© Amrai Coen

Im Reich Assads

DIE ZEIT Nr. 49/2016 — Von und
Palmyra in Syrien ist ein Schatz der Antike. Der IS sprengte die Tempel, dann eroberte Assad den Ort. Eine Reise zu Menschen, die mitten im Krieg um alte Steine kämpfen

Als der Löwe endlich Damaskus sieht, mit dem einen Auge, das der Krieg ihm gelassen hat, liegt er im Schatten grüner Bäume. Starr blickt der Löwe nach oben. Pärchen spazieren durch einen Garten, der Wind weht sanft, und der Krieg ist nur ein Grummeln in der Ferne, so unwirklich wie ein böser Traum. Ein Bild von Ruhe und Sicherheit. So gehen Geschichten zu Ende. Diese fängt hier an. Sie wird dort aufhören, wo der Löwe herkam, im Krieg.

Es geht dem Löwen nicht gut. Er ist so groß wie ein Auto und wiegt mehr als ein Dutzend Tonnen, ein massiges Wesen aus Kalkstein – aber der Krieg lässt ja nichts unberührt, er zieht Fronten durch alle Leben und jede Familie und macht die seltsamsten Dinge zu Gegenständen des Kampfes. Sogar alte Steine.

Nach seiner Rettung lag der Löwe bedeckt von einer Plastikplane. Bis zu diesem Morgen im Oktober, an dem ein Mann mit langen Locken und Händen, so ebenmäßig wie die eines Bildhauers, die Plane herunterzieht. Zuerst taucht das rechte Auge auf. Dann die Mähne, durch sie geht ein Riss. Der Mann, er ist aus Polen angereist und heißt Bartosz Markowski, springt auf den Löwen. Wo einmal die Nase hervorstach, der Bart, das mächtige Maul mit Zunge und Zähnen, klafft im Stein ein Loch, groß wie ein Mülleimer. Ein Kätzchen springt heraus und saust davon. Bartosz Markowskis Unterarm verschwindet in der Tiefe. Er klaubt eine Plastikflasche hervor, das Projektil einer Kalaschnikow.

"Bartosz! Sag doch! Was meinst du?"

Neben dem Löwen ein Syrer, klein und rundlich, Ende vierzig, Polohemd, das über dem Bauch spannt, die Augen verschattet. Maamoun Abdulkarim, Chef der Antikenbehörde der Syrischen Arabischen Republik, Herr über Hunderttausende Säulen und Statuen.

"Ich meine: Man sollte ihn restaurieren, aber so, dass die Spuren des Krieges sichtbar bleiben, die Einschusslöcher und Kratzer."

Bartosz Markowski spricht so ruhig und bestimmt, wie ein Mann spricht, der viele Tage allein verbringt, nur er mit einem hilfsbedürftigen Kunstwerk. In einer versunkenen Zeit, im Jahr 2005, hat er den Löwen schon einmal erneuert. Ein Werk für Jahrhunderte, dachte er damals. Konnte man ja alles nicht ahnen, sagt er heute.

Die Löwenskulptur aus Palmyra © Amrai Coen

"Gut!", ruft Abdulkarim. "Ich erkläre hiermit den Beginn der Arbeiten! Bartosz, du bist unser Projektleiter. Wir haben so viel zu restaurieren. Aber mit dem Löwen fangen wir an. Wegen des symbolischen Werts. Wir wollen ihn wieder aufrichten, hier bei uns in Damaskus."

"Soll mir recht sein", murmelt Bartosz Markowski. "Es gibt nur ein Problem" – er mustert die Steinmasse unter ihm –, "dem Löwen fehlen noch ein paar Teile. Die sind noch dort. Die müssen wir holen."

"Aus Palmyra?"

"Aus Palmyra."

Es ist Herbst 2016, der Krieg geht in sein sechstes Jahr, und nicht nur der Löwe, ganz Syrien ist in seine Einzelteile zerfallen. Wer eine Karte dieses Landes studiert, das längst kein Land mehr ist, sollte nicht farbenblind sein. Gelb, Grün, Rot, Grau markieren die Territorien von Feinden und Feinden von Feinden. Ein breiter Streifen zieht sich von Süden hoch, umfasst Damaskus und andere bedeutende Städte und endet an der Front des Nordens, in Aleppo. In diesem Gebiet herrscht die Regierung von Baschar al-Assad. Die Wüstenweiten des Ostens hält der "Islamische Staat".

Nur ein schmaler Finger sticht aus dem Regierungsgebiet in die Wüste hinein. Kaum mehr als eine Straße, die zu einer Stadt führt; dort endet der Finger. Die Stadt ist auf drei Seiten vom IS umstellt. Das ist Palmyra.

Früher rollten Busse über die Straße, darin saßen Schüler aus dem ganzen Land, Touristen aus der ganzen Welt. Palmyra, das war eine der großen Sehenswürdigkeiten aus der Römerzeit: in den Sand gesetzte Tempel und Kolonnaden, Gräber und Grabfiguren, leuchtend unter der Wüstensonne. Antike in Cinemascope, kilometerweit. Und an auffälliger Stelle, vor dem Eingang zur antiken Stätte, grüßte der Löwe die Besucher. Auf seiner Pfote steht in alter Schrift dieser Satz, der heute, im schlimmsten Krieg der Gegenwart, so sinnlos wirkt wie eine Botschaft an Außerirdische: "Gott segne den, der in diesem Heiligtum kein Blut vergießt."

Der Krieg war in seinem fünften Jahr, als der IS in Palmyra einfiel. Bilder von Tempelsprengungen, Massenerschießungen, geköpften Statuen gingen um die Welt, und es schien, als sei das Ende von Palmyra im Drehbuch der Islamisten festgeschrieben.

Dann kam Putin. Vor einem Jahr griff er an der Seite Assads in den Krieg ein. Zu Ostern 2016 eroberte die russisch-syrische Koalition Palmyra zurück. Ihr erster großer Sieg, der erste große militärische Sieg über den IS überhaupt. Es war der Moment, als Baschar al-Assad für viele Leute im Westen vom bösen Diktator zum kleineren Übel wurde.

Hunderttausende sind in Syrien gestorben, mehr als zwei Millionen Häuser liegen in Trümmern. Die Armeen von Putin und Assad haben Hilfskonvois, Schulen, Krankenhäuser bombardiert, der IS hat in seinem Kalifat Tausende Frauen versklavt und Männer vor laufender Kamera getötet, und der Westen steht vor dem Chaos und weiß nicht, was er tun soll.

Sie alle aber, Freunde wie Feinde, Hoffnungsvolle wie Verzweifelte, Kämpfer wie Zivilisten, haben eines gemein: Palmyra ist für sie mehr als ein Haufen alter Steine.

