Belletristik

Von Iris Radisch

Ingrid Bachér: Sieh da, das Alter
Tagebuch einer Annäherung
Dittrich Verlag, Köln 2003; 191 S., 16,90 Euro
Eine anrührende Einübung ins Altwerden und Sterben. Ein halbes Jahr lang protokolliert Ingrid Bachér (geboren 1930 in Lübeck) in ihrem Tagebuch die gewaltsamen und die beinahe unmerklichen Übergänge ins Greisenalter: "Wir können freiwillig nur für die Jüngeren Platz machen, wenn wir einverstanden sind, dass wir endlich sind." Sie erzählt vom Sterben des Vaters - nackt, zusammengerollt wie ein Embryo unter der Decke. Nimmt Abschied vom eigenen Körper - dem Tier, auf dem sie nicht mehr sicher reitet. Stellt sich die letzten, die endgültigen Fragen: Erlebt man intensiver, tiefer, wenn die Hoffnung auf Wiederholung schwindet? Was habe ich verstanden von all dem, was ich hörte und sah? War ich genügend glücklich, genügend verzweifelt? Und erzählt von den nächtlichen Panikattacken: Ich werde aus der Welt gehen und nichts verstanden haben.
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Sachbuch

Von Manfred Sack

Wolfgang Schäche: Am Neuen Markt 5 - Ein Haus für Potsdam
Jovis Verlag, Berlin 2003; 64 S., 19,80 Euro
Historische Bauwerke, die Jahrzehnte nach ihrer Tilgung aus dem Stadtbild wieder in die Gegenwart genötigt werden, zeigen, womit wunde Menschenseelen balsamiert werden möchten - so wie in Hildesheim und in Frankfurt am Main (und anderswo) und so wie in Städten wie Berlin, Braunschweig und Potsdam, wo nach Repliken ihrer Schlösser verlangt wird. Doch nun zeigt die brandenburgische Hauptstadt, auf welch intelligente Weise man dergleichen ganz anders tun kann, am Neuen Markt 5. Dort hat die Potsdamer Architektin Nicola Fortmann-Drühe die erträumte alte Fassade des Gebäudes wunschgemäß zurückgezaubert, als eine Kulisse. Sie tat der Gegenwart Genüge mit einem sturzmodernen, wohl proportionierten Haus - und zugleich der Geschichtssehnsucht einen Liebesdienst, indem sie ihm die alte Fassade als Zitat hinzufügte: Geschichte als Erinnerungsbild. Der Bauhistoriker Wolfgang Schäche erzählt dann auch mit merklichem Vergnügen von Ort und Platz und Grundstück, vom Wettbewerb und dem siegreichen Entwurf. Wie angenehm, dass der Verlag das Buch mit bibliophilem Ehrgeiz gestaltet hat.
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Botschaften in Berlin
hrsg. von Kerstin Englert und Jürgen Tietz
Gebr. Mann Verlag, Berlin 2003; 304 S., 23,80 Euro
Es ist, schreibt Jürgen Tietz, nicht bloß erstaunlich, wie rasch sich unser Land in seiner Hauptstadt Berlin mit Staatsbauten zu erkennen gibt, sondern auch, wie vielgestaltig sich seine Gastländer hier mit ihren Botschaften eingerichtet haben, ob in ihren alten angestammten Gebäuden, ob in vorhandenen Häusern von oft historischem Wert oder ob sie sich ihre Botschaften brandneu haben entwerfen lassen. Von vielen Farbfotos und Stadtplänen ergänzt, werden sie jeweils auf einer oder zwei Seiten gezeigt und beschrieben. Ergänzt wird das sehr anregende Buch durch fünf Aufsätze, in denen von der diplomatischen und der Geschichte des Bautyps Botschaft - von der Reichsgründung 1871 an bis 1945, danach in Bonn und DDR-Berlin und nun also im vereinten Berlin - erzählt wird. Ein Beitrag über Botschafter-Residenzen, Glossarien und Register komplettieren die attraktive Publikation.
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