O-Ton eines Patriarchen, der sich ins Obszöne versteigt: "Ob meine Tochter das Konservatorium besucht oder auf den Strich geht, ist für mich das Gleiche." Die aufgeklärte Neuzeit hat die Normandie also noch nicht erreicht, der Mann ist Gutsbesitzer und kennt sich mit Kühen aus, nicht mit kindlichen Talenten. Dank mütterlicher Diskretion gibt das Mädchen dennoch heimlich Stunden, verdient Geld und geht nach Paris aufs Conservatoire. Es genießt Unterricht bei Widor und Ravel, scheffelt Preise und gehört bald zur Groupe des Six. Aus dem Kind wird eine angesehene Komponistin. Ihre Mitstreiter für einen sachlichen Weg der Musik, über dem sich die Nebel des Impressionismus lichten sollen, sind Poulenc, Milhaud, Honegger, Auric und Durey, doch sie erheben ihre Ästhetik nicht zum Dogma, denn vor allem sind sie Freunde.

Für Germaine Tailleferre (1892 bis 1983) ist das ein Labsal. Sie experimentiert behutsam, ohne ihre geistige Nähe zur Tradition zu verleugnen. Darius Milhaud stört das nicht: "Ihre Musik hat den großen Vorzug, ohne Dünkel und Anmaßung zu sein. Sie ist sehr anziehend, da sie aufrichtig ist."

Jeder liebt sie auf der Stelle als kreatives, herzliches Wesen. Mit Chaplin startet sie in die Filmmusik, Strawinskys Ballette schreibt sie für Klavier um, mit Ionesco sitzt sie über Texten, mit Cocteau, Satie und Picasso im Café. Privat hat sie immerzu Kummer, ihr erster Ehemann (ein New Yorker Karikaturist) begeht aus Eifersucht Selbstmord, ihr zweiter (ein französischer Anwalt und Parfümfabrikant) wird geisteskrank. Als sie 1946 aus Amerika zurückkehrt, haben die Nazis ihre Manuskripte vernichtet, darunter die "Cantate du Narcisse" (nach Valéry), eine poetisch codierte Geheimschrift über den deutschen Faschismus. Dermaßen entwurzelt, sucht Tailleferre eine neue Sprache und fällt doch, beinahe erleichtert, in die alte zurück. Noch im hohen Alter, da sie Geldsorgen quälen, vervollständigt sie ein Jugendwerk, ohne sich stilistisch verbiegen zu müssen.

Die zarte Strenge ihrer Klaviermusik lässt uns jetzt die Pianistin Cristina Ariagno spüren (Timpani CD 1C1074/Vertrieb: Note 1). Sie ist sozusagen die Enkelin Cortots und Rubinsteins, die Tailleferre bewunderten. Der sprühende Charme der Werke, die zwischen Debussy, Fauré, Bitonalität und 18. Jahrhundert changieren, kommt ohne jedes Pathos aus. Ariagno tastet die wertvollen Intarsien eines frühen "Impromptu" mit kundiger Hand ab, beflügelt die spröde Aufgewecktheit der späten "Partita" und leiht den diversen "Pastorales" ländliche Anmut. Musik von draußen: Man wähnt sich fast in den Gärten von Villandry. Auch Milhaud war von der Unverwechselbarkeit dieser Musik überzeugt, als er sagte: "Sie duftet."