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Die Polizistenmacherin

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Wer die Polizei verstehen will, muss dahin, wo sie ausgebildet wird. Daniela Braun formt an der Berliner Polizeischule den Nachwuchs mit Liebe, Bürokratie und Drill.

Daniela Braun kennt die Neuen noch nicht, aber sie weiß schon Bescheid. Sie hat die Hände in die Hosentaschen ihrer Uniform gesteckt und schaut 240 Männern und Frauen zu, die in eine Halle am Rande Berlins strömen. Dunkles Parkett, Betonwände. Für den Nachwuchs ist es der erste Tag an der Landespolizeischule, für Braun ist es Tag 12.387 ihrer Polizeikarriere.

Braun strahlt. Die Neuen gehen suchenden Blicks durch die Stuhlreihen. Auf jedem Stuhl klebt ein Namensschild. Viele Benjamins, Kevins und Sebastians stehen da, mal ein Erkut und vereinzelt eine Julia. Einige Männer tragen Anzug, einige Frauen Pumps, andere Piercings. Braun trägt vier Sterne auf den Schulterklappen, kurze blondierte Haare und rosa Lidschatten. Sie ist 54. Sie weiß, dass viele hier sind, weil sie helfen möchten; andere, weil sie irgendwo dazugehören wollen. Sie weiß auch, dass einige von ihnen lieber keine Polizisten werden sollten.

Daniela Braun leitet eine Ausbildungseinheit an der Landespolizeischule Berlin. © Daniela Braun

Es gibt viele Berufe, die eine große Wirkung auf die Gesellschaft haben: Politiker machen Gesetze, Lehrer entscheiden über Bildungswege und Firmenbosse über Arbeitsplätze. Doch wer Auto fährt, ins Stadion geht, auf eine Demonstration oder einfach nur vor die Haustür, begegnet der Polizei. Wie er sich dabei fühlt, hängt davon ab, wer in der Uniform steckt und wie dieser Mensch seine Aufgabe versteht. Weil die Polizei etwas darf, was alle anderen in ihren Berufen nicht dürfen: Gewalt ausüben, wenn es sein muss.

Wer verstehen möchte, wie die Polizei, die Staatsgewalt, tickt, muss sich anschauen, wo sie gemacht wird. Zum Beispiel an der Berliner Landespolizeischule im Stadtteil Ruhleben. Hier werden die Anwärter für den Mittleren Dienst zu Polizeimeistern ausgebildet. Sie werden später Streife fahren oder in Einsatzhundertschaften Demonstrationen begleiten. Sie werden die Gesichter der Polizei für die Menschen sein, die hier meist als "polizeiliches Gegenüber" bezeichnet werden.

"Genießen Sie diesen Tag", sagt der Leiter der Landespolizeischule auf dem Podium in der Halle. "Vor Ihnen liegen 40 Jahre Polizeikarriere. Sie werden die Schattenseiten der Gesellschaft kennenlernen, Sie werden auch selbst Ziel von Gewalt sein. Doch es gibt auch die positiven Seiten: Von der Gesellschaft gebraucht zu werden und für das Gesetz einzutreten, wird Sie mit großer Zufriedenheit erfüllen."

Braun ist klar, was den Neulingen bevorsteht, weil sie als Neunzehnjährige im April 1981 selbst an dieser Schule ihren Dienst angetreten hat. Weil sie später die legendären 1.-Mai-Krawalle als Bereitschaftspolizistin erlebt hat und in ihrer Einheit die erste Frau war. Weil sie seit 2001 Ausbilderin an ihrer alten Schule ist, inzwischen als Chefin einer Ausbildungseinheit. Sie hat erlebt, dass Polizistin ein spezieller Beruf ist und spezielle Menschen anzieht. Wie die Neuen in der Halle, und wie Daniela Braun.

VIDEO: Am ersten Tag an der Landespolizeischule Berlin begrüßt eine Polizei-Band die Auszubildenden – mit einer bekannten Melodie. (0:53 min)

Einiges hat sich seit der Ausbildungszeit von Braun geändert. Damals mutete die Polizei noch sehr militärisch an, heute sind die Schüler nicht mehr kaserniert, wie Braun es früher war. Sie dürfen jeden Nachmittag nach Dienstschluss nach Hause fahren. Doch sie betreten noch immer eine eigene Welt, wenn sie sich am Morgen beim Pförtner ausweisen. Der Weg hierher, an den westlichen Rand der Stadt, führt vorbei am Olympiastadion, dann endet die U-Bahnlinie und der Bus fährt vorbei an Kleingärten, einer Imbissbude, einem Friedhof, bis zur Haltestelle "Polizeidirektion 2". 

Auf dem Gelände stehen Neubauten mit Klassenräumen, eine Aula, eine Mensa, ein Sportplatz, eine Schwimmhalle, backsteinerne Verwaltungsgebäude und drei große Häuser, in denen die Ausbilder Büros und die Auszubildenden Aufenthaltsräume haben.

