© Jens Meyer/AP/dpa

Ein ganz besonderes Volk

— Von , und
Wo rechte Gewalt Alltag ist, feiert Deutschland seine Einheit: in Sachsen. Ein Bundesland, in dem die Heimat glüht, die Sprache peitscht und sich die Politik raushält.

1 — Stolz

Radebeul zum Beispiel. In der Karl-May-Straße steht die Villa Shatterhand, das Karl-May-Museum. Hier liegen die Waffen seiner Helden, der Bärentöter, die Silberbüchse und der Henrystutzen. Mays Geschichten sind sächsische Erfindungen. An Sonntagen fahren Familien nach Radebeul, von den Rücksitzen der Autos springen die Kinder und im Garten startet der Familiennachmittag mit Yakari und Großer Häuptling Kleiner Bär.

Auf Karl May ist Sachsen stolz.

Sachsen ist auch sehr stolz auf Pisa, da ist das Bundesland seit Jahren Musterschüler. In Sachsen ist man stolz aufs Ingenieurswesen, auf die Erfindung des Büstenhalters, des Bierdeckels und des Melitta-Filters. Und man muss nur die Lokalpresse aufschlagen, um zu sehen, dass Sachsen am liebsten über sich selbst spricht: Sachsen bekämpfen den Krebs. Sachsen haben Mittel gegen HIV. Sachsen streiten über Tatort.

Sachsen hat ein Bild von sich geschaffen und verteidigt es erbittert. Es ist in Öl gemalt und goldgerahmt. Es ähnelt den romantischen Dresdner Verduten von Canaletto, der Stadtidyllen malte, in denen sich die Wolken im Wasser der breiten Elbe spiegeln. Frieden und Ruhe. Als sei nichts gewesen. Oder – so hat es der Schriftsteller Peter Richter kürzlich gesagt – Caspar David Friedrichs Das Große Gehege, wo sich der Himmel über das Dresdner Vorland wölbt, entrückt und ewig und magisch. 

Sachsen. In dieses Land gehören Erich Kästner, Katharina Witt und Johann Sebastian Bach. Richard Wagner, trotz Bayreuth, trotz seiner Fluchten nach Italien. Und eben Karl May.

Karl May hat über die Welt geschrieben, ohne sie je gesehen zu haben. Winnetous wildes Amerika, Kara Ben Nemsis noch wilderer Orient: ausgedacht in Schreibstuben in Kötzschenbroda, Oberlößnitz, Radebeul. "Reiseerzählungen" nannte May seine Werke, der selbst nie gereist war, außer eben durch Sachsen auf der Suche nach Arbeit. Seine Leser hielt das ebenso wenig davon ab, sich in diesen Fantasien zu verlieren, wie May selbst. Einmal stellte sich May seinem Publikum als rechtmäßiger Nachfolger von Winnetou vor, Oberhaupt von 35.000 Apachen. Später sah sich May die Welt an und hielt es kaum aus. Anderthalb Jahre reiste er durch den Orient, erst allein, dann in Begleitung. Er soll mehrere Nervenzusammenbrüche gehabt haben. Später werden May-Biographen das "dem Einbrechen einer grellen Realität in seine Traumwelt" zuschreiben.

2 — Nervenzusammenbruch

Dresden, 21. März 2016: Anhänger der islamfeindlichen Pegida-Bewegung demonstrieren vor der Semperoper. © Ina Fassbender/Reuters

Seit Dezember 2014 erlebt auch Sachsen einen kollektiven Nervenzusammenbruch. Montagabends und an so vielen anderen Tagen, in Dresden, Clausnitz, Freital, Einsiedel, Bautzen, wieder Dresden.

Von außen betrachtet sieht Sachsen weniger aus wie ein Idyll Canalettos, sondern wie ein Schlachtengemälde. An allen Ecken steigt Rauch auf, weil es brennt, von rechts marschieren die Fußtruppen ins Bild; in der Dresdner Innenstadt und vor Flüchtlingsheimen im ganzen Bundesland stehen die Fahnenträger.

Die Schlagzeilen in überregionalen Zeitungen klangen in letzter Zeit so: "Rechte Straftaten in Sachsen steigen", "Fälle von Volksverhetzung in Sachsen nehmen zu", "Sachsen hat ein Problem!", zuletzt "Sprengstoff ist keine Meinungsäußerung, sondern ein Verbrechen".

Die Orte und Zeichen sind zahllos. Sachsen hat ein Problem mit dem Rechtsextremismus, nicht erst seit gestern. Die militanten Neonazis, die sich seit Jahrzehnten in immer neuen Formationen für den offenen Kampf bewaffnen. Der NSU, der in Sachsen jahrelang Unterschlupf fand. Die NPD, der der Dresdner Landtag zehn Jahre lang als Ausbildungs- und Finanzierungsstätte diente. 201 rechtsextreme Gewalttaten, viele davon gegen Flüchtlingsunterkünfte, zählte das Bundeskriminalamt in Sachsen 2015. Nur im viel größeren Nordrhein-Westfalen waren es mehr.

