Video: Beate Zschäpe im Prozess

Zschäpes letzter Triumph

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Seit zwei Jahren läuft der NSU-Prozess. Die einzige Konstante in diesem Verfahren war in dieser Zeit das Schweigen von Beate Zschäpe. Warum tut sie sich das an?

Wenn Beate Zschäpe kommt, wird es laut. Das Martinshorn des Gefangenentransports – drei Polizeiautos und zwei Transporter – schreckt die Münchner Innenstadt auf. Streifenwagen sperren die Kreuzungen ab, während die Kolonne in einer Garage am Strafjustizzentrum verschwindet.

Dann Stille.                                                               

Wenn die Hauptangeklagte im NSU-Prozess dann in den Gerichtssaal tritt, ist ihr Mund ein zusammengekniffener Strich; mit den Augen tastet sie den Boden ab. Wenn die Verhandlung läuft, tuschelt Zschäpe bisweilen mit ihren Verteidigern. Aber Antworten gibt sie nie.

© Peter Kneffel/dpa

Zschäpe schweigt. Gegenüber den Angehörigen der zehn Mordopfer, gegenüber den Überlebenden der zwei Bombenanschläge, gegenüber den traumatisierten Opfern der 15 Raubüberfälle. Taten, wegen derer sie angeklagt ist. Gemeinsam mit zwei Jugendfreunden war sie das Zentrum der rechtsextremen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund. Uwe Mundlos, tot, Uwe Böhnhardt, tot, Beate Zschäpe, totenstill.

Negative Kultfigur

Vor zwei Jahren begann der Prozess wegen der mutmaßlich rechtsterroristischen Morde und Gewalttaten vor dem Oberlandesgericht in München. Damals sagte die Hauptangeklagte nicht einmal ihren Namen; ihr Anwalt Wolfgang Heer übernahm das für sie.

Vier mutmaßliche Helfer sind mitangeklagt. Sie sollen die drei in ihrem Leben im Untergrund unterstützt haben, ihnen Waffen geliefert haben. Zwei von ihnen, Carsten S. und Holger G., haben Geständnisse abgelegt. Die anderen beiden, Ralf Wohlleben und André E., verweigern die Aussage, doch am ersten Prozesstag bestätigten sie vor Gericht zumindest ihre Personalien hörbar.

Die Frau aber, die ganz vorn auf der Anklagebank sitzt, ist nur zu sehen.

Zschäpe, die ihren 40. Geburtstag im Gefängnis gefeiert hat, ist zu einer Art negativer Kultfigur geworden. Zum Gesicht des Rechtsextremismus in Deutschland. Zum Mittelpunkt eines aufwendigen Verfahrens, in dem keine Fehler erlaubt sind. Darin geht es um eine Serie rechtsextremer Gewalt im wiedervereinigten Deutschland und vor allem darum, dass diese sehr lange nicht aufgedeckt wurde.

Das setzt nicht nur das Oberlandesgericht unter Druck, sondern auch die  Hauptangeklagte.

Prozesstaktische Gründe im Indizienprozess

Schweigen ist in einem Indizienprozess wie diesem eine nachvollziehbare Strategie: Laut Anklage hat Zschäpe weder Menschen erschossen noch Bomben gelegt. Es waren Mundlos und Böhnhardt, die das taten. Doch Zschäpe soll die Taten mitgetragen, daheim die Legende einer harmlosen WG vor den Nachbarn aufrechterhalten und die beiden Männer so geschützt haben. Mittäterschaft heißt das Delikt im Strafgesetzbuch. Sie wird genauso hart bestraft wie die eigentlichen Taten.

Aber weil Zschäpe nicht redet und die beiden mutmaßlichen Mittäter tot sind, muss ihre Beteiligung an den Kapitalverbrechen über eine Kette kleinteiliger Beweise nachgewiesen werden. Gelingt das nicht, könnte die Verteidigung Zschäpe als unbeteiligte Hausfrau darstellen. Eine mit rechtsextremer Gesinnung zwar, die den Mördern aber ahnungslos ihr Essen kochte.

Während sie schweigt, wird um sie herum geredet. Das Bild der Figur Zschäpe schaffen andere. In der vorvergangenen Woche wurde ein Gutachten des Gerichtspsychiaters Norbert Nedopil bekannt. Ihm hatte Zschäpe gesagt, das Schweigen sei für sie belastend. Zu Prozessbeginn sei es ihr leichter gefallen, sie habe gedacht, es durchhalten zu können. Mit ihren Verteidigern habe sie vereinbart, sich im Verhandlungssaal "unbeteiligt und gleichmütig" zu geben. Nun aber werde ihr klar, "dass die Fassade des Schweigens allmählich bröckele".