Der Westen sieht in Palmyra ein Kulturerbe, das auch ihm gehört.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Der IS setzt Palmyra als Waffe ein, um die moderne Zivilisation an empfindlicher Stelle zu attackieren.

Die Russen wollen mit Palmyra die Welt davon überzeugen, dass sie in diesem Krieg gute Absichten haben.

Und die Regierung von Baschar al-Assad benutzt Palmyra als Rechtfertigung, weiter an der Macht zu bleiben.

Es gibt Zeiten, da verlieren alte Steine ihre Unschuld. Niemals zuvor ist eine Kulturstätte so sehr in die Fänge der Weltpolitik geraten. Ein Reporterteam der ZEIT war zehn Tage im Regierungsgebiet unterwegs: Wer in Syrien dem Fall Palmyra nachgeht, kann besser begreifen, weshalb sich Assad – trotz aller Verbrechen – als Verteidiger westlicher Werte sieht. Und wieso er immer noch von so vielen Syrern unterstützt wird.

Die Ruinen von Aleppo sind Assads Schande. Die Ruinen von Palmyra sind sein Stolz. Ihre Geschichte ist eine Geschichte aus dem Krieg, also wird darin gekämpft und gestorben. Es ist aber auch die Geschichte eines anderen, nicht sofort sichtbaren Kampfes.

1 — Damaskus: Die sichere Burg

Wenn man in diesem Herbst aus dem Libanon kommend nach Damaskus fährt, muss man oft anhalten. Überall Checkpoints, in der Stadt und um sie herum, alle paar Hundert Meter schauen Soldaten in Pässe, tasten Mäntel ab, durchwühlen Plastiktüten. Damaskus ist die sichere Burg im Regierungsgebiet. Aus dem ganzen Land flüchten sie hierher, die Stadt ist überfüllt. Nachts schlafen Straßenkinder auf Bürgersteigen. Tagsüber sieht man im Asphalt kleine Krater, aufgerissen von Granaten. Sie fliegen ziellos, aber nur noch wenige Male pro Woche aus Vororten herein, die von Rebellen gehalten werden.

Dort, in den Vororten, steigen manchmal schlanke Rauchsäulen empor. Straße für Straße drängt die Regierung die Rebellen zurück. Hier, in der Innenstadt, wird der Sound der Bombardements übertönt vom Gesumme der Metropole – dem Gehupe der Taxis, den Rufen der Straßenverkäufer, dem Ploppen der Bälle auf einem Tennisplatz, Lebenszeichen von Millionen Menschen, die genug haben vom Sterben. Man kann durch die Altstadt bummeln, kann in Nachtclubs bis in den Morgen feiern und den "I love Damascus"-Marathon besuchen. Als hellhäutiger Mensch wird man oft für einen der neuen Herren gehalten. "Seid ihr aus Russland?", rufen Syrer, und: "Spasibo, Moskau!" Danke!

Der Krieg scheint in Damaskus weit weg, obwohl er doch so nah ist.

Baschar al-Assads Palast thront über der Stadt auf einem Felsen, sichtbar für alle und doch geschützt vor jedem. Maamoun Abdulkarims Nationalmuseum, in dessen Garten der Löwe auf seine Wiederbelebung wartet, liegt nahe der Universität, im Zentrum. Draußen sitzen Studenten über Büchern, halten Soldaten Händchen mit heimlichen Freundinnen. Drinnen führt Abdulkarim seinen Gast aus Polen herum. Leere Schaukästen, Saal um Saal, neben ihnen erklären Infotafeln das Nichts. "Wir haben alles unter der Erde verstaut", sagt, nein: verkündet der Antikendirektor, "an sicheren Orten in Damaskus: mehr als 300.000 Kulturschätze! Aus dem ganzen Land!" Seine Worte rasen seinen Gedanken hinterher, großes Drama noch in jedem Nebensatz.

Bei Ausbruch des Bürgerkrieges lebte Maamoun Abdulkarim das Leben eines Gelehrten, seine Welt war die Universität. Doktorarbeit zum Thema "Die Gründung der Stadt Homs in der Römerzeit", siebzig Fachartikel, fünf Bücher, ein Zukunftstraum: eine "Enzyklopädie der syrischen Archäologie", von A bis Z in 25 Bänden. Abdulkarim ist ein Mensch, der in Zeitmaßen denkt, die größer sind als ein Bürgerkrieg. Er stammt aus einer Familie von Medizinern, wie fast alle seiner 16 Geschwister hatte auch er Arzt werden sollen. Doch schon als Zehnjähriger wusste er: Meine Zukunft sind die alten Steine.

Als in Damaskus Autobomben explodierten, flohen die ersten von Abdulkarims Freunden ins Ausland. Als in der Antikenbehörde Listen kursierten mit Namen von Mitarbeitern, die gegen die Regierung auf die Straße gingen, leerten sich auch dort die Büros. Als der Anruf der Kulturministerin kam, war Abdulkarim der letzte Professor für Archäologie im ganzen Land. Ohne Gegenwehr ließ er sich im Sommer 2012 von einer Regierung, die ihre eigenen Bürger folterte, zum Direktor der Antikenbehörde ernennen. Die Kollegen, die ihn damals aus Beirut oder Berlin anriefen und wissen wollten, ob er irre sei, erinnern sich heute an seine Antwort: Wenn ich jetzt gehe, wer bleibt dann noch?

Auch Abdulkarim hätte fliehen können, sagt er, sagen seine Bekannten im Ausland, er hatte die richtigen Visa im Pass, er hatte eine Frau und zwei kleine Kinder, die nachts, wenn draußen der Krieg wütete, schreiend unter ihre Betten krochen. Es war die Zeit, in der Menschen davon redeten, dass Assad fallen könnte, und Damaskus mit ihm.

Abdulkarim blieb, aber nicht weil er ein Anhänger seines Präsidenten wäre. Nicht die Gegenwart hielt ihn, sondern die Vergangenheit. Abdulkarim blieb wegen der Säulen, Skulpturen und Tempel, dieser übermenschlichen Leistungen längst verstorbener Menschen.

Bis heute versucht er sich fernzuhalten von der Regierung. Der einzige Politiker, mit dem er rede, sei der Kulturminister, sagt er. Schon sein dritter. Assads Minister kommen und gehen, Maamoun Abdulkarim erledigt seinen Job.

Er öffnet eine Flügeltür, und der polnische Restaurator Bartosz Markowski betritt einen Saal von der Weite einer Sporthalle. Auf dem Boden Holzkisten mit kyrillischen Buchstaben, ein Verweis auf den früheren Inhalt: schwere Artilleriegeschosse. Markowski zögert, öffnet einen Metallverschluss, blickt in das Gesicht eines Mannes, der irgendwann im Nebel der Vorzeit reich genug war, eine Büste von sich anfertigen zu lassen. Der Mann liegt da wie in einem Sarg.

