Amerika hat den Polinator, Deutschland braucht den Politainer und hat ihn auf der Suche nach dem Superstar längst gefunden. "Bohlen for President" stand auf einem Plakat im Publikum bei "Wetten, dass..?". In der Tat wäre Dieter Bohlen für eine post-profunde Pop-Politik der aussichtsreichste Kandidat. Eine eigene "Partei" (oder verwechselt er es mit Party?) hat er dank eines lukrativen Werbevertrags mit Müller-Milch bereits gegründet. Wie viele treue, milchtrinkende Bohlen-Anhänger bisher Becherdeckel eingesandt haben und Mitglied geworden sind, möchte die Firma nicht sagen. Aber jetzt wird "Bohlitik" gemacht und der Fun-Faktor gegen die allgemeine deutsche Jammerstimmung gesetzt. Die entsprechenden Werbespots verärgerten Politiker bei ihrer Veröffentlichung im Sommer dieses Jahres so sehr, dass sie unter der Führung von Bundestagsvizepräsidentin Susanne Kastner über rechtliche Schritte nachdachten.Eingeleitet wurden diese nun aber nicht wegen der pseudopolitischen, sondern der pseudoliterarischen Tätigkeit des Musikproduzenten. Am 4. Oktober war der Erst- und wegen einstweiliger Verfügungen vorerst auch Letztverkaufstag des neuen Bohlen-Werkes "Hinter den Kulissen". Auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert der Random House-Verlag es nun mit geschwärzten Passagen. Unzensiert ist es nur gebraucht bei Internet-Versteigerungen zum teilweise drei- bis vierfachen Preis zu bekommen. Viel Lärm um Bohlen - ist er derart relevant?Vielleicht sollten wir ihn und sein neues Buch mit Nichtbeachtung strafen und einfach "Hinter den Kulissen" lassen, was dorthin gehört - denn jede PR ist eine gute PR und nichts im Showbiz schlimmer, als nicht wahrgenommen zu werden (Mehr als Jenny Elvers, Eva Herman, Jens Riewa und Thomas Anders hat deshalb Nadja Abdel Farag Grund zur Klage über den Neuling ihres Ex, in dem sie nur am Rande vorkommt, weil sie Bohlen "im Moment zu unwichtig" ist). Bohlen selbst allerdings muss man nicht nur als Entertainment- und schon gar nicht als literarisches, sondern als Zeitgeistphänomen wahrnehmen.Deshalb ist es auch gar nicht so erstaunlich, wie viele und welche Leute, bibliophile Leseratten wie Buchhandlungs-Erstbetreter, Bohlens Bücher kaufen. Sie tun dies keineswegs diskret über den Internet-Versandhandel, sondern völlig un-verschämt in ihrer Lieblingsbuchhandlung oder -bücherei. Neben dem neuen Raoul Schrott und einem Deleuze-Band ein Bohlen in der Büchertüte. Jeder möchte mitreden können.Reden über was eigentlich? Über "Nichts als die Wahrheit" (Bohlens erstes Buch), die eine so platte und banale ist, dass jede Plauderei mit der Nachbarin mehr Inhalt bietet? In "Hinter den Kulissen" erzählt er jetzt all die Sex- und Sensationsgeschichten, die er im Erstling vergessen und seit dessen Veröffentlichung im Herbst 2002 erlebt hat: Vom "Nudel-Test" mit Pur- Sänger Hartmut Engler bis zur schmutzigen Wäsche der "Superstars".Das alles ist so geschrieben wie Dieter Bohlen spricht und ein Ergebnis des Synergieeffekts Bohlen/Bild. Kolumnistin Katja Kessler ist erneut Co- Schreiberin: Kurze Sätze, markige Ausrufe, merkwürdige Semi-Anglizismen ("Ready for Verarsching"), infantile Putzigkeiten (auf das frisch erstandene saftig grüne Weideland "kommen jetzt ein paar Hoppi-Hoppis drauf"), ansonsten ein pubertär-sexualisiertes Vokabular. Wer nicht sowieso gleich zur Hörbuch-Fassung greift, hat den Autor beim Lesen als kleines Männchen im Ohr. Über eine Cabriolet-Fahrt mit Nena: "Ich setzte mich extra ein bisschen quer und luscherte wie ein Chamäleon: Das