Video: Stasi-Akten im Archiv

Die Stasi lebt

— Von
Aufgebrachte Bürger stürmten vor 25 Jahren die Zentralen der DDR-Staatssicherheit. Bis heute verändern die Spitzel-Akten das Leben von Menschen radikal.

Noch kann jeder die Spitzelberichte lesen, in vier Jahren sollen die Stasi-Akten dann im Bundesarchiv verschwinden. Aber die Abhörprotokolle, Karteikarten, Fotos, Mikrofilme und Dias bergen Wahrheiten, die auf Entdeckung warten. Millionen haben Akteneinsicht beantragt, jüngst stieg das Interesse wieder. Wir haben vier Menschen kennengelernt, deren Geschichten zeigen: Es könnte sich lohnen, die Archive über 2019 hinaus offen zu halten.

1 — Mein Spitzel-Freund

Jahrelang glaubte Susanne Concha Emmrich, ihr Schulfreund habe sie ausspioniert. Heute weiß sie: Es war ganz anders. 

Im Herbst 2013 fällt in Stockholm, im Neubau-Vorstadtviertel Husby, in einem Eckhaus in der vierten Etage, ein Brief durch den Postschlitz. Hastig bückt sich Susanne Concha Emmrich danach. Sie liest den Absender. Sie beschließt, das Kuvert erst später zu öffnen und legt es auf den Schreibtisch im Arbeitszimmer. Dann geht sie in die Küche und kocht Kaffee.

Nachdem sie die erste Tasse getrunken hat, reißt Concha Emmrich den Umschlag auf. Sie zieht 20 Kopien heraus. Sie blättert darin, sucht, rätselt. Versucht zu verstehen, was sie vor sich liegen sieht. Und ahnt: Dieser kleine Stapel Stasi-Akten wird ihr einen völlig neuen Blick auf ihr Leben in der DDR eröffnen. 

Auf jene Zeit vor 1985 – da war sie mit ihrem chilenischen Mann zu dessen Eltern nach Schweden übergesiedelt. Auf ein Leben, an das sich zu erinnern sie immer noch schmerzt. In dem aus Freundschaft Verrat werden konnte und Verdacht Beziehungen zerstörte. Sie haben mich also doch als beobachtungswürdig eingestuft, denkt sie.

Susanne Concha Emmrich, Schriftstellerin und Filmemacherin in Stockholm © Tilman Steffen/ZEIT ONLINE

Was Concha Emmrich in jenem Umschlag findet, hatte die Staatssicherheit der DDR millionenfach in Aktenordnern verwahrt: Überwachungsprotokolle, Berichte inoffizieller Mitarbeiter, Niederschriften abgehörter Telefonate und Verhöre. Penibel hatten die Geheimpolizisten das Leben unliebsamer Bürger erfasst, ihre Gewohnheiten und Vorlieben, dazu jede Menge Banalitäten.

Die Papiere sind stumme Zeugen eines Staates, der seine Bürger nicht nur überwachen, sondern auch manipulieren wollte. Der Menschen in seinem Sinne zu formen versuchte und die Widerständigen verunsichern und vereinzeln wollte. 24 Jahre nach dem Ende der DDR gibt es immer noch Menschen, die darunter leiden, dass sie sich ihres früheren Lebens nicht sicher sind: Wer hat mich bespitzelt? Wer hat mich verraten? Und wem habe ich mit meinem Verdacht Unrecht getan?

Concha Emmrich sitzt in ihrem Arbeitszimmer und liest. Bilder aus der Erinnerung steigen auf: die Jugend im thüringischen Eisenach am Fuße der Wartburg Anfang der siebziger Jahre; die Zeit in Halle an der Saale, wo sie Russisch, Englisch und alte Sprachen studierte; schließlich das Bild eines Mannes, eines Freundes: Rudenz Schramm.

Eine die Jahre überdauernde Freundschaft

Schramm war Sohn eines Bäckers. Das Abitur hatte er an der Abendschule nachgemacht. In Ilmenau studierte er Mathematik, irgendwann übernahm er die Organisation der Kulturarbeit an der Hochschule. Schließlich wurde er Chef im Jugendclubhaus in Halle.