In der nächsten Kiste eine Frau, Kopfschmuck, Tuch, starres Lächeln. Dann eine Sammlung abgebrochener Arme. Alles aus Palmyra evakuiert, so wie der Löwe. Markowski wühlt sich durch den Saal, Abdulkarim steht daneben, er braucht jetzt jemanden, der wie ein Pathologe nach einem Erdbeben die Leichenteile sortiert und Identitäten klärt, und Markowski ist der einzige Antikenexperte aus dem Ausland, der sich seit der Einnahme von Palmyra blicken ließ. Was vor allem an Markowskis Angstfreiheit liegt. Abdulkarim wünscht sich mehr Leute wie diesen Polen in Trekkinghose, weil die Ausländer seit Jahrzehnten in Palmyra forschen, weil sie die einzelnen Schätze besser kennen als er selbst, der das ganze Land im Blick haben muss.

Die beiden beugen sich über die Boxen, und Abdulkarim hält sein Telefon hinein, um ein wenig Licht zu schaffen. In einem europäischen Museum hätte jede dieser Figuren einen großen Auftritt hinter Glas, umringt von Publikum und effektvoll ausgeleuchtet. Die Liebe des Antikenchefs zu den alten Steinen, er teilt sie mit dem Westen.

Es waren zwei Briten, die im Jahr 1750 in die syrische Wüste vorstießen und dort die alten Bauten einer Handelsstadt – ja was eigentlich: entdeckten? Aus der Sicht Europas wohl schon. Ihr Buch The Ruins of Palmyra löste eine Antikenliebe aus. Darin sah man Zeichnungen von Säulen, wie man sie aus Rom und Athen kannte, sowie von Tempeln, die rätselhaften Göttern gewidmet waren. Römer und Griechen, aber auch Kaufleute aus dem Zweistromland, Phönizier, Aramäer und andere Völker des Ostens, sie alle hatten in Palmyra miteinander gehandelt und ihre Spuren hinterlassen. In dieser Stadt, wie es keine zweite auf der Welt gibt, einer Wall Street der Antike.

Der Westen erschuf sich seine Erzählung von Palmyra. Sie handelt von einem Ort der Toleranz und der religiösen Vielfalt, von einer "Brücke zwischen den Kulturen", von einem "Schmelztiegel der Zivilisation", und sie ist nicht falsch. Aber so nahm der Westen diesen Ort eben auch symbolisch in Besitz. Seine Oberschicht kopierte in ihren Villen die Kassettendecken aus Palmyra. Später schickte er seine Schatzsucher, sie nannten sich Archäologen und gruben der Erzählung hinterher. Noch später seine Lehrer und Rentner, die in den Jahren vor dem Krieg bei Studiosus die "15-tägige Studienreise" ab 2.650 Euro buchten.

Heute sorgt sich der Westen um das Schicksal der Kulturschätze, die er auch für seine eigenen hält. Ein altes Thema; mit den neuen Kriegen des 21. Jahrhunderts hat es sich entstaubt. Im März 2001 sprengten die afghanischen Taliban die Buddha-Statuen von Bamiyan. Es gab die verwüsteten Bibliotheken und zerstörten Mausoleen in der Wüstenstadt Timbuktu. Es gab gerade diesen Prozess, in dem der Internationale Strafgerichtshof einen der Täter von Timbuktu ins Gefängnis schickte – das erste Mal, dass Richter den Angriff auf eine Kulturstätte als Kriegsverbrechen deuteten. Kunstwerke als Kriegsopfer. Fast wirkt es, als seien Steine und Menschen vor Gericht jetzt gleich, und nicht nur dort.

An einem Abend im August 2016, sechs Wochen vor dem Besuch des polnischen Restaurators in Damaskus, schreitet Maamoun Abdulkarim in der schottischen Hauptstadt Edinburgh zu einem Rednerpult. Er trägt Anzug und Krawatte und wird empfangen vom warmen Applaus Hunderter Menschen. Er ist zwar nicht aus Syrien geflohen, aber er fährt oft weg, zu Konferenzen ins Ausland, nach Paris, Toronto. An diesem Tag in Edinburgh treffen sich Kulturminister, Museumsleute, Denkmalschützer aus der ganzen Welt. Abdulkarim darf den Festvortrag halten.

Die Besucher sitzen in einem Saal aus dem 18. Jahrhundert, vollgestopft mit Säulen und Marmorbüsten. Nachgebaute Antike.

"Liebe Kollegen!" Abdulkarim hält die Rede, die er im Ausland immer hält, er kann sie schon auswendig. Er schwärmt von der "Schönheit der Ruinen" in seiner Heimat, vom "kulturellen Erbe, das wir vor der Politik beschützen müssen". Der Krieg ist nur ein vages Wort: "Tragödie". Am Morgen dieses Tages sind Fassbomben auf ein Stadtviertel von Aleppo namens Bab al-Nairab gefallen, abgeworfen von Abdulkarims Arbeitgeber, der syrischen Regierung. Mindestens 14 Tote, unter ihnen elf Kinder. Jetzt projiziert Abdulkarim Bilder der gesprengten Tempel an die Wand, und das Publikum stößt Seufzer des Entsetzens aus.

Warum trauern Menschen so sehr über den Verlust der alten Steine? Stehen die Steine als Stellvertreter für all die unschuldigen Syrer, deren Sterben wir nicht verhindern? Vielleicht. Ganz sicher trauern die Menschen, weil sie in den Steinen etwas Ewiges sehen, das man nicht zerstören darf.

Am Ende des Vortrags wie üblich der pathetische Appell: "Lasst uns nicht allein! Warum lässt man uns allein? Es geht um unser gemeinsames Erbe!" Die Zuhörer stehen auf und jubeln. Sie nicken einander zu: faszinierend! Ein Held! Später drängen sie sich um Abdulkarim und erzählen von ihren eigenen Reisen in die Antike und den Sonnenuntergängen von Palmyra.

Maamoun Abdulkarim, der Mann, der mitten in der syrischen Tragödie seine Enzyklopädie der Archäologie bis zum Buchstaben S vorantrieb, hat an diesem Abend auch über den verwundeten Löwen gesprochen. Was er nicht gesagt hat, ist, was Löwe auf Arabisch heißt. Er hat nicht erklärt, weshalb auf vielen Plakaten in Syrien ein Löwe den Staatsführer begleitet. Weshalb in der Gegend nahe der Küste, aus der die Familie des Staatsführers stammt, überall moderne Statuen von Löwen herumstehen. Und wieso ein eifriger Geschäftsmann, der sich bemerkbar machen wollte, auf einem zentralen Platz der Stadt Homs eine Kopie des Löwen von Palmyra errichten ließ. In Originalgröße teilt dieser Löwe den Verkehrsstrom, man kann dort abbiegen in ein Stadtviertel, dem die Bomben jedes einzelne Haus geraubt haben.

