Kunst für die nächste Generation (3) Die bekannte Schönheit der schönen Unbekannten

Michael Sailstorfer inszeniert die Rückseite des Mondes

Eine Fläche hat nur zwei Dimensionen, kann also gar nicht als Körper greifbar im Raum stehen. Das wäre völlig verrückt. Doch genau das gibt es hier zu sehen. In Krümmungen und Wellen scheint sie über den schwarzen Steinfußboden hinwegzuschweben. Genauso flüchtig und leicht wie sie wirkt, so schwer und undurchdringlich erscheint die bleifarben und metallisch glänzende Fläche. Sie hängt zwischen der zweiten und der dritten Dimension, bekommt etwas Rätselhaftes, beinahe Geheimnisvolles - wenn da nicht im Hintergrund die Theaterlampen auf profanen Stativen wären, die sie unsentimental ausleuchten. Der Aufbau erinnert an ein Filmset wie man es aus The-Making-of-Specials zu Hollywoodfilmen kennt. Hier nun: Cast of the Surface of the Dark Side of the Moon , Probeaufnahmen der Oberfläche der dunklen Seite des Mondes. Fasst man die dunkle Fläche schließlich an, dann fühlt sie sich gar nicht metallisch, sondern eher warm, leicht und zerbrechlich an.

Michael Sailstorfers Oberfläche der Mondrückseite ist alles in allem ein völlig widersprüchliches Ding. Er hat hier ja nicht irgendeine zweidimensionale Fläche in den Raum übertragen, sondern eben eine Oberfläche. Das, was sonst einen fernen Himmelskörper begrenzt, wurde angeblich abgelöst und wie ein Gegenstand in den Raum gelegt. Noch dazu soll es die für unsere Augen unsichtbare Oberfläche der »dunklen Seite des Mondes« sein, also eben jene Mondseite, die der Erde immer abgewandt ist und von der die Menschen über die längste Zeit keine Ahnung und kein Bild hatten.

Wenn es nach den Wissenschaftlern von heute ginge, dürfte allerdings keine Rede mehr sein von der »Rückseite« oder der »dunklen Seite« des Mondes. Diese Seite sei bloß »erdabgewandt« und keineswegs dunkel, sondern bei Neumond hell von der Sonne beschienen. Seit 1959 Raumsonden erste Bilder von dieser anderen Seite auf die Erde lieferten, hält man unter Wissenschaftlern das Rätsel für gelöst, das früher zu wilden Spekulationen Anlass gegeben hatte - etwa, dass der Mond hohl oder auf der abgewandten Seite bewohnt sei.

Vergleicht man die Satellitenbilder mit Sailstorfers Mondoberfläche, dann stellt man fest, dass sie alles andere als ein Abbild der Mondrückseite ist. Die ist schroff, von unzähligen Kratern durchlöchert und dick mit Staub belegt. Sailstorfers Mondoberfläche dagegen sieht aus wie eine in Blei gegossene Wasserbewegung. Sie ist im Moment der Fließbewegung erstarrt und erscheint wie das Bild einer altmodischen fantastischen Vorstellung des Mondes, die noch an außerirdisches Leben (unter der Annahme »Wasser=Leben«) auf dem Erdtrabanten glaubt.

Und was hilft schon die Wissenschaft, wenn es um Träume, Unbekanntes und Ungreifbares geht? Als die Gruppe Pink Floyd 1973 ihr Album The Dark Side of the Moon herausbrachte, waren die Bilder der Mondrückseite auch schon einige Jahre bekannt. Dennoch nahm die Rockband »die dunkle Seite des Mondes« als Metapher (Bild) für das, was Menschen nicht sehen, nicht greifen, eben nicht mit ihrem Verstand fassen können. Und sie verkaufte diese Metapher 35 Millionen Mal weltweit.

Michael Sailstorfer lässt die Wissenschaft genauso außer Acht, aber sein Bild des lockenden wie sich entziehenden Unbekannten ist ziemlich alltäglich ausgefallen. Cast of the surface of the dark side of the moon greift nicht nur das astronomische Weltwissen an, sondern irritiert auch alle Reste menschlichen Glaubens ans Unbekannte. Die Inszenierung als Probeaufnahme mit Theaterlicht zeigt die schöne, fließende Fläche als Fake aus Kunststoff, als billiges Traumgebilde für die Unterhaltungsindustrie. Sie verweist auf das Dilemma (die auswegslose Lage), in der wir Medienjunkies stecken: Alles bloß Erdenkliche, was unsere Sinne und unser Wissen übersteigt, wird zum Gegenstand von Filmen, Serien und Spielen gemacht. Dabei verliert sich zwangsweise die Transzendenz, das heißt jede ernsthafte Erfahrung von Übersinnlichkeit und Ungreifbarkeit.

Dass Sailstorfer für seine schwarzgraue Mondoberfläche auch noch eine Grundfläche von fünf mal fünf Metern gewählt hat, unterstreicht diese Deutung für alle, die den Inbegriff der modernen Ikone, das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch kennen. Das sollte - abstrakt, Nichts sagend und schwarz - ein Bild für die Transzendenz (das Überschreiten der Grenzen der Erfahrung) selbst sein. Das ist hohe und wahre Kunst. Sailstorfers schönes schwarzes, gewelltes Plastikquadrat zeigt dagegen die Verweltlichung und Verdinglichung der Transzendenz in der Medienzeit und nimmt sich als Kunstwerk da gar nicht aus. Aber ist das am Ende wirklich so schlimm? Vielleicht sollen wir auch endlich lernen, den schönen Schein und die Täuschungen der Medien nicht länger zu verdammen, sondern in ihrer Schönheit zu genießen und ernst zu nehmen.

Zum Künstler
Michael Sailstorfer wurde 1979 in Vilsbiburg geboren und lebt in München. Er studierte von 1999 bis 2002 an der Akademie der Bildenden Künste München und von 2003-2004 am Goldsmiths College, University of London. Ausstellungsbeteiligungen und Ausstellungen international. Weitere Informationen über den Künstler finden sich auf der Homepage der Galerie zink & gegner

Die Arbeit Cast of the surface of the dark side of the moon ist noch bis zum 12. Februar 2006 in der Ausstellung Rückkehr ins All zu sehen, die in der Hamburger Kunsthalle gezeigt wird.

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    • Quelle © ZEIT ONLINE, 6.1.2006
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