Im Rest Deutschlands erschien das lange nicht besonders relevant. Mittlerweile sind die Fußtruppen für alle sichtbar. Das, was man gesellschaftliche Mitte nennt, Rentner, Handwerker, Unternehmer, ist in Sachsen keineswegs ein Bollwerk gegen den Rechtsextremismus. Demonstrationen gegen Pegida, in anderen Städten eine bürgerliche Selbstverständlichkeit, werden in Sachsen als Angriff auf die Meinungsfreiheit verstanden.

3 — Wo es knallen kann

Hoyerswerda, 22. April 2016: Blick aus dem Fenster einer Neubauwohnung auf Hoyerswerda-Neustadt © Thomas Victor

In Leipzig, in einer seiner sehr deutschen Kneipen, in der es am Nachmittag vor allem schwarzen Tee mit viel weißem Würfelzucker gibt, treffen wir Charlie, einen Mann um die 65. Er trägt ein kariertes Hemd, wirkt gesund und irgendwie gut gelaunt.

Charlie ist lange Straßenbahnführer gewesen. Vor einigen Jahren hat er eine neue Frau kennengelernt, eine Polin, sie hat geerbt, weshalb nicht geheiratet wird, sonst ginge ihm die Rente flöten. Charlie macht einen cleveren Eindruck. Er habe als Straßenbahnführer so einige Sicherheitsbedenken bei seinem Arbeitgeber angemeldet, als er noch im Dienst war. Er habe auf die zu großen Abstände zwischen den Waggons hingewiesen, aber niemand wollte auf ihn hören, bis einmal ein Kind dazwischen war, als die Bahn losfuhr. Hätte man mal auf ihn gehört, ihn, den einfachen Zugführer, aber an der Basis, im Alltag dabei, da wo es eben knallen kann, wenn man nicht rechtzeitig die Probleme anpackt.

Draußen: Stadtteil Connewitz. Die Sonne macht die rauverputzte Gegend ein bisschen freundlicher. Traditionell ist Connewitz die Linkenhochburg in Leipzig. Das ist ja etwas Besonderes. Der alte PDS-Osten ist anderswo der neue Ausländer-Raus-Osten. Im Juli 2016 kamen noch knapp 360 "besorgte Bürger" zu der monatlichen Demonstration von Legida, 600 waren es auf der anderen Seite. Im August dann sagte Legida ganz ab.

Charlies Wohnung ist ganz in der Nähe, sie riecht sehr holzig und warm. Niedrige Decken. An einer Glasvitrine klebt ein riesiger Aufkleber: "Pussy Wagon" in neonrosa Buchstaben aus dem Film Kill Bill von Quentin Tarantino. Auf dem Sofa liegt ein Kissen, auf dem ist ein Fotodruck vom Brandenburger Tor, drunter steht, falls man es noch nicht weiß, "Berlin". Die Rente sieht nach einem gemütlichen Fuchsbau aus. Es herrscht Stille. Dann kommt, was kommen muss: die Politik.

Theodor Fontane hat in seinem Tagebuch einmal geschrieben, es gebe nur den sentimentalen sächsischen Typus oder den "zornig verbitterten". Das war nicht 2016, sondern 1898. Deshalb scheint es kein Widerspruch zu sein, dass es den Sachsen heute so gut geht und sie trotzdem so wütend sind.

Charlie sagt: Er würde AfD wählen. Man müsse die Sorgen vieler Deutscher doch verstehen. Jetzt kommen die ganzen Moslems und packen auch noch unsere Frauen an. Alles ende mit Sicherheit im Bürgerkrieg, so Charlie jetzt aus der Küche rufend, wo Kaffee gemacht wird. Wirklich? Bürgerkrieg? Aber doch nicht in Leipzig? Doch, laut Charlie falle hier eine Bombe.

Charlies Biografie dagegen ist ohne Einschläge. Ihm habe der Mauerfall nicht geschadet. Er hat trotzdem weiter PDS, dann gar nicht mehr gewählt. Aber jetzt würde er am liebsten gleich die Briefwahl für die nächsten 20 Bundestagswahlen erledigen.

Ob er schon einmal bei Pegida oder Legida war?

Nö.

Es ist tatsächlich so, als teile sich die sächsische Bevölkerung in zwei Mentalitäten, die gegensätzlicher nicht sein könnten, aber offenbar sehr gut miteinander harmonieren. Hier der brüllende Pegidist, dort die etwas zu heimelige ältere Generation.

4 — Harte Worte

Dresden, 19. April 2016: Die Schilder der Pegida-Demonstranten auf dem Altmarkt beleidigen Politiker und Journalisten. © Thomas Victor

Hans Vorländer hat eigentlich nichts gegen Heimeligkeit, er war lange in Köln. Da hat man sich ja auch selbst ganz gern, aber immer eine Umarmung übrig für Zugezogene und Durchziehende. Es gibt in Köln kein Entkommen davor, eingeköllnert zu werden. Aber alle können mitmachen.

Vor 23 Jahren ist der Politikwissenschaftler Vorländer nach Sachsen gezogen. Hier aber komme man nie wirklich rein, sagt Vorländer. Er nennt das "eine hermetische landsmannschaftliche Abschottung, die der Sachse sich gönnt". Das mag die persönliche Klage eines Außenseiters sein, der nicht reingelassen wurde in seine neue Heimat. Allerdings interessiert sich auch die sächsische Landesregierung für Vorländers Sicht.

