Als Günther Anders am 11. März 1942 in Kalifornien seine berühmten Tagebucheintragungen über seinen Begleiter T. macht, entwickelt er seine These von der „prometheischen Scham“, also der Scham, kein technisches Produkt, sondern lediglich geboren worden zu sein. Dieser Scham begegnet der Mensch, indem er „die Überlegenheit der Dinge anerkennt, sich mit diesen gleichschaltet, seine eigene Verdinglichung bejaht, bzw. sein Nichtverdinglichtsein als Manko verwirft“. Mehr zum aktuellen KURSBUCH 164 und älteren Ausgaben lesen Sie hier: www.zeit.de/kursbuch » BILD

Ein Luftwaffen-Instrukteur liefert Anders die nächste Vorlage, denn er beschreibt seinen Kadetten den Menschen als eine Fehlkonstruktion der Natur. Während technische Geräte in nahezu jeder Hinsicht entwicklungsfähig seien, und das bei einer sich permanent beschleunigenden Entwicklungsgeschwindigkeit, sei der Mensch auf einen Körper und einen Geist angewiesen, der letztendlich aus der Steinzeit stamme. Aus der Warte des Instruktors läuft für Anders diese Überzeugung auf die These hinaus: „Frei sind die Dinge, unfrei ist der Mensch.“ Doch wie kann der antiquierte Mensch dieser „Kalamität“, wie Anders es nennt, begegnen? Eine Antwort, die das technische Zeitalter bereithält, wird ihm im Land der unbegrenzten Möglichkeiten von verschiedener Seite gegeben: „Der Mensch desertiert ins Lager seiner Geräte.“ Auch eine entsprechende Methode wird ihm offeriert: „Human Engineering“.

Als sich der junge Journalist und spätere Zukunftsforscher Robert Jungk in den späten 1940er Jahren in den Wissenschaftszentren der USA umsieht, hat er keinen Zweifel am Ziel der modernen Pioniere: „Amerika bemüht sich darum, die Macht über das All zu gewinnen, die vollständige, absolute Herrschaft über das Universum der Natur in allen seinen Erscheinungen.“ Auch der Platz, den die Eliten der USA ausgerechnet in „god’s own country“ für sich beanspruchen, wird Jungk präsentiert: „Es geht um Gottes Thron. Gottes Platz zu besetzen, seine Taten zu wiederholen, einen eigenen menschengemachten Kosmos nach menschengemachten Gesetzen der Vernunft, Vorhersehbarkeit und Höchstleistung neu zu schaffen und zu organisieren: das ist das wirkliche Fernziel Amerikas. Darauf sind seine besten Kräfte gerichtet. Dies ist eine Verschwörung, die ihres Erfolges so sicher ist wie nur je eine andere revolutionäre Bewegung.“

Und wie jede revolutionäre Bewegung hat auch diese ihre Ideologie, die allerdings nicht auf den philosophischen Schriften namhafter Theoretiker basiert, die mühsam interpretiert werden müssen, sondern mit wenigen Worten skizziert ist, die „American Way of Life“ lauten. Daher begreift Jungk die Pioniere in den Laboratorien schlicht „als Vorhut einer riesigen industriellen Armee“, die das Land mit jeder nur herstellbaren Ware versorgt, ganz gleich, ob sie echte oder suggerierte Bedürfnisse befriedigt. Für eine angemessene Stimmung im Land sorgt eine permanent lauter werdende „Glückspropaganda“, die den eingeschlagenen Weg als einzig gangbaren und für den Rest der Welt paradigmatischen anpreist und auch die wissenschaftlich-technische Entwicklung selbst mit einschließt, denn ihr sind, das erfährt Jungk von den entsprechenden Propagandisten, keine Grenzen gesetzt: „Es gibt keinen Halt vor dem Tod, keinen Respekt vor der Zeit. Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft sind Jongleurbälle, die durcheinander gewirbelt werden. Welch ein zahmer Stümper war Prometheus, verglichen mit seinen fernen amerikanischen Nachfahren!“