Löwe heißt auf Arabisch assad. Und ein Assad sollte nicht daniederliegen. Nicht in Syrien.

2 — Palmyra: Die Zerstörung

An dieser Stelle braucht die Geschichte von Palmyra eine Rückblende. Um zu verstehen, wie die Ruinen zum Streitthema der Weltmächte werden konnten und weshalb die Experten des Westens trotz ihrer Antikenliebe die Reise nach Syrien scheuen, muss man wissen, was geschah, als der Krieg nach Palmyra kam. Denn im Krieg ist jede Liebe eine Schwäche, auch die zu alten Steinen.

Zwei Männer können davon erzählen, beide in Europa, wohin sie aus Syrien geflohen sind. Der eine, weil er nicht mehr Täter sein wollte. Der andere, weil er nicht mehr Opfer sein wollte.

Ein Gefängnis in Niedersachsen. Betonmauer mit Stacheldraht, Sicherheitsschleusen, Scan-Kontrollen wie am Flughafen, ein Wärter schließt einen der Besucherräume auf: Laminatboden, Leuchtstoffröhre, ein nackter Tisch. Da sitzt ein kräftiger junger Mann in Turnschuhen. Rasierter Kopf, Oberlippenflaum. Er steht auf, grüßt höflich, fast schüchtern.

Harry Sarfo, 28 Jahre alt, Sohn ghanaischer Einwanderer, aufgewachsen im Bremer Brennpunktviertel Osterholz-Tenever, zählt zu den wenigen Zeugen, die aus dem Innenleben des IS berichten. Er hat nach seiner Heimkehr aus dem Krieg mit den Behörden kooperiert. Hunderte Seiten umfassen die Protokolle der Vernehmungen, die der ZEIT vorliegen. Darin steht, dass Sarfo im Frühjahr 2015 nach Syrien gereist war, einer jener kleinkriminellen jungen Männer, die sich oft nach dem gleichen Muster radikalisieren. Harry Sarfo war jetzt kein Verlierer mehr, sondern Abu Saif, Vater des Schwertes. Er lernte in einem Camp, wie man eine Kalaschnikow lädt, und an einem Tag im Mai in Rakka, der Hauptstadt des IS, wunderte er sich über den Trubel. Konvois mit jubelnden Kämpfern, Freudenschüsse. Es hieß, der IS habe eine Stadt erobert. "Das war eine riesengroße Feier", erinnert sich Harry Sarfo.

Den Namen dieser Stadt hatte der junge Deutsche noch nie gehört.

Gut tausend Kilometer von Niedersachsen entfernt, in einem Vorort von Lyon, rollt ein Mann im Rollstuhl durch eine kleine Wohnung. Greift nach Stützstrümpfen, streift sie über die tauben Beine. "Sorry", sagt Walid al-Asa’ad, 47 Jahre alt, grauer Dreitagebart, und formt seine Lippen zum Versuch eines Lächelns. "Diese Sache in Palmyra" habe ihn zum Pflegefall gemacht.

Die Familie al-Asa’ad, die mit dem Präsidenten nur ein paar Buchstaben ihres Nachnamens gemein hat, lebte seit Generationen in Palmyra. Die Ruinen in der Wüste, für Walid waren sie der Schauplatz einer idyllischen Kindheit. Jeden Tag spielte er zwischen Touristen, Kamelen und Archäologen. Palmyra war ein zweigeteilter Ort, auf der einen Seite die alten Ruinen, auf der anderen moderne Häuserblocks für 70.000 Bewohner. Walids Vater war vielleicht der bekannteste von ihnen, vier Jahrzehnte lang leitete er die antike Stätte, schloss Freundschaft mit den Ausgräbern des Westens und sorgte dafür, dass die Unesco Palmyra zum Weltkulturerbe erklärte. Als der Vater in Rente ging, trat Walid dessen Stelle an. Walid liebte seine Arbeit, er liebte sie noch, als das Land acht Jahre später im Chaos versank und keine Touristen mehr in die Wüste kamen. Politiker und Soldaten sagten ihm: Palmyra ist sicher. Walid al-Asa’ad liebte seine Arbeit, bis zu jenem Morgen, an dem er vom Balkon blickte und fremde junge Männer sah, die durch seine Stadt marschierten. Sie trugen schwarze Kleidung und Waffen.

Die Armee hatte sich zurückgezogen, und von den Politikern war auch nichts mehr zu sehen. So begann die Herrschaft des IS über Palmyra, die dazu führte, dass sich im frühen Sommer des vergangenen Jahres die Schicksale von Harry Sarfo und Walid al-Asa’ad kreuzten. Vielleicht sind die beiden sich begegnet, vielleicht nicht, genau wissen sie es nicht. Sie waren ja Feinde.

"Ey, los, steh auf! Wir sollen uns sammeln. Gibt irgendwas Spannendes." Eines Vormittags wird Sarfo in Rakka von einem deutschen Freund geweckt. Kurz darauf stehen sie vor dem Gerichtsgebäude, zehn junge IS-Kämpfer aus Deutschland und Österreich. Sie steigen in klapprige Autos und fahren in die Wüste. Nach drei Stunden tauchen in der Ferne Säulen auf, wie eine Fata Morgana. Da habe er an Griechenland denken müssen, wird Sarfo später im Gefängnis sagen.

Für Walid al-Asa’ad fühlt es sich an, als sei über Nacht ein Meteorit eingeschlagen. Er darf nicht mehr arbeiten. Seine Frau muss sich verschleiern. Einmal fährt er durch die Stadt, blickt aus dem Fenster seines Wagens und sieht die Männer in Schwarz, wie sie mit Hammern und Stahlrohren auf den wehrlosen Löwen einprügeln. Als sei der Löwe lebendig, als sei er eine Gefahr.

