KUNST FÜR DIE NÄCHSTE GENERATION (5) Von der Großwildjagd zum Artenschutz

Karin Kneffel zeigt trickreich, dass unser Verhältnis zu Wildtieren noch lange nicht natürlich ist

Der Leopardenkopf starrt mit weit aufgerissenen Augen ins Leere. Als Teppich ausgebreitet liegt das Tier etwas unterhalb der Bildmitte. Das geöffnete Maul mit den spitzen Zähnen ist so nahe an den unteren Bildrand gerutscht, dass es den Betrachter zu berühren droht. Das ganze Bild zeigt nur eine Bodenfläche. Kein einziges Möbel steht im Bild. An den Bildrändern sieht man gerade noch ein Stück von einem weiteren Tierfell und Streifen von zwei Teppichen. Und auf dem blank polierten Boden spiegelt sich verschwommen eine große Fensterfront.

Der Bildausschnitt vermittelt eine Raumgröße und eine Gediegenheit, wie sie nur bei Leuten zu finden sind, die wohlhabend oder reich sind. In dieses großzügige Ambiente (diese Wohnumgebung) fügen sich die Wildkatzenfelle gleich wie selbstverständlich ein. Sie erinnern an die Verbindungen zwischen Großbürgertum, Großwildjägerei und den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Das erlegte Wildtier war damals eine besondere Trophäe – und stand nicht nur für den Sieg über ein wildes Tier, sondern über ganze Kontinente, in diesem Fall über Afrika und Asien. Auch deshalb hat man die Felle wohl so gern als Teppiche verwendet: Die Tiere wurden nicht nur einmal, sondern mehrfach besiegt. Erst wurden sie gejagt, dann getötet, dann zum persönlichen Eigentum des Siegers und schließlich zur Fußmatte. Das ist Erniedrigung im wörtlichen Sinn.

Karin Kneffel hebt genau diese Perspektive auf.* Ihr Bild zwingt den Betrachter auf den Boden. Man liegt plötzlich selbst ausgestreckt auf der Erde, Auge in Auge mit dem Tier. Das ist nicht die Position des Siegers, sondern wir geraten in die Rolle eines Kindes, das erschrocken, mitleidig und sehr genau hinsieht. Und genau dazu verführt das Bild: Lange und genau hinzusehen und dabei mehr und mehr in Verwirrung zu geraten. Denn je länger man das Tier und den Raum, in dem es liegt, betrachtet, desto erstaunlicher und fremder erscheinen beide.

Das Bild ist überdeutlich ein Ausschnitt. Selbst das vordere Fell ist nur gerade eben ganz zu sehen, der Unterkiefer liegt schon etwas außerhalb des Bildraums. Zudem ist es aus der Bildmitte gerutscht und der übrige Raum ist einfach leer. Dadurch wirkt die ganze Bodenfläche irgendwie schräg und der Ausschnitt beliebig. Die Szene erscheint flüchtig, wie im Vorübergehen gefunden. Hier überschneiden sich Malerei und Fotografie. Das Interieur ** sieht aus, als wäre es durch den Bildsucher einer Fotokamera gefunden worden, so als wäre es ein etwas missglücktes Foto.

Aber es wurde gemalt. Warum? Durch die Ölfarbe erhält das Bild eine ganz materielle Schwere und Dichte, die ein Fotoabzug auf Papier nicht hat. Der gemalte Bildausschnitt ist dauerhaft festgehalten. Das verbindet Karin Kneffels realistische *** Darstellung mit dem Fotorealismus der späten 1960er und frühen 1970er Jahre . Allerdings verwirrt Kneffel die Grenzen zwischen Fotografie und Malerei nochmals. Denn ihre detailgetreue Wiedergabe erweist sich als unerwartet abstrakt. Das wird im Vergleich zur Stillebenmalerei vergangener Jahrhunderte deutlich. Die Stilllebenmaler malten die Dinge so wirklich wie möglich (weswegen man auch von trompe l’œil (wörtlich: "das Auge täuschend") spricht) und ließen aus Farbe Früchte, Blumen und Tiere lebensecht und zum Greifen nah entstehen. Sie ahmten auch Druckstellen, faule Flecken oder Wurmlöcher nach, um die Betrachter immer näher und tiefer ins Bild zu locken.

