Zeitgenössische Musik zeichnet sich nach wie vor durch gezierte Lebensferne aus. Politik, Arbeitslosigkeit, Drogen? Kein Thema. Gewalt, Sex, Rassismus? Ja schon, aber bitte durch ästhetisierende Metaphern und subtile Reflexionen entwirklicht. Mark-Anthony Turnage schrieb von Anbeginn eine Musik, die sich nicht so anstellt. Schlagartig bekannt wurde er 1986 durch seine "Oper" Greek, in der die alte Ödipus-Geschichte ins gegenwärtige Londoner East End versetzt ist, voll von Krawallen, Schlägereien und im breiten Cockney gesungen. Zeitgenossenschaft verlässt ihn dann nicht mehr. 1994 schreibt er "Blood on the Floor", eine "Tour de Force durch das Szenario urbaner Entfremdung und Drogensucht" – ein abendfüllendes Requiem auf seinen Bruder Andy, ein Opfer der Heroinnadel, gesetzt für drei Jazzmusiker und großes Ensemble, kraftvoll, kantig und drängend. Keinen geringen Anteil am Drive des Stückes hatte John Scofield, der Elektrogitarrist mit seinem Trio.

Es wird wohl eine Wahlverwandtschaft gewesen sein. Denn aus dem musikalischen Grenzlandprojekt wurde ein Umkehrspiel. Für "Scorched", was so viel heißt wie "Scofield orchestrated" (Deutsche Grammophon 474729), griff Turnage zu Stücken von Sco (dies die amtliche Abkürzung unter Connaisseuren) und schrieb eine konzertprogrammfüllende Komposition für die Big Band des Hessischen Rundfunks, das Radio Sinfonie Orchester Frankfurt und das Trio des Widmungsträgers (mit John Pattitucci/Bass, Peter Erskine/Drums). Erstaunlich, wie gut es Turnage gelingt, den Scofieldschen Stil für die most biggest aller Bands, das Orchester, zu adaptieren. Dessen Eigenart, eine Melodie nur in Fetzen zu geben, die Töne abreißen zu lassen, sie am Fließen zu hindern, Löcher in die Phrasen zu graben, war zuvor nur von Thelonius Monk bekannt.

"Fat Lip", bekannt von Scos CD "Time On My Hands", ist eine dieser Melodien, die mehr verschweigen als ausplaudern – und dafür umso länger nachklingen. Turnage lässt sie erst einmal von dem Streicherrudel als harte Pizzikati zupfen, eine furios-virtuose Nummer, jagt sie dann durch alle Regionen des Orchesters. Seine Instrumentation schlägt Brücken zwischen den disparaten Klangkörpern, hebt die Durchschlagskraft des hart federnden Trios in Arrangements auf, die mit den Wassern der Moderne gewaschen sind – eine alchimistische Tätigkeit. Das ist Zeitgenossenschaft heute: Integrität stiften, ohne Leichenteile zu einem Monster zusammenzunähen. Kein Blick in die Zukunft, aber verwurzelt im Heute. Keine Avantgarde, aber überzeugende Intergarde.