25 Jahre Mein Sachsen
Sächsische Broschüre zur Wiedervereinigung

Einmal war Vorländer im Kabinett eingeladen, um die Besonderheit des Landes zu erklären. "Da kommen sie in die Staatskanzlei, und schon bei der Anmeldung unten beim Pförtner steht da so ein Ständer mit Flugschriften. Eine über die Wiedervereinigung. Überall anders hieße die '25 Jahre Einheit' oder meinetwegen '25 Jahre Wende'. Aber hier", Vorländer macht eine kleine Pause, als habe er sich an den sächsischen Sonderfall noch nicht gewöhnt, "hier heißt die natürlich: '25 Jahre Mein Sachsen'." So wird die Heimat zum Besitzstand.

Nicht weit vom Leipziger Stadtteil Connewitz steht die Nikolaikirche, wo 1989 Bürger der DDR zuerst gegen ihr Regime protestierten. Aus den Forderungen nach Reise- und Meinungsfreiheit war zwar schnell der unbedingte Wille nach Kühlschrank und Auto geworden, aber die Leipziger, die wütenden wohlgemerkt, versammelten sich und rissen einen Staat ein. Dieser Ermächtigungsmoment wurde den Sachsen im Grunde direkt nach der Wiedervereinigung wieder entzogen. In den Augen vieler hat das wiedervereinigte Deutschland nicht einlösen können, was von ihm erwartetet wurde.

Worum geht es den Sachsen heute? Darum, den Kühlschrank und das Auto sozusagen festzuhalten und zu sichern, aus Angst, sie könnten alles verlieren? Inzwischen muss nur ein Justizminister nach Zwickau reisen, um von einem brüllenden Mob, ja, angegriffen zu werden. Der Mob ruft "Wir sind das Volk" und meint damit: Wir haben schon einmal einen Unrechtsstaat überwunden, wir können auch die Bundesrepublik überwinden.

Die Sprache der wütenden Sachsen verrät eine Mischung aus Stolz, Hass und Unsicherheit. Woher kommt diese Sprache? In der Geschichte der Bundesrepublik hat es viele Phasen des politischen Diskurses gegeben, angefangen bei Adenauer. Die Auslösung der russischen Gefangenen, die Achtundsechziger, die deutsche Aufarbeitung definierten und Politik machten, aber auch Helmut Kohl haben das Land auf den Prüfstand gestellt. Man stritt sich, man hasste sich, zum Teil viel härter, unbarmherziger als heute. Vielleicht stößt die AfD nun einen politischen Diskurs an, der in den vergangenen 50 Jahren in Sachsen gefehlt hat. Der Westen hatte Zeit, sich der Sprache des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit in einer jahrzehntelangen rhetorischen Abschleifung weitgehend zu entledigen; der Osten nicht. Wie soll Sachsen über Minderheiten reden, wenn es sie im Grunde nicht gibt? Wie über Themen sprechen, die nie die eigenen waren?

Der Rassismus ist in Sachsen kein anderer als der in Baden-Württemberg, aber er hat andere, holzfällerartige Wörter. Die Worte des Lehrers sind hier die Worte des Bauarbeiters, eine harte Volkssprache. Deshalb könnte derjenige, der gerade noch auf einer Pegida-Demo ins Mikrofon gebrüllt hat, auch leitender Angestellter im Bauamt sein.

Fidschi ist eines dieser harten Worte. In Leipzig wie in Dresden, in Erfurt wie auch in Brandenburg, da werden die Vietnamesen, die einst als Gastarbeiter in die DDR kamen und mitunter seit 40 Jahren hier leben, als Fidschi verspottet. Und wenn man in ihren Geschäften einkaufen geht oder gehen muss, dann geht man zum Fidschi. Irgendwann ist das Wort eingerastet in den Köpfen.

Es heißt dann gerne, man sei nun mal dafür, die Dinge beim Namen zu nennen und nicht so rumzudrucksen und schönzureden wie, naja, alle anderen. Das war ja schon im Sozialismus so: Alles war schon geklärt, es gab nichts mehr zu diskutieren. Und die Wahrheit hat dann bitte auch genau so in der Zeitung zu stehen.

Über den alten Fabrikgebäuden am Brühl in der Altstadt von Leipzig, nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt, färbt sich der Himmel rot. Die  Geräusche werden leiser, langsam schließen die Geschäfte. Die aus Media Markt, Kaufhof und Deichmann zusammengewürfelte Einkaufspassage ist leer, aber sie leuchtet.

5 — Aus den Trümmern

Dresden, Sommer 2016: Der goldene Reiter auf den Neustädter Markt zeigt den sächsischen Kurfürsten August den Starken als römischen Kaiser. © Thomas Victor

An manchen Pegida-Montagen konnte man einen alten Mann sehen, der ein selbst gebasteltes Schild hochhielt mit einem kindlichen Königsgesicht darauf: "König August steig hernieder / und regiere Sachsen wieder. Masseneinwanderung – Multi-Kulti / wie jeder weiß ist großer Scheiß."

