Kunst für die nächste Generation Die Rechnungen der Liebe

Wenn Rabea Eipperle auf ihren Fotos sich selbst mit unterschiedlichen Männern inszeniert, wirbelt sie nicht nur leichthändig unsere Rollenklischees von Mann und Frau durcheinander, sondern auch unser Verständnis von Kunst.

Auf den elf Fotos ist nichts Besonderes zu sehen. Nichts Anstößiges, nichts Anzügliches, keine Nackten. Dennoch sind die Bilder mit dem merkwürdigen Titel Mit uns ein Gefühl fast allen Betrachtern etwas peinlich. Gezeigt sind heterosexuelle junge Pärchen, je ein Mann und eine Frau, die brav aneinander geschmiegt in Küchen oder Wohnzimmern in die Kamera schauen und lächeln. Vermutlich bewahren die meisten ähnliche Fotos in einem Album oder einem Schuhkarton auf - Fotos von Teenagerlieben oder den Anfängen großer Lieben.

Ähnlich vertraut wie auf unseren eigenen Fotos scheint auch die Art, in der sich Mann und Frau auf Rabea Eipperles Bildern berühren. Ihr Beieinanderstehen, Aneinanderlehnen, Anfassen und Umarmen soll Vertrautheit signalisieren und wirkt doch gestellt. Die Paare posieren als Paare, doch in der Liebespaarpose tun sich Abgründe auf. Wer liebt hier eigentlich wen oder was? Eipperles Serie übertreibt die Fremdheit zwischen eigentlich Vertrauten, das Missverhältnis zwischen Nähe und Distanz. Sie überspitzt die Ungleichheit der Erwartungen und den Versuch, sich in Rollenklischees zu retten. Obwohl elf Männer zu sehen sind, ist doch immer dieselbe junge Frau abgebildet. Auch wenn ihre Partner wechseln, lächelt sie Bild für Bild dasselbe Lächeln, etwas naiv, aber glücklich. Ihre ganze Körpersprache sagt, dass sie gefunden hat, was sie suchte: den starken Mann an ihrer Seite. Genauer gesagt: immer neue starke Männer an ihrer Seite.

So wie sie dieselbe bleibt, sind auch die Männer einander ähnlich. Die elf sind Bodybuilder, Männer, die ihre Körper und Muskeln trainieren, um sowohl stark als auch schön auszusehen. Eipperle fand die Freiwilligen über eine Annonce in einem Bodybuilding-Magazin und besuchte sie in ihren Privatwohnungen, um sich mit ihnen fotografieren zu lassen. Die Männer verbindet damit noch etwas. Sie alle posieren für die Kamera und behandeln die fremde Frau, die Künstlerin, wie ein Requisit. Sie wollen sich selbst, ihren Körper für die Kamera in Szene setzen. Dafür nehmen sie die Frau und auch das eigene Wohnzimmer als Kulisse in Kauf.

Die Liebe, für die sie im Bild stehen, ist narzistisch. Sie dreht sich um die Hingabe an den eigenen Körper, ans Gestalten und Stylen. Die Frau scheint das nicht weiter zu stören. Sie beschwört unbeirrt und fröhlich ein gemeinsames Gefühl - "mit uns ein Gefühl". Doch durch die Serienaufnahme wird sichtbar, was ein einzelnes Bild verborgen hätte: Auch sie liebt nicht einen einzigen der Männer. Sie liebt immer nur das Bild, das er verkörpert. Mit diesem Bild will sie sich schmücken.

Diese Mischung aus radikaler Eigenliebe und völliger Hingabe ans Klischee macht die Paarfotos so unerträglich. Insbesondere deshalb weil Eipperles Übersteigerung der Männer- und Frauenrolle ohne jede Wertung erfolgt. Die Künstlerin klagt weder die in sich selbst vernarrten Männer noch die selbstsüchtige Frau an. Nein, sie übernimmt sogar mit Leidenschaft die Rolle der hingebungsvollen Frau im Bild. Damit bewirkt sie, dass erst der Betrachter die Situation bewertet - und plötzlich werden die so offensichtlichen Bilder ziemlich kompliziert.

