It´s Ragtime!

Mit seiner Leichtigkeit überflügelt der Soundtrack zu „Was nützt die Liebe in Gedanken“ den Film und hilft ihm über einige Schwachstellen hinweg

Elli schwärmt für Paul, Paul liebt Günthers Schwester Hilde und die wiederum hat ein Techtelmechtel mit Hans, dem Exliebhaber von Günther. Von der Liebe enttäuscht und getrieben von einer romantischen Todessehnsucht zieht es die Hauptdarsteller Günther Scheller (August Diehl) und Paul Krantz (Daniel Brühl) in einen Abwärtsstrudel der Gefühle. Günther tötet nach einer durchfeierten Nacht seine unerfüllte Liebe Hans, dann erschießt er sich selbst.

„Was nützt die Liebe in Gedanken“ ist ein Epos an die Liebe. Heranwachsende gieren nach Leidenschaft, verlieren sich in Schwärmereien und Selbstzerstörungsphantasien, immer auf der Suche nach dem wahren Glück im Leben.
Der Film gründet auf einer wahren Geschichte, der „Steglitzer Schülertragödie“, die sich im Jahre 1927 in Berlin ereignete. Der Regisseur Achim von Borries versetzt sein Publikum durch Sprache und Kostüm, vor allem aber durch die Musik ins Berlin der 20er Jahre. Der Film lebt weniger von seiner Handlung - um eine detailgetreue Nachahmung der Historie geht es nicht. Die poetische Atmosphäre, geschaffen durch den, von Thomas Feiner und Ingo Frenzel komponierten Soundtrack und die sehnsuchtsvollen Gedichte von Paul und Hilde, macht den Film sehenswert.

Der Soundtrack zum Film enthält siebzehn Stücke und vier Bonustracks. Alte Grammophonaufnahmen und Originallieder aus den 20er Jahren wie „Mir ist so nach dir“ von M. Spoliansky oder „Irgendwo auf der Welt gibt´s ein kleines bisschen Glück“ von Werner Richard Heymann sowie neu komponierte Stücke im damaligen Stil geben die Stimmung der jungen Republik wieder. Ragtime und Jazz, mal instrumentell, mal mit Stimmengewalt, wechseln sich ab mit Liebesgedichten, gelesen von den Schauspielern Daniel Brühl und Anna Maria Mühe.

Thomas Feiner, Komponist und Sänger der schwedischen Gruppe Anywhen, unterstreicht mit seiner Salon-Musik die poetische Bildsprache des Filmes, hält aber durch rhythmische Beats den Bezug zur Gegenwart. Auch der bekannte Jazz-Trompeter Till Brönner konnte für den Score gewonnen werden: durch den selbst kreierten Sound gelingt es ihm, das damalige Lebensgefühl der Heranwachsenden einzufangen.

Ragtime ist angesagt! Am Vorabend der Tragödie tanzen und feiern Teenies ausgelassen zu dem Lied „Princess Crocodile“ , überarbeitet von FM Einheit (ehemals Schlagzeuger der „Einstürzenden Neubauten“) und der dänischen Sängerin Gry. In der nächtlichen Szenerie tönt Grys betörende Stimme aus den Lautsprechern, Swing Beats schallen über das Anwesen, der halluzinogene „Göttertrunk“ Absinth fließt in Strömen: in Schellers Garten ist genug Platz für haltlose Schwärmereien, rebellisches Aufbegehren und sexuelle Abenteuer. Ein moderner Song, der symbolisch für die große Leichtigkeit steht, die über dem Berlin der 20er Jahre schwebt.

Wer selbst gern über die Liebe schreibt, kann beim "Poetry Wettbewerb" teilnehmen und sein Gedicht veröffentlichen:
www.liebe-in-gedanken.de

 
  • Serie kulturbrief
  • Quelle ZEIT.de, 02.April 2004
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