August der Starke ist der Übersachse. Er hat das Land so groß gemacht, wie es sich heute fühlt. Indem er die größten Feste schmiss. Die Hochzeit seines Sohnes ließ er vier Wochen feiern. Die Braut kam über die Elbe auf einer nachgebauten venezianischen Galeere und in einer für den Anlass errichteten Arena traten Löwen, Panther und Bären gegeneinander an. August hat das Showfeuerwerk erfunden und die Kunstsammlungen der Stadt angelegt. Als der preußische König mal Soldaten brauchte, gab ihm der sächsische König 600 Männer und bekam dafür 151 asiatische Vasen.

All das war nicht Dekadenz, sondern eine Herrschaftstechnik. Im Jahr 1697 konvertierte August zum Katholizismus, und nachdem er noch reichlich Bestechungsgeld gezahlt und Länder verschenkt hatte, gelangte er so auf den Thron des katholischen Polens. Ein Gebiet, 23 Mal so groß wie das Sachsens.

Rubbel-August lässt Träume wahr werden
Werbespruch für Lose

Es gibt Sekt mit seinem Namen und Schnaps natürlich auch. Stadtführer verkleiden sich als August, es gibt Schneekugeln mit der Königsfigur darin, der Stadtjugendring hat mit ihm geworben ("Bärenstarker August"), ebenso wie die Lotteriegesellschaft ("Stark wie August") und Zeitungen für ihre Rubbellose ("Rubbel-August lässt Träume wahr werden"). Wenn mal was kaputt ist, hilft "August – der starke Kleber". August hält das Land zusammen.

Als zu Dresdens 750-Jahr-Feier sein goldenes Reiterstandbild wieder aufgestellt wurde auf dem Neustädter Markt, 1956 war das, hängten ihm Studenten heimlich ein Schild um: "Lieber August steig hernieder / und regiere Sachsen wieder. Lass in diesen miesen Zeiten / Ulbricht auf dem Pferde reiten." August ist die sächsische Kontinuität, die gegen Bedrohungen in Stellung gebracht wird. Was damals die DDR-Regierung war, ist jetzt die vermeintliche Bedrohung durch den Islam.

Überhaupt, die Symbolik im Stadtbild, dem Dresdner vor allem. Als die alten Häuser kaputt gebombt waren, kam noch die DDR und wollte die letzten schönen Reste abreißen. Die Kirchen und Erker und der ganze residenzstädtische Schmuck passten nicht zum neuen Sozialismus. Von DDR-Staatschef Walter Ulbricht, selbst ein Sachse, ist der Satz überliefert: "Wenn ich mit meinem Auto an der Sophienkirche vorbeifahre, möchte ich am liebsten das Ding umfahren." Die Sophienkirche liegt am Rand der Altstadt, die SED ließ ihren übrig gebliebenen Turm 1962 tatsächlich abreißen.   

Erst in den siebziger und achtziger Jahren durfte Sachsen wieder sichtbar Sachsen sein. Die Fernsehserie Sachsens Glanz und Preußens Gloria wurde zur beliebtesten des Landes, in Dresden begannen die Restaurationen. Die Staatsführung ließ den alten Heimatstolz zu, in der Hoffnung, dass er auch auf sie abfärbe.

Nach dem Mauerfall ging es richtig los: der Wiederaufbau der Frauenkirche, mit Spenden bezahlt. Am Elbufer, im Herzen der Stadt, lagerten über Monate in langen Regalen die Steine der Kirche. Eine Stadt stellte ihre eigenen Trümmer aus. Der Wiederaufbau hat Dresden erst zu der Gemeinschaft gemacht, die sie heute ist. Heute würde man sagen: Es war ihr Projekt.

Kultur, Heimat und Gott: Alles Bürgerliche ist verloren im Rest des Landes. Dresden dagegen versteht sich selbst als besseres, kultivierteres Deutschland, als eine Alternative zum Moloch Berlin, als ein Gegenmodell zu den Multikultidogmen, die das Land angeblich bestimmen und die Bürgerlichkeit und ihre Riten lächerlich machen. Nur in Dresden ist er noch, der deutsche Kulturbürger, wie ihn Uwe Tellkamp beschrieb. Er überwinterte in der DDR; blieb misstrauisch gegenüber jeder Ideologie, besonnen, patriotisch und wertefest. Heute ist er in seinem Selbstbild die kommende Avantgarde eines Landes, das die Ketten des linken Dogmatismus abstreift.

Der Dresdener Bürgerpatriot behält seine innere Skepsis gegenüber dem Westen und gewinnt an Selbstbewusstsein. Der große Zuspruch für AfD und Pegida ist in seinen Augen nicht Ausdruck von Fremdenfeindlichkeit, sondern eine Reaktion auf die Dominanz eines politisch korrekten Bürgertums im Westen. Dass es die gleichen Proteste in anderen deutschen Großstädten nicht gibt, erklärt er damit, dass sich die Westdeutschen schlicht nicht trauten, so kraftvoll wie die Dresdener ihre Meinung zu äußern. Welche Seite sei denn da wirklich demokratischer?

