KUNST FÜR DIE NÄCHSTE GENERATION
Wahrheit als Bedrohung
Die Aktionskünstler The Yes Men treiben ihr unglaubliches Spiel mit der Wahrheit am liebsten in den Zentren der ökonomischen Macht.
Die ganze Sache ist ebenso unglaublich wie kunstvoll eingefädelt. Für den 28. April 2005 luden die Veranstalter der Konferenz "Internationales Zahlungswesen" in London zu einem Vortrag von Erastus Hamm, einem Senior External Managing Consultant des multinationalen Pharmakonzerns Dow Chemical . Unter dem Schwerpunkt "Entscheidende Erfolgsfaktoren zur Kostenreduktion und Prozessoptimierung" sollte er über "vereinfachte durchgehende Kostenkontrolle in Unternehmen" sprechen. Pünktlich stand der Mann vor seinem Publikum, das aus Vertretern internationaler Banken, Investmentgruppen und namhafter Firmen bestand. Einer der Hauptsponsoren der Veranstaltung war Microsoft.
Der Redner hatte, wie bei solchen Vorträgen üblich, auf seinem Laptop eine Powerpoint-Präsentation mitgebracht, die er nun an die Wand beamte. Neben ihm stand zudem ein hohes, schlankes Gebilde. Es war verheißungsvoll mit rotem Samt verhüllt wie eine Skulptur vor ihrer feierlichen Einweihung. Zunächst aber trug Erastus Hamm vor, was er auf dem Rechner mitgebracht hatte, und gewann schnell die Aufmerksamkeit der Konferenz-Teilnehmer, da er das trockene Thema Risk, Reality, Reason: End-To-End Standards and Acceptable Risk ("Risiko, Realität, Vernunft: durchgehende Standards und annehmbares Risiko") forsch und pikant anging. Er berichtete, Dow Chemical habe eine Lösung für Risiko-Berechnungen in der Chemiebranche gefunden, nämlich das Datenbankprogramm Acceptable Risk, inklusive eines Kalkulators. Der Logik des Marktes entsprechend sei nur mit hohem Risiko auch hoher Gewinn zu machen. Hohes Risiko jedoch heiße für Chemiekonzerne vor allem hohes Umweltrisiko, mitunter sogar tödliche Gefahr für anwohnende Menschen. Da in den westlichen Staaten die Sicherheitsanforderungen zu hoch seien, lohne sich die Investition hier kaum. Jetzt aber könne Dows Risiko-Kalkulator den geeigneten Standort für Konzerne ermitteln, an dem aus potentiellen Leichen kein finanzielles Fiasko würde, sondern gewissermaßen goldene Leichen. Er nannte sie golden skeletons . Zur Ausführung dieser These ließ er wie selbstverständlich einige Beispiele aus der Geschichte einfließen: Die Napalm-Opfer in Vietnam seien für Dow Chemicals , sagte Hamm, wie viele durch die Nazis vernichtete Juden wiewohl Leichen im Keller, dennoch goldene, also profitable Skelette.
Als letzten Höhepunkt seines Vortrags entließ Erastus Hamm seine Zuhörer mit den Worten "the only good skeleton is a gold skeleton" und enthüllte unter dem Beifall des Publikums die Figur neben ihm: Gilda, ein goldenes Skelett. Über der Brust trug sie eine Schärpe mit der Aufschrift "Dow Acceptable Risk" .
Nach dem Vortrag trat der eine oder andere Zuhörer nach vorne, überreichte eine Visitenkarte, um die versprochene kostenlose Test-Version des Programms Acceptable Risk oder auch nur den Schlüsselanhänger mit Gildas Kopf zu erhalten. Einige der Banker und Manager ließen sich sogar lächelnd mit dem Goldskelett fotografieren.
Die Ankündigungen zum Vortrag und die Hinweise auf den Redner sind längst aus allen offiziellen Seiten der Konferenz getilgt. Allein auf der Homepage Dow Ethics befinden sie sich noch im Archiv . Mit Hilfe dieser Seite, die in Aufbau und Gestaltung der echten Dow-Seite nachgeahmt ist, war es The Yes Men gelungen, sich in die Konferenz hineinzuschmuggeln. Über sie wurden die Kontakte hergestellt und über sie war eben jener Erastus Hamm alias Mike Bonanno schließlich offiziell eingeladen worden. Die Täuschung war auf ganzer Linie geglückt. Am 28. April 2005 erschien aber nicht nur wie angekündigt Herr Hamm auf der Konferenz, sondern mit ihm einige unauffällige Helfer, die Fotos machten und Hamms Vortrag auf Video festhielten.
