KUNST FÜR DIE NÄCHSTE GENERATION Bildkosmos der Liebe

Die Künstlerin Anna Oppermann schuf mit ihrem "Porträt Herr S." ein fröhlich-spöttisches Bild von den Bildern der Liebe.

"Wer ist Herr S.? – Seit Jahren versuchst du, das aus mir rauszukriegen, ich lach' mich kaputt, das wird dir nie gelingen!"
Anna Oppermann in einem Gespräch, 1984

Der Raum wirkt barock und ziemlich schwül mit seinen Rot- und Rosatönen. Zwischen Zetteln, Zeichnungen, Notizen und Fotos winden sich die nackten Körper einer Frau und eines Mannes. Beide tauchen immer wieder, mal groß, mal winzig auf, liegen und strecken sich, hocken auf oder recken sich gegen die verstreuten Teilchen um sie herum. Es dauert ein wenig, bis man sich in die Fülle eingesehen hat. Dann bemerkt man, dass hier nicht unendlich viele Zettel oder Kleinigkeiten rumhängen oder liegen, sondern dass sie auf Bildern abgebildet sind, die an den Wänden hängen und auf der Erde liegen. Nur im Zentrum, dort wo das blutrote Tuch über einen stufigen Tisch geworfen ist, sind tatsächlich kleine Zeichnungen, Fotos und Zettel aufgestellt.

Wenn es ein Zentrum gibt, dann beginnt hier vielleicht auch eine Annäherung. Besonders die rosa Bilder oberhalb des roten Tuches fallen auf. Das rechte von ihnen zeigt den Oberkörper des Mannes, der ausgestreckt auf einem Bett liegt, die Beine an den Oberschenkeln abgeschnitten und die Arme wie Jesus am Kreuz abgewinkelt. Unter kräftigen, gelben Buntstiftstrichen ahnt man ein erigiertes Glied. Das Gesicht des Mannes ist von einem Foto verdeckt, das ein sich abwendendes Männergesicht zeigt. Und auf seiner Brust liegen – dekorativ angeordnet – eine Blume, Blätter und Fotografien. Direkt neben seinem Penis stürzt ein sich innig umarmendes Paar, wiederum er und sie, kopfüber zum unteren Bildrand. Sie scheinen von dem Wirbel erfasst, der auch die anderen Motive des Bildes, rätselhafte Zeichnungen, Fotografien von Bildern und Tulpenblätter rund um den liegenden Männerkörper kreisen lässt. Ein wenig Halt geben nur zwei Notizzettelchen, die neben den Kopf des Mannes geheftet sind. Auf dem ersten ist "Bettauflegung" notiert, auf dem zweiten: "Sexualobjekt – von verschiedenen Seiten zu sehen, zu betrachten, zu verstehen, zu deuten".

Sehen, betrachten, verstehen, deuten will die Künstlerin das sonderbare Sexualobjekt auf dem Bett also. Passend dazu bemerkt man, dass es gar nicht der Mann ist, der auf dem faltigen, rosa Laken im Hintergrund liegt, sondern dass es ein Foto des Mannes ist, das dort liegt. So wie die Blumen und Fotos im Moment der Aufnahme über seinen Körper wuchsen, so wird nun das Foto der Situation wiederum von Zeichnungen und Schriften überlagert. Um den Aufbau des Bildes zu verstehen, muss man sich das Ganze als Stillleben aus Zeichnungen, Tulpen und Fotos auf dem rosa Tuch vorstellen, das die Künstlerin zunächst arrangierte, dann fotografierte, dann auf Fotoleinwand abzog und zum Schluss kolorierte. Genauso entstanden auch alle anderen Bildleinwände der Arbeit. (Die Künstlerin Anna Oppermann nannte ihre Zusammenstellungen von Bildern, Texten und Dingen "Ensembles".)

Porträt Herr S. fing als winziges Stillleben an, zu dem ein mit Lederriemchen gebundenes Kreuz gehörte, ein in einer Zeitschrift gefundenes Foto von zwei Pferden und verschiedene Pflanzen und Blüten.* Von diesem Stillleben machte Anna Oppermann erste Zeichnungen, Fotos und Notizen und aus diesen dann immer neue Stillleben über die komplizierten Beziehungen von Liebe, Erotik und Sex. Nach einem ersten Wachstumsschub Mitte der 1970er Jahre verkaufte die Künstlerin große Teile des Ensembles. Während der späteren Weiterarbeit am Thema wurden dann eigentümlicherweise die Reste des Kunstwerks zur Bühne für die Performances und Posen des Mannes und der Frau.** Die beiden posierten im Werk, wurden dabei fotografiert und gingen als neue Teile, als Fotografien in die Arbeit ein. Eine Folge davon ist die schwarzweiße Flächigkeit der Körper im Ensemble, die Anna Oppermann noch dadurch betonte, dass sie viele der Figuren an den Kanten entlang ausschnitt.

