Ernst Krenek guckt einen auf Fotos oft an wie ein kluges Reptil, eigentümlich starr die Miene, die Augen so geöffnet, als würden sie nie blinzeln. Manche haben ihn als musikalisches Chamäleon geschmäht, denn der Komponist war in unzähligen Stilarten zu Hause oder, besser gesagt, zu Gast, von Mittelalter bis Jazz, von Beethoven bis zur Dodekafonie, alles rasch beherrschend und dabei steter Skepsis unterwerfend. So klar, so transparent er komponierte bis zu seinem Tod vor zwölf Jahren, so suspekt war diesem Karl-Kraus-Verehrer das Bekenntnishafte, glühend Subjektive, einzig Wahre. „Man kann Musik beliebig umfunktionieren“, sagte Krenek.

Vielleicht hat niemand so weit in ihn hineingeblickt wie Adorno: „Die Grenze von Wachen und Traum versperrt ihm den unmittelbaren Zugang zu seinem Tiefentraum; so wird ihm der Umweg über die Stile zum Serpentinenpfad in den Abgrund der eigenen Musik…“ Dass so ein Pfad in verschiedenen Jahren dasselbe Gelände berühren kann, zeigen zwei Streichquartette. Das erste beginnt so altmeisterlich wie schwerelos mit einem Kanon. Es war bezeichnenderweise Bach, mit dessen Hilfe sich der 21-jährige Wiener von der üppigen Überwältigungsmusik seines Lehrers Schreker unabhängig machte: nichttonale Kontrapunktik um die Notenfolge BACH.

Dabei gehen Konstruktion und Spontanität ineinander über. Kaum ist eine Form geprägt, entspringt ihr etwas Neues, sanft oder kapriziös, und wird im Moment des Freiwerdens selbst schon wieder formbestimmend. Zwischen Belebung und Kristallisierung ist man ständig gespannt, wie es weitergeht. Jedenfalls beim "Petersen Quartett" (Capriccio Deutschlandradio 67015, bei Delta Music). Die Geiger Conrad Muck und Daniel Bell, Bratscher Friedemann Weigle und Cellist Jonas Krejci spielen auf der Stuhlkante, elektrisiert, hellhörig an jeder Stelle. Wenn Krenek sein(en) BACH in eine gläserne Diskantfläche intarsiert, kann man darin noch feinste Klangschichten unterscheiden.

Kein Takt klingt verschwiemelt, nichts wird breitgetreten, und die Nüchternheit schließt die „Wärme des Ausdrucks“ keineswegs aus, an der auch Krenek lag. Er ist ihr auf seinem Serpentinenpfad näher gekommen im "7. Streichquartett", im US-Exil von 1944. Nach seiner Jazzoper "Jonny" und der Zwölftonoper "Karl V." erkundet er wieder mal die Freiheit in der alten Polyfonie. Und da leuchtet gleich anfangs jäh eine Linie von Brahmsscher Sehnsucht auf, eher zu fühlen als nachzuweisen. Man hat das Reptil blinzeln sehen, man ahnt, gleich wird es sprechen. Was dann ja auch geschieht: in Rätseln, die in tausend Farben funkeln.