Kunst für die nächste Generation (1) Monster

Jede Gesellschaft schafft sich ihre eigenen Monster. Die schlimmsten von ihnen leben in uns selbst

Die erste Staffel unserer Reihe "Kunst für die nächste Generation" beschäftigt sich mit Monstern. Wie kommen sie in die Welt? Warum fürchten wir uns vor ihnen, werden aber dennoch von ihnen angezogen? Wenn man nachsieht, woher das Fremdwort kommt* , stößt man auf lateinisch Monstrum , was "Ungeheuer", "unförmig" und "riesengroß" bedeutet. Daneben findet man monstrare , das lateinische Wort für "zeigen". Ungeheuer sind also Wesen, an denen etwas Bekanntes und Vertrautes verzerrt oder vergrößert ist. Sie sind anders als Menschen - aber nicht vollkommen anders. Und sie sind nicht einfach da, sondern sie müssen sich zeigen oder sie werden gezeigt. Sie leben im Verborgenen. Bedrohlich wie faszinierend ist, dass sie von dort jederzeit hervorbrechen können. Meistens aber werden sie uns einfach gezeigt - von der Gesellschaft, der Familie, den Freunden, in Märchen, Filmen und Spielen. Man deutet auf diejenigen, die den Vorstellungen vom Normalen widersprechen und behauptet dabei manchmal leichtfertig, dass diese anderen gefährliche Unmenschen seien.

Jede Gesellschaft schafft sich ihre eigenen Monster. Seltener dagegen zeigen sich Monstren unerbeten und unerwartet von selbst. Dann wird es schrecklich, denn die schlimmsten aller Ungeheuer sind tief in uns selbst versteckt und leben in unseren Alpträumen.

* Das nennt man Etymologie und es gibt dafür extra Wörterbücher, z. B. das Duden Herkunftswörterbuch.

Monster - Vier Künstler und ihre Werke

Das künstliche Monster »
Untitled #314 E von Cindy Sherman, 1994 »



Das Monster in mir »
Selbstbildnis von Francis Bacon, 1973



Die Größe der Angst »
Untitled ("Boy") von Ron Mueck, 1998



Perspektivlosigkeit schafft Grauen »
Rainbow Series #10 von Candice Breitz, 1996



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Leser-Kommentare
    • jens4
    • 04.12.2005 um 12:00 Uhr

    Vielen Dank für die Bemühungen tatsächlichen Zugang zur zeitgenössischen Kunst zu ermöglichen. Die unter dem Ttitel "für die nächste Generation" zu tun ist sicher wohl eher ein Augenzwinkern, denn: wieviel % der jetzigen Generation finden wirklich Zugang zur zeitgenössischen Kunst? Peter Eisenmann meint, 80% würden davor stehen und verständnisvoll nicken, auf das daran geheftete Schild schauen und 'aaaaaah' sagen. Hoffen wir mal, dass die Zahl nicht noch schlimmer ist. Schön, dass sich nun aber immer mal jemand zu sagen traut: "der hat ja gar nichts an".

    Auch mir versperrt sich leider der Zugang zur modernen Kunst, auch nach der Lektüre dieser 4 Besprechung ändert sich daran nichts. Diese Erläuterungen und Besprechungen haben wir so auch in der Schule gehabt. Die als Untertitel gestellte Frage: Wieso, weshalb, warum? wird für mich damit nicht beantwortet.

    Warum macht ein Künstler derartige Bilder? Wer erhebt das zur Kunst bzw. ihn zum Künstler? Ideen für Collagen, Montagen verschiedenstener Materialien oder sonstige Ausformungen der zeitgenössischen Kunst können wohl tausende Leute auf der Welt haben, das Handwerkszeug zur Ausführung haben sie auch (ob es nun der Computer mit Photoshop ist oder das Dreirad mit dem Sie über die Leinwand fahren).

