Belletristik

Von Evelyn Finger

Almut-Barbara Renger (Hg.): Mythos Europa
Texte von Ovid bis Heiner Müller
Reclam Verlag, Leipzig 2003; 259 S., 12,90 €
Seit die griechische Zwei-Euro-Münze mit dem Stier und der halb nackten Reiterin in Umlauf gebracht wurde, hat sich überall herumgesprochen: Der Gründungsmythos unseres Kontinents beruht auf einer Entführung. Der stets lüsterne Zeus galoppiert mit der phönizischen Prinzessin Europa nach Kreta. Und dann? Dann erzählen die Dichter den Mythos weiter, spinnen aus Göttergeschichten Menschheitsgeschichten, weben Furcht und Hoffnung in den tradierten Stoff. Gewaltsame Eroberung, friedliche Vereinigung. Welcher der Interpreten (Lukian, Lessing, Böll…) Recht behält, wird sich jedoch erst erweisen, wenn die EU auf die Maße des europäischen Kontinents angewachsen ist.
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Bernd Seidensticker, Antje Wessels (Hg.): Mythos Sisyphos
Texte von Homer bis Günter Kunert
Reclam Verlag, Leipzig 2001; 286 S., 12,60 €
An keiner mythischen Gestalt haben die Schriftsteller des 20. Jahrhunderts sich so unermüdlich abgearbeitet wie an dem Steinewälzer, dessen Siege immer Rückschläge sind. „Was du tust, ist aussichtslos“, schreibt Hans Magnus Enzensberger 1957 in seiner Anweisung an Sisyphos, „aber finde dich nicht damit ab.“ Zornig zu bleiben, die Zukunft wider alle Vernunft zu wollen, sei die einzig angemessene Haltung in einer hoffnungslosen Situation. Diese Textsammlung ist eine der kontroversesten und schönsten aus dem großen Projekt des Leipziger Reclam-Verlages, das die zahllosen Adaptionen abendländischer Mythen ordnet. Zwölf Bände sind bisher erschienen: zu Medea, Ikarus, Pandora… Da finden verstreute Mythenkommentare aus unserem Bücherschrank, wie Dieter Muckes Sisyphos erprobt sich als Prometheus, endlich Anschluss.
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Sachbuch

Von Volker Ullrich

Frank Niess: Che Guevara (rororo-monographie)
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2003; 160 S., 8,50 €
Für Jean-Paul Sartre war er der „vollkommenste Mann seiner Zeit“. Andere stilisierten ihn zum „ersten Bürger der Dritten Welt“ oder zur „Ikone revolutionären Märtyrertums“. Schon bald, nachdem bolivianische Militärs ihn am 9. Oktober 1967 ermordet hatten, wurde Ernesto „Che“ Guevara zur Legende. Frank Niess macht in seinem nüchternen, doch mit viel Sympathie geschriebenen Porträt den Menschen hinter dem Mythos sichtbar – mit seinen großen Verdiensten als „Comandante“ und Weggefährte Fidel Castros im kubanischen Befreiungskampf und mit seinen großen Irrtümern, was den Traum von einer Revolution in ganz Lateinamerika betraf.
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