gesucht wird vor allem nach Waffen und Rauschgift. © Fabian Brennecke

Das Leben von Alanís ist eines wie keines, und doch steht es für eine ganze Generation mexikanischer Männer. Vor 36 Jahren wurde er als ältester Sohn eines Bauernpaars geboren, seine Eltern gaben ihm den Vornamen Salvador, der Retter. Mit zwölf Jahren begann er, seinem Vater auf dem Feld zu helfen, mit 18 heiratete er, drei Jahre später kam seine Tochter zur Welt.

Das Geld, das Alanís auf dem Feld verdiente, reichte, um seine kleine Familie zu ernähren. Es reichte nicht, um die Schulausbildung seiner Tochter zu bezahlen. Also stieg er, wie fast jeder junge Mann aus seinem Dorf, in einen Bus und fuhr nach El Norte, Richtung Norden, an die amerikanische Grenze. Er lief durch die Wüste, bis er die USA erreichte. Als Tagelöhner arbeitete er auf einer Erdnussfarm, zehn Stunden am Tag. Er verdiente 490 Dollar in der Woche und schickte das Geld nach Hause. Seine Familie kaufte Felder, baute ein Haus.

Alanís war in den USA, als zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center flogen, und auch, als in seiner Heimat der Krieg gegen die Kartelle begann, der die Kartelle bloß noch mächtiger machen sollte.

Nach zehn Jahren kehrte Alanís zurück in ein Mexiko, das ihm fremd geworden war. Überall Militär-Checkpoints, und nach Sonnenuntergang sah man keine Menschen auf den Straßen. Alanís hatte ein Mexiko verlassen, das arm war, wo die Bürger aber ohne Furcht lebten. Er kam zurück in ein Mexiko, das arm war und gefährlich.

In den Jahren, in denen Alanís fort gewesen war, hatte der Präsident Calderón Zehntausende Soldaten und Polizisten in den Kampf gegen die Drogenkartelle geschickt. Doch mit jedem Boss, der festgenommen oder getötet wurde, zersplitterten die Kartelle in neue kriminelle Gruppen. Es war, als wüchsen einer Hydra ständig neue Köpfe. Waren es 2007 noch sieben große Kartelle, die das Land unter sich aufteilten, sind es heute mehr als 100 Banden.

Video: Wie Bürgerwehren die Mafia in Guerrero zurückdrängen wollen Abspielen
VIDEO: Sie wollen nicht länger bedroht, erpresst und entführt werden. Im Bundesstaat Guerrero versuchen Bürgerwehren, die Gewalt der Drogenkartelle einzudämmen – und riskieren dafür ihr Leben. (7:14 Min)

Einst hatten sich die Kartelle auf den Drogenhandel konzentriert und die Bürger in Ruhe gelassen. Aber je mehr Banden es gab, je härter der Kampf um die Transportrouten wurde, desto brutaler wurden auch die Methoden, mit denen die Drogenbosse ihr Geld verdienten. Ihre Männer begannen Schutzgeld zu fordern, das sie "Steuern" nennen, sie begannen zu entführen, zu foltern, zu vergewaltigen und zu morden. Sie säten Angst.

Schaut man genauer hin, besteht der Drogenkrieg inzwischen aus zwei Kriegen: aus dem Krieg der Kartelle untereinander und dem Krieg der staatlichen Ordnungskräfte gegen die Kartelle. Und schaut man noch genauer hin, sieht man, dass nicht immer klar ist, wer zu den Guten gehört und wer zu den Bösen. Denn viele Sicherheitskräfte stehen auf den Gehaltslisten der Kartelle, sie sind Kriminelle in Uniform.

In dieses fremde Mexiko also kehrte Alanís zurück, voller Vorfreude, seine Familie wiederzusehen und in sein neues Haus einzuziehen. Endlich wollte er ein guter Vater für seine Tochter sein, deren Kindheit er verpasst hatte. Sie war groß geworden, kein Kind mehr, sondern eine junge Frau. Schön war sie und schlau. Ein paar Jahre lebten sie gemeinsam in ihrem neuen Haus, aber Alanís ertrug es nicht, sein Mädchen allein auf die Straße zu lassen. Die Banden könnten es verschleppen, er würde es nie wiedersehen.

So setzte Alanís ein zweites Mal seine Hoffnungen auf eine Reise Richtung El Norte. Doch diesmal war es nicht er selbst, der in den Bus stieg, diesmal waren es seine Frau und seine Tochter. Sie sollten in den USA leben, in Sicherheit, bis Mexiko wieder ein besserer Ort wäre. Zwei Jahre ist das her. Alanís’ größter Wunsch ist es, eines Tages wieder mit seiner Familie Weihnachten zu feiern, in Mexiko. Deshalb hat er sich für die Bürgerwehr gemeldet. Vor einem halben Jahr haben die Menschen ihn zum Sicherheitschef gewählt. Seitdem macht er keine Pläne mehr. Er weiß, dass sein Leben jederzeit vorbei sein kann.

Dass sich die Bürger organisieren, ist eine alte Tradition in Mexiko. In der Verfassung gibt es ein "Recht für indigene Bevölkerungsgruppen", das es Minderheiten erlaubt, ihre Dörfer selbst zu verteidigen. Bisher waren es kleine Gruppen in den Bergen, die von diesem Recht Gebrauch machten. Als es vor knapp zwei Jahren im Bundesstaat Michoacán zu blutigen Kämpfen zwischen den Kartellen kam, begannen die Menschen auch dort, sich selbst zu bewaffnen, als Autodefensas. Und seit dem Verschwinden der 43 Studenten sind es endgültig nicht mehr nur die indigenen Minderheiten, die sich verteidigen, sondern auch Bürger aus der breiten Masse der Unterschicht, Menschen wie Alanís.