Concha Emmrich und Schramm kannten sich seit Kindertagen. Der Kontakt hatte über Schulwechsel und Studienabschluss hinaus gehalten. Eine gute Freundschaft verband sie, die auch die langen Jahre des Erwachsenwerdens überdauerte, keine Liebe. In Halle waren sie sich wiederbegegnet. Gelegentlich trafen sie sich mit ihren Ehepartnern, sprachen über die Kinder und über die Welt.

Ein Thema sparten sie immer aus.

Concha Emmrich war klar: Chefs staatlicher Einrichtungen, Funktionäre in Rathäusern, in Kreis- und Bezirksleitungen, Schuldirektoren – sie alle konnten Zuträger der Staatssicherheit sein. Latent stand jeder unter Stasi-Verdacht, der einen solchen Posten innehatte. Belieferte auch ihr Freund, der Clubhausleiter Schramm, den Spitzeldienst? 

... umfangreiche Kontakte zu NSA Personen.
Stasi-Notiz vom 3. August 1977 über Emmrichs Bekanntenkreis aus dem "nichtsozialistischen Ausland"

Concha Emmerich war keine Dissidentin, doch die Kirche hatte sie geprägt. Zu ihren Freunden gehörten Pfarrer, Künstler und Regimekritiker. Freidenker waren darunter, die versuchten, Fluchtwilligen zu helfen, getrieben vom Widerstandswillen gegen den Staat. Schließlich heiratete Concha Emmrich einen Chilenen und wurde Teil seiner Flüchtlingsfamilie. Traumatisiert vom Pinochet-Regime waren er und seine Verwandten in die DDR gekommen. All das war für die Stasi ein besonders interessantes Umfeld.

Susanne Concha Emmrich als Studentin © privat

Dann fiel die Mauer und teilte die DDR-Bürger in zwei Gruppen: Die einen wollten schnell einen Schlussstrich ziehen; in einer neuen Welt sollte nicht mehr wichtig sein, was früher gewesen war. Die anderen wollten Klarheit über die Vergangenheit und ihre Peiniger.

Concha Emmrich will Klarheit und beginnt, nach Spuren zu suchen, die Schramm hinterlassen hat. Im Juli 1990 schickt ihre Schwägerin ihr einen Zeitungsausschnitt nach Stockholm: Mit vielen anderen Ex-Funktionären ist Schramm als Stasi-Spitzel enttarnt worden; die Bild-Zeitung hat lange Namenslisten abgedruckt. Für Concha Emmrich bestätigt sich eine alte Vermutung. Sie beantragt Akteneinsicht. Die Stasi-Unterlagen-Behörde findet jedoch nur einige Karteikarten zu ihrem Namen, die ohne Wert sind. Darauf ist vermerkt, sie sei in die Schweiz übergesiedelt. Auch Geheimpolizisten machen Fehler.

Missbrauchtes Vertrauen oder nicht?

Doch weil die Behörde die gewaltigen Aktenberge jahrelang weiter durchforscht, fragt Concha Emmrich wieder nach und sucht parallel selbst weiter. Ende der neunziger Jahre fährt sie in den Sommerferien nach Halle. Sie ruft Schramm an. Er sitzt dort für die Linke im Stadtrat und betreibt ein Varieté. In einem Café stellt sie ihn zur Rede. Der Freund weicht aus, laviert. "Ich habe dir nicht geschadet."

Nicht geschadet? So klingt die Ausflucht vieler Spitzel. Und was ist mit der Qual des Verdachts? Der andere hat mein Vertrauen missbraucht, andere Menschen hintergangen. Und die jahrzehntelange Unsicherheit, ob nicht gerade dieser Gedanke dem Verdächtigten Unrecht tut.

