Kunst für die nächste Generation (2) Geschlossene Gesellschaft für alle
NSK/Irwin; NSK Staat in der Zeit/Transnacionala; Kollektiv, Prozesskunstwerk; Botschaften, Konsulate, Passausgabestellen, Reisen; seit 1991
Art is fanaticism that demands diplomacy.
(Kunst ist Fanatismus, der Diplomatie erfordert.)
NSK
Vier Dinge lassen das Gebäude auf dem Foto unangenehm pathetisch (weihevoll) für uns erscheinen. Da sind zunächst die Säulen des Portals, die in der Sicht von unten noch höher wirken. Dann ist der Bau vollkommen symmetrisch, d.h. spiegelgleich auf beiden Seiten. Und drittens betonen die drei großen schwarzen Fahnen die Symmetrie. Um den runden Mittelbau zieht sich in Großbuchstaben "NSK Staat Berlin" . Die Fahnen auf den Seitenteilen tragen in der Mitte als kleines Hoheitszeichen ein umkränztes Kreuz mit dem Kürzel NSK. Viertens ist die Aufnahme schwarzweiß und wirkt wie ein historisches Dokument. All das zusammen erinnert unweigerlich an nationalsozialistische oder sozialistische Demonstrationen von Staatsmacht. Der Schriftzug "Volksbühne" über dem Portal fügt sich so oder so gut ein, denn beide deutsche Diktaturen haben behauptet, Volksherrschaften* von unten zu sein.
Die Aufnahme aber stammt nicht von 1939, sondern von 1993. Vom 8. bis zum 11. Oktober des Jahres erklärte das slowenische Künstlerkollektiv "Neue Slowenische Kunst" ( NSK ) die Berliner Volksbühne Ost ** zum Hoheitsgebiet des NSK Staates Berlin. Der Besuch des Gebäudes stand ausschließlich den Bürgern dieses Staates frei. Sie mussten am Eingang ihren Pass vorzeigen, um eingelassen zu werden.
Das alles klingt skandalös. Und in der Tat wurde das Kollektiv NSK in den 1980er Jahren ebenso international bekannt wie angegriffen, weil es Symbole aus der nationalsozialistischen und der sozialistischen Vergangenheit verwendete. Slowenien war noch Teil des kommunistischen Jugoslawiens als die Künstler in Ljubljana mit gewagten Aktionen auf die geschichtlichen Verstrickungen ihres Landes aufmerksam machten und insbesondere die ästhetischen (sinnlich wahrnehmbaren, gestalterischen) Parallelen zwischen NS-Diktatur und den sozialistischen Staaten zeigten. Die Ablehnung vor allem der Presse kam daher, dass die NSK Gruppen keine ausdrückliche Stellung gegen die Diktaturen bezogen.
In der Kunsttheorie diskutiert man das ganz anders. Hier wird die Wiederverwendung der künstlerischen Hinterlassenschaften der Volksdiktaturen und der Avantgardekunst als politische Form der Kunst verstanden, für die man den Ausdruck "Retrogarde", eine Mischung aus "retro", d.h. "zurück", und "Avantgarde", d.h. "Vorhut", prägte. Die NSK sucht vor allem Darstellungen von gesellschaftlichen Utopien (Wunschbildern) aus der Vergangenheit und zeigt sie heute wieder in neuen Zusammenstellungen, um die hinter ihnen verborgenen Weltanschauungen und Machtverhältnisse bewusst zu machen.
Unsere Verwirrung über die weihevolle Gestaltung der Volksbühne ist von den Künstlern der Gruppe also genauestens geplant. Und sie wird noch gesteigert. Denn der Staat in der Zeit gibt sich nur auf den ersten Blick verschlossen. Er stand aber allen offen, die ihn betreten wollten. Gleich nebenan wurden in einem Konsulat rund um die Uhr den Anwärtern die neue Staatsangehörigkeit mit einem dunkelgrünen Pass bescheinigt. Im Theater trafen die frischen Staatsbürger dann auf Ausstellungen der verschiedenen Künstlergruppen und Mitglieder der NSK. Darüber hinaus fanden Konzerte der NSK Musikband Laibach, Performances der Theatergruppe und eine ganze Reihe künstlerisch-philosophischer Vorträge über Kunst, Weltanschauung und Identität statt.
