SPEZIAL 9/11: Nach dem Bildersturm
Was können die Künstler noch sagen? Wie die Ereignisse des 11. September 2001 in die zeitgenössische Kunst einbrachen und den Zweifel am Bild explodieren ließen.

Im August 2001 kündigte die New Yorker Postmasters Gallery die Eröffnung der Ausstellung "2001" für den 6. September an. Der in New York lebende Künstler Wolfgang Staehle würde die Landschaftsmalerei mit neuen technischen Mitteln auf den Kopf stellen. Staehle projizierte Standbilder von drei Orten auf die Galeriewände, die alle paar Sekunden durch neue, aktuelle Aufnahmen ersetzt wurden. Kameras waren auf die Comburg , ein ehemaliges Kloster, gerichtet, auf den Berliner Fernsehturm und in Queens installiert mit Blick auf Downtown Manhattan. Sie sandten ihre Aufnahmen via Internet an die Projektoren. Die damalige Pressemitteilung klingt euphorisch: "Gegen die heutige Dauer-Gegenwart und das fieberhafte Netzwerken der Welt, um alles überall zu jeder Zeit zu erfahren, bietet Staehle die reflexive Verlangsamung schöner Bilder als Kur an, die nah und doch weit entfernt, statisch und doch veränderlich zugleich sind."
In die bewegt-stille Aufnahmen brach das Ereignis ein. Was als verdichtete Reflexion gegen die flüchtigen Spektakel der Medien gesetzt war, wurde zum automatisch aufzeichnenden Zeugen des Angriffs auf das World Trade Center, das fast mittig in dem von Staehle gewählten Kameraausschnitt stand. Die Arbeit, die die Kategorie "live" unterwandern sollte, war unversehens zum schrecklichsten Live-Kunstwerk geworden, das jemals zu sehen gewesen ist. Zudem wurden die Aufnahmen gespeichert und archiviert.
Das Bilderkonvolut konserviert nicht einfach die Zerstörung eines Machtzentrums, sondern die eines Symbols der USA und weiter Teile der westlichen Welt.* Man geht indes fehl, wenn man den Angriff selbst als einen symbolischen Akt deutet. Denn die Selbstmordattentäter gaben ihr Leben keineswegs nur symbolisch, sondern zunächst einmal ganz real für die physische Vernichtung des Symbols ihres ausgemachten Feindes, sowie für die Tötung von Menschen, die mit diesem Symbol auf irgend eine Art verbunden waren. Gemäß ihrer eigenen Logik haben sie ihre sterblichen Körper für etwas Hohes geopfert und sich dabei mit Gott vereint.

Theologisch nennt man das Begehren nach Einheit mit Gott mystisch. Jede Form der Mystik "muss all die Bilderwelten der Kultur verneinen, sie muss sich von Name und Bild' befreien", schreibt Ernst Cassirer 1942. "Sie fordert von uns, dass wir auf alle Symbole verzichten und dass wir sie zerbrechen." Und indem der Mystiker im mystischen Rausch sich selbst und der Welt entsagt, wird er mit Gott oder einer Wahrheit eins. Die fanatischen Terroristen hingegen nehmen diese ekstatische Absage an Leib und Welt sowie die Vereinigung mit Gott absolut wörtlich, wenn sie im und für den Moment der Symbolzerstörung sterben.
Diese tödliche Form der unio mystica - die mystische Erfahrung der Einheit mit dem Gott oder dem All - wird von Nicht-Gläubigen oft als Pathos verstanden und manchmal sogar neidvoll betrachtet. Denn das Begehren nach leidenschaftlicher Erfüllung des eigenen Lebens lebt noch in der Avantgarde-Kunst des Westens. Es begründet zum Beispiel den zum Skandal gewordenen Schnellschuss Karlheinz Stockhausens, der auf einer Pressekonferenz vom 18. September 2001 den Anschlag auf das WTC "das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos" nannte. Dies befand er nicht, weil das Spektakel so groß war, sondern weil "Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben."**
Wolfgang Staehles automatisch aufgezeichnete Bilder zeigen damit einerseits einen der schrecklichsten Bilderstürme der Gegenwart und andererseits die materielle Seite einer mystischen Verschmelzung mit Gott, All oder Wahrheit. Sie sind Bilder einer gewalttätigen Erzeugung von Bildlosigkeit - als Vorbereitung für einen kommenden, anderen Gott. Dies verweist auf die nächste Stufe der Paradoxie, die dem Anschlag innewohnt. Dass die Zerstörung als Spektakel für die Weltmedien inszeniert wurde, beweist die technische Versiertheit und die oft leichtfertig bezweifelte Zeitgenossenschaft der Attentäter. Sie leben nicht in jenem düsteren Mittelalter, in dem sie die entsetzte Volksseele sieht, um die von ihnen ausgehende Gewalt zu begreifen und zu beherrschen.
