In Europa war es vor tausend Jahren besonders warm und besonders unruhig. Die politischen Grenzen änderten sich jährlich, die Feldzüge nahmen kein Ende. Man rechnete mit dem Weltuntergang, baute aber von Mainz bis Venedig Dome, die noch heute stehen. Natürlich wurde auch Musik gemacht. Aber die Lieder der reisenden Musiker, die in Säcken aus Stierhaut Harfen mit Saiten aus Schafsdarm mit sich führten, diese Lieder sind verschollen. Bis auf die paar, die so schön waren, dass sie von Mund zu Mund bis nach Canterbury gelangten, wo die Mönche von Sankt Augustinus sie aufschrieben. Sie erzählen von Orpheus und vom Kaiser Otto, von Liebe, Nachtigall und Schwan.

Viele der Lieder kommen vom Rhein, entstanden für weltlich geneigte Kirchenleute, und darum nennt das Ensemble Sequentia seine neue CD "Verschollene Lieder eines rheinischen Harfners". Den verkörpert nun Ensemblegründer Benjamin Bagby. Seine wohltönende Harfe ist einer Skulptur aus der Kathedrale von Chartres nachgebaut. So könnte es geklungen haben. Doch wie verziert man es? Wie rhythmisiert man die nur skizzenhaft fixierten Melodien? Solche Fragen lassen Theoretiker blass werden, Praktiker führt sie zu einer Kunst, die schon vor tausend Jahren blühte: Improvisation. Bagbys sensibles Saitenspiel bringt die scheinbar kargen Weisen ebenso zum Leuchten wie der reine und ausdrucksreiche Gesang.

Es sind mehr kreisende als dramatische Melodien, sie folgen nie unmittelbar den Worten (das begann erst 500 Jahre später), und wo Bagby, Agnethe Christensen und Eric Mentzel mehrstimmig singen, geschieht es in Quintparallelen. Aber wer beim Hören dem poetischen Latein per Übersetzung folgt, merkt, wie sorgsam die Linien der Barden geführt sind, um eine Stimmung hervorzubringen. Die Melancholie der Frau, die in einer Aprilnacht den verlorenen Geliebten als Geist umarmt und, als er wieder verschwindet, nicht mehr aufhören kann zu weinen. Die Angst des Schwans, der selbst erzählt, wie es ihn aufs weite Meer verschlagen hat. Der Tod des Orpheus. Die Wollust, mit der Mann und Frau ein Liebesmahl verzehren. Diese Klänge umgeben einen.

Das gängige Klischee derber "Spielleut’" aus dem "finsteren Mittelalter" wird hier nicht bedient (DHM 82876 58940 2). Stattdessen hört man die Feinfühligkeit einer Übergangszeit, die sogar die Sprache prägt, wenn Latein und frühes Deutsch sich mischen: "Hoc evanescit omne also wolcan in themo humele…": So zieht alles vorbei als wie Wolken an dem Himmel. Welche Menschen den Wolken vor tausend Jahren nachblickten, ahnt man jetzt besser.