rechte Auge in Fahrtrichtung, das andere links in Nenas Achseldekolleté. Man will ja sehen, was da so im Hemdchen hängt. Siehe da: Zwei herzallerliebste kleine Williams-Christ-Birnchen, ready for pflücking." So und ähnlich geht es über 336 Seiten. Einfach und voller Plattitüden.Möglicherweise ist es gerade das, was den allgemeinen Hype um Leute wie Dieter Bohlen oder Daniel Küblböck, sein Superstar-Ziehfröschchen, das im Alter von 18 Jahren gerade ebenfalls seine Biografie veröffentlicht hat, ausmacht. Die Kausalität von Fähigkeiten, Ausbildung und Erfolg gilt nicht mehr - warum sich also mit dem früheren Bildungskanon anstrengen? In der Leistungsgesellschaft, die nicht mehr funktioniert und in der immer weniger Leute mithalten können, bieten Bohlen und manch anderer etwas an, das niemanden überfordert. Man muss nicht viel können, nicht viel nachdenken und nicht viel verstehen, um mitzureden. Wer nur aus eskapistischen Gründen fernsieht oder liest, der ist bei Bohlen und Küblböck gut aufgehoben.Gleichzeitig erlebt man am Beispiel Küblböck, wie einer, der nichts wirklich kann, dennoch und gerade deshalb erfolgreich ist, reich und berühmt wird. Anders als die Sterne der glamourösen Juliette und des Superstar-Smarties Alexander strahlt seine "positive Energie" auch während der zweiten Staffel der RTL- Superstarsuche noch, obwohl die Presse von Anfang an menetekelt hatte, sie werde nicht weit reichen. Bohlen und Küblböck nehmen uns die Angst vor dem Versagen, indem sie das sympathische Losertum zum Prinzip erklären: Wer nicht singen kann, wird Superstar, wer nichts zu sagen hat, schreibt Bücher. Vielleicht braucht unsere Gesellschaft solche Leute als Ventil.Bohlen for President. Warum also nicht? Hat er doch durchaus moderne politische Qualitäten: Er kann lange reden, ohne etwas zu sagen, ist streitbar, telegen, populär. Und er hat bereits zwei Bücher geschrieben, heutzutage unabdingbar für jeden Politiker, der etwas auf sich hält. Man stelle sich Bohlen im Fernseh-Rededuell mit Angela Merkel oder Edmund Stoiber vor, das er natürlich klar gewinnen würde. Oder beim Staatsbesuch bei George W. Bush - oder dann vielleicht auch schon beim 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Arnold Schwarzenegger.Möglicherweise hat aber Thomas Gottschalk Recht, wenn er in "Wetten, dass..?" unkt, Bohlen reiße mit dem Arsch wieder ein, was er mit den Händen aufgebaut habe. Die Buh-Rufe auf Bohlens Vorschlag, jeder solle doch auch einfach mal ein Buch schreiben, dann gäb's auch keine Arbeitslosen mehr, waren sicher ein Anzeichen dafür, dass der Klimax der Bohbularität jetzt überschritten ist. Bohlen wird sich selbst erledigen. Egal, ob er so einfach gestrickt ist wie es auf den ersten Blick scheint oder mit seiner Naivität nur kokettiert und hinterrücks-klug das Spiel um Popmärkte und Moneten lenkt. Er weiß selbst, dass die aktuelle Inflation der Banalitäten irgendwann zu deren Aus führen und Platz für neue machen wird."aspekte" zeigte kürzlich in einem Beitrag über die Retro-Welle einen Ausschnitt aus einem Modern Talking-Video und kommentierte, wer sich jetzt nicht spontan übergeben müsse, der sei ebenfalls vom grassierenden 80er-Revival befallen. Je früher sich uns der Magen beim Lesen des jetzigen Bohlen umdreht, desto besser. In einigen Jahren werden seine Bücher ebenso verschämt in der hintersten Ecke des Buchregals stehen wie jetzt die Modern Talking-CDs und nur noch für Retro- Parties hervorgeholt werden - und wer wäre besser geeignet für ein 00er-Revival als Dieter Bohlen?