Kunst Perspektivlosigkeit schafft Grauen

Candice Breitz' Wesen sind aus Versatzstücken der Kulturen zusammengesetzt

Begegnete einem diese Frau auf der Straße bei Nacht, man würde davonlaufen. Sie würde auf ihren kurzen Beinen vorbei humpeln und vielleicht den quer am Körper sitzenden Kopf drehen. Schauderhaft. Auf dem Bild dagegen wirkt sie erstaunlich gelassen. Sie scheint ihre Abnormität (Abweichung vom Normalen) nicht einmal zu bemerken. Mit halb geöffneten Augen schaut sie irgendwohin und kämmt sich das lange Haar, als sei alles in Ordnung. Dabei steht sie ganz allein in einem weißen Nichts - kein Raum, kein Mensch, kein Gegenstand außer ihr ist auf dem Bild zu sehen.

Die Frau ist offensichtlich zusammengesetzt aus Stücken verschiedener Frauen. Seit die Collage zu Beginn des 20. Jahrhunderts kunstfähig wurde, haben alle Schüler mindestens einmal in ihrem Leben Collagen aus Zeitschriftenfotos im Kunstunterricht angefertigt. Dabei entstehen immer absurde Bilder, da von Bild zu Bild andere Größenverhältnisse und Perspektiven * gelten. Diese verschiedenen Blickwinkel werden über die Ausschnitte in der Collage zusammengebracht und lassen das Gesamtbild verzerrt und gebrochen aussehen.

Die weiße Südafrikanerin Candice Breitz spielt damit in ihren Rainbow Series (Regenbogenserie) und schafft absurd verzerrte, unförmige, weibliche Wesen aus weißen und schwarzen Körperteilen. Die Schnittstellen und Übergänge sind sichtbar, d.h. die einzelnen Teile wurden nicht nahtlos und unsichtbar aneinander angepasst, wie man es in der Fotomontage machen würde. Ein wenig erinnern die collagierten Frauenbilder an das alte Kinderspiel, in dem das erste Kind einen Kopf, das zweite den Körper, das nächste die Beine, das letzte die Füße zeichnete - aber keiner sehen konnte, was der Vorgänger gemalt hatte, weil der Teil nach hinten geklappt wurde. Im fertigen Bild trafen dann Stücke von Mädchen auf Teile von Jungs oder Sommerröcke auf Winterstiefel. Vergleichbar lässt Breitz gegensätzliche schwarze und weiße Stereotypen (allgemeine, leere Bilder) und damit auch verschiedene Normen (Gesetze, Ordnungen des Normalen) und Tabus (moralische Grenzen) aufeinander folgen.

Bei der Bildauswahl ist sie ins Extrem gegangen. Denn für die weißen Körperpartien hat sie Abbildungen von Frauen aus Pornomagazinen ** ausgewählt und sorgfältig mit dem Skalpell ausgeschnitten. Sie suchte dabei gerade Frauen, die als sexuelle Objekte (Gegenstände) gezeigt werden. Die schwarzen Körperteile dagegen schnitt sie aus Ansichtskarten, die schwarze Stammesriten zeigen und den Touristen in Südafrika als Souvenirs (Erinnerungsstücke) angeboten werden. In den beiden Bildsorten gelten sehr verschiedene Gesetze für den nackten Körper. Die obszöne (schamlose) Zurschaustellung nackter Frauenkörper in der Pornographie prallt mit Bildern von Frauen zusammen, die in natürlicher Nacktheit gezeigt zu sein scheinen. Doch auch wenn in afrikanischen Stammeskulturen der nackte Frauenkörper, Körperschmuck und körperliche Sinnlichkeit nicht aufreizend erscheinen, sind sie, wenn sie auf Postkarten für westliche Touristen, eben Fremde, gedruckt werden, ebenfalls schamlose Zurschaustellungen. Außerdem vergisst ein romantischer Blick auf afrikanische Kulturen leicht, dass Nacktheit auch hier nicht einfach "natürlich" ist, sondern dass sie an Gesetze, Traditionen und Riten gebunden ist. Ganz abgesehen davon hat traditionelles Stammesleben nur noch wenig mit der Lebenswirklichkeit der meisten schwarzen Südafrikaner zu tun.

