Eine Nation pendelt

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Auf dem Weg zur Arbeit sind Millionen Menschen jeden Tag stundenlang im Stau, in überfüllten Zügen oder mit dem Fahrrad unterwegs. Wir zeigen, wie Deutschland pendelt.

Bis sieben Uhr schlafen, in Ruhe ein Croissant frühstücken, zu Fuß zur Arbeit gehen. Für Millionen Deutsche ist es ein Traum, denn sie pendeln jeden Tag über weite Distanzen zu ihren Arbeitsstätten. Mehrere Stunden am Tag im Zug oder im Auto verbringen nur die wenigsten ganz freiwillig. Es ist die moderne, hochspezialisierte Arbeitswelt, die Mobilität erzwingt; und der Staat zahlt jedes Jahr Milliarden, um das Pendeln für Normalverdiener erträglich zu machen. Mit 30 Cent pro Kilometer wird die einfache Strecke zum Arbeitsplatz gefördert. Nur deshalb können es sich viele leisten, auf dem Land ein Haus im Grünen zu haben – und für den gut bezahlten Job in die Stadt zu pendeln.

Pendeln kostet nicht nur Geld und Nerven, sondern auch Lebenszeit: 22 Prozent der deutschen Arbeitnehmer sind zwischen 30 und 60 Minuten pro Strecke unterwegs. Dazu kommen fünf Prozent, die länger als eine Stunde bis zum Arbeitsplatz brauchen. Das Ganze dann noch einmal auf dem Weg in den Feierabend, zur Familie, zu Freunden.

Wie lang ist der Arbeitsweg?

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Ob man das eigene Auto dafür nutzen muss oder bequemer mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, hängt vom regionalen Angebot ab. In ländlichen Regionen sind 72 Prozent auf den eigenen Pkw angewiesen. In den Ballungsräumen sind immerhin 32 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. 49 Prozent nutzen dort ihr Auto oder Zweirad.


Wie kommen Pendler zur Arbeit?

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Der Alltag der Pendler liefert viele Daten, an denen sich gesellschaftliche Entwicklungen ablesen lassen. Man unterscheidet dabei zwischen Ein- und Auspendlern: Einpendler sind Beschäftigte, die nicht am Arbeitsort wohnen, Auspendler arbeiten wiederum nicht am Wohnort. Spannend wird es, wenn man beide Werte zum "Pendlersaldo" kombiniert. Hier zeigt sich, welche Regionen boomen, Anziehungskraft haben, und welche wirtschaftlich unattraktiv sind. Jena zum Beispiel: Hier stehen 25 Prozent Auspendler 45 Prozent an Einpendlern gegenüber – die Stadt zieht viele Arbeitnehmer an.

Die großen Ballungsräume zeigen ihre eigenen Muster. Jede Region hat charakteristische  "Ameisenstraßen", auf denen Hunderttausende morgens zur Arbeit fahren und abends wieder heimkehren. Auch wenn im Stau stehen überall nervt – egal, ob in München an einem Montagmorgen auf der A 8, oder am Donnerstagnachmittag in Duisburg auf der A 3.

Beim Blick auf das Ruhrgebiet ist deutlich die Achse Duisburg – Essen – Bochum – Dortmund zu erkennen, die von mehreren Autobahnen abgedeckt wird. Wer beim Pendeln auf das Auto angewiesen ist, muss Geduld haben. Nirgendwo in Deutschland gibt es mehr Staukilometer pro Jahr als in Nordrhein-Westfalen.  

Von allen deutschen Ballungsräumen zeigt das Rhein-Main-Gebiet die interessantesten Muster. Zwar dominiert Frankfurt als wichtigstes Ziel für Pendler in der Region. Doch Städte wie Mainz, Darmstadt oder Aschaffenburg sorgen dafür, dass sich die Pendler gleichmäßiger als anderswo verteilen.

Das schönste Umland aller deutschen Metropolen, dazu extrem teure Wohnungsmieten: Wer in München arbeitet, hat gute Gründe, zu pendeln. Selbst aus Rosenheim oder Augsburg machen sich jeden Morgen Tausende auf in die Landeshauptstadt.

In der Region Berlin gilt beim Pendeln nur eine Richtung: nach Berlin. Allenfalls Potsdam als benachbarte Landeshauptstadt Brandenburgs entwickelt noch etwas Sogkraft. Viele Menschen, die in Berlin arbeiten, leben dort und fühlen sich dennoch wie Pendler. Die großen Distanzen innerhalb Berlins führen schnell zu Arbeitswegen von einer halben Stunde und mehr.

Ein ähnliches Bild gibt es in Hamburg. Keine andere Stadt im weiteren Umfeld zieht Pendler in nennenswerter Zahl an. Jeder dritte Beschäftigte in Hamburg lebt in den angrenzenden Bundesländern Niedersachsen oder Schleswig-Holstein und pendelt regelmäßig.  

Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen

Wie geht es Ihnen beim Pendeln? Wir würden gerne wissen, welche Erfahrungen Sie gemacht haben. Was sind Ihre Beweggründe, zu pendeln? Wie lange dauert Ihr Weg zur Arbeit? Nehmen Sie die Bahn oder das Auto? Was machen Sie unterwegs? Leidet Ihr Privatleben unter dem Pendeln? Unsere Onlineumfrage dauert nur wenige Minuten – die Daten werden wir in den kommenden Wochen auswerten und bei ZEIT ONLINE präsentieren.

Die neue Serie mit Claas Tatje

Claas Tatje erzählt bei ZEIT ONLINE, wie es sich anfühlt, täglich zwischen Hannover und Hamburg zu pendeln. Ein Leben zwischen Familie und Beruf, Nah- und Fernverkehr, Großstadt und nicht ganz so großer Stadt. Ehrensache, dass ZEIT-Redakteur und Buchautor Tatje (Fahrtenbuch des Wahnsinns: Unterwegs in der Pendlerrepublik) seine Texte im ICE schreiben wird.


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Mitwirkende: 

Kartendesign, Coding: Julian Stahnke, Alsino Skowronnek

Infografiken: Paul Blickle   

Redaktionelle Koordination, Text: Fabian Mohr

Daten, Crowd-Sourcing, Text: Sascha Venohr

Datenquellen:  

Bundesagentur für Arbeit: Pendlerverflechtungen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nach Kreisen – Juni 2015

Statistisches Bundesamt: Erwerbstätige Berufspendler nach Art des Verkehrsmittels, Entfernung zur Arbeitsstätte und Zeitaufwand 2012 in %

Für die Pendlerströme auf den Karten wurden jeweils die geografischen Mittelpunkte der Landkreise und kreisfreien Städte als Verbindungspunkte gewählt.

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