Es beginnt damit, dass in der bürgerlichen Welt ein Mann nicht allein für seinen starken Körper geliebt werden darf. In der Kunstszene bekräftigen zwar männliche Künstler gelegentlich ihre Liebe zu Kampfsportarten, besonders zum Boxen, um Stärke und Potenz für sich selbst abzuzweigen. Dennoch ist der Szene das Image des selbstgefälligen Bodybuilders ziemlich fern. Ein Mann, der im knappen Höschen vor Kameras seine Gesäßmuskulatur spielen lässt, taugt dort kaum zur Identifikation. Rabea Eipperles Verlinkung von Kunst und Bodybuilding irritiert, denn sie bringt mit leichter Hand - und wiederum ohne Wertung - erstaunliche Parallelen zwischen den Künstlern und den Körperathleten ans Licht. Zur Frage, wer hier wen oder was liebt, tritt die Frage: Wer ist hier der Künstler, was ist die Kunst?

Eipperle hat die Männer auch deshalb als Modelle eingeladen, weil sie ihre Körper als Kunstwerke gestalten. Schon der erste moderne Bodybuilder, Eugen Sandow, hatte sich Künstler genannt, als er um 1890 begann, seinen Körper nach dem Vorbild antiker griechischer Männerstatuen zu formen.* Der eigene Körper wurde zum künstlerischen Material. Zwei Glaubenssätze spielten dabei eine wesentliche Rolle: Erstens die Annahme, dass jeder sich selbst erschaffen kann. Zweitens die Vorstellung, dass es Perfektion und die perfekte Gestalt gibt. Zwar wandelte sich über die Jahrzehnte das Maß der Perfektion, aber nach wie vor glauben Bodybuilder offenkundig an die absolute Formbarkeit und eine absolute Form. Ihr Wunsch und Wille, die Rolle des Schöpfers - im übertragenen Sinne also gar die Rolle Gottes - einzunehmen gilt natürlich auch für bürgerliche, moderne Künstler.

Parallelen zeigen sich zudem in der Verwendung der technischen Bilder: Fotografie, Film und Internet. Bodybuilder sind auf Abbilder angewiesen. Die Medien Fotografie und Film und später das Internet beschleunigten ganz entscheidend die Popularisierung (die Verbreitung und Beliebtheit) des Körpersports wie ein Film über Eugen Sandow von 1894 belegt. Mittels Foto und Film kann das Posing und Pimping (das Styling durch Bräunen, Ölen, Tatoos und Kleidung) über den Moment hinaus festgehalten werden. Noch die online gestellten Videoclips der gegenwärtigen Größen wollen weniger Muskelberge zeigen als vielmehr Gesamtkunstwerke zelebrieren: den perfekten Männerkörper, den der Mann mit eisernem Willen, hartem Training, unter Schmerzen, Zweifeln, Tränen erschaffen hat.**

Das Angebot der Künstlerin an unbekannte Bodybuilder, sie zu fotografieren und für die Zukunft in Kunstwerken festzuhalten, traf sich also mit deren eigenen Wünschen. Dass die Künstlerin dazu in den Privaträumen der Männer fotografieren wollte und dass sie mit auf die Bilder wollte, mag ungewöhnlich gewesen sein, wurde aber hingenommen - ihr Preis fürs Überleben in der Kunst. Für die Künstlerin bedeutete der Schritt ins Bild neben die Körperkünstler, dass sie den souveränen und verborgenen Platz hinter der Kamera verließ. Sobald sie sich gemeinsam mit den Männern der Kamera und den Betrachtern aussetzt, ist sie nicht mehr nur Schöpfer, sondern immer auch Geschöpf.

Damit geraten alle Rollen durcheinander. Die Männer erscheinen als Modelle, die sich produziert haben und vor der Kamera nochmals produzieren. Die Künstlerin spielt das Publikum, das die Produktion bewundert und sich ihr andient. Die Männer schenken der Künstlerin die Kunst und sie ihnen ein wenig Unsterblichkeit, dafür müssen sie sich von der Künstlerin vereinnahmen lassen, während sie sich ihnen hingibt. Beide Partner gewinnen so viel, wie sie verlieren. Dieser balancierte Ausgleich von Geben und Gewinnen wird nicht selten für Liebe gehalten. Dass das nicht aufgeht, auch damit konfrontiert uns Rabea Eipperles Serie.

