Musik Kreuzberg vs. Jamaika
Die Berliner Mark Ernestus und Moritz von Oswald - alias "Rhythm & Sound" - produzieren und mastern Reggae und Dub
Seit 1989 gibt es "Hardwax" in Berlin, Fachhandel für elektronische Tanzmusik am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg. Der Inhaber Mark Ernestus verkauft nicht nur Schallplatten, gemeinsam mit seinem Freund Moritz von Oswald produziert und mastert er auch selbst. Eine Vinylschnittanlage ergänzt die Hinterhofunternehmung. Unter dem Namen "Rhythm & Sound" machen die beiden seit einigen Jahren Musik, die jamaikanisches Lebensgefühl und deutsche Genauigkeit aufs erstaunlichste zusammenbringt. Das Tempo, die Lockerheit und die räumliche Tiefe kommen vom Reggae und seinem modernen Echo, dem Dub. Die erfrischend synthetischen Klänge gehen auf House und Techno zurück ohne deren Nervosität.
Die zwei Musikhersteller arbeiten langsam und feilen an einem Stück. So sind nach und nach acht Titel als 10 inch herausgekommen, also in jenem mittleren Format zwischen Single und LP, das in den fünfziger Jahren verbreitet war und im Reggae der achtziger Jahre wieder auftauchte. Vorne drauf ist je ein Song jamaikanischer Sänger wie Cornel Campbell, Jennifer Lara, Jah Batta oder Paul St. Hilaire, hinten eine instrumentale Version. Im Hardwax-Laden gehen sie reißend weg; auch international haben sie Anklang gefunden. Hör-Voraussetzung war bisher ein Plattenspieler (den wiederzuentdecken durchaus Freude macht).
Nun, nach drei Jahren, bekommen auch die armen CD-Spieler-Besitzer eine Chance durch gleich zwei Alben (als burial mix 2 & 3 bei www.basicchannel.com , Vertrieb: indigo). Wers mehr mit Dub und Reggae hat, greift zu "The Artists", auf der die acht A-Seiten versammelt sind; wers verwaschener und entrückter liebt, holt sich "The Versions" mit den acht B-Seiten. Auf ihrem soweit das bei CDs überhaupt möglich ist ansprechend gestalteten Pappklappcover sind die acht Sänger fotografiert hier weich gezeichnet in Schwarzweiß-Sepia, dort bis zur Unkennlichkeit verwischt. Noch diese visuelle Feinheit zeigt: Hier geht die Liebe zur Musik mit konzeptioneller Strenge einher.
Ernestus und von Oswald, beide Anfang 40, hören Reggae und Dub seit Urzeiten, und nachdem sie in den neunziger Jahren in Techno und House eintauchten, haben sie begonnen, die verschiedenen Richtungen miteinander zu verschmelzen. Das jüngste Resultat erscheint in seiner Ästhetik so zeitnah wie zeitlos: Musik, die so vollendet entspannt ist, könnte den Vorbeizug der Moden überdauern. Sie hat keine Eile. Sie muss nirgendwo hin.
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