Anders und Jungk sind zwei populäre Beispiele für eine ganze Reihe von Zeitzeugen, die in den 1940er Jahren die durch den Zweiten Weltkrieg beschleunigte, wissenschaftlich- technisch-industrielle Dynamik der USA registrieren, die sich in vielerlei Hinsicht von der europäischen Entwicklung unterscheidet. Nicht, dass es in Europa, Japan oder Australien zu dieser Zeit keine entsprechende Forschung und keinen Ausbau der Industriegesellschaft gibt. Doch ist diese Entwicklung in einen abweichenden historischen und sozialen Kontext eingebettet, in Wiederaufbau und Neuorientierung. Noch dazu sind die USA kein Kriegsschauplatz gewesen, wie Europa, Asien und Afrika. Sie sind das definitive Siegerland, das auf ganz andere Weise gesiegt hat als etwa Frankreich, England oder die Sowjetunion. Nicht ein Millionenheer von Soldaten haben die USA in die Waagschale geworfen, sondern ihre wissenschaftliche und industrielle Kapazität, der die Gegner nicht lange standhalten konnten und von der die anderen Alliierten profitierten. Diese mit großer Anstrengung aufgenommene Geschwindigkeit wird nach dem Ende des Krieges nicht etwa wieder auf ein ziviles Maß reduziert, sondern zur Führung des Kalten Krieges beibehalten und sogar noch gesteigert.

Rasend schnell etabliert sich ein System, das der scheidende amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower in seiner Abschiedsrede vom 17. Januar 1962 als „militärisch-industriellen Komplex“ bezeichnet und das aufgrund seiner komplexen, vernetzten Struktur zunehmend an Autonomie gewinnt, die der ehemalige General als Novum und Gefahr für die Demokratie ansieht: „Die Verbindung eines riesigen Militär- Establishments mit einer gewaltigen Rüstungsindustrie ist eine neue Erscheinung in der Geschichte Amerikas. Der Einfluss – ökonomisch, politisch, sogar geistig – ist spürbar in jeder Stadt, jedem Bundesstaat, jedem Regierungsbüro.“ Spürbar ist dieser Einfluss natürlich auch in der Forschung, die den militärisch-industriellen Komplex mit immer neuen Ideen und Innovationen zu versorgen hat, um auch weiterhin die Überlegenheit der USA zu garantieren.

Bis 1981 konkurrieren die Ausgaben für zivile und militärische Forschung in den USA noch, dann triumphiert der Komplex, der 2005 nach offiziellen Angaben 75 Milliarden Dollar (56, 7 Prozent) für sich beansprucht, während die zivile Forschung nur mehr 57, 2 Dollar (43, 3 Prozent) zur Verfügung hat. Ergänzt werden muss natürlich, dass militärische und zivile Forschung keineswegs immer klar voneinander zu unterscheiden sind und die genannten Zahlen daher nicht die tatsächliche Relation wiedergeben.

Der von Eisenhower in seiner Rede beschworene geistige Einfluss manifestiert sich vor allem in der Überzeugung bzw. Doktrin, dass sich für fast alle außenpolitischen Krisen eine militärische Lösung anbietet, die sich wiederum auf eine überlegene Militärtechnik stützt, die dem simplen Höherschneller- weiter-tödlicher-Prinzip folgt. Jede militärische Lösung eines Konflikts ist somit auch immer eine technische. Wer Krieg führen will, muss die technischen Qualitäten seiner Waffensysteme kennen, die Optionen vorgeben und ausschließen; ebenso muss er die technischen Qualitäten der generischen Waffensysteme kennen. Der wesentliche Zugang zur Technik ist wiederum die Mathematik, mit der sich Flugbahnen von Geschossen, Zielkoordinaten, Operationsdauer und Kräfteverhältnisse berechnen lassen. Der Erfolg in einem modernen Krieg hängt nicht zuletzt von der Berechenbarkeit möglichst vieler Faktoren ab, während Unberechenbarkeit zum eigentlichen Gegner im modernen Krieg avanciert, wie Claus Eurich konstatiert: „Unberechenbarkeit ist Mangel an Ordnung, einhergehend mit fehlender Kontrolle und Beherrschbarkeit. Das aber darf nicht sein. Und so ist es nahe liegend, dass beide Seiten, Militär und Wissenschaft, sich zusammenfinden, um dem Defizit ein Ende zu bereiten. Das ist die Geburtsstunde von Operations Research und Systemanalyse, und damit eines neuen technischen Denkens überhaupt.“