6 — Das waren noch Zeiten

Aue, 8. April 2016: Das Tattoo eines Streetworkers verweist auf die Vergangenheit der einstigen Bergbaustadt. © Thomas Victor

Der Mann für den sächsischen Patriotismus und die Liebe zur Heimat wohnt in einem Herrenhaus.  Ein grauer Klotz mit meterdicken Mauern, Käbschütztal nahe Meißen, Ortsteil Niederjahna. An die Decke im ersten Stock sind die Portraits aller römisch-deutschen Kaiser gemalt. In einer Nische im Treppenaufgang steht eine Ritterrüstung. Die Frau des Hauses hat sie, wie auch die alten Gemälde und die Jugendstilanrichten, bei eBay Kleinanzeigen zusammengekauft. Der Hausherr und Kunsthistoriker Matthias Donath begrüßt im Lodenjanker und brauner Cordhose.

Wenn Nicht-Sachsen über Sachsen reden, sagt Donath: Die kennen sich ja gar nicht aus.

Heimatforscher Matthias Donath © privat

Donaths Vater war Dombaumeister in Meißen. Sein Sohn leitet heute den Freundeskreis Schlösserland Sachsen, ist Mitglied der Historischen Kommission des Sächsischen Adels und der Oberlausitzschen Gesellschaft der Wissenschaften, sowie Ehrenritter des Johanniterordens. Mit einem Kollegen hat er hier in seinem Herrenhaus das Zentrum für Kultur//Geschichte gegründet, gemeinsam geben sie die Sächsischen Heimatblätter heraus. Er schreibt viele Bücher über Schlösser im mittleren Erzgebirge oder über spätgotische Giebel in Sachsen. Er sagt, dafür habe er weit über 1.000 Orte besucht im Land. Donath hat sich die sächsische Heimat zum Beruf gemacht.

Donaths Sachsen ist sehr friedlich. Auf seinen Reisen trifft er in den Dörfern die vielen Heimatforscher, die es genau so sehen. Sie führen Hausbücher, die dokumentieren, welche Familie wann in welchem Gebäude des Dorfes gewohnt hat und wer danach kam und was am Haus umgebaut wurde, und all das über Jahrhunderte. Sie freuen sich, erklärt Donath, "in ihrem Dorf eine Tiefe aufspüren zu können". Alles drumherum erscheint dann flacher. "An der Ortsgrenze beginnt für manche quasi schon das Ausland", sagt er.

ZEIT ONLINE: Die Heimat muss ja irgendwo aufhören.

Donath: Genau.

ZEIT ONLINE: Man zieht also eine Grenze. Zwischen der Heimat und der Fremde. Welche Folgen hat das, vielleicht auch negative?

Donath: Das kann ich jetzt ganz schwer beurteilen. Das würde ja bedeuten: Wer Heimat betont, baut Grenzen. Und wer Grenzen baut, schließt andere aus, und das äußert sich in heutigen politischen Einstellungen. Diese Kette würde so nicht funktionieren.

ZEIT ONLINE: Was ist falsch an der Kette?

Donath fühlt sich jetzt sichtlich unwohl damit. Dann findet er doch einen Satz zur Erklärung. Der Sachse sei in erster Linie Sachse und erst danach Deutscher, Europäer, sagt Donath. Alles Negative könne er so wegschieben. Gedenkstätten an NS-Verbrechen gebe es in Sachsen zwar, "aber die kennt hier keiner." Die Nazis, das waren die Deutschen. 

Wenn ich immer nur August der Starke höre, dann denke ich natürlich nicht an Adolf Hitler.
Matthias Donath

Es bleibt: sächsische "Erinnerungslust statt Erinnerungslast", wie Donath das nennt. "Wenn ich immer nur August der Starke höre, und Gräfin Cosel, und das in der Schule auch vorkommt und im Internet und in der Werbung, dann denke ich natürlich nicht an Adolf Hitler."

Eine andere Art von Erinnerungslust findet man um die Ecke von Karl May in Radebeul. Dort steht ein blauer, fünfstöckiger Plattenbau, auf fünf Etagen DDR. Die Eintrittskarte des Museums sieht aus wie ein Visum zur Einreise, mit Hammer-und-Sichel-Stempel und allem.

Was sie hier vor dem Vergessen retten wollen, ist die DDR der Dinge. Die Föhne und Waschmaschinen, die Blusen und die Schuhe, die Staubsauger und Sofagarnituren, die Kinderwägen, Kinderklamotten, Schwalben, Trabis, Schulhefte und Schulbänke, das komplette alltägliche Universum. 30.000 Produkte ungefähr, alles, was jemals in der DDR verkauft wurde, es gab ja nicht so viel wie heute und wie im Westen, verteilt auf Dutzende Räume. Nichts fehlt.

Wobei: fast nichts. Im 3. Stock fragt jetzt ein staunender Besucher einen Mitarbeiter des Museums, sie stehen gerade vor dem Regal mit den Toastern: "Haben Sie eigentlich wirklich alles hier, was es damals gab?" Der Mitarbeiter sagt routiniert und auch kokett: "Also, was uns bis heute fehlt ist dieser magnetische Seifenhalter, wissen Sie, den man so in die Seife drücken und dann anklicken konnte." Der Besucher erinnert sich natürlich und ein Lächeln liegt über seinem Gesicht.