Die Kluft zwischen Weihe und Verschlossenheit einerseits und vollkommener Offenheit des Staates andererseits ist unüberbrückbar. Und sie besteht seit der Gründung im Jahr 1991, als sich das Kollektiv NSK zum NSK Staat erklärte. Die Künstler reagierten mit ihrer Staatsgründung, die paradox (widersinnig) strenge Repräsentation und grenzüberschreitende Offenheit mischt, auf den Zusammenbruch des sozialistischen Jugoslawien. Der hatte keineswegs die ersehnte Freiheit, sondern viele neue Staaten und grausame ethnische Bürgerkriege gebracht. Der NSK Staat in der Zeit setzt ein Zeichen gegen jede Verleugnung oder Auslöschung von Geschichte und unterwandert zugleich das Denken in Nationen und Volksgruppen, das überall um sich griff. So besaß der Staat in der Zeit nie ein festes Territorium und sein oberstes Gebot ist bis heute die "Transnationalität". Seine Bürgerinnen leben über die gesamte Welt verstreut. Sie haben ihre Staatsangehörigkeit in den vergangenen vierzehn Jahren in Botschaften, Konsulaten und Passausgabestellen erworben, die vorübergehend eingerichtet wurden.
Der NSK Staat in der Zeit bildet Gemeinschaft als ein spirituelles (geistiges) Feld ohne Boden und ohne Grenzen, das ebenso vielfältig ist wie seine Bürger. Im selben Moment aber stellt der Kunststaat fest, dass weder die Geschichte noch bestimmte Grundregeln oder Gesetze zu umgehen sind. Deshalb gibt es für die aktiven Mitglieder und Repräsentanten (Vertreter) auch ein striktes Gesetzesprogramm . Von den angehenden Bürgern, die grenzenlos geworben werden, wird dagegen nur gefordert, dass sie den Pass nicht missbrauchen, sondern nach bestem Wissen und Gewissen verwenden. Ich spreche dabei aus langjähriger Erfahrung als NSK Bürgerin und Diplomatin. Wer die Spannung zwischen grenzenloser Offenheit und strengem Regelwerk, zwischen Freiheit und unerbetener Geschichte selbst erfahren und aushalten will, geht in die Elektronische Botschaft Tokio und beantragt in Raum 2A einen eigenen Pass.
*Volksherrschaft ist die deutsche Übersetzung von Demokratie. Beide Diktaturen haben ihre demokratische Gründung (Wahl der NSDAP) oder ihre demokratische Verfassung (Wahlen in der Deutschen Demokratischen Republik) immer wieder herausgestellt. Natürlich handelte es sich bei diesen Wahlen nicht um freie Wahlen in unserem Verständnis von Demokratie.
** Das Gebäude der Berliner Volksbühne wurde von 1910 bis 1916 von dem deutsch-ungarischen, jüdischen Architekten Oskar Kaufmann in expressionistischem Stil erbaut und sollte Berlins erster Ort für realistische, volksnahe Theaterkunst werden. Bis 1933. Im Krieg zerstört wurde die Volksbühne in den fünfziger Jahren von Hans Richter wieder aufgebaut und zum avancierten Theater in der DDR. Nach der Wiedervereinigung übernahm Frank Castorf die Intendanz. In seine Zeit fällt auch die Einladung an das Kollektiv Neue Slowenische Kunst.
NSK ist das Kürzel für "Neue Slowenische Kunst". 1984 gegründet als Künstlerkollektiv umfasst NSK u. a. die Künstler- und Designgruppen Irwin, Laibach Kunst und Novi Kollektivizem, die Musikband Laibach, die Fernsehabteilung Retrovision, das Theaterensemble Kosmokineti_ni Kabinet Nordung und eine Abteilung für reine und angewandte Philosophie sowie verschiedene Einzelmitglieder. 1991 erklärte sich die NSK zum Staat in der Zeit.
Linktipps:
Informationen über
die verschiedenen Gruppen der NSK »
.
Mehr Informationen zum Staat in der Zeit findet man in der
Elektronischen Botschaft Tokio
.
Bibliographischer Hinweis:
Irwin: Retroprincip. Inke Arns (Hg.). Frankfurt/M.:
Revolver. Archiv für aktuelle Kunst
, 2003
Zurück zur Übersichtsseite "Kunst für die nächste Generation" »
- Datum
- Serie kunst_fuer_naechste_generation
- Quelle © ZEIT ONLINE, 1.12.2005
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren