Musik Boshaft lauert das Nichts

Äußerlich erinnerte Dimitri Mitropoulos an jenen Mönch, der er in seiner Jugend einmal werden wollte: die große, hagere Gestalt, der markante, fast kahle Schädel, das einfache Leben in einem Raum, der wenig mehr bot als Tisch und Stuhl, Bett und Klavier. Tatsächlich trug seine Hingabe an die Musik bei aller Professionalität religiöse Züge. Zeit seines Lebens war Mitropoulos nicht nur Musiker, sondern ein philosophisch gebildeter Vermittler zwischen Menschen und Kulturen.

Wahrscheinlich hat ihn genau dies zu einem der bedeutendsten – und unterschätzten – Dirigenten des 20. Jahrhunderts gemacht. Alles andere war Handwerk: das Studium bei Busoni, dem er viel verdankte; das legendäre, übrigens keineswegs fotografische Gedächtnis, das es Mitropoulos erlaubte, ganze Opern wie Alban Bergs "Wozzeck" ohne Partitur nicht nur aufzuführen, sondern auch zu proben; schließlich das unerbittliche Arbeitsethos. Sein Einsatz für die Musik, insbesondere diejenige seiner Zeit, war von einer missionarischen, ja fanatischen Unbedingtheit, die sich mühelos auch über die Konserve vermittelt.

Es mag perfektere Aufnahmen der "Sechsten Sinfonie" von Gustav Mahler geben als den Konzertmitschnitt mit dem WDR Sinfonieorchester Köln vom August 1959 (IMG Artists/EMI 575471). Und doch ist dieses Konzert bis heute ein Meilenstein der Mahler-Rezeption, trotz der monauralen Aufnahmetechnik unglaublich transparent, zugleich von einer emotionalen Wucht, die einen fast erschlägt. Zu erleben ist die totale Identifikation des Interpreten mit dem Komponisten und seinem Werk. Gerade im Pessimismus und der abgründigen Verzweiflung der "Sechsten Sinfonie" muss Mitropoulos Mahler als Seelenverwandten erlebt haben. Mit einer heute rar gewordenen Mischung aus interpretatorischer Freiheit und detailgenauer Stringenz begab er sich auf die Suche nach der Spiritualität hinter den Noten. Und selten begreift man derart bestürzend, wie boshaft hinter dieser Sinfonie das Nichts lauert. Ein Jahr später dirigierte Mitropoulos in Köln ähnlich grandios Mahlers "Dritte Sinfonie". Nach dem ersten Satz drängte man ihn wegen einer Herzschwäche zum Abbruch, was er, der besessene griechische Mönch, ablehnte. Beim WDR sollte er – nach zermürbenden Jahren beim New York Philharmonic Orchestra – noch einmal Chefdirigent werden. Es wäre eine Ära geworden. Nur Tage später folgte während einer Probe von Mahlers "Dritter" in der Mailänder Scala die tödliche Herzattacke.

 
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