KUNST FÜR DIE NÄCHSTE GENERATION (5) Warum essen wir keine Menschen?
Carsten Höller und Rosemarie Trockel ließen Menschen und Schweine glücklich in einem Haus zuammenleben. Die Empörung über die Installation war groß, denn Nahestehende wollen wir nicht mehr schlachten
Noch heute werden einige Leute wütend und andere spöttisch, wenn sie an das "Haus für Menschen und Schweine" denken, das Carsten Höller und Rosemarie Trockel für 100 Tage während der documenta X 1997 in Kassel eingerichtet hatten. Das zweigeteilte Betonhaus in der Karlsaue bleibt für sie ein Ärgernis, das sie als Scharlatanerie, Banalität, Harmlosigkeit, in jedem Fall als "keine Kunst" abtun.
Das Gebäude war ein schlichter Quader aus rohem Beton, mit einer türähnlichen Öffnung als Eingang. Nicht zufällig erinnerte er an Objekte der Minimal Art . Im Unterschied aber beispielsweise zu den Boxen des amerikanischen Künstlers Donald Judd in Marfa, die für absolut nichts anderes als sich selbst stehen sollen, war Höllers und Trockels begehbarer grauer Quader ein Nutzraum. Ein Raum für einen Zweck, was der bürgerlichen Auffassung von Kunst widerspricht.
Der Teil für die Menschen war ausgesprochen karg gehalten, noch dazu fensterlos und entsprechend düster. Innen lagen auf einer zur Rückwand hin ansteigenden Schräge Matten für die Besucher. Dort ausgestreckt schaute man auf eine große Glasfront und durch sie hindurch in den Hausteil, den die Schweine bewohnten. Die trennende Glasscheibe war einseitig verspiegelt, so wie man das von Scheiben kennt, die Polizisten bei Gegenüberstellungen verwenden: Die Menschen konnten die Schweine sehen, die Schweine jedoch die Menschen nicht.
Nichts anderes als das sah man auch: Schweine, die sich allein und unbeobachtet wohl fühlten. Säue und Ferkel, die fraßen, schliefen, spielten, vom überdachten Stallteil in einen kleinen Garten und wieder zurück liefen, die zu geregelten Zeiten gefüttert und gepflegt wurden. Die Zuschauer wurden Zeugen eines weitgehend harmonischen, wenig spektakulären, dafür fröhlichen Schweinelebens. Kurz: Glücklichere Schweine als diese berühmt gewordenen Kunstschweine sieht man in Deutschland wohl selten.
Die Daten zum Hausbau, die Ergebnisse der Recherche zu Schwein, Mensch und ihren Gemeinsamkeiten, darüber hinaus Bilder, Videos und weiterführende Texte haben die Künstler nach der documenta auf einer Homepage zusammengetragen. Das Menschen-Schweine-Haus, so erfährt man, war das Ergebnis wissenschaftlicher und künstlerischer Forschung im Team mit Architekten und Landwirten. Es wurde aus preiswerten Betonfertigteilen zusammengesetzt, doch die Ausstattung und Größe der Mastschwein- und Ferkelbereiche folgte den Erkenntnissen einer ebenso modernen wie artgerechten ökologischen Tierhaltung. Gleiches galt für die Betreuung und Pflege. Das Haus für Menschen und Schweine erweist sich als gut vorbereitetes und bis ins Detail durchdachtes Projekt. Was rief dann die Empörung oder Ablehnung hervor?
Es gibt schon immer Fabeln und Allegorien , auch Bilder und karikierende Gleichnisse über die Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten von Mensch und Schwein. Doch das Haus funktionierte völlig anders. Höller und Trockel haben mit ihm einen begehbaren Raum zwischen Theater, Fernsehen, Kunst und Realität geboten, in dem die traditionelle Rangfolge - erst der Mensch, dann, weit darunter, das Schwein - außer Kraft gesetzt war. Mensch und Schwein wurden hier nicht nur gleichgesetzt. Die Schweine standen sogar über den Menschen, denn sie waren die eigentlichen Akteure. Sie führten hinter der verspiegelten Scheibe ihr Leben auf, zwar von Menschen gepflegt, aber ohne menschliche Regieanweisung. Man könnte das Reality-Theater nennen, in Anlehnung an die beliebten Reality-TV-Serien. Die auf den Matten ruhenden Menschen fanden sich dagegen eher in der Rolle von Fernsehzuschauern als von Kunstbetrachtern wieder. Statt Konzentration, Spannung und Aufmerksamkeit brachte ihre Lage Entspannung, Gelassenheit und Unterhaltung mit sich.
Außerdem lebte das gebotene Bild. Es war ein tableau vivant wie jene, die zur Unterhaltung im 18. Jahrhundert erfunden und beliebt wurden. Bis heute versteht man darunter das Nachstellen von bekannten Bildern oder images .* Im selben Moment stellte das lebende Bild der Schweine im Betonquader die Geschichte dieser tableaux vivants jedoch auf den Kopf. Es stellte kein Vorbild nach, sondern wurde selbst zum gelebten Vorbild. Die Schweine führten für die Menschen ein unbekanntes, unbeschwertes Schweineleben auf.
