Flüchtlingsleben in Schwandorf, Bayern

Die Bildungsbürger

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Junge Asylbewerber haben in Deutschland kaum eine Chance auf einen Schulabschluss. Ausgerechnet in Bayern ist das anders.

Die Kellnerin im Rüschenkleid sagt: "Bald sieht man in Schwandorf keine Deutschen mehr." Der Taxifahrer mit dem ausgefranstem Schnurrbart fragt: "Warum sollen wir für alle zahlen?" Eine junge Frau mit Pferdeschwanz findet: "Das mit den Flüchtlingsbooten ist schon schlimm, aber die ganze Hilfe ist doch a bissl übertrieben."

Schwandorf ist eine Stadt in der bayrischen Oberpfalz, mit gepflegten Vorgärten, kleinen Kirchen und viel Tannenwald. Im Stadtrat hat die CSU gerade die Mehrheit geholt und außer den russischen Aussiedlern, die schon vor Jahrzehnten hergezogen sind, sieht man hier kaum Migranten. Aber ausgerechnet in Schwandorf klappt die Integration von jungen Flüchtlingen in das deutsche Schulsystem so gut wie fast nirgendwo sonst in Deutschland. Da sind sich die Flüchtlingsorganisationen Pro Asyl und der bayerische Flüchtlingsrat einig.

Auf dem Flur der Berufsschule Oskar-von-Miller riecht es nach Holz. Eigentlich lernen hier angehende Tischler, Maurer und Friseure für Fächer wie Bautechnik, Wirtschaft oder Körperpflege. Aber in einem Klassenraum im dritten Stock steht in Druckbuchstaben an der Tafel: "Es schneien". "Es schneit!", ruft ein junger Mann mit krausem Haar und verspiegelter Sonnenbrille auf dem Kopf. Er grinst, weil er den Fehler als Erster erkannt hat.

© Mapbox/OpenStreetMap

Andemeskel, der lieber Andit genannt werden will, ist 18 Jahre alt und kam vor mehr als einem Jahr aus Eritrea nach Deutschland. Hätte er in einem anderen Bundesland als Bayern einen Asylantrag ausgefüllt, säße er heute vermutlich nicht in der Schule. Denn Andit zählt zur "vergessenen Gruppe", wie Tobias Klaus von Pro Asyl es nennt. 

So wie Iyad aus Syrien, Ruth aus Äthiopien und viele andere in Andits Klasse: Flüchtlinge zwischen 18 und 25 Jahren, die noch im Asylverfahren stecken. In vielen Bundesländern haben sie in ihrem Alter kein Recht mehr auf Unterricht. Bis ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist – und das kann Jahre dauern –, dürfen sie nicht einmal einen Integrationskurs machen. Ein Viertel aller Flüchtlinge, die 2013 in Deutschland ankamen, gehört zu dieser Gruppe. Die meisten von ihnen sind in ihrem Heimatland zur Schule gegangen, viele haben eine Ausbildung oder sie haben studiert.

Einige Türen weiter, auf dem Flur im dritten Stock, sitzt Religionslehrer Werner Nagler. Er hat die Flüchtlingsklassen vor drei Jahren an seiner Schule in Schwandorf aufgebaut. Inzwischen kümmert sich Nagler um die Einführung solcher Klassen in der gesamten Oberpfalz. Denn in Bayern gibt es ein neues Konzept für Menschen wie Andit: Zwei Jahre lang werden sie an Berufsschulen unterrichtet – egal, ob sie eine Aufenthaltsgenehmigung haben oder nicht. Danach bekommen sie ein Abschlusszeugnis, und wer die Prüfung besteht, auch einen qualifizierten Hauptschulabschluss. 260 solcher Klassen gibt es schon, bis September 2015 sollen sie an allen Berufsschulen in Bayern eingeführt werden. Es ist ein deutschlandweit einzigartiges Modell.

