Die Marktstraße von Kyaka((u'\xa9 Philip Faigle', None, False),)

Die Landgabe

— Von

In Uganda, einem der ärmsten Länder der Erde, bekommen Flüchtlinge von der Regierung einen halben Hektar Land. Kann das funktionieren?

Der Ort, an dem die Welt etwas über den Umgang mit Flüchtlingen lernen kann, liegt am Ende einer von Regenwasser zerfurchten Straße in den weiten Ebenen im Westen Ugandas. Die Mittagssonne drückt auf die sattgrünen Bäume und die Blechdächer der Siedlung, als Isaac Ocotoko in seinen silberfarbenen Jeep steigt.

Am Morgen sind wieder Flüchtlinge aus dem Kongo eingetroffen, allein in den vergangenen Tagen waren es rund 800 – der höchste Wert seit Langem. Das Land erlebt gerade, was Flüchtlingshelfer der Vereinten Nationen in der Hauptstadt Kampala silent emergency nennen, einen stillen Notfall. Die Zahl der Flüchtlinge, die ins Land kommen, steigt nicht schnell an, sondern langsam und stetig. Die Konflikte im westlich gelegenen Kongo und der Bürgerkrieg im Südsudan treiben die Menschen über die Grenze.

Kyaka, im Westen Ugandas © Mapbox/OpenStreetMap

Ocotoko steuert den Jeep eine Anhöhe hinauf. Von hier oben öffnet sich der Blick: ein hügeliges Gebiet von 82 Quadratkilometern, eine hingestreute Ansammlung von Hütten und Maisfeldern, dazwischen ein Marktplatz, Fußballfelder, Akazienbäume, in der Ferne Bananenplantagen. Wer Flüchtlingslager in Europa oder anderen Ländern Afrikas kennt, sucht das Tal nach Zelten und Containern ab. Doch da sind nur Wälder und dazwischen Hütten und kleine Felder.

"Das alles haben die Flüchtlinge selbst aufgebaut", sagt Ocotoko und deutet auf die Maisfelder, die kurz vor der Ernte stehen. "Wir nennen die Siedlung Kyaka II."

Auf der ganzen Welt suchen Regierungen nach Lösungen, wie sie der immer größer werdenden Zahl von Flüchtlingen begegnen können. In Kenia, einem Nachbarland Ugandas, wachsen gewaltige Zeltsiedlungen wie das Flüchtlingslager Dadaab, in dem somalische Clans und Terroristen Schrecken verbreiten. Selbst reiche Länder wie Deutschland oder Frankreich stecken Flüchtlinge oft in Containerdörfer und stillgelegte Baumärkte am Stadtrand. Niemand ist damit zufrieden: die Anwohner nicht, die Flüchtlinge nicht, aber es gilt als der einzige Weg, viele Menschen in kurzer Zeit unterzubringen.

Doch ausgerechnet Uganda, eines der ärmsten Länder der Welt, will seit Jahrzehnten eine bessere, gerechtere Lösung für das Flüchtlingsproblem gefunden haben. Jeder Asylberechtigte erhält hier nicht nur sofort das Recht, zu arbeiten. Als einziges Land gewährt die Regierung den Flüchtlingen schon seit den Fünfzigerjahren ein Stück Land: 50 mal 100 Meter, das entspricht rund einem halben Hektar. Die Flüchtlinge dürfen es behalten, solange sie in Uganda sind. Hilfsorganisationen stellen nach der Ankunft Saatgut und Werkzeuge. Nach der ersten Ernte sollen die Flüchtlinge lernen, langsam für sich selbst zu sorgen und weniger abhängig von der Unterstützung durch die Regierung zu sein.

Uganda

Die Flüchtlingspolitik Ugandas gilt unter Organisationen wie den UN als großzügig und vorbildlich. Die Zahl der Flüchtlinge, die Uganda aufnehmen muss, ist erheblich: Rund 420.000 sind im Moment im Land, zwei Drittel davon kamen in den vergangenen fünf Jahren. Ihre Zahl ist mit der in Deutschland vergleichbar. Mit dem Unterschied, dass Uganda weniger als halb so viele Einwohner hat und das Durchschnittseinkommen um rund ein Zwanzigstel niedriger ist.

Vor allem im Norden und Westen des Landes sind durch diese Gesetzgebung große Siedlungen entstanden, sie heißen Kyaka, Kyangwali oder Rwamwanja. In manchen dieser Orte leben bis zu 90.000 Menschen. Oft sind sie von normalen ugandischen Dörfern nicht zu unterscheiden. Es  sind die wohl ungewöhnlichsten Flüchtlingslager der Welt.