Zweieinhalb Jahre lang lernen die Schüler hier, wie sie Verdächtige festnehmen und sich selbst verteidigen, sie werden unterrichtet in Politischer Bildung, Deutsch und Englisch, müssen die Gesetze pauken, die sie später vollziehen werden.

Daniela Braun hat ihre Ausbilderinnen und Ausbilder auf die Klassen verteilt, die B betreut Katja Senger. Sie ist für die 24 Schüler Vorgesetzte und Klassenlehrerin, aber auch erste Ansprechpartnerin, wenn sie Sorgen und Probleme haben.    

VIDEO: Wie befrage ich ein Opfer? Die Ausbilderin Katja Senger erklärt ihrer Klasse, wie wichtig Kommunikation für Polizisten ist. (1:14 min)

Es ist aber vor allem eine Mischung aus Bürokratie und Drill, der die Neuen an ihren ersten Tagen begegnen. Die Schüler der Klasse B sortieren sich in ihrem kahlen Klassenraum, vorn ein Whiteboard, ein Beamer. Wer will neben wem sitzen? Kaum haben sie Platz genommen, legt ihnen ein Ausbilder Polizeidienstvorschrift 350 zur Unterschrift vor. Sie besagt, dass sie sich jederzeit vorbildlich zu verhalten haben. Sie bekommen eine Einkaufsliste für ihren Spind. Bademantel, Schnürsenkel, Seife, Deo müssen sie ab jetzt immer da haben. Sie lernen ihren Dienstgrad. "Was sind Sie?" fragt der Ausbilder. Es murmelt noch verhalten. "Richtig, Polizeimeisteranwärter. PMAs!"

Im Haus zwei sitzt Braun mit Kollegen im Pausenraum. Seit 7.30 Uhr ist sie im Dienst, um 9 ist Frühstückspause. Auf der Wachstischdecke stehen Knäckebrot, Kaffee, Lachs, Harzer Käse. Alle tragen Uniform, alle duzen sich. Polizei, das sei wie Familie, sagt Braun nach 34 Dienstjahren. Und sie, die Ausbildungseinheitsführerin, ist im Haus zwei das Familienoberhaupt. Der Wunsch, dazuzugehören macht für viele den Reiz aus, gerade für Bewerber aus kaputten Familien. Anderen, sagt Braun, ist die berufliche Sicherheit am wichtigsten: Als Beamte haben sie ein geregeltes Einkommen und können ihre Laufbahn bis zur Pension durchplanen.

Da geht's lang: Die Bereitschaftspolizei macht vor, was die Auszubildenden noch lernen sollen. © Frida Thurm

Die schwierigen Fälle seien diejenigen, die zur Polizei wollten, weil sie sich rächen möchten. An Menschen, die sie gedemütigt haben, an einer Gesellschaft, von der sie sich benachteiligt fühlen. Die sich endlich als machtvoll erleben wollen. Oft merken Braun und ihre Kollegen das während der Ausbildung. Zwar gibt es vor der Einstellung einen harten Sporttest, eine Gesundheitsprüfung und einen Wissenstest, doch in dem anschließenden 15-minütigen Gespräch könne nur auf das Gröbste geachtet werden, sagt Braun: Bringt der Bewerber ganze Sätze heraus, hat keine auffälligen Tattoos? Ob er später im Unterricht Waffen kritzeln oder im Selbstverteidigungskurs ausrasten wird, ist kaum zu erkennen. "In den zweieinhalb Jahren merke ich schon, wie jeder einzelne tickt", sagt Braun. Erst die Ausbildung zeigt, wer wirklich geeignet ist. Aus denen, die die Ausbildung abschließen – das sind die meisten – werden gute Polizisten, sagt Braun stolz.

Jetzt steht sie vor der Klasse, die Hände mit der Glitzermaniküre in die Hüften gestemmt. "Ich mag Leute nicht, die hinter meinem Rücken reden", sagt sie. "Ich will Klartext." Es ist der zweite Tag für die Neuen, bisher haben sie vor allem Bürokratie gelernt: dass sie um 7:30 Uhr zum Dienst antreten müssen, dass ihre Dienststelle mit vollem Namen ZSE IV A 1 - AE 2 - F151B heißt, und dass sie bis zum Ende der Ausbildung keinerlei hoheitliche Befugnisse haben, also draußen weder Uniform tragen noch Autos kontrollieren dürfen. "Meine Erwartung ist, dass Sie alle bestehen", sagt sie, "wenn Sie faul sind, werden Sie die Ausbildung nicht schaffen." Dann folgt einer ihrer Lieblingssätze: "Sag ich Ihnen ganz ehrlich." 24 Polizeimeisteranwärter schauen die strenge Frau an, gleichermaßen irritiert und erfreut.

