Kunst für die nächste Generation (4): Der Zwang der Freiheit
1974 belegte Marina Abramović mit einer Performance eindringlich, warum Menschen, die von jeder Folge ihres Handelns freigesprochen wurden, zu Tätern werden
Die junge Künstlerin steht in einem Galerieraum neben einem Tisch. Er ist beladen mit Dingen, die aus einem Gemischtwarenladen stammen könnten. Da sind Gebrauchsgegenstände aller Art, Lebens- und Genussmittel, Körperpflege-Mittel, Kleidung, Werkzeuge und Blumen. Und mittendrin liegen ein Revolver und die passende Munition. Alle Dinge werden den Betrachtern zur Wahl angeboten. Sie dürfen sie an der Künstlerin anwenden, an ihren Kleidern, ihren Haaren, an ihrem Körper und ihrem Gesicht. Marina Abramović hat sich für die Dauer von sechs Stunden ihrem Publikum ausgeliefert. Sie will alles erdulden, was man in dieser Zeit mit ihr tun wird. Und damit etwas passieren wird, hat sie den möglichen Tätern vorab die Absolution (Freispruch, Vergebung) erteilt: Sie wird alle Folgen tragen und niemanden für irgendetwas zur Verantwortung ziehen.
Das geschah 1974 in Neapel. Es gibt nur wenige Bilddokumente und Augenzeugenberichte von dieser berühmten Performance. Bekannt ist, dass die Künstlerin zu Beginn bekleidet dastand, dass die Situation aber über die nächsten drei Stunden außer Kontrolle geriet. Das Publikum teilte sich auf in Aggressoren und Beschützer. Ein Augenzeuge meint, dass die Situation kippte, als jemand den Revolver lud und der Künstlerin in die Hand legte. Andere Quellen behaupten sogar, jemand habe ihr die geladene Waffe an den Kopf gesetzt.* Der Moment jedenfalls, in dem die Waffe ins Spiel kam, war entscheidend. Die Beschützer forderten den Abbruch der Performance und riefen die Polizei. Zu diesem Zeitpunkt aber war die Künstlerin bereits halbnackt, die Kleider hingen ihr in Fetzen vom Körper und sie hatte Wunden. Wie konnte das passieren?
Es lohnt sich, einen Blick auf die lange Liste der Gegenstände zu werfen, die Marina Abramović ihrem Publikum angeboten hat.** Die Künstlerin hat - bis auf die Waffe - Dinge genommen, die in beinahe jedem Haushalt zu finden sind. Allerdings scheinen sie nicht zufällig ausgewählt worden zu sein. Ganz offenkundig hat sie darauf geachtet, weiblich und männlich zugeordnete Werkzeuge und Gebrauchsartikel in etwa der gleichen Menge auszulegen. In der Ansammlung stehen die Gebrauchsgegenstände dann nicht mehr einfach für sich und ihre Funktion, sondern werden zu Bildern für soziale Rollen und Funktionen.
Zudem gibt es einige Gegenstände, die spezieller sind. So finden sich auf dem Tisch die Farben Weiß, Rot und Blau. Sie stehen zunächst für das Malen und die Malerei und verweisen auf ihre emblematischen (sinnbildlichen) Bedeutungen: Unschuld, Liebe und Treue. Darüber hinaus aber sind es die jugoslawischen Flaggenfarben, die die Jugoslawin Abramović zur Bemalung ihres Körpers angeboten hat. Beispielhaft sind auch ein Lammknochen und Phosphor. Der Knochen liest sich als Bild für Vergänglichkeit und Tod, verweist nebenbei auf die ersten Schlagwerkzeuge der Menschen. Phosphor ist ein lebenswichtiges Mineral, aber auch - als weißer Phosphor - ein langsam tötendes Gift.