Mit alten Schrotflinten und Jagdgewehren patrouillieren Mitglieder einer Bürgerwehr auf Pick-up-Trucks durch ihren Ort. © Fabian Brennecke

Allein im Bundestaat Guerrero haben die Bürgerwehren mehrere Tausend Mitglieder. Die Dörfer bitten um Hilfe, und die einzige Bedingung der Bürgerwehr, um eine neue Sektion zu eröffnen, ist es, dass der Ort ein paar Freiwillige stellt. Ein Dorf nach dem anderen, so arbeiten die Bürgerwehren sich voran. Sie wachsen langsam und stetig wie eine neue Ameisenkolonie und gründen ihren eigenen Staat im Staat. Über ganze Landstriche haben sie inzwischen die polizeiliche Kontrolle, von der Küste bis ins Landesinnere.

Mit Pick-up-Trucks, die sie früher für ihr Gemüse und ihr Vieh benutzten, fahren die Bürgerwehren Streife. Am Ortsrand kontrollieren sie die Papiere der Autofahrer. Hinter einer Müllhalde unterrichtet ein ehemaliger Soldat die Freiwilligen im Schießen. Die Bürgerpolizisten erhalten kein Geld für ihre Arbeit, sie versehen ihren Dienst am Wochenende und nach Feierabend. Einige werden für ein paar Tage von ihren Arbeitgebern freigestellt.

Am Morgen nach der gewonnenen Schlacht ziehen Alanís und seine Kollegen in das Gemeindeamt am Dorfplatz ein. Zwei Stockwerke, gefliester Boden, Neonlicht, Tische und Stühle aus Plastik. In Jeans und Turnschuhen sitzen die Freiwilligen herum, manche sind keine 20, andere über 50. Sie sind Maurer, Lehrer, Taxifahrer. Ein paar Kommilitonen der 43 vermissten Studenten sind dabei und eine Lehrerin. Immer wieder kommen Bewohner des Dorfes vorbei, um sich bei der Bürgerwehr zu bedanken, sie spenden Reis, Bohnen, Altkleider, Klopapier. Vor der improvisierten Wache stehen ein paar Frauen und kochen über einem Holzfeuer Hühnersuppe.

An Tag zwei nach der Übernahme sitzt Alanís in der improvisierten Polizeiwache und präsentiert stolz die Beute der Bürgerwehr. Auf einem Tisch hat er zwei Gewehre ausgebreitet: eine AK-47 und ein deutsches G36.

Es ist vier Uhr morgens, erzählt Alanís, als 200 Bürgerpolizisten das Haus des lokalen Drogenbosses umstellen. Er trägt den Spitznamen El Talibán. Der Einsatzleiter, der ehemalige Soldat in Schutzweste, tritt die Tür ein und stürmt mit ein paar Freiwilligen in den ersten Stock, wo El Talibán bis eben noch geschlafen hat. Sie finden seine Frau und seine Tochter, beide im Schlafanzug. Ihr Mann sei über das Dach geflohen, sagt die Frau. Die Bürgerpolizisten teilen sich auf: Die eine Hälfte sucht Dächer und Straßen ab, die andere das Haus. Sie finden Marihuana, Patronen und die beiden Sturmgewehre, die in dem noch warmen Bett liegen.

In Mexiko machte unser Reporterteam einen aufsehenerregenden Fund: In Petaquillas präsentierte Salvador Alanís, der Chef der Bürgerwehr, ein G36-Sturmgewehr der deutschen Marke Heckler & Koch. Mit der Waffe hatte der Drogenboss "El Talibán" Angst und Schrecken im Ort verbreitet. Wie war sie dorthin gekommen? Die ZEIT berichtete schon 2013 über illegale Exporte von Heckler & Koch nach Mexiko. Entgegen einer Auflage der Bundesregierung waren rund 2000 Gewehre an Polizisten im Bundesstaat Guerrero gelangt. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt. © Fabian Brennecke

Zwei Straßenblocks entfernt erwischen die Bürgerpolizisten El Talibán auf einem Hausdach. Sie fesseln ihm die Hände, ziehen ihm ein Tuch übers Gesicht und schließen ihn im ersten Stock ihrer improvisierten Wache ein.

Ein paar Tage später werden dort mehr als 20 Gefangene eingesperrt sein. Wer gestohlen oder mit Drogen gedealt hat, darf auf einem Plastikstuhl sitzen. Wer gemordet und erpresst hat, wie El Talibán, liegt mit gefesselten Händen und verbundenen Augen auf einer Bastmatte. Tag und Nacht werden die Gefangenen von drei bewaffneten Freiwilligen bewacht. Keiner darf reden. Die Gefangenen bekommen dreimal am Tag zu essen und teilen sich die Toilette mit der Bürgerwehr.