Dieses neue technische Denken definiert Eurich in seinem Kern als das „Herausfiltern von Optimallösungen mit Hilfe mathematischer Modelle“. Doch schon im Zweiten Weltkrieg werden die benötigten mathematischen Modelle so kompliziert, dass ihnen nicht mehr mit mechanischen Rechenmaschinen, Logarithmentafeln und Rechenschiebern beizukommen ist. Schließlich gelingt es John von Neumann, Alan Turing, Howard H. Aiken, Oskar Morgenstern, Konrad Zuse und anderen mathematischen Genies und Tüftlern, jene Maschine zu entwickeln, die das genannte Defizit beheben soll und die zur Schlüsseltechnologie des militärisch-industriellen Komplexes wird: den Computer. Ein zentrales Forschungsfeld seiner weiteren Entwicklung wird bereits 1955 begründet, die „Artificial Intelligence“ (AI), auf Deutsch „Künstliche Intelligenz“. Geprägt wird der Begriff von John McCarthy, einem aus Boston stammenden Informatiker, der die Entwicklung autonomer, intelligenter Maschinen als das Ziel der AI-Forschung beschreibt. Das Massachusetts Institute of Technologie (MIT) und die Carnegie Mellon University werden zu den führenden Instituten der AI-Forschung, deren Ergebnisse vor allem der Raumfahrt und dem Militär, später aber auch der Industrie zugute kommen sollen. Zunächst werden jedoch Visionen geboren von automatischen Robotersonden, die das All erforschen, und von Roboterflugzeugen, die pilotenlos ihre Ziele anfliegen, erkennen und zerstören. Obwohl auch Deutschland und England zu den entwickelnden Ländern zählen, werden wiederum die USA zur führenden Computernation, in der bereits 1962 nach einer Möglichkeit gesucht wird, einen Datenaustausch zwischen Computern zu ermöglichen. Zusammen mit dem MIT entwickelt das Verteidigungsministerium das Advanced Research Projects Agency Network (ARPANET), ein dezentrales Netzwerk, das wichtige militärische Forschungseinrichtungen per Telefonleitung miteinander verbindet.

Als das Netz 1969 installiert wird, entstehen nach und nach die technischen Voraussetzungen für die spätere Umwandlung des Netzes ins zivil genutzte Internet. Eine der immer wieder hervorgehobenen Qualitäten des dezentralen Netzwerks, wenn auch nicht seine primäre Aufgabe, besteht in der Speicherung der kursierenden Daten, die selbst dann noch vorhanden sind, wenn Teile des Systems zerstört oder gestört werden. Wer also der Vater dieser und anderer technischer Entwicklungen und auch der damit verbundenen Doktrinen ist, braucht nicht noch ein weiteres Mal betont zu werden.

Die immer noch oder erneut moderne Welt ist unüberschaubarer, differenzierter, widersprüchlicher, komplexer und chaotischer denn je, ihre Ideologien sind längst entlarvt, ihre Utopien weitgehend erschöpft, ihre Werte gleichen einem Echo, das kaum noch wahrzunehmen ist, gemeinsame und glaubhafte Ziele der Staatengemeinschaft für das 21. Jahrhundert sind nur mühsam auszumachen. Die Zukunft scheint unsicherer und dunkler als je zuvor. Wer nach einem Ausweg aus dieser prekären und medial redundant beschworenen Situation sucht, wird am schnellsten im Internet fündig, das ein schier unerschöpfliches Angebot an Weltinterpretationen und Lösungsvorschlägen für jeden Geschmack bereithält. Neben den Klassikern, also den Weltreligionen und ihren diversen Ablegern, und alten wie neuen Sekten sind derzeit vor allem Verschwörungstheorien sehr populär, die mal Freimaurerlogen, mal Außerirdische für den desolaten Zustand der Welt verantwortlich machen. So oder so verlangen die meisten Angebote einen Blick zurück, sei es auf uralte Texte, bestimmte Traditionen, signifikante historische Ereignisse oder die Ideen von Heilslehrern.