Rhythm 0 deckte die Gefährlichkeit der Dinge auf. Die Werkzeuge - Axt, Säge und Skalpell - erschrecken unmittelbar, weil wir nicht länger an ihren Nutzen, sondern an ihren Missbrauch und die fürchterlichsten Verletzungen denken können. Doch auch Dinge wurden gefährlich, die zunächst harmlos und freundlich aussahen: Die Selbstauslieferung der Künstlerin hat sie schlagartig zu möglichen Folterinstrumenten gemacht. Es ist sogar noch schlimmer: Eigentlich wurde in der Performance jede Berührung - egal mit welchem Gegenstand - zu einer Form der Folter. Die Künstlerin hat die Berührung nicht erwünscht oder erbeten, sondern - wie eine Märtyrerin*** - auf sich genommen und erduldet.
War es ihr Ziel, eine Heilige zu werden? Kaum. Als die Performance 1974 stattfand, erregten die Ergebnisse des Stanford-Gefängnis-Versuchs immer noch Aufsehen: Beim Nachspielen des amerikanischen Gefängnissystems waren Studenten zu unmenschlichen Tätern und erbarmungswürdigen Opfern geworden. Das Experiment musste vorzeitig abgebrochen werden. Die Wissenschaftler folgerten, dass hierarchisch aufgebaute und geschlossene Einrichtungen, wie beispielsweise ein Gefängnis, den Menschen wenig Handlungsspielraum geben. Sie ließen sie schneller unmenschlich werden als freie und offene Strukturen. Aber stimmt das wirklich?
Die Performance von Marina Abramović wirkt gerade deshalb so verstörend und aktuell, weil sie die Besucher nicht mit Unfreiheit, sondern mit Freiheit konfrontierte. Die Künstlerin befreite sie selbst von den möglichen Folgen ihres Handelns. Damit aber führte Abramović sie (und sich selbst) in eine auswegslose und ambivalente (zwiespältige) Situation, aus der sie sich nur durch sofortige Flucht oder Verweigerung hätten retten können. Sobald sie blieben und auch nur zusahen, war es zu spät: Sie waren gefangen in einem Netz aus eigenen Wünschen, fremden Erwartungen und dem, was man Gewissen nennt. Unerwartet durchlebten sie den Konflikt zwischen ihrer eigenen Freiheit und der Würde und Freiheit eines anderen Menschen, der sich ihnen auf Leben und Tod ausgeliefert hatte. Dabei spürten alle hautnah die Gefahren, denen das Zusammenleben freier Menschen - meist unbewusst und verborgen - ausgesetzt ist. Der Grat zwischen Liebkosung und Folter, zwischen Freundschaft und Misshandlung ist oft schmal. Aber er droht zusammenzubrechen, sobald man Menschen von der Verantwortung für andere und vor den anderen befreit.
*By the third hour, her clothes had been cut from her body with razor blades, her skin slashed; a loaded gun held to her head finally caused a fight between her tormentors, bringing the proceeding to an unnerving halt.
** Außer der Pistole und der Munition standen noch zur Verfügung: blaue Farbe, Kamm, Glocke, Peitsche, Lippenstift, Taschenmesser, Gabel, Parfüm, Löffel, Baumwolle, Blumen, Streichhölzer, Rose, Kerze, Wasser, Schal, Spiegel, Glas, Polaroidkamera, Leder, Ketten, Nägel, Nadel, Sicherheitsnadel, Haare, Stecknadel, Bürste, Verband, rote Farbe, weiße Farbe, Schere, Füllfederhalter, Buch, Hut, Taschentuch, Blatt weißes Papier, Küchenmesser, Hammer, Säge, ein Stück Holz, Axt, Stock, Lammknochen, Zeitung, Brot, Wein, Honig, Salz, Zucker, Seife, Kuchen, Metallrohr, Skalpell, Metallspike, Klingel, Gefäß, Pflaster, Alkohol, Medaille, Mantel, Schuhe, Stuhl, Lederbänder, Faden, Kabel, Phosphor, Weintrauben, Olivenöl und ein Rosmarinzweig.
*** Die Kunstgeschichte kennt viele Bilder von christlichen Märtyrern, die für ihren Glauben und ihre Überzeugungen schreckliche Leiden und sogar den Tod ertragen haben. Marina Abramović spielt ganz offen mit dieser Bildtradition.