Lieber ein Jahr als König denn ein Leben als Bettler. Mafia-Sprichwort in Mexiko

Es ist schwer zu sagen, wer von diesen Gefangenen wirklich Täter und wer doch eher Opfer ist. Kinder sind dabei, die Kleingeld dafür bekommen, dass sie sich an eine Straßenecke stellen und berichten, wer in welches Haus gegangen ist. Arbeitslose Jugendliche, die Drogen verkaufen, weil sie Geld brauchen. Männer und Frauen, denen mit dem Tod gedroht wird, wenn sie nicht mit den Banden kooperieren. Keiner, der hier oben sitzt, ist älter als 35. Teil einer kriminellen Bande zu sein ist auch eine Flucht vor der Armut. Die Mafia hat dafür ein Sprichwort: "Lieber ein Jahr als König denn ein Leben als Bettler."

In ein paar Tagen wird Petaquillas einen Gerichtstag abhalten: Ein Gefangener nach dem anderen wird auf den Dorfplatz geführt werden, und die Gemeinde wird über seine Strafe abstimmen. Ein Kuhdieb muss ein paar Tage lang für den Bauern arbeiten, den er bestohlen hat. Ein Mörder wird ein paar Monate lang eingesperrt und bekommt eine Geldstrafe. Das Urteil sprechen Laienrichter, die von der Gemeinde gewählt wurden. Egal, ob Kleinkrimineller oder Mörder: Ziel ist es, alle wieder einzugliedern in die Gemeinde. Alanís nennt das Prinzip: "das Dorf säubern".

Die Verhandlungen vor dem lokalen Gericht sollen nur der erste Schritt sein auf dem Weg zu einem neuen System. Einem System, das von unten wächst, das in den Händen der Gemeinden bleibt. Das Schul- und das Gesundheitssystem wollen sie reformieren, die kaputten Straßen ausbessern. Im Kleinen wollen sie den Staat mit all seinen Institutionen neu aufbauen.

Immer wieder kommt es in den Tagen nach der Einnahme des Dorfes zum Streit mit der mexikanischen Armee und staatlichen Polizisten. An Tag drei stehen plötzlich Militärwagen im Dorfzentrum. Die Bürger protestieren, die Armee zieht wieder ab. An Tag vier stürzt eine Drohne der Polizei über einem nahe gelegenen Feld ab. An Tag fünf kommen zwei Polizisten in die improvisierte Wache und erkundigen sich nach der Lage.

Die staatliche Polizei in Guerrero ist nicht bereit zu offiziellen Gesprächen, aber anonym reden viele Beamte. Sie erzählen von Befehlen, die sie bekommen haben, seitdem das Land in Aufruhr ist: Armee und Polizei sollen mit Streifen- und Panzerwagen durch die Städte patrouillieren, sich ansonsten aber zurückhalten, selbst bei Angriffen. Das also ist die Regierungsstrategie: Präsenz ja, Konfrontation nein. Die Situation darf bloß nicht weiter eskalieren. Offensichtlich hofft die Regierung darauf, dass die Lage sich wieder beruhigt, wenn die Menschen nur das Gefühl haben, ein wenig ernst genommen zu werden.

Die Bürger von Petaquillas lassen sich von den Besuchen der Polizei nicht irritieren. Sie feiern ihre neue Freiheit, durch die Straßen schlendern zu können, sie bauen Scheinwerfer auf, Musikanlagen, sie tanzen und trinken. Mit dabei sind ein paar der Studenten aus Ayotzinapa. Abends, wenn es dunkel wird, verlassen sie Petaquillas und kehren zurück zu ihrem Internat, keine 20 Kilometer entfernt.

2 — Der Überlebende
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  1. 1 — Der Kämpfer
  2. 2 — Der Überlebende
  3. 3 — Der Suchende

Die Escuela Normal Rural de Ayotzinapa liegt zwischen sanften Hügeln. "Wiege des sozialen Gewissens", prangt in roten Lettern an der Pforte. Gleich hinter dem Eingang stehen auf einem Basketballfeld 43 leere Stühle, aufgereiht wie in einem Hörsaal. Auf jeder Lehne klebt das Foto eines vermissten Studenten. Von hier sind sie am 26. September 2014 zu ihrem letzten Ausflug aufgebrochen, hierhin wollten sie noch am selben Tag zurück.

Fast alle von ihnen hatten ein paar Monate zuvor die Schule abgeschlossen. Sie waren gerade erst erwachsen, es war ihr erstes Semester. 14 Normales Rurales gibt es in Mexiko: Universitäten, die nach der mexikanischen Revolution gegründet wurden für jene, die sich kein Studium leisten können. In Mexiko leben 52 Prozent der Bevölkerung unter der nationalen Armutsgrenze, das heißt: Sie haben kein fließendes Wasser und keinen Strom, manche nicht mal genug zu essen. Die Normal Rural ist ein Internat, an dem Unterricht und Unterbringung kostenlos sind. Die Studenten werden zu Lehrern ausgebildet und sollen eines Tages die Kinder auf dem Land alphabetisieren. Sie sind die Elite der Unterschicht.

Wandmalereien auf dem Campus der Escuela Normal Rural de Ayotzinapa © Fabian Brennecke

An die Wände der Gebäude sind Bilder von Che Guevara gemalt und von erhobenen Fäusten, die Studenten lesen Marx und Engels. Zuletzt haben sich Regierungsmitglieder immer wieder abfällig über die Universität geäußert, sie sei ein "Bunker der Radikalisierung", die Studenten seien "indoktriniert von Guerillakämpfern".