Andit freute sich, als ihm vor einigen Monaten jemand sagte, er könne in die Schule gehen. Es war für ihn schwer auszuhalten gewesen, ohne Beschäftigung in seinem Heim herum zu sitzen. "Ich konnte mich ja nicht mal richtig unterhalten", sagt Andit. Im Unterricht wurde er anfangs schnell müde und konnte sich kaum auf die deutschen Wörter konzentrieren. Andit war von Eritrea über Äthiopien, den Sudan und Libyen nach Italien geflohen. Die meiste Zeit zu Fuß oder versteckt in einem Lastwagen, oft tagelang ohne Essen und Wasser. In Libyen wurde er gefoltert, seine Eltern wurden erpresst. Es gelang ihm, wegzulaufen, er setzte sich in ein überfülltes Boot und schließlich in einen Zug nach Deutschland. So erzählt Andit seine Geschichte. Als er ankam, war er noch nicht volljährig.

"Fast alle Schüler sind schwer traumatisiert", sagt der Lehrer Nagler. Darum machen die Lehrer häufiger Pausen als in anderen Klassen und sprechen auch über Dinge, die nichts mit Mathe, Deutsch oder Landeskunde zu tun haben. Für das bayerische Bildungsministerium hat Nagler an einem Leitfaden für die Einführung der Flüchtlingsklassen mitgearbeitet. Darin stehen zwölf goldene Regeln für den Unterricht. Unter Punkt vier heißt es: "Lernen beruht auf einer guten Beziehung zueinander."

Die meisten Schüler sind ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen, außer den Lehrern haben sie kaum Bezugspersonen. Deshalb besuchen die Lehrer jeden Schüler mindestens einmal zu Hause, manche hinterlassen für Notfälle ihre private Handynummer. Gern mache sie das, erzählt eine Lehrerin, manchmal sei es aber auch belastend. Vor ein paar Monaten habe sich ein iranischer Schüler in seinem Heim die Pulsadern aufgeschnitten. Aus dem Krankenhaus schickte er ihr später eine WhatsApp-Nachricht: "Es tut mir so leid", stand darin. Die Lehrerin nahm danach eine Supervision in Anspruch und machte eine Fortbildung über Traumata.

"Auch für so was haben wir ein Budget", sagt Nagler. Denn dass in Schwandorf vieles besser klappt als anderswo in Deutschland, liegt nicht nur am Engagement einzelner Lehrer, sondern am System: Je nach Bedarf kann die Schule schon ab zehn Schülern eine Klasse bilden. Das geht sonst nur an Förderschulen. Die Schule durfte neue Kollegen einstellen, Experten für Deutsch als Fremdsprache und für die Arbeit mit Flüchtlingen. Und alle Mitarbeiter können regelmäßig Fortbildungen besuchen, auch zu Themen wie Jugendhilfe, Sprachvermittlung und Asylrecht.

Woher kommt die Großzügigkeit?

Bayern ist reicher als die meisten Bundesländer. Ideen, wie man Menschen wie Andit besser fördern könnte, gibt es zwar auch anderswo, aber die meisten scheitern am Geld. Die Finanzierung ist häufig nur kurzfristig geplant, die Plätze sind begrenzt und die Schulen können weder neue Lehrer noch regelmäßige Fortbildungen bezahlen. In vielen Bundesländern müssen selbst Flüchtlinge unter 16 Jahren monatelang auf einen Schulplatz warten.

In Bayern hat sich das Bildungsministerium für die Finanzierung der Flüchtlingsklassen eine besondere Lösung ausgedacht: Die Hälfte der Kosten trägt die Landesregierung, die andere ein freier Träger. In manchen Städten ist das eine Volkshochschule, in Schwandorf das Kolping Bildungswerk.

Einen Teil ihrer Schulstunden verbringen die Schüler im Bildungswerk. Handwerker zeigen ihnen, wie man Holz sägt und Metall schneidet. "Und wir lernen lustige Wörter", sagt Andit und spielt auf den breiten bayrischen Dialekt der Handwerker an. Im Alltag hilft den Schülern eine Pädagogin, die ebenfalls das Kolpingwerk eingestellt hat. Wie kaufe ich Fahrkarten? Wann muss ich mich krank melden? Wo bekomme ich Nachhilfe? Die Pädagogin kümmert sich auch um Praktikumsplätze, denn im zweiten Jahr arbeiten alle Schüler eine Weile in einem Betrieb.

