Musik ist Ort, Tageszeit, Wetter. Mehr als Bücher, Bilder oder Filme. Diese hier ist Sonntagmorgen, ein Seitenarm des großen Flusses, dort, wo das Wasser so träge zieht, dass es zu stehen scheint, sich an der Oberfläche kaum bewegt, darunter schneller, in verschiedenen Graden: das Klavier von Marilyn Crispell, der Bass von Mark Helias, das Schlagzeug von Paul Motian. Nicht immer ist deutlich, was oben, unten oder in der Mitte fließt, die Melodien wandern vom Flügel in den Bass, blitzen in den Tonfolgen des Beckens und der Trommeln auf und kehren wieder zu den Stahlsaiten zurück.

Ruhig treiben die Kompositionen und Improvisationen des Marilyn Crispell Trios dahin, man mag es nicht glauben, dass hier eine Frau spielt, die jahrzehntelang zur frei improvisierenden Avantgarde des amerikanischen Jazz zählte, dem Saxofonisten Anthony Braxton ebenso nahe wie den Engländern um Barry Guy oder Evan Parker. Die zurückhaltende, 1947 in Philadelphia geborene Pianistin scheint mit wachsendem Alter jede Scheu vor ihren eigenen Erwartungen zu verlieren, nichts muss mehr bewiesen werden. Sie spielt nur noch aus sich heraus, ein Energiefluss aus ihrem Körper direkt in die Tasten: "Storyteller" (ECM 1847).

Wie in einem Kinderlied fallen die Töne von "Harmonic Line" aus ihrer rechten Hand, dann übernimmt der pulsierende Herzschlag-Bass von Mark Helias die linke, bis Crispell rechts wieder kleine Lichtflecke auf die Komposition setzt, ein Hin-und-her-Schaukeln von Sätzen, als wechselten sich die Sprecher bei jeder Zeile eines Gedichtes ab. Idealer Partner in diesem Spiel ist der 1931 ebenfalls in Philadelphia geborene, alterslose Paul Motian, der mit der lyrischen Elite des Jazz eng verbunden ist, von Lennie Tristano über Paul Bley bis zu Keith Jarrett, und der doch immer mit der Glasmenagerie des Bill Evans Trios identifiziert werden wird.

Paul Motian, türkisch-armenischer Herkunft, tanzt und springt vor und hinter dem Beat, umspielt ihn, lässt den anderen den Vortritt und ist doch schon wieder einen Schritt voraus, Hase und Igel in einer Person. Das beschleunigt und bremst zugleich, schafft selbst bei erhöhter Geschwindigkeit Ruhe. Nach den Crispell-Alben "Nothin’ Ever Was", "Anyway" und "Amaryllis" – mit Gary Peacock als Bassisten – erscheint "Storyteller" wie der Abschluss eines Triptychons, das die weit verstreuten Kompositionen der drei in der Lyrik eines Trios sammelt und bündelt (kein Schlagzeuger dürfte übrigens derart viele Titel komponiert haben wie Paul Motian; der Sampler "Paul Motian" in der ECM-Serie :rarum führt dies vor). Vielleicht muss man wie Marilyn Crispell durch das Fegefeuer des Freien Jazz gegangen sein, um so lyrisch gebunden spielen zu können.