Die Anzahl derjenigen Angebote, die den Blick nach vorne richten, ist indes deutlich geringer. Neben den diversen Organisationen zur Erforschung der Zukunft findet man hier auch die Transhumanisten und Extropianer, die in den letzten Jahren verstärkt auf sich aufmerksam machen. Lange Zeit von den populären Medien und der Öffentlichkeit unbeachtet und nur Lesern von Computerzeitschriften wie c´t oder Onlinemagazinen wie Telepolis bekannt, tauchen sie nun doch ab und zu im Feuilleton oder in den einschlägig bekannten Nachrichtenmagazinen auf. In den USA hingegen sind die Extropianer längst ein viel diskutiertes Phänomen, über das fast jedes der zahlreichen wissenschaftlich- technischen Magazine regelmäßig berichtet.

In den USA liegen auch die Wurzeln der transhumanistischen Bewegung, obwohl die Leitfigur aus Bristol (England) stammt, denn dort wird Max T. O´Conner 1964 geboren. Bis 1987 studiert er Philosophie in Oxford, ist jedoch nach eigenen Aussagen von den zahlreichen und für Europa typischen Denkverboten so enttäuscht, dass er an die Universität von Südkalifornien wechselt und von der in den USA herrschenden Philotechnie vom ersten Tag an begeistert ist. Diese Euphorie findet sich auch in seiner Dissertation mit dem Thema The Diachronic Self: Identity, Continuity, Transformation wieder. Außerdem legt er sich das Pseudonym Max More zu, das als „Maximum Mehr“ verstanden werden soll. Sein Name ist Programm, denn Max Mores Ziele sind tatsächlich maximale Ziele: Unsterblichkeit, Allwissenheit und Vollkommenheit.

Um diese Ziele zu erreichen, gründet er 1988 zusammen mit dem Juristen Tom Bell das Magazin Extropy – Journal für transhumanistisches Denken sowie das Extropy-Institut bei Los Angeles. Extropie ist ein von More geprägtes Kunstwort, das eine Art Gegenentwurf zur aus der Physik bekannten Entropie darstellen soll. Dem thermodynamischen Wärmetod als möglichem Ende des Universums stellt More eine Zukunft entgegen, in der unsterbliche und allmächtige Nachfahren des Menschen das Universum erforschen und nach ihren eigenen Vorstellungen beherrschen und gestalten. Um diese schier unvorstellbare, gottgleiche Macht zu erlangen, muss erst einmal der Mensch vervollkommnet bzw. neu erschaffen werden. In den von More verfassten „Extropischen Grundsätzen“, einer Art Manifest der Bewegung, wird die Vorgehensweise folgendermaßen beschrieben:

„Der Extropianismus ist eine transhumanistische Philosophie. Die extropischen Grundsätze stellen eine eigene, spezielle Form transhumanistischen Denkens dar. Wie die Humanisten bevorzugen auch die Transhumanisten Vernunft und Fortschritt sowie Werte, die eher unser eigenes Wohlergehen fördern, als sich nach religiösen Vorschriften zu richten. Der Transhumanismus ist die Fortführung des Humanismus mit dem Ziel, die menschlichen Grenzen sowohl mit Hilfe von Wissenschaft und Technik als auch durch kritisches und kreatives Denken zu überwinden. Wir sind überzeugt, dass Altern und Tod vermeidbar sind. Wir streben nach ständiger Verbesserung unserer geistigen und körperlichen Fähigkeiten und möchten unsere emotionale Entwicklung vorantreiben. Für uns stellt die Menschheit nur ein Übergangsstadium im Prozess der Evolution von Intelligenz dar und wir befürworten den Einsatz von Technik, um unseren Übergang vom menschlichen zum transhumanen oder posthumanen Zustand zu beschleunigen. (…) Von vielen Humanisten unterscheiden wir uns jedoch durch die Bereitschaft, die menschliche Natur zur Erreichung dieser Ziele in ihrem Kern zu verändern. Wir wollen die traditionellen, biologischen, genetischen und intellektuellen Grenzen, die unseren Fortschritt einschränken, überschreiten. (…) Wir werden in eine Ko-Evolution mit den Schöpfungen unseres Geistes eintreten, mit ihnen zusammen wachsen und schließlich in einer posthumanen Symbiose mit unserer intelligenten Technik leben, was unsere Möglichkeiten vervielfachen und unsere Freiheit erweitern wird.“