Harry Sarfo und die anderen halten an, wo der zerstörte Löwe am Boden liegt. Sie sind hier, um ein Video zu drehen, das erste Video in deutscher Sprache, das der Propagandakanal des IS verbreiten wird. Sie steigen auf schicke Pick-ups um, Kamera läuft, die Pick-ups fahren los, Sarfo schwenkt eine schwarze Flagge durchs Bild. Zwei der Männer, sie tragen Camouflage-Westen, sprechen in die Kamera: "Der Dschihad ist Urlaub für uns. Wir sind hier an einem der schönsten Orte überhaupt." Dann fährt die Kamera über die Große Säulenstraße, ehrfürchtig fast. Zwischen den Säulen knien zwei syrische Geiseln, in ihren Blicken Todesangst. Die beiden IS-Männer in den Tarnwesten rufen auf zum Kampf gegen die Ungläubigen. "Das letzte Wort an dich, Frau Merkel: Du schmutzige Hündin! Wir werden uns rächen!" Dann erschießen sie die Syrer.

Bei einer anderen Erschießung spielt auch Harry Sarfo eine Rolle, welche genau, wird unklar bleiben. Er ist wohl eher Statist in diesem Theater des Tötens. Die deutsche IS-Clique braucht Männer wie ihn für eine Inszenierung, die den alten westlichen Traum von der Bildungsreise in perverser Weise erneuert. Die Ruinen dienen jetzt dazu, junge Deutsche in ein Möchtegern-Kalifat zu locken. "Der Tourismus dieser Ummah", so heißt das Propagandavideo aus Palmyra. Ein Tourismus für die Gemeinde aller Muslime.

"Ich werde Palmyra nie verlassen", sagt Walids Vater. Tage später kommen sie, um den 83-jährigen Chaled al-Asa’ad zu holen, auch seinen Sohn Walid nehmen sie mit. "Wo ist das Gold von Palmyra?", fragen sie.

"Es gibt kein Gold", antwortet der Vater, "die Ruinen sind das Gold."

Zehn Tage Haft, in der Walid zusammenbricht und auf allen vieren kriecht. Seine alte Nervenkrankheit ist zurückgekehrt, die Beine sind gelähmt. Der IS lässt ihn frei. Zwei Wochen danach baumelt ein Leichnam an einer Ampel, der abgetrennte Kopf liegt auf dem Bürgersteig, die Brille noch im Gesicht. Ein Schild nennt das Vergehen: "Er ist der Hüter der Götzen."

So endet der alte Chaled al-Asa’ad, von dem sie bis heute sagen, Palmyra sei seine Geliebte gewesen. Mithilfe eines guten Freundes, Maamoun Abdulkarim, flieht Walid nach Damaskus, dann weiter nach Lyon. Er ist schon in der Ferne, als auch er die Bilder sieht, die um die Welt gehen: Der IS sprengt die beiden größten erhaltenen Tempel Palmyras, danach den Triumphbogen. "Warum diese Wut? Wieso musste mein Vater sterben?", fragt Walid al-Asa’ad, der Mann im Rollstuhl, in seiner kleinen Wohnung in Lyon.

Die Antwort gibt er selbst: "Nur für ihre Propaganda."

Hätte der Westen nichts für die Antike übrig, Palmyra wäre vielleicht verschont geblieben. So aber sieht der IS in Palmyra die Verkommenheit seines Feindes in Reinform, all das Getue um Toleranz, Vielfalt, historische Erinnerung. Der IS konnte mitten in der syrischen Wüste den Westen im Innersten angreifen, aus 4.000 Kilometer Entfernung. Er musste gar nicht erst in seine Flughäfen und Konzertsäle eindringen.

3 — Damaskus: Das diplomatische Ringen

Es lässt sich nicht rekonstruieren, wie der Beschluss fiel, den IS aus Palmyra zu vertreiben. Klar aber ist, wo er fiel: in Moskau. Von dort setzte Wladimir Putin seine Militärmaschine in Gang, im März 2016, als Harry Sarfo aus dem Krieg heimgekehrt war und im Gefängnis auf seinen Prozess wartete. Putin wusste: Hier würde der symbolische den militärischen Nutzen übersteigen.

Die Schlacht zog sich über Wochen, viel länger als geplant. 400 tote IS-Männer, 100 Tote auf der anderen Seite, das war die Bilanz. In jenen Ostertagen geschah etwas, was nach fünf Jahren Krieg keiner mehr erwartet hatte. Eine historische Sekunde lang fiel der Jubel der Syrer und Russen mit dem Jubel der restlichen Welt zusammen. Assads PR-Leute dichteten "ruhmreiche Grüße aus einem Palmyra, das getauft ist im Blut der Syrischen Arabischen Armee". Der Generalsekretär der Vereinten Nationen fühlte sich "ermutigt und glücklich". Boris Johnson, damals Bürgermeister von London, heute britischer Außenminister: "Bravo für Assad. Der Sieg Assads ist ein Sieg für die Archäologie."

Es gibt Zeiten, da zählt ein perfekter Feind mehr als ein Freund, das haben die Syrer und ihre Alliierten damals verstanden. Palmyra war der Ort für eine Wir-haben-es-immer-gesagt-Lektion: Ihr im Westen mögt glauben, wir töten Rebellen aller Art und Zivilisten jeden Alters. Aber all eure Videos und Fotos lügen. Schaut auf Palmyra: Wir kämpfen nur gegen Terroristen. Wir erlösen euch und uns alle von der Herrschaft der Barbaren, die das hassen, was ihr liebt, die alten Steine.

Drei Tage nach dem, was die Russen und Syrer Befreiung nennen, sitzt der polnische Restaurator Bartosz Markowski in Warschau betrunken mit ein paar Kollegen herum. Sie haben da eine Idee. Schnapsidee. Rufen spätnachts bei Maamoun Abdulkarim an, und wieder drei Tage später sitzt Markowski in einem Auto und fährt Indiana-Jones-mäßig durch das Kampfgebiet nach Palmyra, um für einen neuen Höhepunkt in der Geschichte des Polish Centre of Mediterranean Archaeology zu sorgen. Markowski läuft zwischen den Säulen herum und wird angestarrt von müden Soldaten. Er findet den Löwen auf die Seite gekippt, und da, sie zeigt in den Himmel über Palmyra: die Nase.

Menschen lassen sich nicht restaurieren, alte Steine schon. Markowski bleibt in jenem Frühjahr 2016 drei Wochen beim Löwen und bereitet den bewachten Abtransport vor, raus aus dem Krieg. Er denkt nicht an die Minen, die zwischen den Ruinen liegen. Er versenkt sich in das, was ihm wichtig erscheint. Politik gehört nicht dazu. Darin ähnelt er Maamoun Abdulkarim.

Und so beginnt es, das Ringen der Staaten um Palmyra. Alle blicken auf Russland. Als Professor für Archäologie weiß Maamoun Abdulkarim, dass die Russen in Palmyra nichts verloren haben; vor dem Krieg ließ sich dort keiner ihrer Archäologen blicken. Aber als Angestellter von Baschar al-Assad ahnt Abdulkarim, dass jetzt eine andere Logik gilt. Die neuen Freunde bauen ein Militärcamp auf dem Gelände der Ausgrabungsstätte. Der Direktor der Eremitage in St. Petersburg spricht vom Wiederaufbau der Tempel, wobei er "selbstverständlich" helfen wolle. Abdulkarim bleibt still.

