Wer sich durchs Dickicht des Dschihad im Internet klickt (was selbst auf Englisch mittlerweile recht gut gelingt), fühlt sich auf den Webseiten der Apologeten des Selbstmordattentats rasch in Gefilden eines wahnhaften Hasses, der nichts, aber auch gar nichts mit uns zu tun hat. Denn wo existieren noch Berührungspunkte unserer Welt und Kultur mit Männern, die ein „brennendes Verlangen“ spüren, die „dürsten nach dem Tod“ im Widerstand gegen die Gottlosen? Mehr zum aktuellen KURSBUCH 164 und älteren Ausgaben lesen Sie hier: www.zeit.de/kursbuch » BILD

Was ist zu halten davon, wenn „das tiefste Glück des Menschen darin besteht, dass er geopfert wird“ und „die höchste Befehlskunst“ darin liegt, „Ziele zu zeigen, die des Opfers würdig sind“? Ist es wirklich „süß, fürs Vaterland zu sterben“? Dabei sind diese drei Statements unserer Welt nicht fremd. Sie entstammen ihr.

Das erste, im Wortlaut wiederzufinden bei islamischen Märtyrern der vergangenen Jahre, hat Eusebius von Cäsarea formuliert über die christlichen Märtyrer des 4. Jahrhunderts (die allerdings nur getötet werden und nicht töten wollten). Das zweite stammt von Ernst Jünger, der noch 1923 die Männer heilig schrieb, die „den Sprengstoff verehrten“ und nach ihrem Tod „lebendiger denn je“ seien, weil sie sich „für die Sache der Reinheit opfern“. Den dritten Satz hat Theodor Körner geschrieben, im Deutschlandlied. Dass Menschen nicht – nur – andere töten, sondern unbedingt selbst dabei sterben wollen, erscheint uns fremd, ja dämonisch. Dabei ist die periodisch wiederkehrende Vorstellung vom Triumph des Willens nicht bloß gegenüber dem Feind, sondern auch gegenüber sich selbst unserer Geschichte nicht fremd. Sondern fremd geworden. Neu ist im Wesentlichen die ungeahnte Zerstörungskraft, die unsere technisierte Welt demjenigen bietet, der sein eigenes Leben zur Waffe macht. Wer hätte vor dem 11. September 2001 geahnt, dass zum größten Terroranschlag der Weltgeschichte an herkömmlichen Waffen letztlich nur ein Dutzend Papiermesser nötig waren?

Dass – heute – vor allem Muslime solche Attentate begehen, erleichtert den distanzierten Blick auf den fremd geglaubten Wahn. Diese Verneinung des Selbsterhaltungstriebes scheint einen enormen Deutungsreiz auszuüben, für irrationale Taten wenigstens einen rationalen Grund zu finden. Sektenexperten äußern sich voller Gewissheit über Gehirnwäsche und Drogengabe. Journalisten fabulieren vom Versprechen der 72 Jungfrauen im Paradies für jeden Märtyrer oder behaupten, Attentäter würden ohne ihr Wissen ferngezündet. Andere verorten langjährige Indoktrination, fanatischen Glauben oder den Selbsthass der Globalisierungsverlierer als Motiv fürs Selbstmordattentat. Jeder vermeint, im großen Rauschen seine Melodie zu erkennen.

Aber selbst wenn die Klischees zuträfen: Warum tauchen diese „Verrückten“ und „Verlierer“ gerade jetzt auf? Terroristen gab es auch schon in den sechziger und siebziger Jahren, doch die wollten überleben. Warum haben Hamas und Hisbollah Selbstmordbomber eingesetzt, aber die IRA in Irland nicht, ebenso wenig die PLO oder die muslimischen Kämpfer in Bosnien und im Kosovo? Warum begann das Phänomen Anfang der achtziger Jahre in der islamischen Welt, und warum hat es sie in manchen Fällen verlassen? Wieso haben mit der säkularen PKK in der Türkei oder den mehrheitlich hinduistischen Separatisten der Tamil Tigers Gruppen zum Mittel des Opfermordes gegriffen, die mit dem Islam nicht zu tun haben? Warum haben die Islamisten in Algerien es während des jahrelangen Bürgerkrieges nicht angewandt? Und wenn muslimische Attentäter sich sprengen, um der mandeläugigen Paradiesjungfrauen teilhaftig zu werden, warum tun es dann auch Frauen, Säkulare und Sexualphobiker wie Mohammed Atta? An der Oberfläche ähneln sich die Taten. Doch einen Schritt dahinter, bei den erklärten Zielen der Täter, ihrer Verankerung in Gruppen, ihrem Profil, fügen sie sich weder ins Klischee vom verführten Benachteiligten noch in jenes des religiös Beseelten.

Stehen die Täter unter Drogen? Prof. Yehuda Hiss, Chef der einzigen israelischen Gerichtsmedizin, der bislang alle palästinensischen Selbstmordattentäter untersuchte, fand „in keinem einzigen Fall Drogenspuren”, auch die Obduktionen der Täter von London und anderswo ergaben keine Hinweise darauf. Werden die Sprengsätze ferngezündet gegen den Willen und ohne das Wissen der Täter? Dies behauptete die irakische Regierung über die Attentäter im Irak und die Autorin Julia Jusik über die „schwarzen Witwen“ in Tschetschenien. Auch dafür fehlen Beweise: Im Irak sagen sogar US-Militärs, dass die Bomber selber zünden. Und in Tschetschenien haben Attentäterinnen sprengstoffbeladene LKWs mit Vollgas in russische Stellungen gelenkt, sind allein zu ihren Zielen gegangen, haben noch mit ihren Opfern gesprochen und sich just in dem Moment gesprengt, als sie die größten Verwüstungen anrichten konnten. Nicht das Verhalten unwissender Opfer.

Sind die Täter schlicht depressiv und wollen ohnehin aus dem Leben scheiden? „Selbstmord-Attentäter“ also im reinsten Wortsinne? „Nein“, sagen sowohl der israelische Psychologe Ariel Merari wie der palästinensische Psychiater Eyad Sarradsch, die jahrelang die Biografien palästinensischer Selbstmordbomber untersucht haben und zu denselben Ergebnissen kommen: Es seien Menschen, „die am wenigsten ihre Ohnmacht ertragen“ (Merari), die „ein Problem mit der Macht über sich haben“ (Sarradsch). Es sei dieser jähe Moment der Allmacht, mit einer Explosion aus der Nichtigkeit zu dämonischer, unbesiegbarer Größe zu wachsen, der die Täter antreibe – um den Preis des eigenen Lebens. Unter palästinensischen Attentätern, deren Profile weltweit am genauesten erforscht worden sind, finden sich religiöse wie säkulare Männer, Arme, Reiche, Ledige wie mehrfach Verheiratete, Täter mit langer Gruppenzugehörigkeit wie solche, die ein paar Tage vor ihrem Anschlag anfragten, ob sie einen Sprengstoffgürtel bekommen könnten. Die Täter sind gebildeter als der Durchschnitt der Bevölkerung, die markanteste Schnittmenge ihrer Motive aber ist: Machtwille. Ihr Ziel ist die Umwandlung echter oder vermeintlicher Ohnmacht in Macht, der Wunsch geboren in ihrem Fall aus der kollektiven Erfahrung von Bedrängung und Unterwerfung.