    Muß nicht aber Kunst so sein, dass auch die 80% 'Normal-nicht-Kunstversteher'-Bürger aus der Kunst eine Aussage mitnehmen können? Ist es evtl. der Flut von Pseudo-Kunst geschuldet, das wir die tatsächliche Kunst nicht mehr erkennen (können)?

    Erst gestern in der Ausstellung "Schrumpfende Städte" in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig kam mir immer wieder die Frage: Für wen wurden diese 'Kunstbeiträge' gemacht? Wo liegt der Sinn dieses Beitrages? Der vom Thema Betroffene wird sie nicht verstehen. Ist es nicht eher Selbstzweck für die Künstler, Galeristen (und in einigen Fällen für die betuchten Sammler)?

    Ist es nicht so, dass ich nur ein Objekt 'herstellen' muß, welches möglichst unkonventionell ist, einen vielsagenden Titel dazu, 5 honorige Personen die darin Kunst sehen ... Man wird feststellen, dass die verschiedensten Interpretationen der Kunst dann von selbst kommen.

    Aber trotzdem habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ich irgendwann eine 'Ebene' erreiche, wo ich auch die zeitgenössische Kunst verstehe. Deshalb also nochmals Dank dafür, dass das Thema aufgegriffen ist.

    * die kleinen Fußnoten in den Beiträgen sind sicher sinnvoll. Aber ob die Zielgruppe 'Jugend' sich an dieser Stelle wohl etwas Oberlehrerhaft belehrt vorkommen wird wenn man z.B. die Begriffe Apartheid oder Porno erklärt?

  1. Das Duden Herkunftswörterbuch / Etymologie der deutschen Sprache weist unter dem Eintrag "Monstrum" auf das zum Begriffsfeld gehörige lateinische Verb "monstrare". Und dieses Verb inkl. aller aus ihm ableitbaren Partizipien wie Adjektive findet sich auch in "Der kleine Stowasser". "Mostrare" liegt aber nicht weit davon entfernt, denn es handelt sich dabei um das heute gebräuchliche italienische Verb für "zeigen", das ebenfalls aus lat. monstrare abgeleitet ist. uv

    • kejo
    • 06.12.2005 um 16:43 Uhr

    Und in der Tat zeigt sich auch bei diesem volkspädagogischen Ansinnen, für Kinder und Jugendliche einen Zugang zur Gegenwartskunst herzustellen, dass gutgemeinte Ideen nicht unbedingt der Weisheit allerserste Güte sind, sondern eher kontraproduktiv bis naiv. Es mag ja noch Angehen, dass die clevere und 'mutige' Frau Vorkoeper einen tatsächlichen Mangel an Thematisierung von Kunst der Gegenwart in unseren Schulen, hier insbesondere bei KunstpädagogInnen, festzustellen vermag, was sich auch mit meinen Erfahrungen auf diesem Gebiet deckt. Aus ihren Äußerungen aber spricht die Arroganz der Bescheidwisser und in der Tat: die Autorin selbst ist keine Kunstpädagogin, sondern eine Kunstwissenschaftlerin. Und so wiederholt sich auch hier der nicht bedachte Kurzschluss, dass die Kunstwissenschaft Erhebliches zur Vermittlung von Gegenwartskunst beizutragen hätte. Das ist aber ein Fehlschluss, denn Kunstwissenschaftler vermitteln nicht. Sie haben stattdesssen bis heute bestimmte Verfahrensweisen der Bildanalyse konserviert, an denen sie immer noch, in Ermangelung zeitgemäßer methodischer Zugänge, festhalten, die einer kunstpädagogischen Vermittlungsarbeit überhaupt nicht förderlich sind, es sei denn, sie heißen beispielsweise Aby Warburg. Frau Vorkoeper ist aber leider nicht Aby Warburg, der uns über seine motivkundlichen Sammlungen einen visuellen Metatext zur Verfügung stellen konnte, der sich der wortsprachlichen Fixierung erst einmal widersetzte. Frau Vorkoepers Ansinnen fußt also auf der wenig förderlichen Textarbeit, das sich deshalb methodisch äußerst schmalbrüstig und konventionell darstellt. Hiervon sind unsere Schulbücher voll, egal ob über historische oder Gegenwartskunst (mit einigen wenigen methodisch bemühten Ausnahmen). Insofern dokumentiert sich hierin genau jener dürftige rein kognitivistische Zugang der Kunstwissenschaft, der von Multiperspektivität, Rezipientenorientierung, multisensorischer Wahrnehmung, Handlungsorientierung und vielkanaligem Lernen scheinbar noch nichts gehört hat. Nun gäbe ja gerade das virtuelle Medium des Internet hervorragende Möglichkeiten her, künstlerische Sachverhalte medial und kunstadäquat, vor allem hier auch interaktiv-selbststeuernd, erschließen zu lassen, aber auch davon keine Spur bei Frau Vorkoeper, die hier auf den falschen Sack schlägt und damit nur wieder die methodische Phantasielosigkeit kunstwissenschaftlicher Durchschnittspraxis bestätigt und sich damit vielleicht noch mit jener Schar von Volksbildnern einig weiß, die derartiges Vorgehen dann in Standards und Rahmenrichtlinien presst, um Jugendliche damit 'propädeutisch' zu domestizieren.