Es liegt überhaupt ein Lächeln auf allen Gesichtern. Durch die Räume wandern vor allem ältere Menschen, jene mit einer reichen Erinnerung an die ausgestellte Zeit. Nein, die DDR-Nostalgie ist keine Sache junger Sachsen.

"So einen hatte ich auch", rufen die Besucher und deuten auf einen Föhn. "Weißte noch, das stand bei Mutti", sagt die Frau zu dem Mann vor einer Waschmaschine oder einem Kühlschrank. Mit der DDR und der Planwirtschaft sind auch ihre Waren verschwunden. Der Rotkäppchensekt ist die Ausnahme von dieser Regel. Und was soll falsch daran sein, sich an das zu erinnern, was einen damals umgeben hat? Nichts ist harmloser als eine Wand mit 30 Jahre alten Staubsaugern.

7 — Sachsen-Union

Karlsruhe, 1. März 2016: Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich wartet auf den Beginn des NPD-Verbotsverfahrens am Bundesverfassungsgericht. © Kai Pfaffenbach/Reuters

Am 29. Februar 2016 hielt Ministerpräsident Stanislaw Tillich von der CDU im Landtag eine Rede über sein Land. Der Rechtsextremismus sei jahrelang unterschätzt worden. Auch von ihm selbst.

Eigentlich brauchte man nach Tillichs Auftritt nur den Fernseher anzulassen, um zu sehen, dass diese Rede Teil einer Doppelstrategie war. Direkt nach dem Ministerpräsidenten trat Fraktionschef Frank Kupfer ans Mikrofon und nahm die Position seines Parteivorsitzenden wieder zurück. Von landesweiter Fremdenfeindlichkeit könne überhaupt keine Rede sein. Stattdessen müsse man angesichts des Flüchtlingsstroms über Parallelgesellschaften und No-go-Areas reden. Sachsen brauche keine "Belehrungen von außen", sagte Kupfer.

Überall im Land kann man konservative Politiker, bürgerliche Intellektuelle oder Kulturschaffende treffen, die nicht in den sächsischen Zuständen ein Problem sehen, sondern im Sachsenbashing, dem Versuch also, das Land, seinen Erfolg und seine konservativen Werte schlechtzureden. Das sächsische Gemälde zu zerstören.

Die sächsische Bevölkerung hat sich als völlig immun erwiesen gegenüber den rechtsradikalen Versuchungen.
Kurt Biedenkopf

Zum Beispiel in Freital, wo im Juni 2015 Dutzende Anwohner Flüchtlinge belagerten. Die dortige CDU, die mit absoluter Mehrheit den Bürgermeister stellt, postete auf Facebook das Bild eines langjährigen Parteimitglieds schwarzer Hautfarbe. Darunter ihre Wahrnehmung des Problems: Seit mehr als 30 Jahren lebe er in Freital und habe noch nie Rassismus oder rechtsextreme Übergriffe erlebt. Punkt.

Wer von Freital spricht, von Heidenau, Clausnitz, von Bautzen und Dresden, der kann über die sächsische CDU nicht schweigen. Jene Partei, die seit 26 Jahren regiert und fast gleichbedeutend mit der sächsischen Politik ist. Eine Partei, die sich als Erfinderin eines Erfolgsmodells sieht, die immer glaubte, dass man von ihr lernen müsse, die jede Kritik an Sachsen als Anmaßung begriff.

Im September 2000 sagte Sachsens damaliger Ministerpräsident Kurt Biedenkopf: "Die sächsische Bevölkerung hat sich als völlig immun erwiesen gegenüber den rechtsradikalen Versuchungen."

Er bezog sich auf die Wahlergebnisse, damals standen die großen Erfolge der NPD noch bevor. Biedenkopf war mit seinem monarchenhaften Auftreten ebenso stilbildend für die sächsische Union wie mit seinen Ansichten über den Rechtsextremismus. Sein Justizminister Steffen Heitmann zum Beispiel sagte: "Das Merkwürdige ist in der Bundesrepublik Deutschland, dass es ein paar Bereiche gibt, die sind tabuisiert. Es gibt eine intellektuelle Debattenlage, die nicht unbedingt dem Empfinden der Mehrheit der Bürger entspricht, die man aber nicht unbestraft verlassen kann. Und dazu gehört das Thema Ausländer." Heitmann war 1993 mal als neuer Bundespräsident im Gespräch. Nach diesem Zitat nicht mehr. 2015 trat er aus Protest gegen Merkels Flüchtlingspolitik aus der CDU aus.

Die sächsische Union hatte aber auch ein anderes Gesicht. Der Weg dorthin führt über schmale Straßen, über die tannenbestandenen Steilhänge des Zittauer Gebirges. In einem Dorf in diesem entlegenen Teil Sachsens lebt Heinz Eggert. Ein Mann, der ein wenig aussieht wie Walter White aus Breaking Bad und sich Mühe gibt, beim Einparken zu helfen. Drinnen serviert er Filterkaffee und Oberlausitzer Mohnkuchen.