Der Mensch, so die transhumanistische These, ist nur eine Art Missing Link, das das Optimum an Entwicklung darstellt, was die Evolution zu leisten vermag. Die Evolution wird übrigens von More als viel zu langsam und in vielerlei Hinsicht als erfolglos dargestellt, da ihr beispielsweise ein klar determiniertes Ziel fehlt. Dieses Telos zu definieren, ist seiner Ansicht nach die eigentliche Aufgabe des Menschen, der im 21. Jahrhundert die Evolution endgültig entmündigen und seine weitere Entwicklung in Form einer wissenschaftlich- technisch gesteuerten Postanthropogenese selbst übernehmen soll. Die ersten Etappen dieser von den Extropianern forcierten und herbeigesehnten Entwicklung sind gezielte Eingriffe in das Erbgut des Menschen sowie die Ergänzung und Verbesserung seines Körpers und Geistes durch eine Vielzahl von Prothesen wie implantierbare Chips oder künstliche Exoskelette. Auf der Wunschliste ganz oben steht dabei eine direkte Vernetzung des Gehirns mit dem Computer und dem Internet. Außerdem soll mit allen nur zur Verfügung stehenden technischen Mitteln das Leben verlängert werden.

Doch das so entstehende Hybridwesen aus Mensch und Maschine, Cyborg genannt, wird auch nur als Übergangsform angesehen, da der menschliche Körper dank seiner biologischen Herkunft und Beschränktheiten nicht als zukunftstauglich angesehen wird. Stattdessen sollen Roboter oder Chips den Geist des Menschen übernehmen und ihn somit unsterblich machen. Die entsprechende Technik nennen die Entropianer „Uploading“, ein Prozess, bei dem das Bewusstsein eines Menschen aus dem Gehirn – wie auch immer – extrahiert und digital gespeichert werden soll. Um die angestrebte Unsterblichkeit auch garantieren zu können, sollen natürlich möglichst viele Kopien erstellt werden, die, im ganzen Universum verteilt, selbst bei der Zerstörung einzelner Pseudoindividuen, die ewige Fortexistenz sichern sollen. Auf diese Weise sollen die Kopien gleichzeitig das Universum erforschen, ihm die letzten Geheimnisse entreißen und es vor der Entropie bewahren, sprich beherrschen.

So ungefähr, kurz skizziert, sieht das Weltbild der Transhumanisten und Extropianer aus, wobei die Unterschiede zwischen beiden Begriffen nicht immer klar sind, zumal es innerhalb der Bewegung auch noch verschiedene Denkrichtungen gibt, die unterschiedliche Aspekte des Transhumanismus betonen. Seit 1998 sind die einzelnen Gruppen und Organisationen in der World Transhumanist Association (WTA) zusammengefasst, die regelmäßig Tagungen und Kongresse veranstaltet. In Deutschland wird im selben Jahr die Transhumanismus-Organisation De:Trans gegründet, die seither sehr darum bemüht ist, die transhumanistischen Ziele bei uns publik zu machen. Selbstverständlich hat De:Trans auch einen Internetauftritt, der neben Grundsatztexten auch einige Mitglieder und deren Interessen und Wünsche vorstellt. Die Ambitionen können mit denen des amerikanischen Gurus Max More spielend konkurrieren: „Wenn ich einmal groß bin, möchte ich ein Gott werden“, äußert einer der tendenziell Unsterblichen, der mit der ironisch klingenden Formulierung „einmal groߓ selbstverständlich „vervollkommnet“ meint. Extropianer und Transhumanisten verstehen sich als „Avantgarde der Evolution“, als Elite einer Technokultur, als Vordenker und Wegbereiter einer neuen Freiheit im Sinne eines Freiseins von den Vorgaben der Evolution und vor allem vom naturgegebenen Körper, den sie als ebenso überflüssigen wie antiquierten Ballast interpretieren. Folgt man Greg Burch, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Extropy-Instituts, so stehen die Transhumanisten an „vorderster Front der klassischen Aufklärung“, während fast alle europäischen Denker, und Burch beginnt seine Auflistung bei Plato, ebenso Feinde des Fortschritts seien wie etwa die amerikanischen und europäischen Grünen, die Kirchen oder faktisch alle Linken. Auch die Wissenschaft selbst spart Burch in seinen Ansprachen auf Kongressen des Entropy-Instituts nicht aus und nennt hier z. B. die Technikfolgenabschätzung als perfiden Gegner des Fortschritts transhumanistischer Prägung. Natasha Vita-More, die Frau Max Mores, nennt auf Tagungen wie jener am 16. und 17. Juni 2001 in San Jose, im Silicon Valley, weitere Gegner, etwa Greenpeace oder das 1983 gegründete Council for Responsible Genetics. Faktisch jede Organisation, die in irgendeiner Weise die Entwicklung neuer Technologien kritisch begleitet oder gar für Kontrollen plädiert, wird als Fortschrittsfeind ins Visier genommen. Robert Bradbury, ebenfalls ein prominenter Extropianer, fasst die Schuld der Technikkritiker zusammen: „Das Blut von Milliarden klebt an den Händen der Gegner dieser Technologien.“ Um diesen und anderen Gegnern besser begegnen zu können, hält er es sogar für dringend geboten, eine entsprechende Partei zu gründen. Sie könnte dann die Errichtung einer „künstlichen Superintelligenz zur Errettung der Menschheit“ propagieren, die nicht nur „die materiellen Probleme der Menschheit lösen, sondern insbesondere unsere drohende Selbstauslöschung verhindern soll“.