Beide Bildtypen, die Breitz verwendet hat, sind ebenso nicht?alltäglich wie künstlich und doch bestimmen sie die stereotypen (allgemeinen, hohlen) Vorstellungen von schwarzen und weißen Frauen. Die Mischung zeigt das als monströse Entstellung. Dabei ist die Vorstellung von solchen Mischwesen alles andere als bloß eine Fantasie der Künstlerin. Candice Breitz hat die Serie Mitte der 1990er Jahre begonnen, als in Südafrika viel von der "Rainbow Nation" (Regenbogennation) geredet wurde. Ausgerechnet die Rassen, die noch bis 1990 durch Apartheid*** radikal getrennt waren, wurden von Politikern jetzt als bunte Mischung Südafrika verkauft. Breitz widerspricht dieser geschichtsblinden Behauptung.

Zugleich erhebt sie Einspruch gegen die Nivellierung (Gleichmachung) der kulturellen Unterschiede, indem man die gewaltigen und gewalttätigen Konflikte der Rassen in Südafrika verleugnet. Aus diesem Grund hat sie die Mischfrau vor einen reinweißen Hintergrund gestellt. Dieser leere weiße Grund erweist sich am Ende als das Ungeheuerlichste an dem Bild. Er steht für den Verlust von Geschichte, Kultur und sozialen Bindungen, wenn durch die bloße Vermischung alter Vorurteile beide Kulturen erniedrigt und angeglichen werden. Das Zusammenleben verschiedener Kulturen mit einer so konfliktreichen Geschichte wie in Südafrika erfordert viel mehr als beschönigendes Multikulti?Gerede. Auch wenn es schmerzhaft ist, müssen die gegensätzlichen Traditionen, die grundlegenden Konflikte wie die wechselseitigen Verbrechen erinnert und immer wieder diskutiert werden.

Von Ute Vorkoeper

* Perspektive nennt man in der Kunst die räumliche Darstellung oder die Abbildung von Gegenständen im Raum. Die Fluchtpunktperspektive ist dabei an einen fixen Betrachterstandpunkt und eine Blickrichtung gebunden. Sie suggeriert eine tiefenräumliche Aussicht. Diese neuzeitliche Bildvorstellung gilt auch für die Fotografie. Ausnahme ist u. a. die Werbefotografie, in der oft mit Parallelperspektiven oder aufgeklappten Perspektiven gearbeitet wird, deren Vorläufer eher in der Malerei der Antike oder des Mittelalters gefunden werden können.

** Porno ist die Abkürzung für Pornographie und bezeichnet die direkte und eindeutige Darstellung sexueller Handlungen und der (erregten) Sexualorgane. Die in Pornoheften gezeigten Frauen und Männer werden nicht als Individuen mit Beziehungen dargestellt, sondern sie stellen als Schauspieler möglichst einfach und obszön (schamlos) sexuelle Lust nach. Pornographische Szenen sind häufig brutal und in vielen Fällen erniedrigend und abwertend für Frauen.

***Apartheid nennt man die südafrikanische Rassentrennung, die sich nicht nur durch alle Lebensbereiche zog, sondern sogar die räumliche Trennung der Rassen vorsah. Die Schwarzen lebten in so genannten Homelands und Townships mit eigener, schwacher Infrastruktur strikt getrennt von der weißen Oberschicht. Wahlrecht hatten nur die Weißen. Das System selbst war monströs und dauerte bis 1990.

Candice Breitz wurde 1972 in Johannesburg, Südafrika, geboren. Sie wuchs in Südafrika auf und studierte Kunst und Kunstgeschichte in Johannesburg, Chicago und New York. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen sowie auf den Biennalen in Johannesburg, Sao Paulo, Istanbul, Taipei und Venedig präsentiert. Heute lebt sie in Berlin.

Ausstellungstipp:
Candice Breitz. Mother . 30.10.2005 bis 8.1.2006 im Edith-Ruß-Haus, Oldenburg

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    • Quelle © ZEIT ONLINE, 23.11.2005
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