Ich habe dir nicht geschadet.
Varietébetreiber Rudenz Schramm

Nun hält Concha Emmerich 20 Seiten Stasi-Akten in den Händen, darin der wichtigste Hinweis auf die Antwort. In den Blättern stößt sie auf einen Tarnnamen, ein Frauenname. War das Schramm?

Wieder eine Anfrage an die Behörde. Wieder warten. Wieder ein Brief, ein kleiner diesmal. Concha Emmrich drängt es, Schramm mit ihren Nachforschungen noch einmal zu konfrontieren. In ihr war nur noch der Gedanke: Ich muss hinter die Sache einen Schlusspunkt setzen.

IM war eine Frau

Hinter dem Tarnnamen verbirgt sich nicht ihr Freund. Das muss nicht heißen, dass Schramm nicht an anderer Stelle über sie geplaudert hat; dass er Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war, ist erwiesen. Dennoch ist Concha Emmrich erleichtert und beschließt, ihn anzurufen. Sie wollte das Zerrissene wieder knüpfen, eine Annäherung.

Diskutieren Sie mit! Wie wichtig sind die Stasi-Akten heute noch? © BStU

An einem Junitag 2014 klingelt Schramms Telefon. Es ist Concha Emmrich. "Rudenz, der IM war jemand anderes," hört er. Dann sprechen sie über die Kinder, Concha Emmrichs Filme, die Arbeit. Sie spürt: Wir können jetzt wieder Freunde werden. Schramm sagt heute: "Wir sind auf gutem Weg, die Freundschaft zurückzugewinnen."

Der Frau, die sie denunzierte, hat Concha Emmrich lange hinterhergeforscht. Offenbar hatte sie viele Jahre mit dieser Stasi-Informantin Tür an Tür gelebt. Concha Emmrich fragte beim Meldeamt Halle nach. Ohne Erfolg. Die mittlerweile abfotografierten Meldekarten aus der DDR waren nicht mehr lesbar, die damals üblichen Hausbücher nicht mehr vorhanden. In Dresden verliert sich die Spur der Nachbarin im Nichts.

2 — Der Angeber vom Café Heider

Rainer Eckert hatte einen Plan für sein Leben. Doch dann griff der Staat ein und spielte Schicksal.

Im Sommer 1972 steht Rainer Eckert vor dem Nichts. Die Humboldt-Universität hat ihn hinausgeworfen, gefeuert, relegiert. Die drei Jahre, die er dort Archivwissenschaft studierte – verloren. Dabei hat er noch Glück gehabt. Eigentlich sah er sich schon im Gefängnis. Am Ende findet er sogar wieder Arbeit. Wird also alles wieder gut? Nein.

Eckerts Geschichte zeigt, wie der DDR-Staat seine Bürger in Marionetten verwandelte. Ihr Leben folgte nicht mehr dem eigenen Willen, sondern den verborgenen Interessen der Mächtigen.

Rainer Eckert als Student © privat

Das Café Heider in Potsdam ist in jenen Jahren ein Sammelpunkt der DDR-Bohème. Dort treffen sich Intellektuelle, Oppositionelle, Studenten, Leute von der Filmhochschule Babelsberg. Die meisten haben mit der Filmproduktion der Defa zu tun. Im Heider ist man so privat wie sonst nur zu Hause. Eckert und seine Freunde philosophieren hier über das Regime und darüber, wie eine Welt aussehen würde, in der ihre Ideale gelten. Und sie vervielfältigen verbotene Literatur.

Sie wollen rüber

Eines Abends machen zwei Freunde von Eckert eine Fantasie zur Wirklichkeit. Einer der beiden ist der Neffe eines hochrangigen SED-Funktionärs aus Frankfurt an der Oder. Die jungen Männer schleichen sich in die Potsdamer Stubenrauchstraße. Die Sackgasse endet an der Grenzanlage, die West-Berlin umschließt. Dort passen sie die 90 Sekunden ab, in denen die patrouillierenden Wachposten diesen Abschnitt nicht im Blick haben. Sie wollen rüber.

