Musik Die großen Verwandler

Klavieraufnahmen von Jorge Bolet, Nikolaus Lahusen, Antti Siirala und Marc-André Hamelin

Pianisten haben es gut: Aus allen Zeiten und Weltecken quellen ihnen Stücke zu. Die Klavierliteratur ist unerschöpflich. Und doch gehen sie immer wieder bei den Kollegen plündern, schreiben sich Violinsonaten um, eignen sich Sinfonien und Opern an oder greifen zu Liedern. Transkription heißt solche, mal feindliche, mal freundliche Übernahme. In der Zeit vor der Erfindung des Plattenspielers herrschte Mangel an klingender Musik, und die Verleger sorgten daher für reichlich Nachschub. Franz Liszt war der Bestseller seiner Zeit – obwohl rätselhaft bleibt, wer seine Sachen tatsächlich spielen konnte. Er sah sich von den Notenstechern umstellt, die ihm eine Transkription nach der anderen abpressten.

Aber Liszt verfolgte zunächst missionarische und keine kommerziellen Interessen. Er wollte die Werke seines Freundes Hector Berlioz bekannt machen. Die Orchester weigerten sich, dessen Monstermusik zu spielen, also packte er sich 1833 die Partitur aufs Notenpult und spielte sie bei seinen Solo-Tourneen in ganz Europa. Kurz darauf brachte er in gleicher Weise Beethovens Sinfonien (alle Neune) unters Volk und schließlich 55 Lieder von Franz Schubert, der außerhalb Wiens unbekannt war.

Der wahre Grund seines Interesses an Bearbeitungen könnte aber auch die Allmachtsfantasie des romantischen Virtuosentums sein. Alfred Brendel hat sie einmal angesprochen: „Der Pianist entdeckt den Flügel neu – als Instrument, das jede Verwandlung gestattet – und sich selbst als den Mann, der alles verwandeln kann: den Flügel in eine Orgel, eine Oboe, ein Orchester; sich selbst in einen Dirigenten, einen Liedersänger, in einen Erzähler, Zigeuner, Priester, Derwisch, Maler, in Vögel oder Meereswogen, ja in die Elemente selbst.“ Liszt war nicht nur ein Spieler ohne Grenzen, sondern auch ein poetischer Geist. Daher sind seine Transkriptionen Neuschöpfungen eines fabulierenden Original-Genies und keine bloßen Übertragungen. Wenn Schubert etwa ein unvariiertes Lied schreibt, wo jede Strophe gleich gestaltet ist, macht Liszt Programmmusik daraus. Bei dem Gedicht "Auf den Wassern zu singen" zum Beispiel, verfasst von Friederich von Stolberg, in dem eine Bootspartie durch tänzelnde Wogen und Abendrot zum Abbild der zeitvergessenen Seele erhoben wird, schließt Liszt an die letzte Zeile „Bis ich selber entschwinde der wechselnden Zeit“ noch eine eigene vierte Strophe an, die den Tod in dramatischer Klavierturbulenz unzweideutig zu Gehör bringt.

Die vermaledeite Aufgabe des Transkriptionen spielenden Pianisten ist, dass er alles allein machen muss. Er muss den dominanten (bornierten) Sänger geben und den zart fingernden Begleiter dazu, das alles bei unbequemen Griffen und Sprüngen über die ganze Tastatur. Bravourös hat das Jorge Bolet dargestellt, in Aufnahmen aus den achtziger Jahren, die von der Decca (Decca 467801) immer mal wieder auf den Markt gegeben werden. Weniger überzeugend ist das bei Nikolaus Lahusen gelöst, der jüngst 14 Liszt-Transkriptionen einspielte (Celestial Harmonies 13228) .

Muss ein Pianist wissen, wie man ein Spinnrad bedient? Es kann jedenfalls nichts schaden, wenn er an Schuberts Lied "Gretchen am Spinnrade" herantritt. Denn da sind alle Teile dieser altertümlichen Textilgewinnungsmaschine in den Klavierfiguren getreulich nachgebildet: das Schwungrad mit Fußantrieb, die klappernde Haspel, die kreisende Spindel. Hier haben Temposchwankungen, die rhetorischen Seufzer und Drücker nichts zu suchen – die mag sich das singende Gretchen leisten, aber nicht das Rad (denn wie sähe sonst der Faden aus?). Das "Spinnrad" von Lahusen weist erhebliche Unwuchten auf, es stockt und eiert, und realiter würde es wahrscheinlich blockieren: Kurbelfresser. Nicht selten ist bei Lahusen die Schwierigkeit zu hören, dass eine Hand zwei, drei verschiedene Sachen zugleich zu verrichten hat: nach oben springen, um die Melodie zu formen, nach unten springen, um den Bass federn zu lassen, in die Mitte greifen, um noch eine Hand voll Begleitakkorde zu streuen. Was aber als drei Schichten zusammenschmelzen soll, gerät als hackeliges Nacheinander: Der Guss ist erkennbar, aber die Grate sind stehen geblieben. Besonders deutlich im "Erlkönig", jener Ballade, wo vier Stimmen (Erzähler, Vater, Sohn, Erlkönig) ihr verflochtenes Drama zu singen haben. Hier den Überblick zu bewahren, das Figurenwerk auf der Spur zu halten und dennoch jeden Part kantabel zu geben, das gelingt dem jungen Finnen Antti Siirala (Naxos 8.555997) . Seine Sammlung an Schubert-Transkriptionen zieht die Perspektive dann noch weiter auf, denn sie bringt die Erzbearbeiter Ferruccio Busoni (der sein halbes Lebenswerk auf Bach-Bearbeitungen verwendete) und Leopold Godowsky ins Spiel, jenen Getriebenen, der Chopins ohnehin schon fingerbrechende Etüden nicht nur von der linken Hand allein spielen ließ, sondern sie noch weiter verkomplizierte – atemberaubend vorgetragen von Marc-André Hamelin (Hyperion CDA674112) .

Zu Schuberts "Gute Nacht" aus der "Winterreise" fügt er kommentierende Motive hinzu, gibt dem nächtlich scheidenden Wanderer eine zweite innere Stimme, die zweifelnde Anmerkungen macht oder sich selbst bestätigt. Ein kleiner Eingriff in die altehrwürdige Erzählung, ein großer Wechsel in der Wirkung. Es sind diese Qualitäten, die gelungene Transkriptionen so fesselnd machen – Kommentare und Ausdeutungen, die uns die vertrauten Texte aus unbekannter Perspektive neu beleuchten. Und den Kommentator aus entrückter Zeit selbst mit ins Bild rückt.

 
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