Wie in jeder Schulklasse sind die ersten Rollen schon verteilt. Robby aus der letzten Reihe ruft rein, wenn er etwas sagen will. Er kommt von der Bundeswehr, war in Afghanistan, hat Frau und Kind. Er kann schießen, marschieren und Befehle ausführen. Sich zwischen die einzufügen, die das alles noch lernen müssen, fällt ihm nicht leicht. Aden kommt aus Spandau und ist Systemkaufmann. Er spricht fließend Türkisch und geht davon aus, dass er nach Kreuzberg versetzt wird. Julia ist mit 19 Jahren eine der Jüngsten, sie fragt bei jeder Kleinigkeit nach, egal ob es um die Krankenversicherung oder den Dienstplan geht. Als die Schüler sich bei einer Kennenlernübung gegenseitig Nettigkeiten auf ihre Rücken schreiben sollen, kommen sie alle aus dem Kichern nicht mehr heraus.

VIDEO: Zum Unterricht gehören Schießtraining und Politische Bildung, aber auch Spiele: Die Schüler schreiben sich gegenseitig auf den Rücken, was sie am anderen mögen. (0:37 min)

Als Braun Anfang der achtziger Jahre als erste Frau in ihrer Hundertschaft anfing, fand sie sich zwischen rülpsenden und furzenden Prolls wieder. Nach einem Jahr war sie kurz davor, zu kündigen, biss sich dann aber durch. Ende der achtziger Jahre musste sie am 1. Mai den Einsatzwagen in Kreuzberg über brennende Reifen und Fahrradständer lenken. "Da hatte ich Angst", sagt sie. Sie erzählt den Neuen, dass sie in den Neunzigern in den gehobenen Dienst wechseln und studieren durfte, obwohl in ihrer Beurteilung stand, sie sei kritisch gegenüber Vorgesetzten.

Was sie ihnen an diesem zweiten Ausbildungstag nicht sagt: "Als Frau fühle ich mich auch nach 30 Jahren bei der Polizei immer noch als Exot." So weit oben in der Hierarchie sowieso. 2002 erlitt sie einen Schlaganfall, Stress. 150 Prozent will sie bringen, es gebe viele Neider. Ihren Sohn hat Daniela Braun allein großgezogen, die Beziehung zu seinem Vater, ebenfalls ein Polizist, zerbrach. Aber zu ihren Kolleginnen und Kollegen ist der Kontakt eng. "Auch wenn ich vier Sterne auf der Schulterklappe habe, das ist egal. Da steckt auch nur ein Mensch drin."

Daniela Braun als Bereitschaftspolizistin während eines Einsatzes in den achtziger Jahren © Daniela Braun

Braun, die sich ihren Weg nach oben freikämpfen musste, hat eine harte Berliner Schnauze, sie war vielleicht hart zu sich selbst, aber sie ist es nicht zu anderen. "Ich wünsche mir, dass Sie sich gegenseitig auffangen", sagt sie den Auszubildenden. "Helfen Sie sich."

Kürzlich hat sie im Haus zwei einen großen Spiegel im Flur aufhängen lassen, eine Idee aus den Niederlanden. "So werde ich wahrgenommen", steht daneben. Ob Ausbilder oder Auszubildender, jeder, der daran vorbeigeht, soll sich bewusst werden, welches Bild er abgibt. Braun hofft, dass sie auch ohne Spiegel öfter daran denken werden.

Manchmal, wenn sie privat unterwegs ist, am Flughafen, beim Karneval der Kulturen oder beim Autofahren, trifft sie Polizisten, die sie ausgebildet hat. "Die grüßen mich immer noch", sagt sie.

Am ersten Tag gleich lernen die Neuen marschieren. Die PMAs stellen sich nach Körpergröße auf. Durchzählen bis drei. Die Einsen bleiben stehen, die Zweien treten einen Schritt vor, die Dreien treten zwei Schritte vor. Linksum. Aufschließen. Aus dem wuselnden Haufen vom Morgen ist ein kompakter Block Dreierreihen geworden.

Die Größten stehen vorn, die Kleinsten hinten. Wann immer die Polizeischüler während ihrer Ausbildung in ihrer Gruppe irgendwohin gehen: Sie werden die gleichen Mitschüler vor, hinter und neben sich haben. In dieser Aufstellung werden sie jeden Morgen vor ihrem Gruppenführer antreten und jeden Nachmittag wieder abtreten.

Ab jetzt ist alles geregelt.

"Zwoter Zug: Vorrücken!"

24 Beine machen einen Schritt nach vorn. 


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Mitwirkende:

Frida Thurm: Autorin, Videos, Fotos
Johannes Neukamm: Entwicklung
Fabian Mohr: Videoschnitt

Titelbild: dpa