Ein irrwitziges Unterfangen. In den zehn Jahren seit dem Mauerbau sind im Todesstreifen um West-Berlin etwa 100 Menschen erschossen worden oder in den Grenzgewässern ertrunken. Die beiden Draufgänger aber halten das Risiko für überschaubar. Selbstschussanlagen gibt es nur an der innerdeutschen Grenze und der Mauerabschnitt an der Stubenrauchstraße ist weniger scharf gesichert als die in Berlin. Keine Hunde, keine Gräben. Die Jungs lehnen eine Teppichklopfstange an den Metallzaun und klettern los.

So leicht lässt sich der antifaschistische Schutzwall überwinden. Wohin nun? Die jungen Sozialisten zieht es zum linken West-Berliner Studentenbund SDS. Als sie dort vorsprechen, lässt man sie abblitzen. Niemand glaubt ihnen, als sie berichten, woher sie kommen. Was für Spinner!

Im Heider lacht sie niemand aus

Enttäuscht kehren sie um. Abhauen wollten sie ja nicht nur, um das System zu überlisten. Tags darauf klettern sie zurück in die DDR, als die Grenzer abermals nicht genau hinsehen. Lebensgefährlich. Doch im Heider wird sie niemand auslachen. Der Funktionärsneffe brüstet sich mit seiner Tat: Gestern war ich auf dem Ku’damm! Die anderen staunen. Auch die Staatssicherheit. Dann schlägt sie zu. Die Geheimpolizisten verhaften den ganzen Freundeskreis.

Nur einen kriegen sie nicht: Eckert. Er ist an diesem Morgen unterwegs zur Ausbildung für Zivilverteidigung. Das ist Pflicht für jeden Studenten. Im sächsischen Johanngeorgenstadt erreicht Eckert ein Telegramm. Ein Freund hat es geschickt, es enthält eine verklausulierte Botschaft: Alle sind verhaftet, du bist der Nächste.

Ich sollte auf niedrigstem Niveau in die Gesellschaft integriert werden.
Reiner Eckert über die Ziele der Stasi

Doch am Tag drauf sind alle plötzlich wieder frei. Wie kann das sein? Wenn in jenen Jahren Dissidenten Gefängnisse verlassen durften, dann nach Monaten oder Jahren der Haft und nur gen Westen, freigekauft von der Bundesrepublik. Eckerts Freunde sind nach einer Nacht wieder zu Hause.

Dafür sind alle Studienplätze futsch. Die Eltern des Funktionärsneffen verlieren ihre Arbeit: Der Vater war Generaldirektor der Defa, die Mutter Personalchefin. Eckert erhält Berlin-Verbot. So schreibt er in seiner Potsdamer Bleibe Bewerbungsbriefe. Es werden 40 Versuche, eine Arbeit zu bekommen. Die Betriebe laden ihn immer wieder ein, sich vorzustellen. Doch in der zweiten Runde heißt es stets: Doch kein Bedarf. Die Stasi weiß, wie sie ihre Gegner zermürbt.

Gute Fee oder Stasi-Mitarbeiterin?

Dann scheint plötzlich Rettung in Sicht. Im Herbst 1972 kommt ein Mädchen in einem Potsdamer Szenetreff auf Eckert zu. Ihr Vater sei Direktor eines Baukombinats, sagt Magda G. Ob sie den mal fragen solle? Wenige Tage später hat Eckert einen Job im Volkseigenen Betrieb Wasserstraßenbau Potsdam. Die Kollegen mögen ihn. Der Betrieb delegiert ihn zum Studium. Übt der Staat Großmut gegenüber jugendlichen Träumereien? Nichts dergleichen.

Rainer Eckert leitet das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig und ist Politologe am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Leizpig. © Alexander Schmidt/Zeitgeschichtliches Forum Leipzig

Die Akten erzählen heute, was wirklich geschah. Stasi-Chef Erich Mielke hatte es persönlich angeordnet: Keine Verhaftungen im Operativen Vorgang "Demagoge". Denn der Onkel des Aufschneiders vom Heider war Mitglied im Politbüro des Zentralkomitees der SED. Mielke wollte der Partei eine Blamage ersparen. Die Geschichte vom Neffen, der nachts über die Mauer klettert: Die westliche Presse hätte Feste gefeiert.

