"Like here" - "Ungefähr hier", sagt die Frau und deutet mit vager Geste ein Fenster in der Luft an. Sie läuft über eine Wiese. Die Kamera beobachtet sie aus der Ferne von oben. Im Bildausschnitt sieht man Grün ohne Horizont und nur am oberen Bildrand tauchen hin und wieder Spaziergänger auf, ein Indiz dafür, dass die Wiese in einem Park, auf jeden Fall in einem bewohnten Teil der Welt liegt. Die Frau erzählt, was wo war und stattgefunden hat in der Wohnung ihrer Großmutter in Sarajewo. Sie berichtet über diese Wohnung zu Lebzeiten der Großmutter und nach deren Tod, als sie selbst sie übernommen hatte, bis sie für ein Stipendium (einen Studienaufenthalt, den die Kirche oder eine Organisation mit Geld unterstützt) vorübergehend nach Frankreich ging. Damals kam der Krieg nach Bosnien Herzegowina. Die Wohnung wurde zerstört und die Frau, es ist die Künstlerin Maja Bajević selbst, blieb in Frankreich.

Das Video ist einfach und erklärt sich von selbst. Was aber passiert genau? Die Künstler Bajević und Licha betreiben eine besondere Form der Erinnerungsarbeit. Statt Relikte der Vergangenheit hervorzuholen und trauernd zu beschreiben oder über das Verlorene möglichst objektiv zu berichten, zeigen sie eine persönliche Erinnerung als Bewegung durch Raum und Zeit. Maja Bajević geht den unsichtbaren Grundriss der früheren Wohnung ab, malt die Einrichtungsgegenstände in die Luft und wiederholt dabei die mit ihnen verknüpften Stationen des gelebten Lebens der Familie. Die Bewegung durch den erinnerten Raum und der Bericht über die Vergangenheit bedingen einander und treiben sich gegenseitig an.

Das Video macht deutlich, wie eng Lebensgeschichten an konkrete Orte geknüpft sind - aber auch, wie untrennbar Erzählen mit Zählen, mit Auf- und Abzählen, das heißt mit einer Bewegung in Zeit und Raum verbunden ist. Vielleicht ist Heimat nichts anderes als dieses untrennbare Ineinander von einem bestimmten - mal weiteren, mal engeren ? Raum und der in ihm gelebten Geschichte. Heimat entwickelt sich langsam in der Zeit.

Solange Ort und Bewohner eins sind, bleibt diese Verschlingung meist unbewusst. Nimmt man jemandem jedoch den Ort (oder gibt er ihn selbst auf), wird die Bedeutung des Verbunds aus Raum und gelebtem Leben ganz deutlich. Heimat existiert auf einmal nur noch in der Erinnerung! Damit taucht auch die Frage nach der Form der Erinnerung auf. Bestimmte Staaten lassen Geschichte schreiben und geben Monumente für Heimatverluste in Auftrag, die das Vergangene in der Gegenwart sichtbar machen oder das Unrecht des Verlusts anmahnen sollen. Im Alltag kommen die Erinnerungen dagegen meist plötzlich, bleiben bruchstückhaft und flüchtig. Oft werden sie an Fotoalben und persönlichen Gegenständen fest gemacht, die sich nur zufällig mit der größeren Erzählung über den Heimatverlust verbinden. Die Form der Erinnerung, die Maja Bajević und Emanuel Licha vorschlagen, ist dagegen weder statisch mahnend noch zufällig und bruchstückhaft. Die beiden Künstler setzen auf eine eigenartige Kombination von Flüchtigkeit und Wiederholung, von Bewegung und Bild, von Besonderem und Allgemeinem. Zwar sind die Bewegung über die Wiese und die Erzählung ähnlich flüchtig, denn wie sich der Grundriss mit jedem Schritt der Künstlerin über den Rasen wieder verliert, so verfliegen ihre Worte, aber nach 18 Minuten fängt der ganze Erinnerungsprozess wieder von vorne an. In Ausstellungen wird die Arbeit als Loop * gezeigt und ähnlich wie im Kino auf eine Wand projiziert. Die große Projektion unterstreicht dabei den einprägsamen Bildcharakter des Videos, der durch die Wahl einer einzigen Kameraeinstellung und die fast monochrome (gleichförmig einfarbige) Hintergrundfläche vorgegeben ist. Die Künstler haben sich offensichtlich für ein Bild und gegen einen Film entschieden, der mit Montagen aus Kameraschwenks und gezoomte Ansichten der Frau der Erzählung eine ganz andere Zeitstruktur und Dramatik gegeben hätte. Durch die statische Kameraeinstellung wirkt der Rasen dagegen wie eine klassische Leinwand, auf die die persönliche Erinnerung flüchtig gezeichnet wird ? ergänzt um den gesprochenen Bericht.

Schließlich ist es wohl kaum ein Zufall, dass der Hintergrund ein frischer grüner Rasen ist, wären doch unbegrenzt viele andere Flächen denkbar gewesen, zum Beispiel ein Erdboden oder eine Sandfläche oder ein betonierter oder asphaltierter Platz. Neben der emblematischen ** Bedeutung von Grün als Farbe der Hoffnung steht der Rasen für eine - nicht nur in Europa - gängige Mischung aus Natur und menschlicher Kultivierung. Die Künstlerin zeichnet ihr verlorenes Zuhause also weder in eine wilde Naturfläche hinein, noch auf einen allein von Menschen gestalteten Ort. Die Rasenfläche ist beides und liegt dazwischen. Sie ist angelegt und gestaltet, bleibt aber dabei doch eine freie Fläche, ein Raum zur Entspannung.