An einem Ort der Bücher, dem Hamburger Literaturhaus, präsentiert Helmut Krausser sein neues Buch "UC". Der große Saal, in dem die Lesung stattfindet, ist voll besetzt. Alle unterhalten sich angeregt und warten gespannt auf die Hauptperson des heutigen Abends. Stimmengewirr.

Dann endlich. Eine unauffällige, in einem schwarzen Poloshirt und Jeans gekleidete Gestalt betritt den Raum. Langsam verstummen auch die letzten Laute. Voller Erwartung richten die Besucher ihren Blick nach vorn zum Pult. Wie wird Krausser wohl sein Werk präsentieren? Kann er den Zuhörern mit seiner Lesung vermitteln, was er mit seinem Buch ausdrücken möchte? Er beginnt zu lesen, und schon nach wenigen Sätzen hat man das Gefühl, hier spricht die Hauptfigur des Romans, denn Krausser verkörpert den arroganten und schon fast zu lässig wirkenden Protagonisten von "UC" einfach zu gut. Auch er wirkt sehr locker und leger. "Cool", wie man heute sagen würde. Man hört ihm zu, schließt die Augen und taucht ein in die Welt von UC... "UC" ist das Kürzel für Ultrachronos und beschreibt die Wahrnehmungswelt, die man wenige Momente vor dem Tod empfindet. Die Momente, in denen das gesamte Leben im Zeitraffer noch einmal am geistigen Auge vorüberzieht. Die Geschichte:
Der Dirigent Arndt Hermannstein hat nur noch wenige Augenblicke zu leben und lässt sein Dasein Revue passieren. Bis vor ein paar Monaten führte er ein unproblematisches, leichtes Leben. Berühmt, angesehen, auf der Karriere-Leiter ganz oben angekommen. Nach außen geordnete Verhältnisse: nämlich reich eingeheiratet, ein eher lockeres, luxuriöses Leben. Hin und wieder gönnt er sich eine Prostituierte und macht auch nicht vor den weiblichen Orchestermitgliedern halt. Doch durch einen einzigen Anruf dreht sich sein bisheriges Leben um 180 Grad. Ein früherer Schulfreund informiert ihn ü ber den Tod einer ehemaligen Freundin, und wenig später erfährt Hermannstein, dass er sie vor 20 Jahren umgebracht haben soll. Unglücklicherweise erinnert er sich nicht mehr daran. Es beginnt eine Reise durch sein bisheriges Leben und Hermannstein stößt auf immer neue Widersprüche. Viele Situationen und Gegebenheiten wirken auf einmal verschwommen und Hermannstein wird gewahr, dass seine Erinnerungen einige L ücken aufweisen.

Trotz dieses eher harten Stoffs herrscht im Literaturhaus allgemeines Gelächter, als Krausser eine Passage seines Buches liest, in der sich der Protagonist auf einem Klassentreffen befindet und seine früheren Mitschüler beschreibt. "Ich sah die Verbündeten von damals und die Gegner, und die Verbündeten waren keine Verbündeten mehr und die Gegner waren keine Gegner mehr, alle waren erwachsen, und Beziehungen, die einmal bestanden hatten, wurden von versöhnlich gestimmten Erinnerungen stundenlang auf silbernen Tabletts herumgetragen und der Abendsonne gezeigt. Alle gaben sich nett und adrett, gaben sich Mühe, keine Anekdoten zu erwähnen, bei denen einer der Anwesenden sein Gesicht noch mal verloren hätte."(S.61) In einer weiteren Passage erzählt der Protagonist von Julia, einer Frau, die er einmal sehr geliebt hat. Die Zuhörer lernen nun einen Arndt Hermannstein kennen, der die Schönheit der Natur wahrnimmt, die Liebe zu einem Menschen genießt und in vollen Zügen auslebt:
"Wenn die Vöglein krächzten, sangen sie unser Lied. Man musste nur Phantasie besitzen. Wir besaßen ja sonst nichts. Liebten uns auf dem kurzen Graß der Pferdekoppeln, unter Zypressen und Pappeln, zwischen Büschen voller Spinnweben und Pappelsamen. Wir fingen Skorpione und ließen sie im Sand um die Wette rennen [...]" (S.73)
"[...] wir konnten uns streiten, wie ich später mit niemandem mehr gestritten habe, wir stritten solange, bis wir aufeinanderlagen und uns die Kleider vom Leib rissen. So lernte ich Nähen." (S. 74)
Nach einer dreiviertel Stunde beendet Krausser seine Lesung mit den Worten: "Nachher bin ich immer genauso leer im Kopf wie vorher".

Bibliographie:
Helmut Krausser: UC
Unter Zuhilfenahme eines Märchens von H.C. Andersen
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2003, 478 S., 22,90 Euro
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Helmut Krausser ist 1964 in Esslingen geboren und hat in den verschiedensten Berufen gearbeitet, u.a. als Nachtwächter, Zeitungswerber, Opernstatist, Sänger in einer Rock`n`Roll-Band und Journalist. Er verbrachte ein Jahr als Berber und studierte provinzialrömische Archäologie. Neben einigen Romanen schrieb Krausser Erzählungen, Theaterstücke und eine Opernlibretto. Weitere Werke:
Der Große Bargarozy , Roman, 1997 (verfilmt von Bernd Eichinger 1999)
Fette Welt , Roman, 1992 (verfilmt von Jan Schütte mit Jürgen Vogel)
Juli, August, September , Tagebücher, 1998
Könige über den Ozean , Roman, 1994
Mai. Juni , Tagebücher, 1995
Schweine und Elefanten , Erster Teil einer Trilogie, 1999