Das ganze Ensemble, nicht nur die eben beschriebene Leinwand, handelt also vom Sehen, Betrachten, Verstehen und Deuten. Der Motor für das Entstehen der vielen Bilder ist die fortdauernde Besichtigung gefundener und neu gesuchter Teile, Bezüge und Inhalte. Doch wozu? Dazu lohnt sich ein zweiter Blick auf die Leinwand mit der "Bettauflegung".*** Was hier in einen Wirbel oder Strudel gerät, scheint nur auf den ersten Blick eine gotteslästerliche Angelegenheit zu sein. Oppermann verbindet Kreuzigung mit leidenschaftlicher Hingabe, konkret Kreuzabnahme mit Bettauflegung. Einerseits verweist sie – ironisch – auf den in christlichen Erzählungen über die göttliche Liebe ausgeblendeten Eros, auf die sinnliche, ja leidenschaftliche Liebe. Andererseits entblößt sie die traurige Farce, in die die Welt gerät, wenn an die Stelle eines Erlösers der nackte, sexuell aufgeladene, niedlich dekorierte Menschenkörper gesetzt wird.

Dieses unlösbare Nebeneinander der Deutungen ist kennzeichnend für das Ensemble. Es interpretiert die in den 1960er und 70er Jahren laut ausgerufene "sexuelle Befreiung" in ganz unerwarteter Weise. Kein Slogan verlangt hier die Revolte oder freien Sex. Stattdessen wird die erotische Liebe zwischen Mann und Frau gerade als ambivalentes, unaufhörliches Spiel mit Verboten und Überschreitungen gezeigt, als eine Bewegung zwischen Verbergen und Zeigen, Gefühl und Ekstase. Das ist die Lust. Sünden, Teuflisches oder Hexen, wichtige Motive in Oppermanns Bildkosmos der Liebe, erscheinen geradezu notwendig als Sünden, Teufel und Hexen. Passend dazu durchzieht ein ehrfurchtsloser, unsentimentaler und fröhlich-spöttischer Ton das Ensemble, die Bilder wie die Texte. Allzu ernst sollte man, so scheint die Künstlerin am Ende sagen zu wollen, weder das Gebot der wahren Liebe noch die Revolution der sexuellen Konventionen (Übereinkommen, Brauch) nehmen. Die Wahrheit liegt nicht im Entweder-Oder, sondern in beidem zugleich.

Anmerkungen:
* Oppermann ordnete ihren Ensembles immer Bezugspflanzen, Themen und Stichworte zu. Bei Porträt Herr S. sind es: Usambaraveilchen (die St.-Pauli-Blume), Tulpe, Graslilie, Radieschen, Dahlie, Distel. Als Thema oder Stichworte gab sie an: Liebe, Sex, Erotik, Teufel, Hölle, Himmel, Sünde, Buße, Beichte, Hexen, Chaos, Kruzifix, Kreuzigung, Kreuz, Erektion, Phallus, Pferd, Bettauflegung, Doppelmoral, Zahnlücke, S. Giminiano und Schlösser, die im Himmel liegen.

** Es handelt sich bei den beiden um die Künstlerin und ihren langjährigen Lebensgefährten. Seit den 1960er Jahren haben sich Künstler immer wieder als Akteure in erotischen oder sexuell ausgerichteten Performances gezeigt. Bei Oppermann geht es aber nicht um authentische körperliche Selbstdarstellung wie in einem Gros der Body und Performance Art der 1970er Jahre, sondern um das reflektierte Spiel mit Bildern und Klischees.

*** Diese Leinwand wurde stellvertretend für alle anderen ausgesucht. Sie erzählt ihren Teil der Liebesgeschichte, die anderen andere, die hier nicht alle hätten ausgeführt werden können.

Zur Künstlerin:
Anna Oppermann wurde 1940 in Eutin geboren, studierte an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Sie lebte und arbeitete bis zu ihrem Tod im Jahr 1993 in Hamburg, Celle und Berlin. Von 1982–1990 war sie Professorin an der Gesamthochschule Wuppertal und von 1990 an an der Universität der Künste Berlin. Ihre Ensembles nehmen in der Kunst der 1970er eine besondere Position als Kreuzungen aus Konzept- und Prozesskunst ein. Sie wurden auf vielen internationalen Ausstellungen wie auf der documenta 1977 und 1987, auf der Biennale di Venezia 1980 sowie auf der Sydney Biennial 1981 gezeigt. Oppermann ist mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet worden, wie dem Preis der Villa Romana 1977 oder dem Kunstpreis des BDI. Seit Beginn der 1990er Jahren sind ihre Ensembles vermehrt in öffentliche und private Sammlungen aufgenommen worden.

Ein großes Ensemble Oppermanns, "Der ökonomische Aspekt" (1979–1984), wird vom 28. September 2006 bis Januar 2007 in der Galerie Kienzle in Berlin zu sehen sein. Eine erste Retrospektive ihrer Arbeiten ist in Arbeit und wird ab 19. Mai 2007 im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart zu sehen sein.

Ausführliche Informationen zu Künstlerin und Werk finden sich auf der Seite "Hypermediale Bild-, Text-, Video-Archive" , einem Forschungsprojekt der Universität Lüneburg, Fach Kulturinformatik, das exemplarisch Anna Oppermanns Ensembles digitalisiert und zugänglich gemacht hat.

Die nächsten Beitrage dieser Staffel erscheinen wegen der Urlaubszeit voraussichtlich erst wieder vom 22. August an.

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