Fußball unter NelkenregenKurz vor Beginn der Fußball-EM feiert Portugal den dreißigsten Jahrestag der "Nelkenrevolution"Was hat Fußball mit Revolution zu tun? - In Portugal eine ganze Menge! Fußball und Revolution sind hier zwei Seiten einer Medaille, die man mit "ausgeprägtes aber unaufdringliches Nationalgefühl" beschreiben kann.Die Fußball-Seite macht aus einer Frage der Konfektion ("Benefica"-, "Sporting"- oder "F.C. Porto"-Trikot) eine Frage der Konfession. Und am Tag nach dem Spiel kann kein noch so erschütterndes Weltgeschick die Spielergebnisse von Platz Eins der Gesprächsthemen verdrängen. Nicht umsonst ist das Kicker-Fachblatt "A bola" die auflagenstärkste Zeitung des Landes.Die Revolutions-Seite zeigt den Sinn der Portugiesen für das Lyrische in der Politik. Kaum eine Revolution atmet so viel Poesie wie jener friedliche Aufstand vom 25. April 1974, der der längsten Diktatur Europas ein Ende setzte und als "Nelkenrevolution" in die Geschichte einging: Da gibt es zum Beispiel das Lied "Grândola vila morena" des oppositionellen Liedermachers José Afonso, das, von einem kleinen Radiosender zu einer verabredeten Uhrzeit gesendet, für die Revolutionäre im Land das Signal zum Aufbruch gibt. Ein Lied als Startschuss für einen Regimesturz! Oder die Sache mit den Nelken: Die Militärs, von denen der anfängliche Putsch zunächst ausgeht, haben sich Nelken in die Gewehrläufe gesteckt, zum Zeichen, dass sie in friedlicher Mission gekommen sind. Obwohl sie die Bevölkerung über Rundfunk und Megaphon auffordern, in den Häusern zu bleiben, um das Chaos auf ein Minimum zu reduzieren, stürmen diese aus allen Winkeln auf die Straßen und jubeln den Soldaten unter einem Regen aus Nelken zu. Fünfzig Jahre Salazar-Diktatur ersticken in einem Blumenmeer - ein Bild, das seine Legendenbildung schon in sich trägt.Ganz konkret wird der Zusammenhang zwischen "futebol" und "revolução", blickt man noch weiter zurück, in die Zeit vor der Revolution: Das "Centro Desportivo" in Lissabon war sowohl (offizieller) Treffpunkt für Fußballspieler als auch (inoffizieller) Versammlungsort der Studenten, die hier ihre antifaschistischen Ideen diskutierten und Umsturzpläne schmiedeten. Sich gerade hier zu konspirativen Sitzungen zu treffen, war ein umso genialerer Schachzug, als Diktator Salazar selbst wie auch sein Nachfolger Marcello Caetano den Fußball für Propagandazwecke instrumentalisierten. "Futebol - Fado - Fátima" hießen die drei Säulen des Regimes. Diese Mixtur aus sportlichem Fanatismus, musikalischem Fatalismus und pseudo-religiösem Wunderglaube sollte das Volk von der eigenen Misere im Land ablenken. Ein besseres Versteck vor den Häschern des Salazar- Regimes als hinter einer seiner Säulen konnte es für Oppositionelle kaum geben.Dass auf die anfängliche Euphorie in den Monaten nach der Revolution die Ernüchterung folgte, da einige neu eingeführte Sozialmaßnahmen schon bald wieder eingeschränkt oder gar abgeschafft wurden, tut dem Stolz und der Freude keinen Abbruch, mit dem die Portugiesen jedes Jahr den 25. April feiern. Ganz besonders natürlich jetzt, da sich die "Revolução dos Cravos" zum 30. Mal jährt. In fast jeder größeren Stadt gibt es seit einigen Wochen ein Festprogramm mit Konzerten, Kundgebungen, Straßentheater und Ausstellungen.Man kann es Zufall nennen, dass die beiden nationalen Großereignisse - Fußball- EM und 30 Jahre "Nelkenrevolution" - in diesem Jahr zusammenfallen. Da wir aber in Portugal sind, sprechen wir besser von "Schicksal". Und lassen den Blick in die Ferne schweifen.