Auf dem Campus sitzt José de la Cruz, ein Überlebender der Angriffsnacht. Manchmal wünscht er sich, auch er wäre in dieser Nacht verschwunden, dann müsste er jetzt nicht den Schmerz ertragen. José ist 18 Jahre alt, er hat das Gesicht eines Jungen und die Sprache eines Erwachsenen. Er ist ein Mensch, der ungern still sitzt, der ständig Witze macht und andere zum Lachen bringt. Von der Nacht des Angriffs aber berichtet er ganz ruhig, mit leiser Stimme. Er spricht, als laufe ein Film vor seinen Augen ab. Als sei es die Geschichte eines Fremden, die er erzählt.

Es ist der 26. September, ein Freitag, als José um 17.30 Uhr mit rund 80 Kommilitonen aufbricht. José ist aufgeregt und voller Vorfreude, dieser Ausflug ist seine erste "Aktivität", wie die Studenten nennen, was sie vorhaben: Er und die anderen sind auf der Suche nach Reisebussen, die sie kapern können. Das klingt eigenartig, ist aber ein alter Brauch an dieser Universität. Zur Ausbildung gehört, sich Schulen in entlegenen Dörfern anzuschauen, doch die Studenten haben keine eigenen Autos, nicht mal Geld für Busfahrkarten. Deshalb gehen sie zu Haltestellen oder blockieren Landstraßen, stoppen Busse und teilen Fahrer und Passagieren mit, dass das Fahrzeug jetzt "zu Ausbildungszwecken" genutzt werde. Meistens behalten die Studenten die Wagen für ein paar Tage und geben den Fahrern Geld und Essen. Der Regierung gefällt das nicht, aber es ist eine lang bekannte Methode, die akzeptiert wird.

Video: Ein Student berichtet, wie er den Angriff von Iguala überlebte Abspielen
VIDEO: José de la Cruz entkam nur knapp, als die Polizei im mexikanischen Iguala eine Studentengruppe attackierte, von denen später 43 spurlos verschwanden. Hier erzählt er seine Geschichte. (6:39 Min)

Jedes Jahr am 2. Oktober fahren die Studenten zu einer großen Demonstration in die Hauptstadt, um an das brutalste Ereignis aus Mexikos moderner Geschichte zu erinnern: das Massaker von 1968, als Soldaten Hunderte Studenten erschossen, die friedlich gegen die Ausrichtung der Olympischen Spiele protestiert hatten. Aber die Studenten aus Ayotzinapa haben an diesem Abend erst zwei Busse und brauchen noch mindestens drei weitere, um in einer Woche mit ihrer gesamten Uni in die Hauptstadt reisen zu können. Also machen sie sich mit den beiden Wagen, die sie schon haben, auf den Weg nach Iguala, einer Stadt mit großem Busbahnhof, die knapp zwei Stunden entfernt liegt. Dort wollen sie weitere Busse kapern und zurück zur Universität fahren.

Ein paar Straßenblocks vom Busbahnhof entfernt empfängt die Frau des Bürgermeisters von Iguala an jenem Abend die politische Elite der Stadt. Auch ihr Mann José Luis Abarca ist da. 2012 wurde er zum Bürgermeister von Iguala gewählt, nachdem er ein Shoppingcenter gebaut und seinen Wählern versprochen hatte, er wolle die Straßen pflastern und die Abwasserleitungen erneuern lassen. Er besaß keinerlei politische Erfahrung, aber er hatte viel Geld an die PRD gespendet, die Partei, für die er antrat. Woher das Geld kam, mit dem er das Shoppingcenter gebaut und die Spenden finanziert hatte, wusste keiner. Die Veranstaltung an diesem Abend war eine Art Vor-Wahlkampf-Party seiner Frau. Sie wollte die Nachfolgerin ihres Mannes im Rathaus werden.

In Iguala, sagt man heute, war es ein offenes Geheimnis, dass die Eltern und Brüder der Bürgermeistergattin die Anführer eines Drogenkartells namens Guerreros Unidos sind, der "Vereinten Krieger". Dass dieses Kartell den Wahlkampf ihres Mannes finanziert hat und er im Gegenzug Bandenmitglieder als Polizisten einstellte. 2013 war der Bürgermeister beschuldigt worden, den Oppositionsführer ermordet zu haben, mit einem Schuss in die Brust und einem zweiten in den Kopf. Ein Zeuge sagte vor Staatsanwälten gegen ihn aus. Als die Sache an die Öffentlichkeit gelangte, bewarfen Studenten aus Ayotzinapa das Rathaus von Iguala mit Steinen. Seitdem hasste der Bürgermeister die Universität.

Der Student José de la Cruz wird später sagen, dass er von alldem nichts weiß, als er an jenem Freitagabend am Busbahnhof von Iguala steht. Er und seine Kommilitonen haben gerade drei weitere Busse gekapert und sich auf die Wagen verteilt. Es ist schon spät, 21.30 Uhr. Die Studenten befehlen den Fahrern, nach Ayotzinapa zu fahren. Draußen beginnt es zu regnen.

Keine Angst. Die schießen nur in die Luft. Ein Kommilitone zu José

Als sie bei dem Empfang der Bürgermeistergattin vorbeifahren, die gerade den Jahresbericht des lokalen Familienschutzbundes vorstellt, werden die Studenten von Polizeiwagen mit Blaulicht eingeholt. In einer WhatsApp-Gruppe schreiben die Studenten aus den verschiedenen Bussen sich Nachrichten und diskutieren, wie sie sich verhalten sollen. Sie bitten die Fahrer, Gas zu geben und die Polizisten zu ignorieren. José amüsiert sich zunächst über das Katz-und-Maus-Spiel – bis immer mehr Streifenwagen die Busse einkesseln und die Polizisten Schüsse abfeuern. "Keine Angst", sagt ein Kommilitone zu José, "die schießen nur in die Luft."