Wer sind die Mitglieder dieser kleinen, aber stetig wachsenden Bewegung? Der Journalist Gundolf S. Freyermuth, der Max More bereits 1995 in Kalifornien besucht hat, konstatiert: „80 Prozent aller Extropianer sind männlich, und mit Ausnahme von Robert Anton Wilson finden sich unter Max Mores prominentesten Anhängern ausschließlich Naturwissenschaftler, darunter Marvin Minsky, Eric Drexler, Bart Kosko, Ralph Merkle und Hans Moravec.“ Eine Elite also, in der Tat, nämlich die Elite der AI-Forschung und Robotik, von denen die meisten am MIT arbeiten oder dort studiert haben. Raymond Kurzweil, Hans Moravec und Marvin Minsky beschwören darüber hinaus schon seit Jahren in ihren Büchern ein heraufziehendes, posthumanes Zeitalter, in dem der Homo sapiens eine obsolete Lebensform darstellt, die, so Minsky, „Glück hat, wenn die Roboter sie als Haustier behalten“.

Die Transhumanisten jedweder Couleur wollen nicht als Haustiere enden, sondern sind längst, wie Günther Anders es 1942 prophezeite, „ins Lager der Geräte desertiert“, deren Entwicklung sie selbst forcieren. Ihre Zukunftsentwürfe und ihre Philosophie gehen zurück auf die amerikanische Rüstungsdynamik des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs, die nach immer neuer technischer Überlegenheit gierte und noch immer giert. Denn nur technische Überlegenheit garantiert auch militärische. Zu den fundamentalen Annahmen dieser Philosophie gehört jene, dass Konflikte und Probleme primär technisch zu lösen sind. Sozialer Fortschritt ist dem entsprechend vor allem technischer Fortschritt. Auf Letzteren, und nur auf ihn, setzen die Transhumanisten. Sie haben den Versuch, die Gesellschaft mit demokratischen, argumentativen oder politischen Mitteln zu verändern, nahezu aufgegeben, wie sie den Menschen selbst aufgegeben haben, um ihn stattdessen neu zu erfinden. Eine vervollkommnete Neukonstruktion des Homo sapiens soll alle Probleme dieser Welt ein für alle Mal lösen, was zur Folge hat, dass der Begriff Fortschritt auf den Fortschritt bei der Neukonstruktion unseres evolutionären Nachfolgers eingeengt wird.

Genährt werden die Visionen der Transhumanisten auch, wie die Steckbriefe vieler Mitglieder im Internet zeigen, durch die Bilder der Science-Fiction, die uns gerne überlegene (militärische) Maschinen präsentiert, die Menschen als Wesen zweiter Klasse erscheinen lassen. Sie fungieren als Verstärker prometheischer Scham und wecken Neid auf die demonstrierte Omnipotenz. Die Schauplätze der Science-Fiction, fremde Planeten, Raumschiffe oder der Cyberspace, werden zu utopischen Inseln, auf die viele Transhumanisten lieber heute als morgen auswandern würden: „Blockbuster wie die Terminator- und Robocop-Filme oder die populäre TV-Sage Star Trek: The Next Generation bieten Maschinenmenschen erfolgreich als Identifikationsfiguren an: Menschen, stark und widerstandsfähig wie Maschinen, und Maschinen, intelligenter und sympathischer als die meisten Menschen“, stellt Gundolf S. Freyermuth fest.

