Bekannt geworden ist der in Moskau geborene und in Hamburg unterrichtende Pianist Evgeni Koroliov mit seinen Bach-Einspielungen, dem "Wohltemperierten Klavier", den "Goldberg-Variationen", den "Inventionen" oder der "Französischen Ouvertüre", die er in einer wunderbaren Mischung aus Strukturklarheit und inniger, auch das Romantische streifender Transzendenz gestaltete. Zu den Klaviersonaten Sergej Prokofjews, die Wladimir Majakowskij, Poet und begeisterter Anhänger des erklärten Musikprovokateurs, als "Ohrfeigen für den öffentlichen Geschmack" feierte, scheint es von Bachs polyfonen Verästelungen aus ein weiter Weg. Wer mag schon die Motorik einer Bachschen Gigue mit dem Scherzo in Prokofjews "Zweiter Sonate op. 14", jener barbarischen Toccata, vergleichen? Dem amerikanischen Publikum, das Prokofjew 1918 mit seinen "skythischen" Klavierklängen verschreckte, oder dem Kritiker, der eine "Mammutherde" vorbeijagen hörte, wäre der Gedanke absurd erschienen. Doch zu Recht reklamiert Koroliov seinen großen Landsmann als Klassiker, nicht nur im knappen, aber klugen Booklet-Text: Absolut zwingend wirken Prokofjews formale Lösungen in Koroliovs Interpretation (hr-musik hrmk 017-03), gelassen und selbstverständlich erscheint der melodische Fluss.

Gleichzeitig entdeckt er im lyrischen Kopfsatz der 1917 entstandenen "Vierten Sonate op. 29" gemessenen Schritts den vergrübelten Fast-Romantiker Prokofjew, der hier einmal gar nicht so weit entfernt von Rachmaninow ist. Und wer den langsamen Satz dieser c-Moll-Sonate "Aus alten Notenheften" von Koroliov hört, versteht unmittelbar, weshalb Prokofjew wenige Tage nach ihrer Uraufführung im April 1917 seine Heimat verließ: Aus dieser weit eher der Vergangenheit denn dem sozialistischen Morgenrot zugewandten, ganz nach innen weisenden Musik ließ sich kein revolutionärer Funke schlagen.

Der war auch objektiv erloschen, als Prokofjew 1933, voll von Naivität und getrieben vom Heimweh, in das Reich des Josef Stalin zurückkehrte. Die 1942 vollendete "Siebte Sonate op. 83", zweite der so genannten Kriegssonaten, kündet vom Verlust der letzten Illusionen. Das "Andante caloroso" spielt Koroliov faszinierend frei und mit berührender Unmittelbarkeit – als elegisches Bekenntnis zu einer besseren Welt von gestern. In der infernalischen Schluss-Toccata wird sie für immer zerschlagen, nicht sonderlich laut, nicht einmal wirklich brutal, aber mit kalter, gemeiner Präzision. Sollte irgendwann einmal jemand auf die Idee kommen, Franz Kafkas "In der Strafkolonie" zu verfilmen, in der eine Nadelmaschine den Opfern ihren Urteilsspruch auf die Haut stanzt – hier wäre die Musik dazu.