Die beherrschte Miene Zschäpes ist eine Maske, dahinter brodelt es. Journalisten und Besucher auf der Tribüne des Gerichtssaals hatten es schon lange vermutet. 

Es muss schwer sein, vor Gericht beurteilt zu werden, und dem Reflex des Widerspruchs immer aufs Neue zu widerstehen. Im Dienste der Wahrheitsfindung untersucht das Gericht, mit wem Zschäpe geschlafen hat, was sie in Freiheit gegessen hat, welche Kleidung sie getragen hat. Ihre Liebschaften mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren ebenso Thema wie das, was sie in Stammtischdiskussionen sagte. "Als ich sie kennengelernt habe, dachte ich: Was ist denn das für eine Primitive?", erzählte ein Zeuge in einer Vernehmung. Sie war "ein Stück weit obszön", fügte er vor Gericht hinzu. Nicht wenige Zeugen halten Zschäpe für promiskuitiv.

Ein Rest Autonomie

Warum weist Zschäpe dieses Hörensagen nicht zurück und sagt aus? Vielleicht ist die Diskussion um ihre Person ihr allerletzter Trumpf, lautet eine These, und ihr letzter Triumph.

Beate Zschäpe und ihre Anwälte - ein gewohntes Bild. So bleiben sie, bis die Fotografen den Gerichtssaal verlassen haben. © Peter Kneffel/dpa

Diese These vertritt der Psychologe und Kriminologe Martin Rettenberger. Er leitet die Kriminologische Zentralstelle in Wiesbaden, ein öffentliches Forschungszentrum für Verbrechen und Strafverfolgung. Er hat viele Gefängnisinsassen betreut, die vor dem Richter geschwiegen haben – auf Anraten ihres Anwalts.

Auch Zschäpe verweigert aus prozesstaktischen Gründen die Aussage. Doch laut Rettenberger gibt es noch einen weiteren Grund: "Damit signalisiert sie: Mich kann man nicht brechen", sagt er. Dass sie im Gerichtssaal stumm bleibt, sei nicht nur der Wunsch ihrer Anwälte – sondern Zschäpes eigene Entscheidung. Sie hänge mit ihrer Haftsituation zusammen, aber auch mit ihrer Haltung gegenüber dem deutschen Staat, mit dem sie nicht kooperieren wolle.

Über ein Jahrzehnt hat Zschäpe im Untergrund gelebt, sich dem Staat widersetzt. Nun ist sie seinem Justizsystem ausgeliefert, seit fast vier Jahren ist sie in Untersuchungshaft, lange war sie dort von anderen Häftlingen isoliert. Das Recht zu schweigen ist ihr letzter Rest Autonomie: "Sie hat das Wissensmonopol, nur sie weiß wirklich, was genau passiert ist. Jetzt tut sie das Einzige, was ihr in dieser Ohnmachtssituation noch bleibt", sagt Rettenberger.

Schweigen ist Macht

Rückblick auf einen Sonntag im November 2011. Mundlos und Böhnhardt haben sich nach einem missglückten Banküberfall in Eisenach erschossen, die gemeinsame konspirative Wohnung in Zwickau ist niedergebrannt. Zschäpe hat sich bei der Polizei in Jena gestellt. Ganz Deutschland spricht über eine rechtsextreme Terrorgruppe, die mutmaßlich enttarnt wurde. Mit zwei Polizisten fliegt Zschäpe zum Haftrichter nach Karlsruhe. Vor dem Termin sagt sie einen denkwürdigen Satz zu einem der Beamten: Sie habe sich nicht gestellt, um nicht auszusagen.

Die Äußerung nährt bis heute die Hoffnung, Zschäpe werde irgendwann reinen Tisch machen. Doch vermutlich hat sie das nie vorgehabt. Rettenberger glaubt, dass sich das Trio in den langen Jahren im Untergrund genug Gedanken machen konnte, um einen Plan für eine mögliche Aufdeckung zu entwickeln: Kooperieren wir? Verweigern wir die Aussage?