Anmerkungen:

* Sandow gelang es, parallel zu den Anfängen der Lebensreformbewegung und der daraus abgeleiteten Fitness-Bewegung den Körperkult um den Mann als eine eigene Sportkunst zu etablieren. Sandow organiserte auch den ersten Bodybuilding-Wettbewerb der Welt im Jahr 1901 in der Londoner Royal Albert Hall.

** Dazu kann man sich die Filme des Bodybuilding Online-Forums anschauen.

Zur Künstlerin:

Rabea Eipperle wurde 1973 in Mutlangen geboren und studierte bei Bernhard Johannes Blume an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Schon während des Studiums entstanden Installationen, Fotografien und Videos, deren Hauptprotagonistin die Künstlerin ist und die die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem thematisieren. In den letzten Jahren hat sie vermehrt mit verschiedenen Menschen, vor allem Männern, für Fotoserien wie Mit uns ein Gefühl zusammengearbeitet. Die jüngste Serie Mann in Anzug mit Baby wird vom 15. September 2006 im Stadtmuseum Düsseldorf in der Ausstellung zum Emprise Art Award zu sehen sein. Eipperle stellt aber nicht nur aus, sondern zeigt ihre Videos auch auf internationalen Filmfesten. Auf ihrer Homepage finden sich alle Projekte bildlich dokumentiert sowie eine ausführliche Vita.

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Leser-Kommentare
  1. diese Bilderserie. I was not amused. Aber ist schon interessant, was man alles machen muss, um im Geschaeft zu bleiben.

    • Akaer
    • 22.08.2006 um 11:57 Uhr

    ehrlicherweise kann ich mit Artikeln über moderne Kunst aber auch so gut wie nie was anfangen. Aber die Bilderserie finde ich faszinierend, manchmal geradezu hinreissend. Man kann zur Interpretation an mehreren Punkten ansetzen (einige kommen sicher auch im Artikel vor), ich finde sie aber vor allem durch das Absurde umwerfend komisch.

  2. Die Bilder wirken auf mich gänzlich unspektakulär. Sie sind nicht peinlich und wirbeln (für mich) auch nichts durcheinander. Schon gar kein Rollenverständnis.

    Viel Lärm um nichts.

  3. > Sie alle posieren für die Kamera und behandeln die fremde Frau, die Künstlerin, wie ein Requisit. Sie wollen sich selbst, ihren Körper für die Kamera in Szene setzen. Dafür nehmen sie die Frau und auch das eigene Wohnzimmer als Kulisse in Kauf.

    Hier habe ich aufgehört, den Artikel weiter zu lesen. Rabea Sowieso wollte posieren, nicht die Bodybuilder. Nicht die Bodybuilder behandeln die Frau wie ein Requisit, sondern die Frau behandelt die Bodybuilder wie auswechselbare Stative.

    Doofe Bilder, doofer Artikel. Herbeigeschriebene Wichtigkeit.

  4. Die Bilder druecken genau das aus was im Text steht. Die auf den Bildern suggerierte Beziehung ist eine Farse. Die Maenner setzen sich in Szene und zeigen sich und die Frau an ihrer Seite als Statussymbol. Die Frau gibt sich naiv und macht zu diesem boesen gute Miete, oder ist sogar stolz sogar einen vorzeigbaren Mann abbekommen zu haben. Ihr Laecheln auf den Bildern hat etwas naives und klischehaftes. Und in vielen Fotoalben werden wohl solche oder aehnliche Bilder sich en masse wieder finden? Wieviele Beziehungen dienen dem Zweck der Selbstinszenierung? Die nicht vorhandene Vertrautheit wird erst recht zur Farse wenn man die Frau mit genau dem gleichen naiven laecheln neben 6 anderen Maennern sieht. Ich finde die Fotoreihe toll, sie trifft genau den Nerv der Zeit!

    T.T.

  5. @metropol,tomreuter: "Kunst entsteht im Auge des Betrachters" - schon mal gehört, den Spruch? Nein? Na dann... dann gehört Ihr sicherlich zu jener Sorte von Männern, die meinen, allein für Frauen wäre das Gehirn eine erogene Zone.

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