Isaac Ocotoko ist ein großer Mann Mitte fünfzig. Lange schon arbeitet er in den Flüchtlingssiedlungen, erst für die Regierung, seit fünf Jahren für das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen. Er weiß, dass Uganda keines der Länder ist, auf das die Weltgemeinschaft blickt, wenn es etwas lernen will. Seit 1986 beherrscht der Präsident Yoweri Museveni das Land und selbst wenn es Fortschritte gibt, ist Uganda bitterarm geblieben: Die inoffizielle Arbeitslosigkeit liegt bei 60 Prozent, der Anteil der Armen beträgt nach UN-Schätzungen 70 Prozent. Auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen rangiert Uganda auf Platz 141 von insgesamt 187 Staaten.

Doch zugleich ist das Land seit Jahrzehnten politisch stabil und umgeben von Krisenherden: im Westen der kriegsverheerte Teil der Demokratischen Republik Kongo, im Norden der Südsudan, aus dem Tausende vor Kämpfen fliehen, im Osten Kenia mit dem Terror der Al-Shabaab-Miliz. Für viele der rund 3,5 Millionen Flüchtlinge Afrikas ist das Land zur letzten Zuflucht geworden.

Der Flüchtling Antoine vor seinem Haus © Philip Faigle

Ocotoko steuert den Wagen durch die verschlungenen Pfade der Siedlung und parkt vor einem Haus. Ein kleines Vordach sorgt für Schatten, neben dem Haus liegt ein Waldstück. Drinnen sitzt im Halbdunkel ein Mann namens Antoine. Er ist 47 Jahre alt.

Im Kongo arbeitete er als medizinischer Assistent. Als immer mehr Frauen in seinem Dorf von Regierungstrupps und Rebellen vergewaltigt und mit Aids angesteckt wurden, gründete er 2004 eine Organisation zum Schutz und zur Betreuung von Frauen. Er nannte sie Union pour la Lutte contra le Stida, Vereinigung für den Kampf gegen Aids. "Wir konnten vielen Frauen helfen", sagt er. "Aber schon kurz nach der Gründung hatten wir viele Feinde."

Erst waren es nur Drohungen. Doch an einem Tag im Oktober 2004 klopften Männer an der Tür seines Hauses. Als er nicht öffnete, brachen sie mit Äxten ein. Antoine musste ansehen, wie sie seine Frau ins Schlafzimmer schleppten und vergewaltigten. Wenige Monate später entführten ihn andere Männer aus der Klinik und drohten ihm mit dem Tod. Er konnte nur knapp entkommen. Kurz darauf beschloss er, mit seiner Frau und den drei Kindern zu fliehen. Im Frühjahr 2005 kamen sie in Kyaka an.

Die ersten Wochen in der Siedlung waren hart. Die Familie war auf die Nothilfe der Flüchtlingsorganisationen angewiesen. Jede Woche ging Antoine zur Essensausgabe. Doch schon bald bekam die Familie ein Stück Land am Rande eines Hügels zugewiesen und begann, Mais und Bohnen anzupflanzen. Als die erste Ernte kam, lief Antoine auf den Markt und verkaufte einen Teil für einige ugandische Schilling. Es waren die ersten Einnahmen, seit sie das Land verlassen hatten.

Antoine kaufte Baumaterial und errichtete auf seinem Grundstück nach und nach ein Steinhaus, ähnlich wie jenes, das sie im Kongo besessen hatten. Seine Frau begann, Kleidung für andere Flüchtlinge zu stricken. "Wir konnten uns ernähren und kamen über die Runden", sagt Antoine. Zwar ist bis heute das Geld knapp. Doch die Familie konnte sich vor einigen Jahren sogar einen eigenen Fernseher leisten.

Wer durch die verästelten Pfade von Kyaka fährt, hört viele solcher Geschichten. Nicht alle klingen so positiv wie jene des Mediziners Antoine. Einige Flüchtlinge erzählen von sexuellem Missbrauch und Gewalt in den Familien, davon, dass die Ernte nicht reicht, um die vielen Kinder zu ernähren. Rund 7.000 Kinder leben in der Siedlung, die meisten von ihnen im Schulalter. Rund 6.000 gehen offiziell in eine der sieben Primary schools, die kostenlos sind. Aber nicht alle Eltern können das Geld für Bücher und Lehrmaterialien aufbringen. Insgesamt besuchen rund 43 Prozent aller Flüchtlingskinder in Uganda eine Schule – ein vergleichsweise guter Wert.