Dass die bayerische Landesregierung so viel Geld in die Förderung von Flüchtlingen steckt, war für Nagler anfangs verwunderlich. Zwar kommen die meisten Flüchtlinge in Bayern an, aber für eine besonders freundliche Asylpolitik ist das Bundesland nicht bekannt. Das bayerische Bildungsministerium erklärt es so: "Für junge Menschen mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit stellen die Flüchtlingsklassen eine echte Chance zur Integration und Teilhabe in unsere Gesellschaft dar." Die Großzügigkeit hat vermutlich noch einen anderen Grund: 2014 blieben 25.000 Ausbildungsplätze in Bayern unbesetzt, jeder vierte Platz.

Distanz ist wichtig

In seiner Heimat hatte Andit auf Baustellen geholfen, Zement gerührt und Wände verputzt. Diesen Sommer macht er bei einem Maurer sein Praktikum. Iyad, der junge Syrer, hat zu Hause zwei Semester Elektrotechnik studiert. Und Ruth, das Mädchen aus Äthiopien, träumt von einem Job als Krankenschwester. Maurer, Elektrotechniker, Krankenschwestern – für all diese Berufe fehlen hierzulande Interessenten.

"Die Unternehmen sehen in den jugendlichen Flüchtlingen auch ganz pragmatisch ein Potenzial, um den Fachkräftebedarf zu lindern", sagt Hubert Schöffmann von der bayerischen Industrie- und Handelskammer (IHK). Von den Firmen komme gutes Feedback zu den Praktikanten. Vielen werde gleich nach dem Praktikum ein Ausbildungsplatz angeboten. Zwar können Asylbewerber in Deutschland während einer Ausbildung jederzeit abgeschoben werden. Aber vor Kurzem hat das bayrische Innenministerium alle Ausländerbehörden offiziell aufgefordert, das nicht mehr zu tun. Allein in Niederbayern und der Oberpfalz haben rund 850 Betriebe bei der IHK Interesse an den neuen Arbeitskräften angemeldet.

Manchmal ist das sogar ein Problem. Viele Jugendliche hätten Schulden bei Schleppern, erzählt Nagler, und würden am liebsten so schnell wie möglich Geld verdienen. "Wir wollen, dass sie erst einen Abschluss machen."

Auch in Schwandorf klappte nicht alles von Anfang an reibungslos. "In den ersten zwei Jahren durften uns die Schüler noch duzen", sagt Nagler, "das war ein Fehler." Egal wie eng die Beziehung zu den Schülern sei, die Lehrer dürften die Distanz nicht aufgeben, auch um die Schüler auf den Arbeitsalltag vorzubereiten. Pünktlich sein, acht Stunden konzentriert arbeiten, abends aufräumen – nicht jeder komme mit diesen Regeln sofort klar. Darum seien die Lehrer jetzt manchmal sogar strenger als in anderen Klassen.

So begeistert wie Nagler oder Schöffmann von der IHK waren anfangs nicht alle in Schwandorf vom neuen System der Flüchtlingsklassen. Ein Lehrer bezeichnete die neuen Schüler als "graue Masse" und das Sekretariat der Schule stellte eine Weile jeden, der mit ausländischem Akzent anrief, gleich zu Werner Nagler durch – egal ob er ein Flüchtling war oder nicht.  Für diese Kollegen organisierte Nagler ein Seminar über Kulturunterschiede, bezahlt von der Landesregierung. "Seitdem klappt’s besser", sagt er. 

Besonders skeptisch war ein Mitarbeiter des Ausländeramts. Lange Zeit hatte er Akten verwaltet, Anträge ausgefüllt und Bescheide verschickt. Auf einmal aber mischten sich Lehrer in seine Arbeit ein und wollten an runden Tischen darüber sprechen, wie man mit Traumata der Flüchtlinge umgehen kann. Irgendwann allerdings, erzählt Nagler, sei der Beamte zu ihm gekommen, habe die Zusammenarbeit gelobt und gesagt: "Wir sind hier schließlich keine Ausländerfeinde, gell?"