Ballett im KopfDieses Stück ist also Ballettmusik. Soll mit menschlichen Gliedern gesprungen, gedreht, getanzt werden. Aber wie? Jede Kunstform sucht nach Herausforderungen, die ihre Grenzen sprengen, in diesem Fall sollte man die Tänzer zuallererst von den Gesetzen der Schwerkraft und den Grenzen der Anatomie befreien. Kraanerg für Orchester und Tonband ist das heimliche Hauptwerk von Iannis Xenakis, heimlich, weil es kaum je gespielt wurde (geschweige denn choreografiert), Hauptwerk, weil es die besten Seiten von Xenakis vereinigt: die pulsierenden, energetischen Entladungen komprimierter Klangaggregate ebenso wie das Flechtwerk strebender Linien – im Großen kräftig keilend, im Kleinen fein modulierend. Vielleicht ist es sein vielgestaltigstes Stück. Immerhin ist es 75 Minuten lang und frei von Durststrecken und faden Wiederholungen: ein den Zeitabgrund leichthin überbrückender Kraftbogen. Xenakis hat keine Oper geschrieben und hatte es auch nie vor – Kraanerg kommt einer idealen Dramaturgie dieser Gattung am nächsten (nur viel besser, da ohne Geschrei und ridiküle Posen).Milan Kundera schrieb einmal, dass er in einer Phase der Verzweiflung Trost bei der Musik gesucht habe, und zwar nicht bei den Hausapothekern, die Bach und Mozart als Trostpflaster anempfehlen, sondern bei Xenakis. "Solch ein Augenblick war es, in dem die Musik mir als der ‚betäubende Lärm der Emotionen‘ erschien, während die Welt des Lärms in Xenakis’ Kompositionen für mich zur ‚Schönheit‘ wurde: Schönheit, bei der der Gefühlsdreck weggespült war, Schönheit, von sentimentalem Barbarismus befreit." Von diesen Qualitäten hat Kraanerg einige zu bieten, und das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Alexander Winterson (Col legno wwe1cd20217, Vertrieb: Harmonia Mundi) arbeitet sie mustergültig heraus. Das Stück ist bestens aufgenommen, glasklar durchhörbar, räumlich aufgestellt, mit Vehemenz gespielt und hervorragend balanciert.Ins Leben getreten ist Kraanerg durch einen Auftrag des kanadischen National Arts Center, das 1969 zu seiner Gründung nach internationaler Modernität griff und sich der ästhetischen Speerspitze versichern wollte. So traf der Choreograf Roland Petit auf den Dekormeister Victor Vasarély und den griechisch- französischen Komponisten mit dem Ergebnis, dass allgemein die Überlegenheit der Musik über die visuellen Aspekte festgestellt wurde. Weder der verspielte französische Neoklassizismus noch die Lineaturen der Op-Art konnten der eruptiven Gewalt der Partitur etwas Adäquates entgegensetzen. Kraanerg bleibt ein Fall für die imaginäre Bühne zwischen den Ohren.