Die Massenmedien haben vielmehr genauso mitgearbeitet, wie es die Drahtzieher geplant hatten: Sie schufen den Angriff als das Ereignis schlechthin , als das den Kosmos erschütternde Ereignis, indem sie ihn permanent, mal schnell, mal langsam aus allen auffindbaren Perspektiven wiederholten und rund um die Welt streuten.*** Sie malten das Grauen der Szene in abertausend Bildvarianten aus, ohne dabei auch nur ansatzweise das Abscheuliche, Ernüchternde oder Ekelhafte der Situation übermitteln zu können - wie den klebrigen Ruß und den noch lange über New York hängenden süßlichen Geruch der verbrannten Leichen. Die unmittelbare Übertragung des Schrecklichen in Bilder zog dem Elend damit den Stachel des Realen. Nicht nur dass man bald die Schönheit der Ruinen in erbaulichen Fotos festhielt, dank Internet konnten auch alle mit Bildern auf die Bilder antworten. Auf so genannten Hatepages überbot man sich beispielsweise gegenseitig mit Hass- und Rachefantasien.****





Liebe Autorin, ich habe Ihre Artikel immer mit großer Neugierde und (meist) auch ziemlichen Gewinn gelesen, und bin etwas konfus mit der Information, ob die die Staffeln nunmehr ein Ende nehmen (was gerade erst bei der Staffel ´Liebe´ angekündigt war) oder nicht.
Schade, daß auf den Kommentarspalten so wenig feed-back zu finden war. Aber das liegt vielleicht auch daran, daß die angesprochene Zielgruppe ´die nächste Generation´ doch eher eine Incognita ist. Ich selbst gehöre - na ja, wie wohl die allermeisten Ihrer Leser - nicht gerade der jüngeren oder jüngsten Generation an, was auch kaum der Klientel Ihrer Zeitung entsprechen sollte. ´Nächste Generation´, klingt, wie immer Sie es auch wollen, etwas pathetisch, denn die nächste Generation ist ja die, die gerade nicht am Zuge ist, und wer für diese Generation schreiben will, stellt für sich den nicht gerade bescheidenen Anspruch irgendwie zukunftsweisend, weitblickend, und als avantgardistischer Mittler und Sprachrohr geradezu prädestiniert zu sein ganz zu schweigen davon, daß Kinder, Teenes und junge Erwachsene schon heute doch wohl untereinander völlig unterschiedliche Backgrounds und Ansprüche haben und aus sehr heterogenen Gruppen bestehen.