Diskutieren Sie mit! Wie wichtig sind die Stasi-Akten heute noch? © BStU

Das Mädchen mit dem Arbeitsangebot war keine gute Fee, sondern eine von der Stasi angesetzte Informelle Mitarbeiterin. Ihre Aufgabe war es, Eckert wieder zu einem DDR-konformen Mitglied der Arbeiterklasse zu machen. Unter dem Decknamen "Moritz" berichtete sie der Staatssicherheit über seine Fortschritte. "Ich sollte auf niedrigstem Niveau in die Gesellschaft integriert werden", sagt Eckert heute.

Im 25. Nachwendesommer sitzt Magda G. in einem Potsdamer Café und windet sich. Sie habe Eckert "unkompliziert geholfen", sagt sie, sie habe eben von freien Stellen in großen Betrieben gewusst. Aber hat sie Menschen durch ihre Stasi-Kontakte nicht geschadet? Im Auftrag der Geheimpolizei mit ihnen gespielt? "Hinter dem Rücken gibt’s bei mir nicht", sagt sie.

Der Mauerfall hat dieses Spiel beendet. Eckert ist rehabilitiert. Magda G.s Karriere aber ist zerstört.

3 — Rufmord durch Verdacht

Gerüchte im Bekanntenkreis, gefälschte Fotos in der Zeitung: Wie die Stasi die Opposition in Jena unterwanderte.

Wie unterbindet man freies, selbstständiges Denken? Indem man Angst verbreitet, Beziehungen zerstört, Freunde so lange gegeneinander ausspielt, bis Feindschaften entstehen und der Vertrauensverlust Jahrzehnte nachwirkt. Die Staatssicherheit bringt es darin Ende der siebziger Jahre zur Meisterschaft. Das Regime sperrt Kritiker ein oder wirft sie aus dem Land. Es verbietet Künstlern den Beruf, die Zensur beschneidet jede Kritik. Niemand ist sicher vor den perfiden Herrschaftsmethoden der Geheimpolizei.

Im thüringischen Jena gründet Siegfried Reiprich in jenen Tagen mit Roland Jahn, Jürgen Fuchs und weiteren Freunden einen Lesekreis. Die Dissidenten um Václav Havel in der Tschechoslowakei und ähnliche Gruppen in Polen haben sie inspiriert. Die Studenten lesen Werke russischer Schriftsteller und von Autoren der DDR, sie philosophieren über den Staat und die Welt.

Siegfried Reiprich Ende der 1970er Jahre © privat

So werden aus Studenten Bürgerrechtler. Als sie gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann Unterschriften sammeln, holt die Geheimpolizei einige von ihnen ab. Unter den Festgenommenen ist Jürgen Fuchs, der nach monatelanger Haft in den Westen abgeschoben wird. Doch einen verschont die Staatssicherheit: Siegfried Reiprich. Er darf in Jena bleiben und als Hilfskraft im Schott-Glaswerk arbeiten. Warum ihm nichts geschieht, versteht niemand.

Reiprich und die Freunde, die noch frei sind, treffen sich weiter. Sie schreiben ihre Vision einer besseren Welt auf. Dieses Manifest soll Roland Jahn, so der Plan, über Mittelsmänner an die Westmedien weitergeben. Die Bürgerrechtler fotografieren den Text ab und verpacken das belichtete Zelluloid in Staniolpapier. Diese Methode soll es vor den Augen der Stasi schützen. Wird das Beweisstück bei einer Grenzkontrolle gefunden und geöffnet, zerstört es sich wegen des einfallenden Lichts selbst. Doch so weit kommt es nicht. Denn statt die Nachricht weiterzugeben, verbrennt Jahn das Material. Warum?

