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Fremde Freunde

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Rassenkonflikte, Waffenliebe, Megareiche: Warum sind die Amerikaner, wie sie sind? Daten, Karten und Satellitenbilder zeigen uns ein faszinierendes, verstörendes Land.

Jeder hat eine Vorstellung von diesem Land, ganz gleich, ob er schon einmal dort war oder nicht. Amerika ist nach wie vor die Projektionsfläche der Träume, Wünsche oder Ängste vieler Menschen weltweit. Die Realität aber sieht oft ganz anders aus.

Wenn die USA alle vier Jahre ihren Präsidenten wählen, dann hängt davon nicht nur ab, wie sich das Leben der Amerikaner entwickelt. Die Politik der USA beeinflusst das Geschehen weltweit. Wir Europäer kommen nicht weit, wenn wir versuchen, von unseren Werten und Vorstellungen auf die der Amerikaner zu schließen. Dieses Land hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Welche Spannungen, Konflikte und Widersprüche haben Amerika dorthin gebracht, wo es heute ist? Welche Fliehkräfte wirken auf die US-Gesellschaft ein? Es sind vor allem soziale, ethnische und politische Kontraste, die dieses Land bestimmen. Mit Daten, Grafiken und Bildern nähern wir uns dem Mysterium USA.

Auf den Tausenden Kilometern zwischen der West- und Ostküste entfaltet dieses Land eine imposante Vielfalt. Millionenstädte, Industrie, aber vor allem Felder, Wüsten und Wälder. Riesige, nur dünn besiedelte Gebiete. Provinz.

Make America great again – damit wirbt Präsidentschaftskandidat Donald Trump, dabei sind die USA rein geografisch unbestreitbar groß. Fast doppelt so groß wie die EU. Deutschland wirkt im direkten Größenvergleich geradezu verloren. Aber auf dieser Fläche lebt ein Drittel weniger Menschen als in Europa.

Die USA im Größenvergleich mit der EU

Das Versprechen des american dream, des amerikanischen Traums, war stets: Jeder kann in diesem Land einmal groß werden. Dazu kommt die Erzählung vom pursuit of happiness, dem Streben nach Glück. 

Doch viele Amerikaner zweifeln heute an diesen Versprechen, denn der Reichtum im Land ist auf einige wenige konzentriert und die Mittelschicht schrumpft. 

Wieviel verdienen die Amerikaner

Millionen Erwachsene

Jährliches Haushaltseinkommen

Nur noch etwa die Hälfte der Amerikaner hält ihr Wirtschaftssystem für fair, das zeigen aktuelle Umfragen. 

Kein Wunder, denn viele Menschen in den USA besitzen weniger als nichts – sie sind verschuldet. Wer zehn Dollar und keine Schulden hat, ist reicher als ein Viertel der Amerikaner. Schon im College sind viele US-Bürger im Soll, Absolventen starten mit großen Schulden ins Berufsleben.

Anstieg der Studienschulden in den USA seit 1993

Wer nach dem College an einer Graduate School einen Master oder Doktor anstrebt, muss sich noch einmal Geld leihen. Allerdings steigen damit auch die Chancen auf ein höheres Gehalt. MBA-Studenten am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zum Beispiel häufen bis zu ihrem Abschluss mehr als 100.000 US-Dollar an Schulden an. 

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Studienschulden
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Jahresgehalt

Obwohl die Brutto-Einstiegsgehälter für MIT-Absolventen hoch sind, vergehen viele Jahre, bis die Studienkredite abbezahlt sind. 

Prägend für die USA ist nicht nur der Unterschied zwischen Arm und Reich, sondern auch der zwischen Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Herkunft. Auch 50 Jahre nach dem Ende der Rassentrennung sind ihre Folgen noch deutlich sichtbar.

USA: Fremde Freunde

Baltimore, 22. April 2015: Teilnehmerinnen einer Kundgebung gegen Polizeigewalt trösten sich gegenseitig. Auslöser der Proteste war der Tod des Schwarzen Freddie Gray in Polizeigewahrsam. Timothy Fadek/Corbis via Getty Images

Viele Menschen tragen ihre Wut gegen die Ungleichheit zwischen der weißen Bevölkerung und den bisherigen Minderheiten auf die Straße. Aus Protest gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen ist die Bewegung Black Lives Matter entstanden.

Nicht nur im Verhältnis zur Polizei spielt die ethnische Herkunft eine entscheidende Rolle. In den USA ist es üblich, die Bevölkerung in verschiedene ethnische Gruppen einzuteilen und statistisch gesondert auszuweisen. Die größten dieser Gruppen werden als Weiße, Schwarze, Hispanics und Asiaten bezeichnet.