Ein Expertenprojekt unter ihrer Führung, davon träumen sie in Moskau. Sie laden für Anfang Mai je einen Fachmann aus Museen in London, Paris, Berlin zu einer Mission nach Palmyra ein. Der Brite sagt ab, der Franzose auch. Der Deutsche hat schon sein Ticket gebucht, als ihm das Auswärtige Amt bedeutet, er bleibe besser zu Hause. Es geht darum, "den Russen nicht in die Hände zu spielen", und ein Besuch könnte als Verbeugung vor Assads Beschützern gedeutet werden.

Wäre der Deutsche gefahren, hätten die Russen ihn ins antike Theater geführt. Wo der IS Monate zuvor 25 Syrer hinrichten ließ, spielt jetzt ein Orchester aus Sankt Petersburg ein Konzert. Auf den Rängen Soldaten, daneben eine Leinwand, und aus Russland verliest Putin ein Grußwort. Auf der Bühne, die dem IS gehörte, will er seine eigene Inszenierung aufführen. Auch Abdulkarim hört zu, er sitzt neben dem syrischen Kulturminister. Muss dort sitzen.

Danach tut Abdulkarim alles, um Palmyra quasi unter internationale Aufsicht zu stellen. Er betont, die Unesco solle über die Zukunft Palmyras entscheiden. Klingt sonntagsredenhaft, ist aber ein schlauer Zug; dagegen kann niemand etwas sagen. Abdulkarim redet so viel von der Unesco, dass gar nicht auffällt, wie wenig er von den Russen redet.

Das ist die Lage, als Maamoun Abdulkarim an diesem Tag im Herbst 2016 in Damaskus an seinem Schreibtisch sitzt, einem Ungetüm aus spiegelglattem dunklem Holz, und aufgeregt mit seinem Telefon wedelt. In Rom öffnet eine Ausstellung über Kulturgüter als Kriegsopfer, und er durfte zwei versehrte Büsten schicken, nach großem Hin und Her mit den Italienern. Gerade kommen die ersten Fotos, Abdulkarim zeigt sie mit stolzem Eifer herum: der italienische Präsident; Schrittlängen entfernt die Mitarbeiter der syrischen Antikenbehörde; der Schaukasten mit den beiden Büsten, mitten im Kolosseum.

So steht die Regierung der Syrischen Arabischen Republik eben doch im Austausch mit den Regierungen des Westens. Politisch undenkbar, in der Kultur möglich, auch wegen Abdulkarim. Er hat verhindert, dass Amateure der Archäologie in Palmyra ihre Wir-retten-die-Antike-Show weiterspielen.

Aber eine Botschaft hat sich doch verbreitet, auch mithilfe von Maamoun Abdulkarim.

Der nächste Präsident der USA hat sich neulich zu Syrien geäußert. "Ich mag Assad nicht", sagte Donald Trump. "Aber Assad tötet den IS. Russland tötet den IS." Es ist die Logik von Wladimir Putin und Baschar al-Assad. Die Logik aus der Rückeroberung Palmyras.

4 — Palmyra: Die Front in der Wüste

Viele Experten haben in den vergangenen Monaten über die ruinierten Ruinen gestritten, über Konservierung und Wiederaufbau, über Teilrekonstruktion und "kämpferische Reproduktion" und die Unterschiede dazwischen. Ein britisches Institut hat eine Kopie des Triumphbogens von Palmyra in die Londoner City gestellt, eine Siegesgeste aus dem 3-D-Drucker. Ein Kölner Künstler hat den Baal-Tempel neu errichtet, Maßstab 1 zu 100, ein Mini-Mahnmal aus Kork. In all dem Gewirr fragte kaum jemand: Wie es wohl heute in Palmyra aussieht?

Der Vielredner Maamoun Abdulkarim sagt dazu wenig, er war seit Monaten nicht dort. Während die Welt auf Aleppo und Mossul schaut, will der Krieg aus dem syrisch-russischen Vorposten einfach nicht verschwinden. Nachrichten von der Wüstenfront tragen in diesen Wochen häufig die Ortsmarke Palmyra: 250 tote IS-Männer, ausgeschaltet beim Vorbereiten eines Sturmangriffs; der IS schießt einen russischen Helikopter ab; der IS hält den Flughafen von Palmyra, mit Blick auf die Ruinen.

Am Abend eines Tages, an dem solche Berichte mal wieder die Hauptstadt erreicht haben, breaking news aus einer anderen Welt, strömt die syrische Elite in die Oper von Damaskus. Frauen mit lackierten Zehennägeln und ausdrucksstarken Frisuren stöckeln herein, Männer in maßgeschneiderten Anzügen nehmen Platz auf Sesseln, die mit Samt bezogen sind. In den ersten Reihen dürfen die Ehrengäste sitzen. Harte Gesichter, Uniform neben Uniform. Hinkende Veteranen, amputierte Veteranen, Veteranen auf Krücken.

Schweigeminute. Nationalhymne. Sie feiern nicht etwa Assads Geburtstag. Sie feiern den "Tag des Tourismus".

Unruhe im Saal, der Tourismusminister ist da, schüttelt Hände, setzt sich volksnah in die Mitte. Die vorne, die sich für die hinten hergaben, recken die Fäuste in die Luft: "Mein Blut, meine Seele, dir schenke ich mein Leben, Syrien!"

Die vorderen Reihen in der Damaszener Oper sind reserviert für Veteranen. © Amrai Coen

Hochkultur im Dienste der Herrschenden, so muss es im Opernhaus Unter den Linden gewesen sein, im Zweiten Weltkrieg in Berlin. Das Orchester des Konservatoriums von Damaskus füllt die Bühne, und es erklingen die ersten Töne der Fledermaus von Johann Strauss. Dann Tschaikowsky, der Slawische Marsch. Hinter den Musikern hängt, so hoch wie alle vier Ränge, die Flagge der Syrischen Arabischen Republik. Das Konzert ist Menschen gewidmet, die Großes geleistet haben für den syrischen Tourismus. Einer von ihnen: der Archäologe Chaled al-Asa’ad, Walids Vater, den der IS an eine Ampel in Palmyra hängte.