Die Angeklagte Beate Zschäpe kommt am 01.10.2013 in den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Bayern). Vor dem Oberlandesgericht wurde der Prozess um die Morde und Terroranschläge des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) fortgesetzt. Foto: Andreas Gebert/dpa [ Rechtehinweis: usage Germany only, Verwendung nur in Deutschland ] © Andreas Gebert/dpa

Die Kultfigur Zschäpe braucht das Schweigen. "Sie wirkt größer und mächtiger, als sie eigentlich ist", sagt Rettenberger. Der NSU wäre entmystifiziert, wenn sein letztes überlebendes Mitglied umfangreich Auskunft geben würde.

"Natürlich ist das auch Macht", sagt Opfervertreter Alexander Hoffmann. Zschäpe pariert nicht, wenn der Richter sie anspricht. "Das ist ein wichtiges Kriterium: Ich lasse nicht mit mir geschehen, sondern ich bestimme mit", sagt Hoffmann, der als Strafverteidiger außerhalb des NSU-Prozesses auch Angeklagte vor Gericht vertritt. Die Rechtsextremistin wolle nicht das Objekt der Justiz sein, sondern ein handelndes Subjekt. Es ist ihr letztes bisschen Freiheit.

Mit Zschäpes Geltungswillen hat sich auch Gerichtspsychologe Nedopil beschäftigt. Als "narzisstisch" beschreibt er sie in seinem Gutachten, also als Ich-bezogen und eitel. Ist es ihr Ego, das die Aufklärung im NSU-Prozess so lang und mühsam macht?

Angst vor der Bedeutungslosigkeit

Ende Juni 2012 sitzt Zschäpe einem Mann mit graumelierten Haaren und Schnauzbart gegenüber. Der Erste Kriminalhauptkommissar Rainer B. vom Bundeskriminalamt fährt mit Zschäpe in einem Transporter aus der Justizvollzugsanstalt Köln nach Gera. Dort soll sie ihre Großmutter treffen. Auf der Reise über die A4 redet die Verdächtige mit dem Polizisten, so viel wie noch nie. B. weist sie darauf hin, dass Gerichte es üblicherweise honorieren, wenn ein Angeklagter seine Taten gesteht. Zschäpe entgegnet: "So einen Fall wie mich hat's doch noch nie gegeben."

Im Fall NSU ist eine einzige Person der Schlüssel zu fast allen offenen Fragen, und davon gibt es viele. Das sichert ihr ein ungebrochenes Interesse – etwa vonseiten der Fotografen und Kameramänner, die bis vor Kurzem an jedem Verhandlungstag im Gerichtssaal standen und auf den Eintritt der Angeklagten warteten. Sie schützte sich meist vor den Blicken, indem sie sich hinter ihre Anwälte stellte.

© Marc Müller/dpa

Die direkte Aufmerksamkeit im Gericht ist Zschäpe offenbar unangenehm oder gar zuwider. Was aber wäre, wenn die Angeklagte plötzlich in der Bedeutungslosigkeit versinken würde?

Die Rechtsextremistin hat das hinter sich, was Rettenberger eine "klassische Verliererlaufbahn" nennt. Nach der Wende gerieten Zschäpe und ihre Freunde in Jena ins gesellschaftliche Abseits. Nach der Schule 1992 wollte sie Kindergärtnerin werden, bekam aber nur eine Lehre als Gärtnerin. Später fand sie Gelegenheitsjobs. Die Welt hatte die Jugendlichen aus den Plattenbausiedlungen Thüringens vergessen.

Für Zschäpe gilt das längst nicht mehr. "Das ist ein unglaubliches Machterleben", sagt Rettenberger. Die NSU-Affäre zwang Bundeskanzlerin Angela Merkel, sich bei den Opfern der Morde und Anschläge zu entschuldigen, vier Verfassungsschutz-Präsidenten mussten zurücktreten, mehrere Untersuchungsausschüsse wurden eingesetzt. Für Zschäpe mag dieser Prozess wie eine Niederlage des Staates aussehen. Doch wenn er abgeschlossen ist, bleibt ihr nicht mehr viel von ihrem Machtspiel.

Wird sie als Mittäterin der NSU-Taten verurteilt, worauf die Lage vor Gericht hindeutet, würde sie ziemlich schnell keine Macht mehr spüren. Lange Jahre im Gefängnis, vermutlich ein Leben lang – es wäre eine Zeit, in der nur noch selten über Zschäpe geredet würde.

Der Autor dieses Textes, Tom Sundermann, begleitet das NSU-Verfahren für ZEIT ONLINE von Anfang an. Sein Prozess-Blog finden Sie hier