Kunst für die nächste Generation Markenzeichen

Künstler müssen unabhängig arbeiten - sich aber gleichzeitig selbst vermarkten können. Ein Widerspruch, den manche von ihnen thematisieren. Die neue Staffel unserer Reihe "Kunst für die nächste Generation"

Künstler sind kreativ, sehr flexibel, risikofreudig, kommunikativ, team- und lernfähig. Sie leben und arbeiten in internationalen Netzwerken. Sie sind notwendig begabt in der Selbstvermarktung. Und vor allem schaffen sie aus eigenem Antrieb und eigener Kraft ihre Werke - oder was auch immer. Man könnte Künstler also mit gutem Grund als das zukunftsweisende Arbeitsmarktmodell der globalen Wirtschaft feiern.

Doch es hört sich besser an, als es ist. Vor kurzem sagte ein junger Künstler über einen erfolgreichen Freund: "Sofort sind alle neidisch und missgünstig. Dabei lebt er jetzt wie ein normaler Erwachsener seines Alters in Deutschland." Es ist also wie überall. Bis auf wenige Glückliche krebsen die meisten Künstler rum, hangeln sich von Stipendium zu Schulprojekt zu schlecht bezahlter Auftragsarbeit oder sie jobben nebenher in Kneipen oder als Museumswärter. Der Künstler als ökonomisches Rollenvorbild führt geradewegs auf die Schattenseite der globalen Wirtschaft. Für das Gros - der Künstler wie anderer Selbstständiger - bedeutet es wenig anderes, als bei maximaler Anstrengung und Produktivität täglich ums Überleben zu kämpfen.

Dennoch ist ein anstrengendes, finanziell erfolgloses Künstlerleben einem anderen finanziell erfolglosen Leben sicherlich vorzuziehen. Immerhin schafft man sich selbst Zufriedenheit und auch wenn die Kunst unverkäuflich ist, die man produziert oder in Aktionen auslebt, erarbeitet sich der Künstler einen "symbolischen Mehrwert"* . Wenn heute Arbeit knapp ist - wenn nur für wenige viel, für die meisten wenig Arbeit da ist - darf man den psychologischen und sozialen Wert von sinnvoll erscheinender, unbezahlter Arbeit nicht unterschätzen. Hier bekommt der Begriff Luxus, der die schönen Künste immer begleitet hat, eine neue Bedeutung. Das Luxusobjekt Kunst, das sonst für andere gemacht wurde, erweist sich als Luxus für den Künstler, das heißt als der Luxus einer selbst bestimmten Arbeit inklusive dem Privileg einer gesellschaftlichen Position.

Es kommt ein weiterer Punkt dazu: Die Künstler sind ausgesprochen kreativ in Wirtschaftskritik. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind sie immer wieder als Kritiker des Kapitalismus aufgefallen. Viele glaubten nicht nur zur künstlerischen, sondern auch zur politischen Avantgarde (Vorkämpfer für eine Idee) zu gehören. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren es zunächst der Kommunismus jeder Couleur oder der Anarchismus, auf die man sich bezog. So verfassten zum Beispiel die Surrealisten immer deutlichere politische Manifeste, die am Ende zur Auflösung der Künstlerbewegung und zur Umwandlung der künstlerischen Arbeit in politische Arbeit führten.**

Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat der Dienst der Künstler für die kommunistische Sache stark nachgelassen. Das bedeutete aber nicht, dass deshalb der Kapitalismus auf der anderen Seite zum neuen Freund geworden wäre. Künstler versuchten jetzt, die Wirtschaft mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen ( Pop Art ). Oder sie entwickelten wie Joseph Beuys Politik- und Wirtschaftsmodelle, die auf Tausch basierten. Während die einen zu gut im Marktsystem aufgingen, wurden die Gegenentwürfe zwar in Selbstversuchen getestet, aber haben sich nie breiter verwirklicht.

Am Ende entkommt offenbar niemand dem globalen kapitalistischen Markt. Immerhin kann man in der Kunst nach wie vor überhaupt über ihn nachdenken. Zum Glück sind da einige, die über den Luxusartikel Kunst zeigen, wie stark man dem Markt unterworfen ist, wie sehr man nicht nur Konsument, sondern auch Ware geworden ist. Diese Künstler machen das als schmerzhafte Realität nacherlebbar, begeben sich bewusst in Distanz. Oder sie zeigen sich beim lustvollen Mitmachen. Andere suchen an den Rändern der Weltmärkte nach verdeckten Auswegen und Möglichkeiten, den herrschenden Kapitalismus zu unterwandern. Oder sie zielen auf das Entlarven der Menschenverachtung großer Wirtschaftsvertreter, der so genannten Global Players . Und selbst wenn sich ihr Ergebnis und ihre Ziele klar unterscheiden, so ist doch allen Künstlern dieser Folge gemeinsam, dass sie die herrschende oder andere Ökonomien eigenhändig erforschen oder an sich selbst ausprobieren.