Im Herbst 1979, als der Kalte Krieg mit dem Nato-Doppelbeschluss einen neuen Höhepunkt erreicht, schreibt Reiprich an einem weiteren Papier der Bürgerrechtler mit. Das Gründungsdokument einer Friedensbewegung entsteht. Wieder soll ein Mittelsmann das Papier in den Westen schmuggeln. Wolf Biermann und Jürgen Fuchs, der mittlerweile als Schriftsteller in West-Berlin lebt, sollen es veröffentlichen. Doch als das Papier bei Fuchs ankommt, lehnt er ab, es zu verbreiten. Weshalb?

Einen Verdacht gezielt gestreut

Die Stasi kennt die Antwort. Fuchs kennt sie auch. Als er drei Jahre zuvor in Haft gesessen hatte, 1976 war das, hatten ihm die Vernehmer Verhörprotokolle vorgehalten. Darin hieß es, Reiprich "hat gesungen". Fuchs glaubte, Reiprichs Handschrift erkannt zu haben. Reiprich, ein Verräter? Der Verdacht zog Kreise. Immer mehr Menschen gingen auf Distanz, Freundschaften erkalteten. Alles, was unter Reiprichs Mitwirkung entsteht, jedes Papier und jedes Manifest, hätte staatlich gesteuert sein können. Die Stasi hatte diesen Verdacht gezielt gestreut.

Er war mein Freund. Ich wollte nicht, dass er denkt, ich würde dem Glauben schenken.
Roland Jahn über das Gerücht, Reiprich sei bei der Stasi

Der perfide Plan der Geheimpolizisten reicht noch viel weiter. Nachdem sie Reiprich isoliert haben, wollen sie ihn für sich gewinnen. Nach einem Seminar kritischer Poeten in Schwerin wird Reiprich verhaftet und verhört. Doch die Stasi-Leute wollen keine Geständnisse, sie wollen ihn anwerben. Reiprich weigert sich. Da verschärft die Staatsmacht die Repression: Die Friedrich-Schiller-Universität Jena verurteilt Reiprich wegen "Bildung einer konterrevolutionären Plattform" zum "Ausschluss von allen Universitäten und Fachhochschulen". Ein landesweites Studienverbot.

Verhältnis zerstört

Zwei Jahre später verliert die Staatssicherheit das Interesse an Reiprich, 1981 wird er nach West-Berlin abgeschoben. Das Verhältnis zu anderen ausgebürgerten Dissidenten ist da längst zerstört. Reiprich kämpft seinen Kampf weiter, beteiligt sich am Widerstand gegen die Atomraketen von Nato und Warschauer Pakt. Schließlich zieht er nach Kiel und studiert Physik.

Zwei Jahre nach dem Mauerfall klingelt Reiprichs Telefon. Lilo Fuchs, Jürgens Frau, meldet sich. "Jürgen hat deine Stasi-Akte", sagt sie. Und: "Komm schnell. Du wirst erstaunt sein." Reiprich fragt nicht, woher und warum. Er spürt, dass es ist wichtig ist, und eilt nach Berlin. Die einstigen Widerständler, erst Freunde, dann Feinde, beugen sich über fast 1.000 Blatt Aktenpapier, eng mit Maschine beschrieben.

Siegfried Reiprich ist Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft in Dresden. © Tim Deussen/Gedenkstätte Hohenschönhausen

Die Akten erzählen von einer Intrige, einem bösen Plan. Sie offenbaren, wie die Stasi den Widerstand in Jena gezielt unterwanderte. Wie sie den Dissidenten vorspiegelte, Reiprich sei ein Spitzel. Wie sie Verhörprotokolle fälschte und Fuchs glauben machte, Reiprich sei zur Stasi übergelaufen. Alles war bis ins Detail geplant: Die Haftverschonung, die gestreuten Gerüchte. Sogar eine Fotomontage sollte in der Jenaer Zeitung gedruckt werden, die Reiprich neben einem ortsbekannten Inoffiziellen Mitarbeiter zeigte.

Der Plan ging auf. Der Widerstand in Jena erlahmte.