Eine perfektionierte Computertricktechnik verleiht den Bildern der Science-Fiction einen Realismus, der zugleich die Überzeugung stärkt, die dort eigentlich zu Unterhaltungszwecken gezeigte Zukunft sei wahrscheinlich und die technischen Produkte seien machbar. Eine weitere Stärkung erfährt diese Überzeugung durch ebenfalls computeranimierte Bilder tatsächlicher Rüstungsprojekte wie die jüngst vorgestellten Soldaten der Zukunft, die über Datenbrillen vernetzt sind und über kugelsichere Exoskelette verfügen sollen, die ihre körperlichen Kräfte steigern und die sich farblich ihrer Umwelt anpassen. Die USA wollen mit diesen High-Tech-Kriegern eines Tages Terroristen bekämpfen und setzen, gemäß der alten Doktrin, auch hier auf eine technische Lösung. Wie in den gängigen Computerspielen, die ebenfalls mit den Bildern der Science-Fiction korrespondieren, sollen Lasergewehre das Böse vernichten. Ironischerweise stammen viele der zitierten Bilder aus den gleichen Rechnern und werden in denselben Instituten entwickelt. Die Synthese von Fiktion und Realität ist längst evident. Auch Max Mores Interesse an transhumanen Welten stammt aus der Science- Fiction, die für ihn eine Form von Lifestyle darstellt. Er und seine Anhänger leben in der Welt der Science-Fiction, leben im Cyberspace, leben längst in einer herbeigesehnten Zukunft, im festen Glauben, sie eines Tages auch tatsächlich zu erleben. Denn sie sind fest davon überzeugt, dass die technische Entwicklung so schnell voranschreitet, dass sie das Ticket für die Reise ins gelobte Technoparadies, ins säkularisierte Jenseits noch erwischen werden. Nur weg von dieser unvollkommenen Welt mit ihren unvollkommenen und so schwer verstehbaren Bewohnern.

Und so gleicht der Transhumanismus einer Heilslehre und die Bewegung einer Glaubensgemeinschaft, sosehr Rationalität und Wissenschaftlichkeit auch beteuert werden. Viel zu leichtfertig hantiert More mit Begriffen, die sich einer rationalen Objektivierung entziehen, wie etwa dem der Vollkommenheit. Der Begriff ist nämlich eine absolute Metapher, die sich einer exakten Definition entzieht und einen unermesslichen Bedeutungsüberschuss impliziert. Vollkommenheit ist ein seit Jahrtausenden tradiertes Postulat, eine gleichfalls betagte wie aktuelle Utopie, eine Konstruktion des menschlichen Geistes, die uns ebenso zu beflügeln wie zu terrorisieren vermag, ein faszinierendes Telos, von Religionen, Philosophien und Ideologien immer wieder bemüht und immer wieder anders definiert, sodass sich im Laufe der Zeit ein weit gefächertes Angebot unterschiedlichster Vollkommenheiten angesammelt hat. More hat dieses Angebot lediglich um ein weiteres vergrößert, diesmal um ein technisch-basiertes.