    Außerdem sitz Frau Vorkoeper einem weiteren Fehlschluss auf, wenn sie meint, dass die KunstpädagogInnen Antworten scheuten. Hier zeigt sich eine antiquierte Lehr-Lernauffassung, die mit den Diskursen der Gegenwartskunstpädagogik nichts zu tun hat. Die Konzeption der künstlerischen Bildung als avancierte Lehr- und Lernform, die aus solchen Texten und kunstwissenschaftlich grundierten Missionen wie jenen von Frau Vorkoeper schon vor mehr als 10 Jahren die angemessenen Konsequenzen gezogen hat, setzt auf ästhetisch-künstlerisch forschende, multiperspektivische und subjektorientierte Zugangsweisen zur Kunst der Gegenwart in Produktion und Rezeption. Nicht der Lehrer/Lehrerin gibt die Antworten als großer Schlaumeier, sondern er/sie fördert Kinder und Jugendliche darin, selbst gestellten Fragen angesicht der Kunst intensiv nachzugehen und zu eigenen Antworten zu kommen, da es die eine Antwort sowieso nicht gibt (schon gar nicht angesichts der Gegenwartskunst, die sich nicht substanzialistisch versteht). So auch könnte es vielmehr ein kluger Schachzug sein, dem Antworten auszuweichen, um Kinder und Jugendliche in handlungsorientierten künstlerischen Prozessen und Projekten zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen, um so zu verhindern, eigenen künstlerischen Recherchen und Gestaltungen weniger zu vertrauen als den Meinungen der 'Experten'.

    • Grijsz
    • 29.11.2005 um 23:02 Uhr

    Frau Vorkoeper für dieses tolle und ambitionierte Projekt. Bestimmt werden Sie damit vielen Kunsterziehern Anregung und Materialien für Ihren Unterricht und allen anderen Kunstliebhabern regelmäßigere Besuche bei zeit.de bescheren.
    Ich fange jetzt mal an zu lesen...

    • dull
    • 30.11.2005 um 1:21 Uhr

    Ich moechte nur kurz anmerken, dass das lateinische Wort fuer "zeigen" nicht "monstrare" sondern "mostrare" ist. Dass die Autorin das Wort Monster auf ein lateinisches Wort mit der Bedeutung "zeigen" zuruckfuehrt ist demnach schlichtweg falsch. Sie ist da wohl im Woerterbuch ein bisschen verrutscht.

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  • Quelle © ZEIT ONLINE, 24.11.2005
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