Dann ist die Bühne leer, eine Leinwand gleitet herab, und ein Film wird gezeigt. Die Kamera fliegt über Blumenmeere, Berge und Strände, alte Festungen und Städte. Dazu eine Frauenstimme, die schmalzig-schön von Syrien erzählt, Schwärmerei in der ersten Person: "Ich bin die älteste Zivilisation" – "Von mir stammt das erste Alphabet" – "die Schönste und Vielfältigste" – und die Kamera schwebt über Palmyra.

Ende des Films. Applaus. In den vorderen Reihen schnellen wieder Fäuste nach oben. "Gott, Syrien, Baschar – nichts anderes!"

Die Parolen der Soldaten, sie sind nicht denkbar ohne die Parolen aus dem Tourismusfilm. Das wird in diesem Moment klar. Die Syrer haben die alte Erzählung des Westens, "Wiege der Zivilisation" und so weiter, längst zu ihrer eigenen gemacht. Sie lassen den Glanz der alten Steine auf sich selber abstrahlen. Die Krieger und die Eliten dieses Landes, die sich im Opernsaal feiern, glauben wirklich daran: Sie schützen Bildung, Aufklärung, Geschmack. Dafür beschmutzen sie ihre Hände mit Blut, die einen mehr, die anderen weniger.

Als Ausländer mag man sich wundern, dass sie Assad ergeben sind. Man mag sich wundern, dass sie in jedem Gegner einen "Terroristen" sehen. Man mag es Propaganda nennen. Aber es ist ihre Wahrheit. Ein Terrorist ist ein Mensch, der diese Wahrheit, die wichtigste, die sie haben, infrage stellt. Sie würden sagen: einen Anschlag auf sie verübt.

Tags darauf begrüßt der Tourismusminister mit Wangenküsschen in seinem Büro, ein sanft auftretender Mann Anfang vierzig, Sohn einer Unternehmerfamilie aus Aleppo. Sein Slogan für dieses Jahr lautet "Syria Always Beautiful".

Was bedeutet für Sie Palmyra?

"Die Krise hat Palmyra zu einem noch spannenderen Ort gemacht. So viele Geschichten! Wir wollen dort ein Besucherzentrum und ein Kino bauen, um der Welt zu zeigen, was die Terroristen Palmyra angetan haben."

Und was raten Sie zwei deutschen Journalisten, die sich fragen: Jetzt nach Palmyra fahren, geht das?

"Ein Tagesbesuch, morgens hin und abends zurück: kein Problem! Bei Tageslicht seid Ihr sicher. Fahrt einfach!"

Jetzt ist in dieser Geschichte der Punkt erreicht, an dem wir "wir" sagen müssen. Wir sitzen also in einem Auto und fahren über eine Straße, ein einsames Band, das sich durch die Wüste nach Osten zieht. Mit uns im Auto ein Angestellter der Regierung, der Journalisten auf solchen Reisen begleitet, als Organisator, Übersetzer und Führer durchs Land. Er heißt Anas, hat langes Haar und findet, er sehe aus wie ein Italiener. Anas betont sehr oft, er stehe zu unseren Diensten. Man könnte ihn einen Aufpasser nennen. "Macht euch um nichts Sorgen" ist der eine seiner Lieblingssätze. Den anderen sagt er, wenn er Menschen am Straßenrand sieht: "Die sind richtig gut drauf."

Hier in der Wüste sind längst keine Menschen mehr am Straßenrand. Wir durchqueren Geisterdörfer, alle Häuser zerstört. "PALMYRA 120 km" steht auf einem Schild. Bartosz Markowski, der Pole auf der Suche nach den Löwensteinen, ist mit einem Wagen der Antikenbehörde vorausgefahren. Er müsste schon da sein.

Wir hatten die sichere Burg Damaskus morgens um fünf verlassen. Waren zunächst auf der Süd-Nord-Achse unterwegs, überholten Kolonnen von Trucks mit Nachschub für Aleppo, für alle Stadtteile dort, die nicht in den Händen der "Terroristen" sind. Schwenkten nach rechts, in die Welt des IS. Diese Straße halten die Syrer nur, weil sie Palmyra halten wollen. Die ersten Russen kommen uns entgegen, schwere Panzerwagen, die Soldaten an den Geschützen haben Schals um ihre Gesichter geschlungen, zugeweht vom gelben Sand. Wie Statuen, bereit für den Wüstenkrieg.

Unser Begleiter Anas erweist sich als Könner der schnellen Pointe. "Wir Syrer haben keine Angst, wenn wir einen Checkpoint sehen", ruft er, "wir haben Angst, wenn wir keinen sehen!" Auf dieser Straße folgt ein Checkpoint dem nächsten. Kleine Verschläge aus Blech, manchmal aus Lehm. Granatwerfer, die ins Nichts weisen. Von dort könnten sie kommen.

"Wir Syrer haben keine Angst, wenn wir einen Checkpoint sehen,wir haben Angst, wenn wir keinen sehen!"
Anas

Die Kämpfer, die den Zugang zur "Brücke zwischen den Kulturen" frei halten, stammen selbst aus vielen Teilen der Welt. Wir sehen Badelatschen und zerrupfte Uniformen, fremdartige Bärte und asiatische Gesichter. Die Flaggen neben den Stützpunkten: mal rot, mal gelb, mal grün. Die Hisbollah aus dem Libanon kämpft hier in der Wüste, es kämpfen irakische Milizen, iranische Revolutionsgarden, Söldner aus Pakistan, zwangsrekrutierte Afghanen, irgendwelche Beduinengruppen. Längst ist der Syrienkrieg ein kleiner Weltkrieg. Die Verbündeten erledigen hier die Drecksarbeit, damit die Syrer in ihrer Hauptstadt den Frieden absichern und in Aleppo angreifen können.

Anas: "Und wenn sie vom Mars kommen! Ist mir auch egal. Hauptsache, sie beschützen uns."

Einmal bricht seine Fassade. Wir stehen an einem Checkpoint, Anas redet mit Soldaten, da friert sein Gesicht ein. Hektisches Verhandeln. Dann steigt er ins Auto und macht schnell einen Witz. Nördlich der Straße hat der IS einen Angriff versucht. Vorne alles sicher. Der Weg nach Palmyra ist frei.

Vorbei an verlassenen Tankstellen, ausgebrannten Autos, einem zerlöcherten Ortsschild. Über einen sanften Hügel hinab, und dann sind sie da: Steine und Säulen bis zum Horizont. Vieles hat der IS abgeräumt; vieles steht noch. Stille. Wind. Leere. Russische Helikopter, die flatternd durch die Luft schneiden. Echos von Schüssen aus der Ferne. Ein grinsender Bartosz Markowski, der mit ein paar syrischen Soldaten Tee trinkt. "Die sind richtig gut drauf!", sagt Anas.

