Belletristik

Von Evelyn Finger

Colum McCann: Der Tänzer
aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Rowohlt, Reinbek 2003; 474 S., 22,90 Euro
Als der große, unvergleichliche Rudolf Nurejew noch der kleine, schmutzige Rudik war, saß er jeden Nachmittag auf einer Klippe über der Stadt Ufa und starrte nach Westen, wo die Rote Armee im blutigen Chaos unterwegs war und von wo irgendwann sein Vater zurückkehren musste. Rudik schaute, wartete, schaute. Manchmal tanzte er im Lazarett den Soldaten vor, und dann dauerte es noch 20 ungeduldige, hartnäckige Jahre, bis alle Welt ihm, Rudik, beim Tanzen zusehen wollte. Wie sie auf ihn warteten in den Opernhäusern von Moskau, Paris, New York! Worauf sie aber hofften und wovon sie nachher beglückt waren, das hätten sie selbst nicht ganz zu sagen vermocht, der Einzige, der es kann, ist der irische Schriftsteller Colum McCann. Sein Roman über Nurejew beschreibt das Wesen der Kunst, indem er den Charakter eines Künstlers beschreibt, aber wie dabei die Gründe des Gelingens in der Schwebe bleiben, wie unversehens sich das Menschliche ins Ungeheuerliche, das Kleine ins Große verwandelt, das ist unheimlich. Colum McCann erzählt genauso gut über den Kalten Krieg wie über Nurejews Liebschaften, Ballettschuhe, Gelenkschmerzen. Diese fiktive Biografie ist mehr als ein historischer Roman. Sie zeigt, wie gefährdet das Schöne ist und wie gefährlich.
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Sachbuch

Von Manfred Sack

Rolf Reiner Maria Borchardt (Fotos), Yali Yu (Text): Gärten in Suzhou
Deutsch/Englisch
Edition Axel Menges, Stuttgart 2003; 151 S., 68,– Euro
Auf einer Chinareise 1987 hatte sich der Architekt und Fotograf (und Professor für Gestaltung in Kiel) von den Gärten der Stadt Suzhou am Unterlauf des Jangtse, gut 50 Kilometer westlich von Shanghai, so faszinieren lassen, dass er zweimal zurückkehrte und sie aufnahm, teils schwarzweiß, teils farbig; sieben davon hat er in diesem schönen Buch versammelt. Gut vorbereitet von einer gemächlich vorgetragenen Einführung, ergibt man sich diesen eigenartig vollkommenen räumlichen Kompositionen, gebildet aus Gebäuden, künstlichen Hügeln, Wasser und Wegen, aus Steinen und Bäumen, Mauern und Ornamenten: sieben Raumkunstwerke, die die Neugier auf Schritt und Tritt, also von Bild zu Bild, mit ihrem ästhetisch-meditativen Spiel reizen.
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Karljosef Schattner – Klaus Kinold: Architektur – Fotografie
hrsg. von Wolfgang Jean Stock
Birkhäuser Verlag, Berlin 2003; 166 S., 49,50 Euro
Der Reiz dieses Buches liegt gewiss nicht allein in der betont zeitgenössischen, oft gerühmten Architektur des weiland bischöflichen Baumeisters in Eichstätt, sondern in den Fotografien, die sie darstellen. Klaus Kinold hat das Werk des fast 80-Jährigen von Anfang an, von 1957 bis 1992, verfolgt und so aufgenommen, „wie es ist“. Es ist ihm kongenial gelungen. Das Buch ist ausnehmend schön komponiert. Die Bauten werden knapp kommentiert und von Zeichnungen ergänzt.
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