Die Statistik zeigt, welche Kluft sich zwischen den verschiedenen Gruppen auftut. Von Chancengleichheit für seine Bürger, egal welcher Herkunft, ist Amerika weit entfernt. Schwarze und Hispanics stehen gesellschaftlich und wirtschaftlich im Schnitt schlechter da, als Weiße und Asiaten.

  • Grafik: Haushaltseinkommen verschiedener Ethnien in den USA
  • Grafik: Prozentsatz von Menschen mit Bachelorabschlüssen in verschiedenen Ethnien in den USA


  • Grafik: Die Armutsraten verschiedener Ethnien in den USA
  • Grafik: Der Anteil von Menschen ohne Krankenversicherung in verschiedenen Ethnien in den USA


  • Grafik: Ablehnungsrate bei Hypotheken für verschiedene Ethnien in den USA
  • Grafik: Eigenheimbesitz verschiedener Ethnien in den USA

Doch wer ist eigentlich in den USA in der Minderheit? In 30 Jahren wird die weiße Bevölkerung den heutigen Minderheiten zahlenmäßig unterlegen sein. 

Die Weißen werden zur Minderheit

    320 Mio.
    • Weiße
    • Hispanics
    • Schwarze
    • Asiaten
    • Mehrere Ethnien
    • Indigene Amerikaner
    • Pazifische Insulaner

    Diese Entwicklung prognostiziert das United States Census Bureau aufgrund der heutigen Geburten- und Sterberaten sowie den Zuwanderungszahlen. Schon heute unterrichten amerikanische Schulen mehr Kinder von Minderheiten als von weißen Familien.

    Ethnische Herkunft, sozialer Status – das sind entscheidende Faktoren für die Gesellschaft der USA heute. Aber auch der Glaube spielt für viele Amerikaner eine wichtige Rolle. Für Millionen Christen ist Religion in den vergangen 20 Jahren zu einem Massenerlebnis geworden: Die Zahl der sogenannten Megachurches, der Riesenkirchen, ist drastisch gestiegen.

    USA: Fremde Freunde

    Gottesdienst in der Lakewood Church in Houston/Texas Timothy Fadek/Corbis via Getty Images

    Die Lakewood Church ist die größte Megachurch der USA. Sie steht in Houston im US-Bundesstaat Texas, mehr als 43.000 Menschen besuchen jede Woche den Gottesdienst. Was aussieht wie eine spirituelle Show, ist auch politisch: Die Wertvorstellungen vieler Menschen in den USA prägt die Sonntagspredigt.

    Gleichzeitig ist dieses Land im steten Wandel. Amerikaner gelten als besonders mobil, sie verlassen ihren Wohnort, wenn sich 3.000 Kilometer entfernt eine Möglichkeit für sie auftut. Viele Regionen gerade in städtischen Ballungsgebieten sind in den vergangenen Jahrzehnten rasant gewachsen. Das zeigen Zeitrafferaufnahmen mit Satellitenbildern von Mitte der achtziger Jahre bis 2016.

    Der Bundesstaat Texas wird oft als rückständig verspottet, doch er zählt zu den Regionen, die stark expandieren. Fünf der elf am schnellsten wachsenden Großstädte in den USA liegen in Texas. Ehemalige Industriezentren wie Detroit hingegen leiden darunter, dass die Menschen sie verlassen. 

    Ob Stadt oder Land, ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß – eines ist für fast jeden in Amerika stets in Reichweite: eine Waffe. In manchen Gegenden ist es sogar schwieriger, bei Starbucks einen Cappuccino zu bekommen, als eine Schrotflinte im nächsten Waffenladen.

    Viele Waffen beheimatet dieses Land, ob in den Schränken seiner Bürger oder in den Kasernen der mächtigsten Armee der Welt. Die USA und seine Bürger definieren sich auch über ihre Waffenstärke. Das Militär, seine Veteranen, die Verteidigungspolitik – all das prägt die US-Gesellschaft. Diese Gesellschaft ist bereit, große Summen für seine Streitkräfte auszugeben.

    Die höchsten Rüstungsbudgets in 2015

    Die USA sind anders als Europa: groß und mächtig, unterschiedlich und verletzlich, faszinierend und beängstigend. Die US-Amerikaner setzen in ihren Leben häufig andere Akzente als die Menschen auf der anderen Seite des Atlantiks. Doch nichts daran ist mysteriös, es lässt sich erklären und verstehen.

    Mitwirkende

    Infografiken, Visualisierungen: Paul Blickle, Julian Stahnke, Lennart Hildebrandt, Fabian Mohr

    Bildredaktion: Michael Pfister, Andreas Prost

    Text: Zacharias Zacharakis, Philip Ziegler

    Datenrecherche: Philip Ziegler, Marie-Louise Timcke

    Redaktionelle Koordination: Fabian Mohr, Marcus Gatzke

    Datenquellen