Zur Künstlerin:
Marina Abramović wurde 1946 in Belgrad, Jugoslawien, geboren und lebt heute in
Amsterdam. Sie studierte von 1965 bis 1970 Malerei an der Akademie der
Bildenden Künste in Belgrad. Seit 1968 schreibt sie Texte, zeichnet und
entwickelt konzeptuelle Arbeiten. 1973 beginnt sie mit Performances und von
1976 bis 1989 arbeitet sie mit dem Künstler Ulay zusammen. Sie trennen sich
1989 mit einer letzten großen Aktion, bei der sie einander auf der
chinesischen Mauer entgegengehen ("Great Wall Walk").
Aufsehen erregte
Abramović Ende vergangenen Jahres mit der
Wiederaufführung von berühmten Performances der 1970er Jahre im Salomon R. Guggenheim Museum New York
. Sie lehrte
u.a. an der Akademie der Bildenden Künste in Novi Sad, an den Hochschulen
für bildende Künste in Hamburg und Braunschweig.
Eine ausführliche Biografie von Marina Abramović
findet sich auf der Seite der Sean Kelly Gallery und
ausgewählte Arbeiten
im MedienKunstNetz.




Marina Abramovic belegte weniger "warum", sondern hauptsächlich "dass" Menschen, die von jeder Folge ihres Handelns freigesprochen wurden, zu Tätern werden.
"Sobald sie blieben und auch nur zusahen, war es zu spät: Sie waren gefangen in einem Netz aus eigenen Wünschen, fremden Erwartungen und dem, was man Gewissen nennt. Unerwartet durchlebten sie den Konflikt zwischen ihrer eigenen Freiheit und der Würde und Freiheit eines anderen Menschen, der sich ihnen auf Leben und Tod ausgeliefert hatte."
Marina Abramovic leistete hier ein so beeindruckendes wie banales psychologisches Kabinettstück. Die Künstlerin wollte eben diese oben zitierte Erkenntnis vermitteln und hat den Verlauf der Performance selbstverständlich antezipiert.
Der Fehler im Artikel mag sophistisch anmuten: Nicht der "Zwang der Freiheit" wurde hier dargestellt, sondern die unweigerliche Eskalation von "Macht".
Das Entsetzliche an dieser Performance ist auch NICHT die sofortige, vorhersehbare Perversion einer absoluten Macht der von allen Sanktionen Freigesprochenen über eine Hilflose. "Macht" geht über "Freiheit" hinaus.
Der der Gruppendynamik immamente Zwang zur Machtausübung, der hinter der nominell so positiv besetzten und hier von Ute Vorkoeper blauäugig-staunend angeführten "Freiheit" steckt, führt unweigerlich zu Mißbrauch. Diese Erkenntnis war auch 1974 nicht mehr überraschend (wie beschrieben: Stanford).
Das Entsetzliche an den Performances von Marina Abramovic ist vielmehr die Ungerufenheit der zugrundeliegenden - visuell beeindruckenden - Didaktik.
Nach einem Unfall bei einer anderen Performance schreibt sie:
"Nach dieser Performance frage ich mich, wie ich mit und ohne Bewußtsein meinen Körper gebrauchen kann, ohne die Performance zu unterbrechen."(Marina Abramovic zu http://www.medienkunstnet...)
Ist das "Kunst für die nächste Generation"? Wo endet die Möglichkeit - hochintelligenter, charismatischer und überzeugender - Einzelner, ihre persönlichen Phantasien von Ohnmacht und Verstümmelung zu einer Erkenntnisbasis für andere zu erheben?
Was bewirkte diese Performance in Neapel, Italien, 1974? Wirkt Sie bei denen nach, die aufgerüttelt werden sollten?
Haben die wiederholte Selbstverstümmelungen der Marina Abramovic jemanden außerhalb der kunstsinnigen Gemeinde erreicht? Hatten sie je ein Ziel außerhalb der Erfahrungswelt der Künstlerin?
Die Frage nach den Grenzen der Kunst ist längst beantwortet. Die Frage nach ihrer Qualität darf man noch stellen.
Und nicht zuletzt: Was eigentlich lehrt uns dieser Artikel?
Freiheit heisst auch Pflichten..leider wird das zu oft ignoriert.
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