Wenn Eggerts Haus sprechen könnte, würde es sicher mitreden über das, was dort in den vergangenen Jahrzehnten so alles passiert ist. Vor 1989 war es verwanzt von der Stasi, weil der Pfarrer Eggert Oppositionelle beriet. Nicht lange nach der Wende haben sie im Wintergarten Scheiben aus Panzerglas eingesetzt, weil aus dem Pfarrer ein CDU-Innenminister geworden war und Eggert nun Dinge tat, die besonders Sachsens Neonazis nicht gefielen.

Eggert war von 1991 bis 1995 sächsischer Innenminister. Glaubt man ihm, war das eine Zeit, in der sächsische Innenminister noch in der alternativen Dresdener Neustadt Biertrinken gingen und dabei mit Autonomen ins Gespräch kamen. Eggerts Amtszeit war auch eine Zeit, in der Nazikader aus dem Westen im Osten ihre Strukturen aufbauten. Zu dieser Zeit galt Sachsen noch als Vorbild im Kampf gegen den Rechtsextremismus. Auch wegen Eggert, der die Soko Rex gründete, eine Sonderkommission, die eine Zeit lang erheblichen Verfolgungsdruck auf die rechte Szene aufbaute. "Ich habe damals wirklich geglaubt, dass der Rechtsextremismus zurückgeht", sagt er heute.

Eggert ist in seiner Haltung zu den sächsischen Zuständen so klar wie kaum jemand in der Sachsen-Union. "Man kann keinen Dialog mit Pegida führen", sagt er. "Nicht mit Leuten, die einem kleingeistigen Kriminellen hinterher laufen und Galgen tragen, auf denen Politikernamen stehen." Pegida berufe sich auf das Christentum, obwohl es das nicht kenne. Die Bewegung stelle nur ihre eigene Meinung unter den Schutz der Meinungsfreiheit und nutze diese dazu, anderen das Recht auf das Hier- und Menschsein abzusprechen. "Da darf man sich nicht wundern, wenn so die Gewaltfantasien einiger beflügelt und real werden."

Und was soll man dagegen tun? "Verfolgungsdruck", sagt Eggert. Es müsse eine Sonderkommission her, die auf jeder Demo nach volksverhetzenden Äußerungen schaue. Dann müsse es Schnellverfahren geben, ohne Vergleiche, mit schmerzhaften Geldstrafen. Die Sachsen müssten wissen, dass rassistische Äußerungen sie Geld kosten. "Man muss die Leute zähmen", sagt Eggert.

Nach der Wende waren die Westdeutschen gekommen, um die Sachsen zu zähmen. Alle ostdeutschen Bundesländer standen vor dem Problem, dass ihnen in den Verwaltungen fähige Leute ohne SED- oder Stasi-Vergangenheit fehlten. Aus dem Westen kamen Staatssekretäre, Richter, Polizeiführer, Steuerbeamte, Verwaltungsjuristen. Nicht immer waren es die Fähigen. Viele konnten hier die Karriere machen, die ihnen in der Heimat verwehrt gewesen war.

Ich demonstriere nicht gegen Nazis, sondern kämpfe für die Menschenwürde.
Martin Gillo

Sachsens Partner waren Bayern und in der Innen- und Justizpolitik Baden-Württemberg. Im Bündnis mit dem sächsischen Bürgertum versuchten konservative westdeutsche Beamte, aus Sachsen ein ostdeutsches Bayern und aus der Sachsen-Union eine dazugehörige CSU zu machen. Sie brachten das Feindbild des Altachtundsechzigers aus dem Westen mit, bis heute können sich darauf fast alle in Sachsen einigen, auch wenn es hier kaum solche gibt, kaum Jürgen Trittins und Claudia Roths. Hier ließ sich der alte westdeutsche Kulturkampf neu auflegen. Und hier ließen sich neue konservative Erfolgsgeschichten erzählen.

Martin Gillo kann davon berichten. Als Manager der Chipfirma AMD befasste er sich Anfang der neunziger Jahre mit der Frage, ob Sachsen als Standort für eine Mikrochipfabrik infrage komme. Für den Silicon-Valley-Konzern war es eine Milliardenentscheidung, für Sachsen ging es um noch mehr. Darum, ob das Land nach dem Zusammenbruch 1989 eine eigene Industrie würde aufbauen können.

Gillo, ein bedächtiger Norddeutscher, sitzt in einem Kettenrestaurant am Dresdner Hauptbahnhof und schwärmt. Es seien die Sachsen gewesen, die ihn dazu bewegt hätten, die Investition zu befürworten. Die Sachsen, erinnert sich Gillo, hätten der Welt beweisen wollen, dass sie mitspielen können. Dann zählt er Eigenschaften auf, die man in den Neunzigern gern hörte: Teamgeist, Flexibilität, Engagement, Fleiß. "Sekundärtugenden", sagt Gillo. Die Sachsen seien geprägt vom Bergbau und unter Tage habe man sich immer schon auf sein Team verlassen müssen. Er berichtet von einer Rechtsanwältin, die sich bei ihm als Assistentin beworben habe, um beim Aufbau mitzuhelfen.