Als sie die Autobahnauffahrt erreichen, blockiert ein Polizeitruck die Straße. Die Studenten springen aus dem Bus und versuchen, den Wagen aus dem Weg zu schieben. Sie schreien: "Wir sind Studenten! Was haben wir euch getan?" Sie bewerfen die Polizisten mit allem, was sie zu greifen bekommen: mit Steinen, Stöcken, Schuhen. Plötzlich bricht Josés Kommilitone Aldo zusammen. Eine Kugel hat ihn am Kopf getroffen, er liegt auf der Straße und blutet. José und die anderen wollen ihn in den Bus tragen, aber die Polizisten feuern mehr und mehr Schüsse ab. Aus dem, was eben noch ein Spiel war, ist tödlicher Ernst geworden.

José, panisch, wirft sich auf den Boden und kriecht zwischen den ersten und zweiten Bus, dort versteckt er sich, zusammen mit 15 anderen. Er sieht, wie weitere Trucks den Ort erreichen, sieht, wie Polizisten einen der Busse besteigen und seine Kommilitonen rausholen. Auch Saúl ist dabei, Josés bester Freund. Es wird das letzte Mal sein, dass er ihn sieht.

José erinnert sich, wie die Polizisten auf die schreienden Studenten einprügeln und -treten. Sie befehlen ihnen, sich auf den Bauch zu legen und die Hände hinter dem Kopf zu verschränken. Dann, erzählt José, luden sie die Studenten auf ihre Pick-up-Trucks, sammelten Patronenhülsen ein und fuhren davon.

José de la Cruz auf dem Campus der Normal Rural © Fabian Brennecke

Als José und die 15 anderen keine Polizisten mehr sehen, kriechen sie aus ihrem Versteck. Es ist 23.30 Uhr, inzwischen regnet es heftig. Die Studenten sind verstört, aber irgendwie schaffen sie es, ihre Sinne beieinanderzubehalten. Sie sichern Beweise: Sie heben liegen gebliebene Patronenhülsen auf, fotografieren die Blutlachen auf der Straße und die Einschusslöcher im Karosserieblech. Und sie rufen einen Krankenwagen für Aldo, dessen Blutung am Kopf sie nicht stillen können. Noch ein halbes Jahr später wird er im Koma liegen und künstlich beatmet werden.

Erste Journalisten und Anwohner erreichen den Tatort. Plötzlich erschrickt José, wieder hört er Schüsse, dieses Mal ist es ein Rattern von Maschinengewehren. Er sieht, wie Kugeln den Asphalt treffen und Funken sprühen. Er rennt, so schnell er kann, springt über eine Mauer und versteckt sich dahinter. Von hier aus kann er nichts sehen, aber vieles hören: Schreie, Schüsse. Und irgendwann: Stille. Es ist zwei Uhr morgens, als er sein Versteck verlässt, um nach seinen Freunden zu schauen. Zwei von ihnen liegen tot auf der Straße. Ein halbes Jahr nach dieser schrecklichen Nacht erinnert sich José, dass er sich in jenem Moment wie ein Geist fühlte, als sei er nicht in seinem eigenen Körper, als schaue er sich selbst aus einiger Entfernung zu. Sein Kopf will nicht begreifen, was seine Augen sehen.

Am Tatort trifft José auf ein paar Kommilitonen. Sie überlegen, was sie tun sollen. Und entscheiden sich, an den Ort zu gehen, der ihnen so gefährlich vorkommt wie kein anderer auf der Welt: die Polizeiwache von Iguala. José glaubt, seine Freunde seien dort eingesperrt, im Gefängnis. Die Polizisten, nicht mal unfreundlich, sagen, sie hätten keine Ahnung, wo die Studenten sind.

José sitzt mit seinen Kommilitonen im Warteraum der Wache. Sie schauen auf ihre Smartphones und erfahren aus Sozialen Netzwerken und durch Telefonate mit anderen Studenten, dass das, was sie gesehen haben, nur ein Teil des Grauens war. Zeitgleich, nur wenige Straßen entfernt, wurden zwei weitere gekaperte Busse attackiert. Auch dort wurden Studenten von Polizisten verschleppt. Drei Menschen, die zufällig vorbeikamen, wurden erschossen: eine Frau, die im Taxi saß, ein Mann und ein 14-jähriger Junge.

Auf Facebook entdeckt José auch ein Foto, das einen jungen Mann zeigt, der auf einem Feld liegt. Das Gesicht ist gehäutet, die Ohren sind abgeschnitten, die Augen ausgehöhlt. José kämpft gegen den Brechreiz. Er erkennt das Opfer an seinem grauen Schal wieder: Es ist sein Freund Julio. Draußen endet die Nacht, und es beginnt zu dämmern, aber für José scheint dieser Albtraum nicht mehr aufzuhören.

Ein Beamter bringt den Überlebenden Zettel und Stifte ins Wartezimmer und bittet sie, aufzuschreiben, was sie wissen. José und die anderen kommen auf diese Bilanz: sechs Menschen getötet, 43 Studenten verschwunden. Es gab drei Attacken an zwei verschiedenen Orten, über einen Zeitraum von vier Stunden.