Zusammenarbeit verweigert

In dieser Nacht im Jahr 1991 bekennt Fuchs seinen Irrtum. Keiner sei so aufrichtig gewesen wie Reiprich, gibt er zu. Kurz darauf rehabilitiert er den Freund auch öffentlich. Während einer Lesung aus den Stasi-Akten trägt er eine Stelle vor, an der die Spitzel zerknirscht vermerkten, Reiprich habe die Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit "in anmaßender Weise verweigert".

Lange wirkte das Gift, das die Stasi ausstreute, nach. Das bestätigt auch Roland Jahn, der mittlerweile Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen ist. Er habe es damals vermieden, mit Reiprich über das Stasi-Gerücht zu sprechen. "Ich habe das nie so richtig geglaubt und doch war es da", sagt er. "Er war mein Freund. Ich wollte nicht, dass er denkt, ich würde dem Glauben schenken."

Zwischen Reiprich und Fuchs ist der Konflikt ausgeräumt. Der Schriftsteller Fuchs starb 1999 an Leukämie. "Würde er noch leben, wären wir jetzt mindestens so gute Freunde wie in der Jugendzeit", sagt Reiprich.

4 — Bekenntnisse am Kneipentresen

Horchte der Vater die Familie aus? Tanzlehrer Peter Keup ist schockiert, als er in den Stasi-Akten den wirklichen Spion entdeckt.

Peter Keup stutzt. Was soll die Frage? Vater, Mutter, sein Bruder und Peter selbst sitzen zusammen, der Familienrat tagt. Peters Mutter will die DDR verlassen. Zehn Jahre nach dem Mauerbau hat sie den Antrag gestellt, nach Westdeutschland überzusiedeln. Anna-Maria will reisen, ihr ist Freiheit wichtiger als das beschauliche Leben in Radebeul bei Dresden. Lange haben sie den Plan abgewogen, das Für und das Wider von allen Seiten betrachtet. Und jetzt plötzlich diese Frage: "Sollten wir mit der Ausreise nicht noch warten?"

Peter Keup Anfang 20 © privat

Peters Vater Karl-Heinrich hat sie gestellt. Er ist Kommunist. In den fünfziger Jahren war er aus Überzeugung in die DDR gezogen, vom nordrhein-westfälischen Essen aus. Inzwischen arbeitet er als Chemielaborant, die Familie bewohnt ein Haus mit Garten. Im Freundeskreis erzählt der Vater, er verlasse ungern ein Paradies.

Unausgesprochene Fragen

Glaubt Vater Keup noch an die Vision vom Arbeiterstaat? Warum sonst sollte er der Familie die Ausreise ausreden. Oder ist er ein heimlicher Handlanger der Diktatur, ein Spitzel der Staatssicherheit? Unausgesprochen bleiben die Fragen im Raum hängen.

Mutter Keup hält an ihrem Plan fest – Sohn Peter bekommt die Folgen zu spüren. Er wird der Schule verwiesen, das Abitur fällt aus. Gleichzeitig bleibt der Ausreiseantrag unbearbeitet. Jahre vergehen, der Staat lässt die Familie schmoren. Peter macht eine Ausbildung zum Turniertänzer, er gastiert auf Bühnen in Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei. Ulrich, sein Bruder, wird Kellner in einem Café im Villenvorort Radebeul-West.

Ich hatte Angst, dass mein Bruder Leute ans Messer geliefert hat.
Peter Keup über das Gefühl beim Lesen der Stasi-Akten

Doch Peter will mehr, das Land schnürt ihn ein. Mit 23 Jahren beschließt er, nicht mehr auf eine Antwort auf den Ausreiseantrag zu warten. Er bereitet seine Flucht vor. Von Ungarn aus will er die Donau nach Österreich durchschwimmen. Doch schon nach 70 Kilometern ist die Reise beendet. An der Grenze zur Tschechoslowakei bei Bad Schandau schöpfen Polizisten Verdacht. Zwei Tage benötigt die Staatssicherheit, um den Fluchtplan aus Peter herauszupressen.