Anmerkungen:

* Mehrwert meint - grob gesprochen - Wertschöpfung . Symbolisch steht für etwas, dessen Preis sich nicht über einen Materialwert, die Produktentwicklung und den Nutzen klar beziffern lässt, sondern von Faktoren wie Emotion, Ausdruck, Intellektualität, Tradition, Exklusivität und Luxus abhängt. Sprich: Kunst. Hier ist zudem darauf angespielt, dass der Mehrwert nicht immer Geld, sondern auch in anderer, symbolischer Form an den Produzenten zurückfließen kann.

** Während das erste surrealistische Manifest (1924) noch als Künstlermanifest mit politischem Ton zu lesen ist, gründet der Hauptsprecher der Surrealisten - André Breton - später die Zeitung Le Surréalisme au service de la révolution / Der Surrealismus im Dienste der Revolution (1930-1933) .

Markenzeichen - Die besprochenen Künstler und ihre Arbeit:

Unter die Haut »
Der Künstler Vito Acconci biss sich in den eigenen Körper, um ihn als vermarktbares Objekt zu kennzeichnen. Er verstand es als Auseinandersetzung mit Marken - und schuf hoch dotierte Arbeiten

Die neuen Teufelinnen »
Frauen und Formel I - da scheint die Rollenverteilung klar zu sein. Doch die Künstlerin Sylvie Fleury zeigt in ihrer Installation "She Devils on Wheels" spielerisch und wie beiläufig, dass im Geschlechterkampf nichts so sein muss, wie es scheint

Subversives aus dem Einmachglas »
Das lettische Künstler-Trio Open hat mit seinem Projekt über einen Tee-Pilz nicht nur eine glibberige Lebensform dokumentiert, sondern auch die Defizite der herrschenden Ökonomie entlarvt

Wahrheit als Bedrohung »
Die Aktionskünstler The Yes Men treiben ihr unglaubliches Spiel mit der Wahrheit am liebsten in den Zentren der ökonomischen Macht

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Leser-Kommentare
  1. Der kapitalistische Markt als Feindbild gehört zu den gebräuchlichsten Topoi der Kunst, seitdem sich Künstler selbst vermarkten. Außerhalb des ach so banalen Marktgeschehens leuchtet das Ideal des "freien" Künstler als Prototyp des scheinbar unabhängigen Individuums umso heller.
    Die Realität sieht anders aus: Die Verrenkungen, die Künstler vor wichtigen Kritikern, Jurymitgliedern und Geldgebern machen (müssen), das Maß an Angepaßtheit und vorauseilendem Gehorsam, das da stattfindet, um an Fördergelder, Stipendien und wichtige Ausstellungen zu kommen, entlarvt die Mär vom unabhängigen Künstler als reinen Euphemismus.

    • Gilda
    • 26.06.2006 um 14:43 Uhr

    Mit dem „symbolischen Mehrwert“ ist das so eine Sache. Das Klischee vom armen, aber glücklichen Künstler ist verharmlosend und vernachlässigt ein wichtiges Detail: Ein finanziell herumkrebsender Berufskünstler, der sich mit irgendwelchen Jobs so gerade eben über Wasser hält, führt eher ein zermürbendes Lebens. Denn es bleiben oft kaum noch Zeit und Kraft für die eigentliche, die künstlerische Arbeit. Und das macht schlichtweg unglücklich. Die einzig nennenswerte Anerkennung für einen Künstler ist nicht das lobende und billige Schulterklopfen, sondern die gezückte Brieftasche. Leider gibt es unter der jüngeren bis jungen Generation kaum noch ein echtes kulturelles Bewußtsein und das Gefühl, Kunst und damit in der Regel ein Unikat aus einer inneren Notwendigkeit heraus zu erwerben und damit zu leben. Die Angst, vielleicht das „falsche“ Kunstwerk zu kaufen ist groß. Zumal man damit vielleicht auch nicht so deutlich machen kann, was man sich zu leisten imstande ist. Beim entsprechenden Label hingegen, Massenware, weiß mein Gegenüber sofort, wie viel Geld ich dafür hingeblättert habe.

  2. man ihm einen Pinsel und 'ne Leinwand spenden sollen....denn wenn das KUNST FUER DIE NAECHSTE GEGENERATION ist dann sollte man einfach auf die Steinzeit Malerein zurueck fallen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, 12.6.2006
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