Wenn man das Video sieht, den Vortragstext liest und die Powerpoint-Präsentation betrachtet, irritieren weniger die zynischen Wahrheiten, die der Sprecher professionell-beiläufig erwähnt, als die völlige Gleichgültigkeit der Zuhörer. Es regte sich kein Unmut. Zwar zuckten ein paar von ihnen mit den Achseln, aber die meisten zeigten sich eher belustigt von der Performance und dem goldenen Skelett. Sie reagierten, als handele es sich um ein Spielchen und als wären es bloß nette Anekdoten, die der Redner gerade erzählt hatte.
Zeitgenössischer Polit-Aktivismus, wie ihn Greenpeace oder Attac betreiben, hat viel vom Theater und der Aktionskunst gelernt. Vor allem Greenpeace ist für spektakuläre und atemraubende Aktionen berühmt und berüchtigt. Nicht selten setzten die Aktivisten ihr Leben aufs Spiel, um Missstände nicht nur aufzuzeigen, sondern deren schwerwiegende Bedeutung mit eben dem Einsatz des eigenen Lebens zu unterstreichen. Das ist hochmoralisch und führt bei den einen Zuschauern zu stiller Demut angesichts der eigenen Tatenlosigkeit, bei anderen wiederum zu massivem Widerspruch gegen die Anmaßung.
The Yes Men, die Ja-Sager, gehen anders vor. Auch sie leisten Performances und agieren in besonderen Situationen, aber sie belehren nicht, sondern sind geradezu übereifrig in ihrer Anpassung an die Sprache und die Bilder ihres Publikums. Die Powerpoint-Präsentation beispielsweise hatten sie aus Cliparts zusammengestellt, die Microsoft online zur Vortragszwecken bereitstellt. Wenn die Bildchen und Schlagwörter auf der Projektion reinschweben oder -flitzen, sind das ebenfalls Standardeffekte des Programms. Waren also die Übernahme der Gepflogenheiten - die Präsentationsweise, der Redestil, das Auftreten - so perfekt, dass den professionellen Zuhörern die drastischen Inhalte entgingen oder entgehen mussten?
Das an sich wäre bereits fatal, aber die Wahrheit scheint noch erschreckender zu sein: Vertreter derjenigen, die die wirtschaftliche Macht haben, um die Welt zu bewegen, scheinen nicht zu merken, wo sie welche Grenzen im Namen des Marktes überschreiten oder längst überschritten haben. Die versammelten Banker und Investoren zumindest haben die von Erastus Hamm beschworenen Leichen im Keller der Großkonzerne wohl eher als gefallene Spielfiguren in einem globalen Monopoly begriffen, denn als das, was sie sind: getötete Menschen.
Die Frage, ob und wie Kunst politisch oder Politik kunstvoll sein kann, ist im 20. Jahrhundert immer wieder gestellt worden und von den totalitären Regimes in Deutschland und Russland erschreckend klar beantwortet worden. Kunst wurde hier zum Mittel der Indoktrination, der psychologisch untermauerten Einschwörung auf die herrschende Ideologie, und zur eindringlichen Gestaltung von politischen Akten. Wenn die Distanz zum politischen Inhalt fehlt, wenn das Nachdenken der eigenen Position ausbleibt, so läuft politische Kunst immer Gefahr, einfach einer Sache zuzustimmen oder bloß moralinsauer den Zeigefinger gegen sie zu erheben. Das haben The Yes Men ausführlich bedacht und daraus eine komplizierte politische Kunststrategie aus Täuschung, Überaffirmation (übertriebener Zustimmung), Distanznahme, Dokumentation und Distribution (Verbreitung) entwickelt. Nach der Aktion während der Londoner Konferenz bleiben das treffliche Symbol Gilda sowie die Video- und Fotodokumente des Vortrags Zerrspiegel der wahnsinnigen Logik, die für die meisten von uns unsichtbar hinter verschlossenen Türen wirkt, dafür aber den Lauf der Welt maßgeblich bestimmt. Alles lässt sich auf der Homepage genau nachvollziehen. Als Spiegelbilder finden die Aktionen aber auch - das ist fast klassisch - zurück in die Kunstausstellungen.