Jahre nachdem AMD in Dresden seine Chipfabrik gebaut hatte, holte ihn Ministerpräsident Milbradt als Wirtschafts- und Arbeitsminister in sein Kabinett. 2002 war das, plötzlich stand Gillo mitten in einem der größten Kämpfe, die die bundesdeutsche Gesellschaft bis dahin ausgefochten hatte: Hartz IV.

Hier wurde bewusst der Tod von Menschen in Kauf genommen.
Stanislaw Tillich

Als Hartz IV eingeführt wurde, gab es auf ostdeutschen Marktplätzen zum ersten Mal seit 1989 wieder Montagsdemos. Auch in Sachsen. Lange vor Pegida wurde da schon sichtbar, wie umfassend das Misstrauen der Ostdeutschen gegenüber den Parteien war. Wie weit verbreitet und selbstverständlich die Vorstellung, es gebe eine zutiefst korrupte politisch-mediale Kaste. Und dass es auch im boomenden Sachsen ein gewaltiges Milieu sozial Abgehängter gab.

Man kann mehrere Schlussfolgerungen daraus ziehen. Für Gillo, einen entschiedenen Befürworter von Hartz IV, ist die wichtigste Lehre aus dieser Zeit: Man muss den Menschen Mut machen. Und man darf nicht versuchen, die letzten fünf Prozent zu überzeugen, sondern muss sich an die Aufgeschlossenen wenden. Das klingt nach Politikerfolklore, aber Gillo hat in seiner verbleibenden Zeit als Politiker tatsächlich danach gehandelt.

Im Jahr 2009 wurde er zu Sachsens Ausländerbeauftragtem gewählt und blieb fünf Jahre. Wenn man ihn fragt, worauf er besonders stolz sei, sagt er, er habe in dieser Zeit nicht einmal das Wort Rassismus benutzt. Der Begriff grenze doch aus. Lieber spreche er von Fremdenskepsis, die im Übrigen völlig natürlich sei. Wer das Zusammenleben der Kulturen fördern wolle, müsse positive Bilder einer vielfältigen Gesellschaft entwerfen, statt neue Feindbilder aufzubauen. "Ich demonstriere nicht gegen Nazis", sagt Gillo, "sondern kämpfe für die Menschenwürde."

8 — Wille und Vorstellung

Dresden, 27. September 2016: Die Eingangstür der Fatih-Camii-Moschee wurde durch einen Sprengsatz zerstört. © Tobias Schlie/Reuters

Sachsen, Ende Juli. An den Bahnhöfen in Heidenau und Heidenau-Süd, Königstein, Dresden-Großzschachwitz, Böhlen, Neukiritzsch und Lobstädt tauchen über Nacht Leichenzeichnungen auf. Mit Kreide sind die Umrisse der Körper auf den Boden gemalt, wie an den Tatorten von Gewaltverbrechen. Dazu etwas Ketchupblut und viele kleine Zettel. "Migration tötet" steht auf denen, oder "Merkel=Volkstod". Die Polizei wird später einige Täter fassen, sie gehören zur rechtsextremen Identitären Bewegung.

Sachsen, Ende September. In Bautzen jagen 80 rechtsextreme Jugendliche eine Gruppe junger Flüchtlinge durch die Innenstadt. In Dresden-Cotta explodiert ein professioneller Sprengsatz an der Eingangstür der Fatih-Camii-Moschee. Der Imam, seine Frau und seine beiden Söhne entgehen dem Anschlag unverletzt. Sachsens Ministerpräsident Tillich sagt: "Hier wurde bewusst der Tod von Menschen in Kauf genommen."

Man kann vom Landtag, wo Tillich seine Regierungserklärungen hält, den Fluss hinauf gehen, vorbei an Semperoper, Theater und Schlossplatz, dann rechts in die Brühlsche Gasse, dann steht man in der Mitte dieser Stadt, auf dem Dresdner Neumarkt.

Morgens ist der Platz noch fast leer. Rikschas, Segways und Kutschen drängeln sich neben der Touristeninformation. Eine Gruppe Russen quert Richtung Zwinger, die Reiseführerin dirigiert sie per Mikro und Ohrknopf, lenkt den Blick über den weiten Platz: dort der Stallhof mit dem Fürstenzug auf der Rückseite, daneben die hohe, helle Frauenkirche, die kleinteiligen Fassaden der alten Bürgerhäuser und hinten, über den Dächern, die goldene Herkulesstatue auf dem Rathausturm.

Der Himmel hängt tief und die Wolkendecke ist dicht über den Giebeln. Die Glocken der Kirche läuten, und man kann sich in diesem Moment tatsächlich kaum noch vorstellen, dass all das hier vor 25 Jahren nur ein riesiger, realsozialistischer Parkplatz war.

Sachsen ist gemacht aus Wille und Vorstellung.


Mitarbeit: David Hugendick

Redaktion: David Hugendick, Maria Exner, Meike Dülffer

Korrektur: Paul Hofmann