Kunst für die nächste Generation Die Größe der Angst
Ron Muecks Riesen flößen allein durch ihre Ausmaße Furcht ein, denn es steht immer die Frage im Raum: Und was, wenn er sich doch bewegt?
Auf dem Foto hockt ein Junge. Er hat die Arme schutzsuchend vor den Kopf genommen und schaut scheu, vielleicht sogar etwas ängstlich, zugleich aber auch wachsam über seine linke Schulter. Er sitzt zwischen Metallkonstruktionen eingezwängt und spiegelt sich vorn in einer Fensterfläche. Erst dann fallen kleine Figuren unter dem Ellenbogen und in der Spiegelfläche auf. Es sind erwachsene Menschen, die um den Jungen herumstehen und sitzen. Sie nehmen sich winzig aus neben ihm! Und man fühlt sich in der Tat winzig klein neben diesem über vier Meter hohen Giganten, der doch selbst eigentlich ein kleiner Junge ist.
Riesen flößen Angst ein. Es ist ihre ungeheure Größe an sich, die beängstigt, denn selbst wenn ein Riese harmlos wäre, so sind zumindest seine Bewegungen immer etwas unberechenbar. Außerdem berichten Sagen und Märchen meistens über schreckliche Riesen. So musste Zeus, der griechische Göttervater, die Giganten, riesige Mischwesen der griechischen Mythologie aus Menschen- und Schlangenleibern, in harten Kämpfen besiegen und er verbannte sie danach aus der Welt und tief unter die Erde. Nur aus freundlichen Kindererzählungen ist der Typus des traurigen Riesen bekannt, der einsam ist und damit hadert, dass ihn alle für gefährlich halten.
Ron Mueck muss an diese traurige Sorte Riesen gedacht haben, als er die 500 Kilo schwere Plastik * "Boy" (Junge) formte. Denn darin unterscheidet sie sich grundlegend von Kolossalstatuen ** in der Geschichte der Kunst, die stets die Größe und Stärke eines Menschen, eines Gottes oder einer Stadt beweisen sollen. Der riesige Junge auf dem Bild dagegen sucht selbst nach Schutz. Er wirkt unsicher, ausgesetzt und schwankend. Er kauert und ist auf der Lauer. Dieses Hin- und Hergerissensein macht ihn noch besonders unberechenbar.
Unser Erschrecken über seine traurige Größe rührt noch von etwas anderem her. Im Gegensatz zu den meisten gigantischen Statuen - wie etwa der Bismarckskulptur in Hamburg - hat Ron Mueck den Jungen lebensecht dargestellt. Fast immer wird bei einer kolossalen Vergrößerung auch die Vergröberungen der Darstellung in Kauf genommen. So wirken die Einzelteile Otto Graf Bismarcks, der in Granit gehauen von seinem Sockel über den Hamburger Hafen blickt, plump bis gänzlich abstrakt (ungegenständlich). Schaut man aber den Jungen von Mueck im Einzelnen an, dann sieht man menschliche Körperteile in enormer Vergrößerung haarfein nachgebildet. Die Haut hat Poren und Falten und wirkt echt. Das Gleiche gilt für die Haare und die Augen. Das Unheimliche an dem Riesenjungen ist, dass er in seiner Größe so durch und durch menschengleich dargestellt ist.
Kunsthistorisch nennt man solche Darstellungen hyperreal - also realer als real. Es ist paradox (widersinning): Erst ein Kunststoff erlaubt diese Überrealität der Darstellung von Lebendigem. Als Erster hat in den 1960er Jahren der Amerikaner Duane Hanson detailgetreue Plastiken von Menschen geformt, deren Vorbilder er in den amerikanischen Shoppingmalls und am Rand der Gesellschaft fand. Hanson verwendet dafür, wie auch Mueck, Polyester und Fiberglas, d.h. eine Verbindung von Glasfasern und Polyesterharz, die dann bemalt und angezogen wird. Während Hanson den Alltag für sich sprechen lässt, will Mueck mit seinen Figuren immer einen Moment des Übergangs zwischen Geburt und Leben, Leben und Tod treffen. Dafür gestaltet er seine nackten oder beinahe nackten Figuren entweder größer oder kleiner als ihre Vorbilder und fügt ihnen manchmal unmögliche Dinge wie Engelsflügel hinzu. Sie werden zu Zwischenwesen: Einerseits gehören sie in eine andere - entweder verborgene oder jenseitige - Welt, andererseits sind sie als Körper im Raum anwesend und in allen Details sichtbar. Diese Ambivalenz (Zerrissenheit) spüren wir auch vor dem gigantischen Jungen. Er hockt mitten unter uns, ist einer von uns, obwohl er nicht von dieser Welt sein kann und aus einer anderen Zeit, aus einer verlorenen oder verborgenen Vergangenheit kommt. Denn er erinnert alle seine Betrachter an die Kindheit, an ihre eigene Kindheit, an Erfahrungen von Einsamkeit und Zaghaftigkeit, an eine unbestimmte Angst vor dem Leben, die im alltäglichen Lebenslauf vergessen und verdrängt wird. Durch seine Größe konfrontiert uns (stellt uns gegenüber) der Junge nachdrücklich mit der Größe und der Unausweichlichkeit der menschlichen Angst vor der Existenz, d.h. vor dem Leben, dem Sein, der Welt, der Wirklichkeit.
Von Ute Vorkoeper
* Plastik nennt man Bildwerke, die aus in einem Material - meist Ton - geknetet und durch Hinzufügen geformt werden. Nach den Tonmodellen werden dann Gussformen erstellt, die dann traditionell mit Bronze ausgegossen werden. Aber seit der Moderne gibt es immer wieder neue Materialien, in denen Bildwerke aufgebaut oder in denen Plastiken später gegossen werden, so werden auch Glasfiber-Polyesterverbindungen gegossen. Skulptur nennt man dagegen Bildwerke, die aus einem festen Material - Holz oder Stein - herausgearbeitet werden, d.h. die Skulptur entsteht durch Schnitzen oder Behauen.
** Kolossalstatuen sind mehrfach lebensgroße Standbilder von Menschen oder Tieren. Solche Statuen gibt es in (fast) allen Kulturen. Sie dienen der machtvollen Darstellung von Herrschern oder Göttern. Ändern sich die Machtverhältnisse oder die Religion, dann werden die kolossalen Statuen meist umgehend zerstört - man denke an die Abrisse der großen Marx-, Stalin- oder Leninstandbilder in Osteuropa, an die Vernichtung der riesigen Buddha-Statuen durch die Taliban oder die Stürze von Saddam Hussein-Statuen im Irak.
Ron Mueck , geboren 1958 in Melbourne, Australien, lebt in London. Nach Arbeit im Kinderfernsehen und als Fachmann für Special Effects im Film macht er 1990 in London eine Werbeagentur auf. Von 1996/1997 an arbeitet er an seinen ersten Skulpturen und beginnt sie international auszustellen. Seitdem lebt er als freischaffender Künstler.
Bibliographischer Hinweis:
Ron Mueck. Heiner Bastian (Hg.). Ostfildern-Ruit: Hattje Cantz, 2003
Der "Boy" ist im Kunstmuseum Aarhus in Dänemark zu sehen.
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- Datum
- Quelle © ZEIT ONLINE, 23.11.2005
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