Zwei Jahre später, es ist 1982, kauft ihn die Bundesrepublik aus dem Gefängnis frei. Es dauert zwei weitere Jahre, bis seine Eltern die DDR verlassen dürfen. Heiligabend 1985 trifft dann auch Bruder Ulrich im Westen ein, mit Frau und Tochter.

Der Vater entlastet

Der Glanz des Westens überdeckt die graue Vergangenheit der Familie. Über das, was in der DDR geschah, mag niemand reden. So bleibt Peters Verdacht gegen seinen Vater unausgesprochen. Kurz vor dem Mauerfall stirbt Karl-Heinrich Keup. Wenig später tragen Peter und seine Mutter auch Ulrich zu Grabe; er starb an einer Blutung im Gehirn.

Der Verdacht gegen den Vater ist immer noch da. Schließlich erträgt Peter ihn nicht mehr und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Peter Keup ist Tanzlehrer und Kulturwissenschaftsstuden. Er lebt in Essen. © Tilman Steffen/ZEIT ONLINE

Die Wahrheit, die Peter aus den Stasi-Akten entgegenschlägt, ist ein Schock. Der Vater: entlastet. Nie hat er sich gegen die Familie gewandt, nie Mutter und Kinder hintergangen. Der Verräter war Ulrich, Peters Bruder. Der Kneipenkellner, auf den keiner achtete. Der alles hörte, was die Gäste miteinander besprachen. Der wusste, wer mit wem zusammenhing. Der jede kontroverse Meinung im Gedächtnis behielt. Der mit fortschreitendem Abend und steigendem Alkoholpegel so manchem zum Vertrauten wurde.

Diskutieren Sie mit! Wie wichtig sind die Stasi-Akten heute noch? © BStU

Wie er in die Fänge der Stasi geraten war? Vermutlich wurde er erpresst, sagt Peter Keup heute, weil er oft mehr trank, als gut für ihn war. Außerdem hatte er eine Tochter. Die Geheimpolizisten hätten dem Alkoholiker nur mit dem Entzug des Sorgerechts drohen müssen.

So klar klingt das heute alles. Doch damals hat die Familie nichts davon gespürt. "Ich war entsetzt", beschreibt Peter Keup den Moment, in dem er erkannte, welcher Lüge er jahrzehntelang aufgesessen war. "Ich hatte Angst, dass mein Bruder Leute ans Messer geliefert hat." Er hätte ihn gern darauf angesprochen. Noch stärker schmerzt ihn der falsche Verdacht gegen den Vater. Gern hätte er ihn um Verzeihung gebeten.

Die Stasi drohte, die Kinder wegzunehmen

"Viele haben ihren Job sicher sehr ernst genommen", sagt Peter Keup heute über Stasi-Informanten. Doch nicht wenige wurden genötigt, ihre Fehler und Schwächen wurden ausgenutzt. Eine Trunkenheitsfahrt mit Personenschaden – die Stasi ließ das Urteil mildern, wenn sich der Verursacher zur Mitarbeit verpflichtete. Eine alleinerziehende Mutter, die während der Betriebsfeier ein Glas zu viel trank – die Stasi drohte, ihr die Kinder wegzunehmen. Ein Schulversager, dem die Spitzel Abitur und Studium versprachen, wenn er bei ihnen unterschrieb.

Keup lässt das nicht mehr los. Er hat seine Tanzschule verkauft und studiert jetzt an der Fernuniversität Hagen Kulturwissenschaft und deutsch-deutsche Geschichte. Er führt Schüler durch das Berliner DDR-Museum, durch die Stasigefängnisse in Hohenschönhausen und Dresden. "Die Schüler sollen nicht jeden Tag dafür dankbar sein müssen, dass sie in keiner Diktatur leben", sagt Keup. "Ich will ihnen aber zeigen, was es bedeutet, Willkür ausgesetzt zu sein."

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Video: BStU, Schnitt: Adrian Pohr

Redigatur: Meike Dülffer, Karsten Polke-Majewski

Korrektorat: Julian Scholler