In einem zerbeulten Pick-up bringen uns die Soldaten zu den Ruinen, vorbei an einem sinnlosen Hinweis auf Audioguides in Französisch, Englisch und Arabisch. Der Pole in seiner Trekkinghose eilt den Bauwerken entgegen, die seit Tausenden Jahren errichtet und zerstört werden, wieder errichtet und wieder zerstört, stumme Opfer menschlichen Handelns. Die Zierleisten auf den Säulen erzählen davon. Sie zeigen Eier und Pfeile. Immer nebeneinander, Ei, Pfeil, Ei, Pfeil, in endloser Reihe. Das Ei symbolisiert Geburt und Neuanfang. Der Pfeil Krieg und Tod.

Die Katzen sind schon zurückgekehrt, die Köter noch nicht, und wo bis zum vergangenen Jahr der Tempel der Gottheit Baal stand, der Grundriss größer als ein Fußballfeld, türmt sich antiker Schutt. Einzig das Eingangstor steht noch, meterhoch ragt es in den Himmel, früher gingen Besucher hindurch und standen in der Vergangenheit, heute ist dort: nichts. Jemand hat eilig arabische Buchstaben auf einen Stein gesprüht: "Zutritt nur mit Erlaubnis des Islamischen Staates".

Die antiken Stätten von Palmyra in VR

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien sind zahlreiche archäologische Kulturgüter akut bedroht oder bereits unwiderruflich verloren gegangen. Virtual Reality-Experten arbeiten inzwischen daran, die antiken Anlagen in 3D-Präsentationen zu konservieren.

Das Arc/k-Project hat mehrere Orte in Palmyra dreidimensional rekonstruiert , darunter den Baaltempel und das Römische Theater. Bei Sketchfab werden die Modelle in einer Web-Version gezeigt.

Mit VR-Brillen – zum Beispiel Oculus Rift oder HTC Vive – können die Rekonstruktionen in 3D erkundet werden. Wie es funktioniert, erklärt der Artikel "Desktop Web VR" bei Sketchfab.

Markowski klettert ameisenhaft über die Trümmer. Beim letzten Mal durfte er nicht frei herumlaufen, erzählt er, Soldaten in Astronautenanzügen entminten gerade die Stätte. Jetzt stecken überall Schilder im Boden, auf denen Zahlen- und Buchstabenreihen stehen, die Koordinaten der geräumten Sprengfallen. Wir versuchen Schritt zu halten mit Markowski, und Anas rennt hinter uns her: "My friends, come back!" Wir nähern uns dem Militärcamp der Russen, das eingegraben liegt wie in einem Kessel, fast perfekt getarnt.

"Please, my friends!"

Der Pole läuft noch ein Stück weiter, bleibt dann vor einem Loch im Boden stehen. Wir erkennen nur trockene Büsche und Müllreste. "Raubgrabung", sagt Markowski. "Kann nicht so lang her sein. Paar Monate, vielleicht zwei Jahre."

Es gibt Leute, die sagen, die Plünderungen seien das Einzige, was in Palmyra nicht aufgehört hat. Unter der Herrschaft der Syrer, unter der Herrschaft des IS und auch jetzt, unter der Herrschaft der Russen. Die Statuen finden immer ihren Weg nach München oder Turin. Der Westen liebt Palmyra wirklich sehr.

Die Stelle, wo die beiden Syrer sterben mussten, weil der IS sie als Statisten für sein Propagandavideo brauchte. Nichts erinnert mehr daran. Die Soldaten fragen uns, ob wir ein Selfie mit ihnen machen möchten. Kurz stehen wir nebeneinander und lächeln.

Seit Monaten beschäftigen wir uns mit der Bedeutung dieses Ortes.

Den so viele Bildungsbürger im Westen als ihr kulturelles Erbe feiern.

Den der IS so verachtet.

Den Russland benutzt, um für seinen Krieg zu werben.

Der Assads großer Stolz ist.

Jetzt stehen wir hier und sehen: einfach nur Steine.

Dann senkt sich die Nachmittagssonne, die Zeit der langen Schatten bricht an, und wir müssen bald los. In der Dunkelheit wird sich der IS an die Straße schleichen, die uns in Sicherheit führt, und entlang der 147 Kilometer seine selbst gebastelten Bomben platzieren.

Nach der Wiedereinnahme haben sie den Löwen mit Lkw und bewaffneter Eskorte nach Damaskus evakuiert. Jetzt macht Markowski im Gestrüpp die letzten Teile des Tieres ausfindig, acht schlichte Fundamentblöcke aus Kalkstein. Er sammelt noch ein paar staubige Reste ein, lässt sie durch die Finger gleiten wie Perlen, dann legt er sie auf einen der Blöcke. Mit einem Filzstift nummeriert er jeden einzelnen Block. Mehr kann er nicht tun. "Sie sind zu schwer", sagt Bartosz Markowski, "die kriegen wir nicht mit. Wir brauchen wieder einen Truck."

Der Löwe wird weiter warten müssen. So wie Palmyra, so wie Syrien. Sie wollen die Steine nach Damaskus bringen und ihn aufrichten. Irgendwann.

Palmyra, hatte uns Maamoun Abdulkarim gesagt, sei "wie ein Mensch mit einem verbrannten Gesicht. Er wird nie mehr derselbe sein wie früher. Aber er lebt." Abdulkarim ist kein Assad, kein Löwe, der ewig an der Spitze stehen will. Er ist ein müder Mann. Er sucht schon seinen Nachfolger als Chef der Antikenbehörde. Er möchte ihm diesen Ratschlag geben: keine Ausgrabungen mehr genehmigen. Nicht in Palmyra oder sonst wo. Es sind keine Zeiten für Archäologie. Vielleicht, denkt Maamoun Abdulkarim, sollten Syriens Kunstschätze in der Erde bleiben, geschützt vor den Menschen.

Hinter der Geschichte

Die Ausgangsfrage: Was geschah in Palmyra nach der Herrschaft des IS? Um dies herauszufinden, beantragten die Au­toren im Sommer 2016 ein Journalisten­visum. Die syrische Regierung erteilt sol­che Visa selten. Die Autoren bekamen ih­res nach zehn Wochen Wartezeit.

Die Recherche: In Syrien wurden die Autoren von einem Angestellten der Regierung begleitet. Bei nahezu allen Ge­sprächen, die sie in Damaskus führten, wartete er vor der Tür. Ihre kugelsicheren Westen benötigten die Autoren nicht.

360-Grad-Aufnahmen: Amrai Coen, Malte Henk

Infografik/Interaktiv: Fabian Mohr

Video: Adrian Pohr, Ute Brandenburger

Bildredaktion: Luisa Bonsen, Michael Pfister, Andreas Prost