Er soll für einen Geiger ungewöhnlich weiche Fingerspitzen gehabt haben. Jedenfalls überliefert das seine Kollegin Daisy Kennedy. Woher hätte auch die Hornhaut kommen sollen bei einem wie Fritz Kreisler , der das Üben eine „schlechte Angewohnheit“ nannte? Selbst auf sein ambitioniertestes Vorhaben hat er sich so beiläufig vorbereitet, dass manche Passagen ihn und seine Finger doch zu überraschen scheinen. Kann auch sein, dass er die eine oder andere Sechzehntelkette bei Beethoven nicht so wichtig fand, und außerdem konnte man damals nicht beliebig viele Takes aufnehmen.

Es war ein aufwändiges Projekt, das an 14 Tagen der Jahre 1935 und 1936 bei EMI in der Abbey Road verwirklicht wurde: die erste Gesamtaufnahme von Beethovens zehn Violinsonaten (Naxos Historical 8.110969–71) . Kreisler war 60 und so berühmt und teuer, dass nicht auch noch ein kostspieliger Klavierpartner wie Rachmaninow infrage kam. Vielleicht wollte der Star auch keinen Star neben sich. So traf es den jungen Münchner Franz Rupp, und der machte seine Sache sehr gut, solide und sensibel. Kein Titan an den Tasten. Das hätte auch nicht gepasst. Kreisler war gar nicht auf Dramatik, Höhenluft, Heroik erpicht.

Ihn interessieren an diesen Sonaten die Farben der Dämmerung. Je unscheinbarer ein Thema, desto lieber ist es ihm. Das Adagio cantabile zum Beispiel aus der Sonate opus 30 Nr. 2 : Abwartend und sorgsam hat Franz Rupp den Beginn gespielt, und dann hört man, im wahrsten Sinne, eine Geigenstimme, ruhig, versonnen, von Fernen erzählend. Nichts ist in ihrem Klang, was den mechanischen Begriff „Dauervibrato“ verdiente, als dessen Erfinder Kreisler oft genannt wird. Sein Vibrato ist unendlich fein nuanciert. Schon gar nicht nutzt er es, um möglichst alle Töne miteinander zu verkleben.

Im Gegenteil, er bricht sogar mal, indem er plötzlich den Bogendruck lockert, kleine gebundene Linien auf, wie jemand, der sich mitten im Sprechen zu laut findet, vielleicht weil eine Erinnerung gekommen ist: So spielt Kreisler die Sätze, die er mag, und man sieht dann einen sanften Horizont, an dem sich jenseits von Geschichte die Epochen verbinden. Er will nicht wissen, was Beethoven erkämpft, sondern was er zu erzählen hat. Beethovens Biss und Witz, der sich in Sforzati und Offbeats der Scherzi äußert, behandelt er nachlässig. Und wo ihm umgekehrt etwas zu feierlich ist, setzt er einfach zu früh ein.

Manchmal ergeben sich dadurch Tempoverschiebungen zwischen Violine und Klavier, die zwar nicht direkt zur Nachahmung zu empfehlen sind, aber zur Anregung. Es geht hier um Leben in der Musik, nicht um deren „Exekution“, wie man das früher mal nannte. Darum wird auch geatmet, unterbrochen und wortlos gesprochen, darum darf die erste Note eines Laufs breiter sein als die anderen – alles sinnvolle Freiheiten, die die Geiger erst in den letzten 20 Jahren wieder entdeckt haben nach Jahrzehnten des Strammstehens vorm Ideal wasserdichter Perfektion und zeitlos gleißenden Klanges.

Fast zu entspannt klingt Kreisler im berühmtesten Werk, der damals meist- und fast ausschließlich gespielten Beethovensonate im Geigerrepertoire, der für Rodolphe Kreutzer geschriebenen, opus 47 . Er spielt den großen ersten Satz so gelassen, dass etwas fehlt. Man findet es in der zehn Jahre älteren Aufnahme mit Bronislaw Huberman, trotz weitaus stärkeren Schellackrauschens: Der spielt griffig, drängend, mit entflammtem Geist. Das Drängende liegt Kreisler nicht. Wo aber Beethoven beiläufig beginnt und rätselhaft weitermacht wie im ersten Satz der letzten Sonate G-Dur opus 96 , ist er ihm am nächsten.

Diese vereinzelten Bögen, diese karge Textur, mittendrin kleine Heiterkeiten und leerlaufende Rotationen – all diese Symptome eines Grenzwerks scheinen Kreisler ganz vertraut zu sein, er unterstreicht sie weder, noch unterschlägt er sie. Es ist, als sage er: Interessant, deine Experimente, nicht so schlimm, erklär mir nichts, ich weiß schon, was du eigentlich meinst… Und das hören wir dann. Zu zerbrechlich, um ein Wort daranzuwagen. Nur den anfallsartigen Sechzehntelaufgang am Schluss findet der Geiger offenbar albern. Das klingt hingeschmissen, eher wie: Na schön, wenn du drauf bestehst…