Karin Kneffel verführt ebenfalls mit einer perfekten malerischen Illusion der Bodenfläche, aber dann stößt sie ihre Betrachter zurück. Statt auf mehr Information und Details treffen wir beim Nahekommen auf immer weniger. Was gerade noch eine betörend wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Fellen und Teppichen auf einem Holzboden war, zerfällt in Farbflächen. Das Leopardenfell wird zum Muster, der Holzboden zum schillernden Farbmeer, der geblümte Teppich zum plakativen Ornament. Das Abbild wird beinahe abstrakt, das Gemalte erscheint künstlich und gar nicht mehr realistisch.

Und geht man jetzt wieder einen Schritt zurück, wird das Motiv insgesamt fraglich. Sind denn die Felle überhaupt echt? Sehen sie nicht eher aus wie Webpelzimitate, also wie Felle aus Stoff? Ist das nicht ein Plüschkopf, der uns gar nicht schrecklich, sondern ziemlich dümmlich anschaut? Es sieht ganz so aus, als habe die Künstlerin absichtlich an der Besonderheit der einzelnen Dinge vorbei gemalt und nicht dieses eine Leopardenfell, sondern eine ebenso zufällige wie allgemeine Ansicht von Fellen und Teppichen in einem großen Raum zeigen wollen.

Waren der erste Eindruck und die erste Deutung also falsch? Nein, aber sie erweisen sich als ungenügend. Denn das Bild ist ironisch gebrochen und erzählt die Geschichte des Leopardenfells bis in die Gegenwart hinein. Den Hintergrund bilden nach wie vor Großwildjägerei und Kolonialismus. Darüber aber hat sich längst eine andere gelegt Geschichte gelegt: Die Welt hat damit abgeschlossen und die Wildkatzen stehen inzwischen unter Artenschutz. Alles ist gut.

Aber die Geschichte ist damit nicht zu Ende erzählt. Denn Kneffels Bild scheint geradewegs in eine Gegenwart zu gucken, in der wir alle zwar die Großwildjägerei verpönen, aber Raubkatzen als Webpelze zu angesagten Wohnaccessoires geworden sind. Man findet sie überall. Wenn das Bild uns in die Position von Kindern bringt, dann finden wir uns nach neugieriger Betrachtung tatsächlich als Kinder wieder: verwundert über die eigene Naivität, mit der wir der komplizierten Geschichte der Beziehung von Wildtier und Mensch im Alltag begegnen.

* Die aberwitzige Perspektive ist auch eine Anspielung auf die Tradition der Malerei bis in die Moderne. Über Jahrhunderte wurde ein Gemälde als Fenster in eine andere, höhere oder künstliche Wirklichkeit verstanden. Die Nachahmung der Welt war dafür die Bedingung. In der Moderne (mit Beginn des 20. Jahrhunderts, teilweise etwas früher) dagegen wurde gerade das Abbilden verworfen und die Bildfläche in ihrer Flächigkeit zum Gegenstand gemacht. Bei Kneffel ist die Bildfläche nun eine Bodenfläche, damit eine Fläche, die normalerweise quer zur Bildfläche steht. Sie ist horizontal ins Bild hinein gekippt. Das Bild wirkt wie ein Fenster, aber eines auf eine ziemlich verrückte Fläche.

** Das Interieur (der Innenraum) wurde vom 17. Jahrhundert an durch die niederländischen Meister zu einem eigenen Genre (Gattung) der Malerei.

*** Der Begriff "realistisch" wird als Gegenbegriff zu "abstrakt" oft für Malerei verwendet, die abbildend und wirklichkeitsgetreu ist. Allerdings ist die Sache komplizierter. Wiedergabegenauigkeit bedeutet - wie auch bei Kneffel - eben nicht zwangsläufig die Darstellung realer Verhältnisse, sondern kann eine absolut künstliche, abstrakte Welt entstehen lassen.

Zur Künstlerin

Karin Kneffel wurde 1957 in Marl geboren. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf und lehrt seit 2000 als Professorin an der Hochschule der Künste in Bremen. Sie studierte Philosophie und Germanistik in Münster und Duisburg, danach Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf und war Meisterschülerin von Gerhard Richter. Bekannt wurde sie mit Tierportäts und Bildern von Tiergruppen in Landschaften. Noch in ihren aktuellen Interieurbildern thematisiert sie immer wieder das Verhältnis Mensch-Tier. Auf der ausführlichen Homepage sind Malereien der vergangenen zwanzig Jahre gut dokumentiert. Außerdem findet man dort eine ausführliche Biographie, eine Bibliographie und Ausstellungsliste. Noch bis zum 26. März 2006 werden neue Arbeiten von Karin Kneffel im Ulmer Museum gezeigt

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    • Quelle ZEIT ONLINE, 13.3.2006
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