Auf dem Campus stehen 43 leere Stühle, die an die vermissten Studenten erinnern sollen. © Fabian Brennecke

"Es war ein geplantes und orchestriertes Massaker", sagt José auf dem Campus, in seinem Rücken der Schlafsaal. Früher haben hier 20 Studenten geschlafen, jetzt sind es noch zehn. "Wieso hat uns niemand beschützt?", fragt er. "Wieso hat die Armee nicht eingegriffen?" Keine drei Kilometer vom Tatort entfernt liegt die Militärbasis des 27. Infanterie-Bataillons, dessen Aufgabe es ist, Organisierte Kriminalität zu bekämpfen.

In den Tagen nach dem Angriff identifizieren José und die anderen Überlebenden insgesamt 22 Polizisten, die festgenommen werden. Bürgermeister Abarca, seine Frau und der Polizeichef sind auf der Flucht. Als im Bundesstaat die ersten Proteste aufflammen, verkündet die Staatsanwaltschaft, der Fall sei aufgeklärt: Ein junger Mann, Mitglied eines Kartells, habe gestanden, dass er und andere Bandenmitglieder die Studenten ermordet, verbrannt und in Massengräbern verscharrt hätten. Später wird sich herausstellen, dass das Geständnis unter Folter abgelegt wurde. Eine DNA-Analyse wird ergeben, dass die Überreste aus den Gräbern nicht von den 43 Studenten stammen.

Im ganzen Land herrscht jetzt Aufruhr. Der Gouverneur des Bundesstaates Guerrero tritt zurück, Mexiko steuert auf eine Staatskrise zu. Der Präsident begreift die Wucht der Wut erst einen Monat nach der Tat und versucht aufzuholen: Er trifft sich mit den Eltern der Angehörigen; Bürgermeister Abarca und seine Frau werden festgenommen und in ein Hochsicherheitsgefängnis gesteckt; die Generalstaatsanwaltschaft legt eine neue Untersuchung mit neuen Geständnissen vor – von drei jungen Männern, die angeblich Mitglieder der Guerreros Unidos sind, des Kartells, zu dem der Bürgermeister enge Verbindungen hat.

Die Bandenmitglieder sagen, die Polizisten hätten ihnen die Studenten in der Nacht des Angriffs übergeben. Die drei wollen die 43 auf einen Müllberg in Stadtnähe gebracht und dort erschossen haben. Dann hätten sie die Leichen mithilfe von Autoreifen und Diesel verbrannt. Asche und Knochenreste hätten sie später in Plastiktüten gefüllt und in den Fluss geworfen. "Dies ist die historische Wahrheit", sagt der Generalstaatsanwalt in einer Pressekonferenz. Und schließt die Untersuchung.

Es war ein geplantes und orchestriertes Massaker. José

Für den Überlebenden José und viele andere wirft diese neue Wahrheit mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Wie können drei Männer 43 Aktivisten überwältigen? Wie können sie in strömendem Regen 43 Körper verbrennen? Wieso wurden auf dem Müllberg keine Spuren der Autoreifen gefunden? Wieso wurden die Telefonate der Polizei, des Bürgermeisters und seiner Ehefrau aus der Nacht nicht veröffentlicht? Für José scheint es offensichtlich, dass die Regierung vertuschen will, was in Wirklichkeit passiert ist.

"Iguala ist überall", sagt José. Es ist ein Satz, den man häufig hört in Mexiko. Er bedeutet: Es ist keine Ausnahme, dass Politiker, Ordnungskräfte und Kartelle eng zusammenarbeiten, sondern die Regel. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch von 2013 beschreibt die Methode der Arbeitsteilung: Regelmäßig nehmen die Sicherheitsbehörden Menschen fest, nur um sie dann an Kartellmitglieder zu übergeben, die sie foltern, töten und verscharren. 400 Euro verdient ein Polizist im Monat. Ist er Teil eines Kartells, bekommt er ein Vielfaches. Die Regierung selbst schätzt, dass mehr als die Hälfte der örtlichen Polizeikräfte des Landes infiltriert sind.

José glaubt, dass der Staat weiß, was den Vermissten widerfuhr. Wenn er seinen Verdacht ausspricht, ringt er nach Worten, so ungeheuerlich erscheint er ihm. Es gebe keine Spuren, keine Zeugen, keinen Entführten, der fliehen konnte, sagt er. Es sei eine so professionelle Operation gewesen, wie ein paar Bandenmitglieder sie gar nicht ausführen könnten. Alle 43 Studenten hatten ein Mobiltelefon. Die letzten GPS-Signale, die von einigen dieser Telefone verfolgt werden konnten, zeigten als Standort die Militärbasis des 27. Infanterie-Bataillons an. Und dann, nach einer kurzen Pause, sagt er, dass die mexikanischen Militärbasen in der Regel große Öfen zur Müllverbrennung hätten. Weiter führt er seinen Verdacht nicht aus.

Für José scheint es nur logisch, was für einen Europäer kaum verständlich ist: dass der Staat diejenigen vernichtet, die ihn infrage stellen. Dass das Töten fast schon als ein legitimes Mittel der Politik angesehen wird.