Hinweis:
Gilda und das Video vom Vortrag können noch bis zum 16. Juli 2006 in der
Ausstellung "Glanz und Globalisierung. Fußball, Medien und Kunst" im
Hartware Medienkunstverein, Phoenix-Halle, Dortmund
angesehen werden.
Zu den Künstlern:
The Yes Men sind Andy Bichlbaum und Mike Bonanno. Doch diese Namen sind
ebenfalls Pseudonyme, die bei Bedarf geändert werden. Hinter ihnen sind die
Spuren der persönlichen Biographien gelöscht. Fest steht nur, dass beide
Yes Men US-Amerikaner sind. Sie kamen 2000 zusammen, nachdem sie bereits
beide bei einigen politkünstlerischen Aktionen des
Netz-Kunst-Kollektivs
RTMARK
mitgemacht hatten. Bekannt wurden The Yes
Men, als sie 2003 die offizielle Homepage der WTO, der
Welthandelsorganisation, so täuschend echt nachbauten, dass sie über lange
Zeit immer wieder mit der echten Seite verwechselt wurde. Bald wurden die
beiden weltweit zu Vorträgen über die WTO eingeladen, auf denen sie ihren
Auditorien drastische Thesen unterbreiteten, ohne dafür jemals angegriffen
zu werden. Die wichtigsten Themen ihrer Agenda sind
Dow Chemicals und die
unterlassenen Zahlungen des Konzerns an die Opfer der Bhopalkatastrophe
,
die WTO und ihre Zielsetzungen sowie Präsident George W. Bush, in dessen
letzten Wahlkampf sie sich ebenfalls mit einer gefälschten Homepage
eingemischt haben. Ein Besuch der
Yes-Men-Homepage
ist ein ebenso amüsanter wie trauriger Ausflug in die weite Yes-Men-Welt.
Dort kann u. a. der Film über die Aktionen bis 2004 in Auszügen angesehen
werden, der
Store
mit seinen nützlichen
Angeboten besucht oder eine Spende für
die zukünftigen Projekte der Künstler abgegeben werden. Denn von
irgendetwas müssen die Yes Men das alles ja bezahlen.
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Hinweis der Redaktion: Die nächste Staffel, zum Thema "Liebe", erscheint am 24. Juli 2006.
- Datum 7.7.2006 - 02:47 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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... eine Grundvoraussetzung für "Erfolg" im weltweiten Wirtschaftskrieg zu sein. Schöne Neue (Alte?) Welt. Und am Ende verschenkt man die ergaunerten Milliarden für "Wohltätige Zwecke". Ablasshandel ohne Ablassgeber?
\N
Vielleicht steckt ja die Bundeskanzlerin oder der Münte dahinter (wie bei Batman). Kann man nie wissen. Oder Frau Ackermann hat Krach mit ihrem Göttergatten, weil der mit Herrn Hartz..., sie wissen schon oder Thea Gottschalk oder Otti Fischer, der den Mosi, Gott hab ihn selig, rächen will. Ist doch auch spannender so. Für Sie zumindest anscheinend.
Soviel zum Thema liberalisierte Wirtschaft und staatliche Regulierung. Ein gutes Beispiel, warum man solchen Mentalitäten wie den Gästen dieses Vortrags harte, gesetzliche Fesseln anlegen muß und eigentlich einen Kehrbesen anstatt einen Managerposten an die Hand geben sollte. Wer angesichts solcher Leute immer noch an "wirtschaftliche Zwänge" als Rechtfertigung für Massenmord, systematischer Umweltzerstörung und Ausbeutung Schwacher und Armer glaubt, dem ist wirklich nicht zu helfen. Nichts ist schlimmer als die Ignoranz und Blindheit, die in unserer "westlich zivilisierten Welt" diesbezüglich so gerne gepflegt wird.
\N
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