Damit sind alle Tabubrüche und Regelverstöße des Hauses erwähnt: Es war ein Zwitter zwischen Nutzraum und Kunstraum. Die Betrachter waren entspannte Zuschauer und das ihnen gebotene Bild lebte, war eine Reality Soap aus einem Hausschweineparadies. Vor allem aber verdrehte es die herrschende Rangfolge Mensch-Schwein. Die documenta-Besucher traten in eine heile Welt ein, in der Mensch und Tier friedlich und freundschaftlich nebeneinander leben. Wen wundert da das Unbehagen, das sie beim Verlassen des Hauses überfiel? Höller und Trockel stellen auf die sanfte Tour das Verhältnis von Mensch zu Tier radikal in Frage - was wir oft nicht mehr tun, um die technischen Grausamkeiten der Fleischindustrie zu rechtfertigen. Wer im Menschen-Schweine-Haus die Schweine als Mitmenschen, als glückliche Familie von nebenan erlebte, dem musste der Biss ins nächste Schnitzel schwer fallen. Den musste beschämen, dass Massentierhaltung, moderne Tiertötungsanlagen, Schweinefleischstücke aller Art und im Überfluss zu unserem Alltag gehören. Der Besuch im harmlos beschaulichen Haus für Menschen und Schweine brachte uns das tausendfach getötete Schlachtvieh näher. Und mit ihm unausweichlich die Frage: Warum essen wir diese Tiere?
* Während es zur Goethezeit berühmte Gemälde waren, die für Gesellschaften mit lebenden Personen nachgestellt wurden, benutzt man den Begriff tableau vivant heute für Fotoarbeiten, in denen Künstler verbreitete Rollen, Klischees oder auch Stars nachstellen, dann fotografieren oder per Video festhalten. Berühmt für solche Selbstbilder als Fremdbilder ist Cindy Sherman .
Zu den Künstlern:
Carsten Höller wurde 1961 in Brüssel geboren, lebt in Köln und Stockholm. Er studierte Biologie, promovierte und spezialisierte sich in seiner agrarwissenschaftlichen Habilitation auf Parasitologie. Danach wandte er sich vom Wissenschaftsbetrieb ab und der bildenden Kunst zu. In seine künstlerische Arbeit fließt sein Wissen um biologische Zusammenhänge ebenso wie um wissenschaftliche Methoden ein. Auf der Site der
Galerie Micheline Szwajcer
findet sich ein umfassendes Ausstellungsverzeichnis sowie Hinweise auf Bücher, Lesungen, Filme und weitere Kooperationen.
Rosemarie Trockel wurde 1952 in Schwerte geboren und lebt in Köln. Sie studierte Malerei an der Kölner Werkkunstschule (1974-78) und arbeitet als freie Künstlerin zunächst im Umfeld der Künstlergruppe Mühlheimer Freiheit . Bald verwendete sie andere Medien. International bekannt wurde sie mit ihrer Objektkunst, minimal verfremdete industrielle Objekte und Strickbilder. Das Thema Tiere beschäftigte sie früh. Ein ausführliches Ausstellungsverzeichnis findet sich bei der Galerie Sprüth-Magers .
Ein Haus für Menschen und Schweine ist das zweite gemeinsame Projekt von Rosemarie Trockel und Carsten Höller, das sich um die Beziehung Mensch-Tier dreht. Die erste Arbeit Mückenbus wurde im Rahmen der Ausstellung Art & Brain 1996 im Deutschen Museum Bonn und im gleichen Jahr auf Manifesta 1 Rotterdam ausgestellt. Später folgte noch Augapfel - Haus für Taube, Mensch und Ratte für die Expo 2000 in Hannover .
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- Datum
- Quelle ZEIT ONLINE, 27.3.2006
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Im übertragendem Sinne werden die Ärmsten unter uns verspeist. Wir haben uns vom Konkreten ins Abtrakte oder Virtuelle begeben, aber unser Instinkt ist noch der selbe.
Wenn ein Grossunternehmen mit Milliarden Gewinnen Leute entlässt hat es sie meistens von einem gewissen Alter an getötet, also verspeist.
Wir haben, oder die meisten von Uns haben noch keinesfalls Abschied vom Tier genommen, es hat nur sein Dasein geändert.
Das gilt auch für Computerspiele, die Bereitschaft zu töten ist noch vorhanden, sie wird ausgenützt von Anbietern um Geld zu machen, sowie alle unsere tierische Züge.
Come on, honey, eat the rich!
Stimmt schon; die boese Fleischindustrie.
Wir sollten uns darum kuemmern das Schweine gluecklich sind. Denn nur gluecklich Schweine schmecken gut und mach uns auch gluecklich.
Jetzt hab ich aber Hunge gekriegt... erstma 'ne Wurststulle essen
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