Eltern der vermissten Studenten führen eine Kundgebung in Chilpancingo an; Tausende haben sich ihnen angeschlossen. © Fabian Brennecke

In Ayotzinapa gibt es seit einem halben Jahr keinen Unterricht mehr, José und die anderen Studenten sind zu beschäftigt mit ihren neuen "Aktivitäten": Sie suchen nach ihren Kommilitonen, organisieren Proteste im ganzen Land. Die Eltern der Vermissten sind ins Internat ihrer Söhne gezogen, die letzte Ernte haben sie verrotten lassen, für die nächste keine Saat ausgebracht. Meistens sitzen sie bei den 43 leeren Stühlen und sprechen von ihren Kindern, als seien die noch am Leben. Eine Mutter hat ihrem Sohn eine neue Gitarre gekauft, die er sich immer gewünscht hat, aber nicht leisten konnte. Ihre Stimme ist heiser vom Skandieren bei all den Demonstrationen, ihre Augen sind müde von all den Terminen mit Hilfsorganisationen, Anwälten, Politikern. "Wir werden nicht aufgeben", sagt sie. "Der Kampf geht weiter. Bis unsere Söhne lebendig zurück sind."

3 — Der Suchende
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  1. 1 — Der Kämpfer
  2. 2 — Der Überlebende
  3. 3 — Der Suchende

Einer, der sich auf die Suche nach den 43 Studenten macht, ist Mario Hernández. Jeden Tag fährt der hagere, schnauzbärtige Mann in seinem zerbeulten Pick-up-Truck von der Kirche in Iguala hinauf in die Berge. "Diese Berge sind Friedhöfe", sagt er. Als er Ende September im Radio zum ersten Mal von den verschleppten Studenten hörte, hat er eine Gruppe gegründet und sie ¡Hasta encontrarte! genannt – "Bis ich dich finde!". Der Satz gilt den 43 Studenten, er gilt den Zehntausenden, die spurlos verschwunden sind, und er gilt Hernández’ eigenem Bruder, den er das letzte Mal vor zwei Jahren gesehen hat.

Nach wenigen Wochen hatten sich rund 300 Menschen aus Iguala bei Hernández gemeldet, sie wollten Teil seiner Gruppe sein, weil auch sie ein Familienmitglied vermissen, einen Sohn, eine Mutter, eine Schwester.

Ein Dutzend Angehörige versammeln sich an einem Montagmorgen im März vor der Kirche, sie hieven Wasserkanister und Metallstäbe auf die Ladefläche eines Trucks und klettern dann selbst hinauf. Bevor sie losfahren, ziehen sie sich Tücher über das Gesicht, damit Bandenmitglieder sie nicht erkennen können. Sie überqueren Flüsse und fahren auf holprigen Schotterpisten, immer weiter in die Berge hinein, dorthin, wo die Kartelle ihre Opfer verscharren. Seit Hernández vor einem halben Jahr mit der Suche begonnen hat, nehmen er und seine Leute sich einen Berg nach dem anderen vor. Anwohner, die hier Feuerholz sammeln oder jagen gehen, geben ihm manchmal Hinweise.

Eine Stunde dauert die Fahrt durch die vertrocknete Landschaft, dann erreichen Hernández und seine Leute den "Tigerberg". Sie springen vom Auto und marschieren durch heiße, zähe Luft, schlagen sich durch dorniges Gestrüpp.

Mario Hernández prüft den Geruch an einer Metallstange, die in den Boden gebohrt wurde; riecht sie nach Verwesung, wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Grab gefunden. © Fabian Brennecke

Hernández führt die Gruppe an und referiert über die Merkmale, an denen man ein geheimes Grab erkennen kann. Erstens: eine Mulde, denn wo Menschen verwesen, gibt der Boden nach. Zweitens: aufgeworfene, weiche Erde. Drittens: Steine, deren Farbe sich vom übrigen Geröll an der Oberfläche unterscheidet. Solche Steine könnten aus einer tieferen Erdschicht stammen.

Wie ein Geologe sucht Hernández den Boden ab. Manchmal entdeckt er an einem Stein getrocknetes Blut. Oder er findet einen Strick, der verrät, dass hier Menschen gefesselt waren.

Wenn es stinkt, unfassbar stinkt, so sehr, dass du dich übergeben willst, dann ist es ein Grab. Mario Hernández

Hinter einem Baum vermutet Hernández ein Grab. In seiner Linken hält er einen Stab aus Metall, eineinhalb Meter lang, in seiner Rechten einen Hammer. Hernández rammt den Stab in den Boden und hämmert darauf ein, bis der Stab nicht mehr tiefer sinkt. Dann zieht er den Stab heraus und riecht an der Spitze. Er verzieht das Gesicht. "Wenn es stinkt, unfassbar stinkt, so sehr, dass du dich übergeben willst, dann ist es ein Grab."

Vor ein paar Monaten noch hätte Hernández jetzt angefangen zu graben, hätte vielleicht einen verkohlten Körper oder Knochen gefunden. Doch der Staat hat es ihm verboten. Er könnte Spuren verwischen, wurde ihm mitgeteilt. Aber Hernández glaubt, dass die Regierung einfach nicht will, dass er noch mehr Leichen entdeckt.

Alles, was Hernández noch darf: die potenziellen Gräber mit Fähnchen markieren und darauf warten, dass eines Tages Forensiker der Staatsanwaltschaft anrücken.