Obwohl More den Menschen, also auch sich selbst, als extrem unvollkommen interpretiert, sieht er sich dennoch in der Lage, Vollkommenheit zu definieren. Plausible Begründungen für die von ihm aufgestellten Kriterien der Vollkommenheit liefert er indes nicht, sondern präsentiert uns die Maschine als ultimatives Paradigma, das nicht in Frage gestellt werden darf. Warum etwa ein vollkommenes Wesen unsterblich zu sein hat und kopierbar sein muss, bleibt sein Geheimnis. Was dieses unsterbliche und mit dem gesamten Wissen des Universums voll gestopfte Superwesen in jenem Universum eigentlich tun soll, erfährt man auch nicht. Noch weniger erfährt man über die Gefahren, die die von ihm propagierte Neukonstruktion des Menschen zwangsläufig mit sich bringt. More ist lediglich davon überzeugt, dass sich seine Idee am Markt durchsetzen wird, sobald die entsprechenden Techniken vorhanden sind. Doch welcher Konzern welchen Kunden für welches Geld in einen Cyborg verwandelt, interessiert ihn allenfalls am Rande. Ganz zu schweigen von den sozialen Konflikten, die sich aus diesem Prozess ergeben würden, oder den Plänen der Militärs, die für Übermenschen und Cyborgkrieger mit Sicherheit Verwendung haben werden. Die Metamorphose in eine Maschine reicht völlig aus, um bis in alle Ewigkeit glücklich zu sein. Was will man more.

Selbstverständlich wird die wissenschaftlich-technische Entwicklung dazu führen, dass der Mensch sein Leben verlängern und bestimmte Organe durch künstliche ersetzen kann. Wie weit sich diese Entwicklung im 21. Jahrhundert vorantreiben lässt und ob und wie wir sie kontrollieren können, wird sich zeigen und hängt nicht zuletzt von gesellschaftlichen Vorstellungen und geeigneten Regulativen ab. Fraglich ist zudem, ob unsere diversen Fortschritte tatsächlich Erfolg haben werden. Und schließlich kann Erfolg auch sehr ambivalent sein.

Zwischen Utopie und Dystopie sind die Grenzen fließend. Von einem Sieg über sämtliche Krankheiten, den uns schon Mores Ahnen versprochen hatten, sind wir derzeit jedenfalls noch weit entfernt. Auch die kühnen Versprechen der AI-Forschung sind bis heute nicht eingelöst worden, ganz zu schweigen von jenen der Raumfahrt, die derzeit nicht einmal in der Lage ist, die ISS fertig zu stellen und plangemäß zu betreiben. Und die Gentechnologie? Sie sieht erst jetzt, nach den ersten Erfolgen, wie wenig sie noch weiß, wie unberechenbar die Natur ist, wie komplex die atomaren und subatomaren Strukturen. Doch die Extropianer setzen, wie ihre Ahnen, auf die Berechenbarkeit der Welt, setzen auf die binäre Algebra, auf Algorithmen, auf Ordnung und Beherrschbarkeit, auf mathematische Modelle. Auf Beschreibungen also, die wir Menschen nur allzu gerne mit dem Beschriebenen verwechseln.

Auch die von den Extropianern als wichtigste Waffe angepriesene Künstliche Intelligenz ist äußerst fragwürdig. Das fängt schon beim Begriff selbst an, der impliziert, dass sie überhaupt eine künstliche Form ist, also eine nichtmenschliche, die menschliche Intelligenz transzendierende. Noch dazu sind es Menschen, die definieren, was Intelligenz ist, und das wichtigste Beispiel für die Manifestation von Intelligenz ist – der Mensch. Externe, objektive Definitionen gibt es nicht, sondern letztendlich nur anthropozentrische. Aus unserem Denken gibt es kein Entkommen, selbst dann nicht, wenn wir es reproduzieren, quantifizieren oder qualifizieren. Es bleibt menschliches Denken. Und wir sollten uns sehr genau überlegen, ob wir dieses Denken wirklich einsetzen wollen, um uns selbst abzuschaffen zugunsten eines posthumanen Wesens, das mit Sicherheit schneller, aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht anders denkt als seine Schöpfer, weil dessen Denken es gebar.

Literatur:
Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen
Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution
2 Bde., München, 1956

Claus Eurich: Tödliche Signale
Die kriegerische Geschichte der Informationstechnik
Frankfurt am Main, 1991

Bernd Flessner (Hg.): Nach dem Menschen
Der Mythos einer zweiten Schöpfung und das Entstehen einer posthumanen Kultur
Freiburg im Breisgau 2000

Gundolf S. Freyermuth: Cyberland
Eine Führung durch den High-Tech-Underground
Berlin 1996

Robert Jungk: Die Zukunft hat schon begonnen
Amerikas Allmacht und Ohnmacht
Stuttgart/Hamburg 1952

Links zu Texten von Max More: www.transhumanismus.de

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