Bei aller Sympathie für den Versuch, für zeitgenössische Kunst Interesse zu wecken, möchte ich hier einige kritischen Anmerkungen machen. So war der Beginn der Staffeln gerade dadurch spannend, da es um ziemlich wesentliche und schwierige Themen ging, welche die Kunstgeschichte begleiten wie Deformation, Monstrosität und Tod. Es war willkomen, und auch mutig, junge, teils noch recht unbekannte Künstler auszuwählen und sich solchen Themen zuzuwenden, die bei einigen Ängste und Beklemmungen auslösen, aber gerade dadurch (eben nicht nur Jugendliche) ´bewegen´ und Reflektionen anstossen können. Doch ergab sich, meiner Meinung zunehmend die Gefahr, daß sich das anfänglich ambitionierte Konzept in Beliebigheit auflöste und auch die Texte sich einer stereotypen Routine unterwarfen etwa wenn zwischendurch auch niedliche Tierchen zur Sprache kamen und nach ´Liebe´ nun also wieder ´Terrorismus´ ansteht. Als ob sich aus dem postmodernen Universum der Kunst, wie im Selbstbedienungsladen Themen herauslösen und daraufhin didaktisch aufbereiten ließen, solange sie nur irgendwie ´originell´ und ´en vogue´, oder wie jetzt, für ein aktuelles Dossiê opportun erscheinen. Dabei ensteht aber der ambivalente Eindruck, daß gar nicht das unmittelbare Erlebnis der Kunst, mit ihrem Potential zur Provokation, sondern die Sprachvermittlung selbst mit ihrem didaktischen, leicht infantilisierenden Duktus im Vordergrund steht. Kunst wird damit in gewisser Weise zu einer visualisierten Idee oder auch zur simplen Ilustration eines geistigen Konzepts reduziert. Mit anderen Worten, wird ´plakativ´! Dabei ist paradox anzumerken, daß gerade die bildlich-ästhetische Gestaltung der online-Seite eher lieblos war, Reduplikationen konnten nicht ausreichend vergrößert oder ins Detail gezoomt, Videos selten abgespielt werden, es gab keine oder nur wenige vergleichende oder Kontext herstellende Bildbeispiele. Aber gerade hier scheint mir doch das innovative, in die Zukunft weisende Potential des online-Mediums zu liegen, wo es schon jetzt keine technischen Schwierigkeiten mehr macht, auch einmal Werke in ihrer Entstehungsgeschichte, in ihren einzelnen Entwicklungsphasen, oder Szenen mitten aus dem künstlerischen Schaffen zu zeigen; zudem eröffnen sich für lange Zeit ungeahnte Möglichkeiten, Hörbeispiele zu geben, Interviews mit den Künstlern bereitzustellen, die Künstler selbst aufzurufen, weniger bekannte Facetten ihrer Arbeit zu zeigen, etc. (anstatt, wie meiner Meinung nach allzu oft geschehen, einfach nur auf die Wikipedia zu verlinken) etc. Zugleich schien es mir auch wünschenswert, Andere zur Sprache und vermehrt Widersprüche und Dissonanzen aufkommen zu lassen (wieso nicht durch den Künstler selbst, wie etwa im Fall von Francis Bacon, der wohl besser noch als die meisten seiner Kritiker sein Schaffen ´auf den Punkt´ bringen konnte?), und auch Kunst dort zu behandeln, wo es nicht eigentlich um ´Themen´, sondern eher um Materie und Gestus geht (zum Beispiel bei Malern wie Cy Twombly und Antoni Tápies). Das sind lediglich Anregungen für hoffentlich ähnliche Initiativen und zukünftige Projekte in der Zeit oder auch anderswo.
TEUFLISCH: 9. September Terror-Anschläge NY als „KUNSTWERK“ (Stockhausen, Friedenspreisträger (!) Anselm KIEFER ...) – dpa-Diskussion über 9/11-„SCHÖNHEIT“ ???:
Stars und Sternchen wollen zum 10. Jahrestag des 11. September auf ihre Weise der Opfer der Terror-Anschläge gedenken: Mit einer Darbietung des Liedes "New York, New York", das in den späten 70er Jahren durch Liza MINNELLI und Frank SINATRA weltbekannt wurde. Zu Ehren der OPFER und Überlebenden der Anschläge wird Freiwilligenarbeit geleistet…
Frank Sinatra & Liza Minelli New York New York
http://www.youtube.com/wa...
Kann man den 11. September als Kunst betrachten?
http://www.haz.de/Nachric... (18.8.11) - 9/11 in der Kunst: Die grausame Schönheit des 11. September (dpa).
DPA erwähnt:
Komponist Karlheinz STOCKHAUSEN: Er bezeichnet die Anschläge als „das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos“.
Anselm KIEFER („FAZ“ im Februar 2011) - Osama bin Laden habe „das perfekteste Bild geschaffen, das wir seit den Schritten des ersten Mannes auf dem Mond gesehen haben“.
2002 der Brit-Art-Künstler Damien HIRST: In der BBC: „Die Sache mit 9/11 ist die, dass es im Grunde schon für sich genommen ein Kunstwerk ist.“
MEHR: http://www.giessener-zeit...
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