Video: Die traurige Suche nach den Vermissten von Iguala Abspielen
VIDEO: Tausende Menschen sind in Mexiko verschollen und die Behörden helfen nicht bei der Aufklärung. Bürger haben sich zusammengeschlossen und suchen jetzt selbst nach ihren Angehörigen – in versteckten Gräbern. (3:48 Min)

Um seinen Hals trägt Hernández ein laminiertes Foto seines Bruders Tomás. Zwei Jahre jünger als er, Taxifahrer. Eines Morgens vor zwei Jahren verließ Tomás das Haus und kam nicht mehr zurück. Abends erhielt Hernández einen Anruf auf seinem Handy. "Wir haben deinen Bruder entführt, wir wollen Geld", sagte eine Stimme. Dann legte der Mann wieder auf. Alle paar Tage rief er an und forderte umgerechnet 20 000 Euro Lösegeld. Die Familie kratzte zusammen, was sie besaß. Sie kam auf 5000 Euro, die sie dem Unbekannten anbot.

"Ich bestimme die Regeln", sagte der Mann. "Wenn du nicht lieferst, zerstückeln wir deinen Bruder, du Arschloch." Hernández flehte ihn an, zu beweisen, dass sein Bruder noch am Leben war. Dann hörte er Tomás’ Stimme in der Leitung: "Bruder, sie haben mich entführt. Bitte gib ihnen das Geld, das sie fordern!" Der Anrufer legte auf. Und rief wieder an. "Gib ihn mir noch einmal, ganz kurz", flehte Hernández. Und er hörte wieder den gleichen Satz, die gleichen Worte, die gleiche Betonung. Das war nicht sein Bruder am Apparat. Das war eine Aufnahme.

Hernández legte auf, es war das letzte Mal, dass er die Stimme seines Bruders hörte.

Hernández hat Anzeige erstattet bei der Polizei, aber er hat nie wieder von den Beamten gehört. Wer in Mexiko ein Verbrechen begeht, dem ist die Straffreiheit so gut wie garantiert. Auf 100 Straftaten kommen zwei, bestenfalls drei Urteile.

Vier Stunden lang läuft Hernández durch die Hitze, am Ende des Tages hat er 25 Stellen markiert. Hernández’ erste Hoffnung ist es, seinen Bruder lebend wiederzusehen. Seine zweite, die Überreste seines Bruders zu finden. Nur die Ungewissheit, die ihn seit zwei Jahren plagt, will er nicht länger ertragen.

Eineinhalb Wochen sind vergangen, seit die Bürgerwehr in Petaquillas den Staat aus ihrem Ort vertrieben hat und ins Gemeindeamt gezogen ist. Jetzt planen Sicherheitschef Salvador Alanís und seine Helfer, das Nachbardorf zu befreien. Zu zehnt fahren sie über eine holprige, ungepflasterte Straße, immer verlassener wird die Gegend, ein paar abgemagerte Hunde streunen herum. Nach einer Viertelstunde erreicht Alanís mit seinem Trupp eine heruntergekommene Stierkampfarena, in der 25 Männer, Frauen und Kinder schon auf die Delegation der Bürgerwehr warten.

Hinter der Arena stellen sie sich im Kreis auf. "Wieso liegt hier überall Müll?", fragt Alanís. "Ihr braucht Ordnung. Wir schicken euch Unterstützung." Er klingt wie ein Politiker im Wahlkampf. Die Dorfbewohner erzählen von ihren Ängsten: Alle paar Wochen feiern die Kartelle tagelange Feste in der Arena und zwingen die Dorfbewohner, ihnen Tacos und Bier zu servieren. Die Menschen haben Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder.

Immer wenn ein Viehtransporter, ein Pferd oder ein Esel die Arena passiert, schrecken die Dorfbewohner auf. Alanís fragt sie nach Freiwilligen. Sie zögern. Irgendwann hebt ein alter Mann die Hand. Als Alanís und seine Leute zu klatschen beginnen, trauen sich auch die anderen.

Die Freude der Dorfbewohner ist groß nach dem Besuch der Bürgerwehr. Sie hoffen, dass auch ihr Dorf bald wieder ein Ort sein wird, an dem sie abends auf die Straße gehen können.

Aber werden Alanís und seine Leute diesen Kampf gegen die Kartelle und den Staat jemals gewinnen können? Gegen einen Staat, der so korrupt ist, so kaputt, ohne Werte und ohne Gesetze? Alanís antwortet auf Zweifel mit Zahlen: Die Kartelle bestünden aus ein paar Dutzend Mitgliedern pro Region. Die staatlichen Ordnungskräfte aus ein paar Hundert. "Wir, die Bürger, wir sind Tausende!"

Was Alanís nicht sagt: Im Bundesstaat Guerrero beginnt die Masse in Untergruppen zu zerfallen, inzwischen konkurrieren mehrere Bürgerwehren miteinander. An manchen Straßen stehen ihre Kontrollposten nur 100 Meter auseinander. Wie die Mafia, die sie eigentlich bekämpfen, streiten sie um Straßenzüge, um Macht und Einfluss. Es gibt Gruppen, die gemeinsam mit der Polizei auf Streife gehen. Und es gibt Mitglieder der Drogenkartelle, die sich jetzt heimlich unter die enthusiastischen Freiwilligen mischen. Ihre T-Shirts haben sie mit den Logos der Bürgerwehren bedruckt.


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Mitwirkende:

Amrai Coen: Autorin

Fabian Brennecke: Fotograf, Video-Reporter

Fabian Mohr: Redaktionelle Koordination, Video-Schnitt

Anna Bordel: Übersetzung