Im August 2001 kündigte die New Yorker Postmasters Gallery die Eröffnung der Ausstellung "2001" für den 6. September an. Der in New York lebende Künstler Wolfgang Staehle würde die Landschaftsmalerei mit neuen technischen Mitteln auf den Kopf stellen. Staehle projizierte Standbilder von drei Orten auf die Galeriewände, die alle paar Sekunden durch neue, aktuelle Aufnahmen ersetzt wurden. Kameras waren auf die Comburg , ein ehemaliges Kloster, gerichtet, auf den Berliner Fernsehturm und in Queens installiert mit Blick auf Downtown Manhattan. Sie sandten ihre Aufnahmen via Internet an die Projektoren. Die damalige Pressemitteilung klingt euphorisch: "Gegen die heutige Dauer-Gegenwart und das fieberhafte Netzwerken der Welt, um alles überall zu jeder Zeit zu erfahren, bietet Staehle die reflexive Verlangsamung schöner Bilder als Kur an, die nah und doch weit entfernt, statisch und doch veränderlich zugleich sind."

In die bewegt-stille Aufnahmen brach das Ereignis ein. Was als verdichtete Reflexion gegen die flüchtigen Spektakel der Medien gesetzt war, wurde zum automatisch aufzeichnenden Zeugen des Angriffs auf das World Trade Center, das fast mittig in dem von Staehle gewählten Kameraausschnitt stand. Die Arbeit, die die Kategorie "live" unterwandern sollte, war unversehens zum schrecklichsten Live-Kunstwerk geworden, das jemals zu sehen gewesen ist. Zudem wurden die Aufnahmen gespeichert und archiviert.

Das Bilderkonvolut konserviert nicht einfach die Zerstörung eines Machtzentrums, sondern die eines Symbols der USA und weiter Teile der westlichen Welt.* Man geht indes fehl, wenn man den Angriff selbst als einen symbolischen Akt deutet. Denn die Selbstmordattentäter gaben ihr Leben keineswegs nur symbolisch, sondern zunächst einmal ganz real für die physische Vernichtung des Symbols ihres ausgemachten Feindes, sowie für die Tötung von Menschen, die mit diesem Symbol auf irgend eine Art verbunden waren. Gemäß ihrer eigenen Logik haben sie ihre sterblichen Körper für etwas Hohes geopfert und sich dabei mit Gott vereint.

Theologisch nennt man das Begehren nach Einheit mit Gott mystisch. Jede Form der Mystik "muss all die Bilderwelten der Kultur verneinen, sie muss sich von ‚Name und Bild' befreien", schreibt Ernst Cassirer 1942. "Sie fordert von uns, dass wir auf alle Symbole verzichten und dass wir sie zerbrechen." Und indem der Mystiker im mystischen Rausch sich selbst und der Welt entsagt, wird er mit Gott oder einer Wahrheit eins. Die fanatischen Terroristen hingegen nehmen diese ekstatische Absage an Leib und Welt sowie die Vereinigung mit Gott absolut wörtlich, wenn sie im und für den Moment der Symbolzerstörung sterben.

Diese tödliche Form der unio mystica - die mystische Erfahrung der Einheit mit dem Gott oder dem All - wird von Nicht-Gläubigen oft als Pathos verstanden und manchmal sogar neidvoll betrachtet. Denn das Begehren nach leidenschaftlicher Erfüllung des eigenen Lebens lebt noch in der Avantgarde-Kunst des Westens. Es begründet zum Beispiel den zum Skandal gewordenen Schnellschuss Karlheinz Stockhausens, der auf einer Pressekonferenz vom 18. September 2001 den Anschlag auf das WTC "das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos" nannte. Dies befand er nicht, weil das Spektakel so groß war, sondern weil "Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben."**

Wolfgang Staehles automatisch aufgezeichnete Bilder zeigen damit einerseits einen der schrecklichsten Bilderstürme der Gegenwart und andererseits die materielle Seite einer mystischen Verschmelzung mit Gott, All oder Wahrheit. Sie sind Bilder einer gewalttätigen Erzeugung von Bildlosigkeit - als Vorbereitung für einen kommenden, anderen Gott. Dies verweist auf die nächste Stufe der Paradoxie, die dem Anschlag innewohnt. Dass die Zerstörung als Spektakel für die Weltmedien inszeniert wurde, beweist die technische Versiertheit und die oft leichtfertig bezweifelte Zeitgenossenschaft der Attentäter. Sie leben nicht in jenem düsteren Mittelalter, in dem sie die entsetzte Volksseele sieht, um die von ihnen ausgehende Gewalt zu begreifen und zu beherrschen.

Die Massenmedien haben vielmehr genauso mitgearbeitet, wie es die Drahtzieher geplant hatten: Sie schufen den Angriff als das Ereignis schlechthin , als das den Kosmos erschütternde Ereignis, indem sie ihn permanent, mal schnell, mal langsam aus allen auffindbaren Perspektiven wiederholten und rund um die Welt streuten.*** Sie malten das Grauen der Szene in abertausend Bildvarianten aus, ohne dabei auch nur ansatzweise das Abscheuliche, Ernüchternde oder Ekelhafte der Situation übermitteln zu können - wie den klebrigen Ruß und den noch lange über New York hängenden süßlichen Geruch der verbrannten Leichen. Die unmittelbare Übertragung des Schrecklichen in Bilder zog dem Elend damit den Stachel des Realen. Nicht nur dass man bald die Schönheit der Ruinen in erbaulichen Fotos festhielt, dank Internet konnten auch alle mit Bildern auf die Bilder antworten. Auf so genannten Hatepages überbot man sich beispielsweise gegenseitig mit Hass- und Rachefantasien.****