Noch heute werden einige Leute wütend und andere spöttisch, wenn sie an das "Haus für Menschen und Schweine" denken, das Carsten Höller und Rosemarie Trockel für 100 Tage während der documenta X 1997 in Kassel eingerichtet hatten. Das zweigeteilte Betonhaus in der Karlsaue bleibt für sie ein Ärgernis, das sie als Scharlatanerie, Banalität, Harmlosigkeit, in jedem Fall als "keine Kunst" abtun.

Das Gebäude war ein schlichter Quader aus rohem Beton, mit einer türähnlichen Öffnung als Eingang. Nicht zufällig erinnerte er an Objekte der Minimal Art . Im Unterschied aber beispielsweise zu den Boxen des amerikanischen Künstlers Donald Judd in Marfa, die für absolut nichts anderes als sich selbst stehen sollen, war Höllers und Trockels begehbarer grauer Quader ein Nutzraum. Ein Raum für einen Zweck, was der bürgerlichen Auffassung von Kunst widerspricht. Carsten Höller und Rosemarie Trockel: Ein Haus für Menschen und Schweine, Installation mit einem Eber, zwei Sauen und ihren Ferkeln
Kassel, 21. Juni bis 28. September 1997 © Carsten Höller/Rosemarie Trockel, VG Bild-Kunst, Bonn 2005, Courtesy Galerie Monika Sprüth/ Philomene Magers, Köln/München (li.); Dieter Scherdtle

Der Teil für die Menschen war ausgesprochen karg gehalten, noch dazu fensterlos und entsprechend düster. Innen lagen auf einer zur Rückwand hin ansteigenden Schräge Matten für die Besucher. Dort ausgestreckt schaute man auf eine große Glasfront und durch sie hindurch in den Hausteil, den die Schweine bewohnten. Die trennende Glasscheibe war einseitig verspiegelt, so wie man das von Scheiben kennt, die Polizisten bei Gegenüberstellungen verwenden: Die Menschen konnten die Schweine sehen, die Schweine jedoch die Menschen nicht.

Nichts anderes als das sah man auch: Schweine, die sich allein und unbeobachtet wohl fühlten. Säue und Ferkel, die fraßen, schliefen, spielten, vom überdachten Stallteil in einen kleinen Garten und wieder zurück liefen, die zu geregelten Zeiten gefüttert und gepflegt wurden. Die Zuschauer wurden Zeugen eines weitgehend harmonischen, wenig spektakulären, dafür fröhlichen Schweinelebens. Kurz: Glücklichere Schweine als diese berühmt gewordenen Kunstschweine sieht man in Deutschland wohl selten. Keine Sauerei: Dusche für das Schwein© Dieter Schwerdtle

Die Daten zum Hausbau, die Ergebnisse der Recherche zu Schwein, Mensch und ihren Gemeinsamkeiten, darüber hinaus Bilder, Videos und weiterführende Texte haben die Künstler nach der documenta auf einer Homepage zusammengetragen. Das Menschen-Schweine-Haus, so erfährt man, war das Ergebnis wissenschaftlicher und künstlerischer Forschung im Team mit Architekten und Landwirten. Es wurde aus preiswerten Betonfertigteilen zusammengesetzt, doch die Ausstattung und Größe der Mastschwein- und Ferkelbereiche folgte den Erkenntnissen einer ebenso modernen wie artgerechten ökologischen Tierhaltung. Gleiches galt für die Betreuung und Pflege. Das Haus für Menschen und Schweine erweist sich als gut vorbereitetes und bis ins Detail durchdachtes Projekt. Was rief dann die Empörung oder Ablehnung hervor? Die Installationsskizze des "Hauses für Menschen und Schweine": Links sind das Außengehege und der Schweinestall angedeutet, rechts die schräge Ebene für die zuschauenden Menschen. An der rechten Hausmauer befindet sich der schmale Eingang.

Es gibt schon immer Fabeln und Allegorien , auch Bilder und karikierende Gleichnisse über die Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten von Mensch und Schwein. Doch das Haus funktionierte völlig anders. Höller und Trockel haben mit ihm einen begehbaren Raum zwischen Theater, Fernsehen, Kunst und Realität geboten, in dem die traditionelle Rangfolge - erst der Mensch, dann, weit darunter, das Schwein - außer Kraft gesetzt war. Mensch und Schwein wurden hier nicht nur gleichgesetzt. Die Schweine standen sogar über den Menschen, denn sie waren die eigentlichen Akteure. Sie führten hinter der verspiegelten Scheibe ihr Leben auf, zwar von Menschen gepflegt, aber ohne menschliche Regieanweisung. Man könnte das Reality-Theater nennen, in Anlehnung an die beliebten Reality-TV-Serien. Die auf den Matten ruhenden Menschen fanden sich dagegen eher in der Rolle von Fernsehzuschauern als von Kunstbetrachtern wieder. Statt Konzentration, Spannung und Aufmerksamkeit brachte ihre Lage Entspannung, Gelassenheit und Unterhaltung mit sich.

Außerdem lebte das gebotene Bild. Es war ein tableau vivant wie jene, die zur Unterhaltung im 18. Jahrhundert erfunden und beliebt wurden. Bis heute versteht man darunter das Nachstellen von bekannten Bildern oder images .* Im selben Moment stellte das lebende Bild der Schweine im Betonquader die Geschichte dieser tableaux vivants jedoch auf den Kopf. Es stellte kein Vorbild nach, sondern wurde selbst zum gelebten Vorbild. Die Schweine führten für die Menschen ein unbekanntes, unbeschwertes Schweineleben auf.