Auch an anderer Stelle zeigen sich die Vorteile des ugandischen Systems: Obwohl die Zahl der Flüchtlinge steigt, gibt es kaum Konflikte mit der ansässigen Bevölkerung. Gerade in Kyaka grenzen die Grundstücke der Bauern oft an jene der Flüchtlinge, die Grundstücke sind oft kaum zu unterscheiden. Doch statt sich zu bekämpfen, treiben beide Seiten seit Jahren regen Handel. Am Rand einer lang gezogenen, staubigen Straße im Zentrum der Siedlung haben lokale Händler ihre Geschäfte neben jenen der Flüchtlinge eröffnet. Auf einem Wochenmarkt verkaufen sie Kleidung und Lebensmittel. Im Gegenzug nehmen die Einheimischen ihnen einen Teil der Ernte ab und verkaufen sie auf den Märkten im ganzen Land.

Man kann das alles für eine weise Entscheidung der ugandischen Regierung halten. Vor allem aber folgt sie dem Prinzip des Eigennutzes. "Die ugandische Regierung neigt zum Opportunismus", sagt ein langjähriger Mitarbeiter einer deutschen Hilfsorganisation. "Sie tut nichts, was ihnen nichts bringt."

Der Norden Ugandas ist traditionell dünn besiedelt. Die Flüchtlinge bestellen dort nicht nur die Felder und helfen dabei, die Region zu entwickeln. Sie sorgen auch dafür, dass internationale Hilfsorganisationen ins Land kommen und mit ihnen Gelder aus dem reichen Teil der Welt. Die Regierung stellt die Grundstücke, die Vereinten Nationen kümmern sich darum, dass die Flüchtlinge überleben: Das ist auch eine Arbeitsteilung, von der Ugandas Regierung profitiert.

Es wäre ein System, das allen nützt, wenn die Krisen in Afrika nicht von Dauer wären. Wenn Teile des Kongos nicht seit Jahren für viele Flüchtlinge zu gefährlich wären, um heimzukehren. Wenn im Südsudan endlich Frieden wäre. Aber weil die Realität eine andere ist, kommt es auch in Kyaka zu Problemen.

Zwei Flüchtlinge, die schon seit Jahrzehnten in Kyaka leben. Der Mann rechts nennt sich Sam. © Philip Faigle

Als Isaac Ocotoko den Wagen am Rande des Fußballfeldes von Kyaka parkt, stürmt ein Mann auf ihn zu. Kleine Statur, ein verwaschenes Jackett, kurzes Haar. Der Mann nennt sich Sam. Er sagt: "Wir wollen endlich hier weg, egal wohin."

Sam lebt seit bald 60 Jahren in Kyaka. Er war auch in anderen Siedlungen, aber die meiste Zeit wohnte er in Kyaka auf seinem Land. Ein Flüchtling auf Lebenszeit, verdammt dazu, für immer Mais und Bohnen anzubauen. "Wir können nicht zurück", sagt er. "Aber wir können auch nicht für immer Flüchtlinge in Kyaka bleiben." 

Sam lebt in einem Teil von Kyaka, in dem die ältesten Flüchtlinge wohnen. Manche sind ebenso lange hier wie er, und sie erzählen Geschichten, die ihren Ursprung im ugandischen Recht haben. Das sieht zwar großzügige Hilfen für Flüchtlinge vor, bietet aber keine Lösungen für Menschen, die nach ein paar Jahren nicht einfach wieder verschwinden. Die bleiben müssen, weil der Krieg zu Hause nicht aufhören will. 

Wer in Uganda Flüchtling ist, bleibt es auf Lebenszeit. Bisher hat er keine Möglichkeit, die Staatsbürgerschaft zu erhalten, wählen zu gehen und sich damit ganz zu integrieren. "Für diese Leute haben wir einfach keine Idee", sagt auch der UN-Mitarbeiter Ocotoko. Aus der Hauptstadt Kampala heißt es, die Regierung arbeite an einem Gesetzentwurf. "Viele Flüchtlinge wissen gar nicht mehr, wie es in ihrer Heimat aussieht", sagt ein ranghoher Regierungsbeamter. "Wir müssen nach einer Lösung suchen, um diese Menschen besser zu integrieren." 

Doch bis es sie gibt, müssen die Flüchtlinge warten. Manche von ihnen hoffen auf ein Abkommen, das die ugandische Regierung mit reichen Ländern in Europa und mit den USA abgeschlossen hat. Rund 5.000 Flüchtlinge, die besonders lange in Uganda sind, sollen übergesiedelt werden. Und obwohl sie Kyaka und den Kontinent dann für immer verlassen müssen, haben viele Flüchtlinge einen Antrag auf Übersiedlung gestellt. Auch Sam.